Erzieher/in und (Berufs-) Politik: Ein Interview mit Martin R. Textor

 

Frage: In den letzten Jahren haben sich Politiker/innen im Zusammenhang mit den PISA-Studien, der unzureichenden Betreuung von Unter-Dreijährigen und Schulkindern sowie der Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf intensiv mit Kindertageseinrichtungen befasst. Sind im Gegenzug die Erzieher/innen "politischer" geworden?

Martin R. Textor: Eigentlich nicht. Natürlich haben politische Entscheidungen Konsequenzen für die Arbeit der Erzieher/innen gehabt. So sind die Öffnungszeiten von Kindertagesstätten ausgeweitet und flexibler geworden, werden mehr Unter-Dreijährige betreut, müssen die Erzieher/innen nun Bildungspläne und Sprachförderprogramme umsetzen. Diese Veränderungen, die zum Teil zu einer Erhöhung der Anforderungen an die Fachkräfte und zum Teil zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen wie der Reduzierung der Verfügungszeit oder der Einführung von Schichtarbeit führten, haben aber zu keinem größeren politischen Engagement der Erzieher/innen geführt.

Frage: Weshalb sind die Fachkräfte berufspolitisch so abstinent?

Martin R. Textor: Hier spielen mehrere Gründe eine Rolle: Beispielsweise sind Frauen in der Regel noch immer weniger an Politik interessiert und seltener in Gewerkschaften und Berufsverbänden organisiert. Die vielen kleinen Kindertageseinrichtungen erschweren im Gegensatz zu großen Unternehmen die gewerkschaftliche Arbeit - auch das "Anwerben" neuer Mitglieder. Hinzu kommt, dass es nicht eine etablierte Organisation für Erzieher/innen gibt, sondern mehrere Gewerkschaften und Berufsverbände. In ihnen sind Erzieher/innen zumeist in der Minderzahl, und damit ist ihr interner Einfluss eher gering. Das reduziert auch das individuelle Interesse an einer Mitgliedschaft. Hinzu kommt, dass seit einigen Jahren viele Erzieher/innen um ihre Arbeitsstelle bangen müssen - wegen der zurückgehenden Kinderzahlen, aber auch wegen der Tendenz, Gruppen bis zum letzten Platz zu füllen, sodass kleine Gruppen aufgelöst werden können. Zu Letzterem trägt auch die kindbezogene Förderung bei, die in einigen Bundesländern eingeführt wurde - was übrigens durchaus im Sinne einer sparsamen Verwendung öffentlicher Mittel ist. Wer aber Angst um seinen Arbeitsplatz hat, sucht seltener die berufspolitische Auseinandersetzung.

Frage: Aber werden die Erzieher/innen nicht auch durch die Spitzenverbände der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege vertreten?

Martin R. Textor: Natürlich nehmen sich auch der Caritasverband, das Diakonische Werk, die Arbeiterwohlfahrt, der Paritätische und die Kommunalverbände der Belange von Erzieher/innen an. Allerdings muss beachtet werden, dass es sich um Träger- und nicht um Berufsverbände handelt. Primär werden also Arbeitgeberinteressen vertreten und spielen finanzielle Erwägungen eine Rolle - zumal die Eigenmittel der Träger immer geringer werden. Außerdem vertreten z.B. die Wohlfahrtsverbände ganz unterschiedliche sozialpädagogische Einrichtungen bzw. psychosoziale Dienste. Manchmal sind die Kindertageseinrichtungen auch in einen eigenen Kita-Verband ausgegliedert worden; z.B. gibt es in Bayern neben dem Landescaritasverband einen Landesverband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder. Dieser bietet zwar Fachberatung und Fortbildungen für Erzieher/innen an, aber nur Träger können Mitglied werden. Schließlich muss beachtet werden, dass es für die vielen kommunalen Kindertageseinrichtungen keine vergleichbaren Kita-Verbände gibt.

Frage: Gibt es denn Möglichkeiten für Erzieher/innen, sich politisch zu engagieren, ohne gleich Mitglied in einer Gewerkschaft werden zu müssen?

Martin R. Textor: Ganz wichtige, die einzelnen Kindertageseinrichtungen und ihre Mitarbeiter/innen direkt betreffende Entscheidungen werden auf der kommunalen Ebene getroffen. Leider sind Erzieher/innen hier wenig aktiv. Sie müssten viel häufiger Mitglieder von Jugendhilfeausschüssen sein, aber auch von psychosozialen Arbeitsgemeinschaften (PsAG), Stadtteilkonferenzen oder Agenda21-Gruppen. Nur so könnten sie dort die Interessen von Kindertageseinrichtungen einbringen, die Vernetzung mit psychosozialen Diensten vorantreiben oder sich an der Jugendhilfeplanung beteiligen.

Dies setzt natürlich besonderes fachpolitisches Engagement voraus - und Zeit, die vielen Erzieher/innen fehlt, insbesondere wenn sie zu Hause selbst Kinder oder pflegebedürftige Eltern versorgen müssen. Aber es gibt auch weniger zeitaufwändige Formen der politischen Einflussnahme: Durch Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit können Erzieher/innen ihre pädagogische Arbeit, ihre Leistungen, die gestiegenen Anforderungen und die Arbeitsbedingungen den Bürger/innen in ihrer Gemeinde und im weiteren Umkreis bekannt machen. So wecken sie öffentliches Interesse an Kindertagesstätten und rufen eine positive Grundhaltung ihnen gegenüber in der Gemeinde hervor, was z.B. die Bereitschaft von politischen Gremien zu einer Verbesserung von Rahmenbedingungen erhöht und die Kindertageseinrichtung aus der Rolle des Kostenverursachers holt. Ferner könnten örtliche oder überregionale Medien über die Arbeit, die Belange und die Belastungen der Fachkräfte informiert werden. Sind Erzieher/innen in örtlichen Vereinen aktiv, ergeben sich hier oft "nützliche" informelle Kontakte zu politisch Verantwortlichen.

Viele Fachkräfte sind in Leiter/innengruppen oder Arbeitskreisen von Erzieher/innen engagiert. Werden hier Themen wie z.B. Rahmenbedingungen, Anforderungen an die Ausbildung oder notwendige Weiterqualifizierungsmaßnahmen diskutiert, könnten die Gesprächsergebnisse öffentlich gemacht werden, indem sie z.B. Politiker/innen oder anderen Entscheidungsträgern zugeschickt werden.

Politische Einflussnahme ist auch möglich, wenn Stadt- bzw. Gemeinderäte, Bürgermeister und Sozialreferenten oder Abgeordnete in die Kindertageseinrichtung zu besonderen Anlässen oder zur Erörterung von Problemen eingeladen werden. Ferner können sie während ihrer Bürgersprechstunde besucht werden, wobei einige Kinder der Gruppe mitgenommen werden können. Dann könnten durchaus auch die Kinder Wünsche äußern…

Frage: Inwieweit müssten Erzieher/innen die Interessen der ihnen anvertrauten Kinder politisch vertreten?

Martin R. Textor: Erzieher/innen sind Mitarbeiter/innen der Jugendhilfe, für die somit auch das Kinder- und Jugendhilfegesetz gilt. Nach § 1 Abs. 3 SGB VIII sind sie regelrecht verpflichtet, sich "für positive Lebensbedingungen für Kinder und ihre Familien sowie für eine kinder- und familienfreundliche Umwelt" einzusetzen. Dies kann durch die Mitarbeit im Jugendhilfeausschuss oder in anderen Gremien erfolgen, aber auch durch eine indirekte Einflussnahme, z.B. im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit. Erzieher/innen können außerdem das Engagement von Eltern nutzen, die in politischen Parteien, Verbänden, Vereinen oder Bürgerinitiativen aktiv sind. Besonders wichtige Ansprechpartner sind Eltern, die Mitglied im Stadt- bzw. Gemeinderat, im Landtag oder Bundestag sind. Deshalb sollten sich Erzieher/innen schon beim Anmeldegespräch bei den "neuen" Eltern erkundigen, ob diese partei- oder verbandspolitisch aktiv sind.

Frage: Gibt es noch weitere politische Dimensionen der Arbeit von Erzieher/innen?

Natürlich. Beispielsweise ist die Partizipation von Kindern beim Festlegen von Regeln, beim Auswählen pädagogischer Angebote, bei der Gestaltung von Projekten usw. ein wichtiger Beitrag zur Demokratisierung unserer Gesellschaft. Werden z.B. Kinderkonferenzen eingeführt, lernen Kinder, wie man Fragestellungen ausdiskutiert und mit Hilfe von Abstimmungen gemeinsam Entscheidungen fällt. Hier zeigt sich die große Bedeutung der Gesprächskultur - wie man miteinander kommuniziert, wie man Konflikte löst usw. Natürlich ist auch die Partizipation von Eltern wichtig.

Ein weiteres Beispiel: Bereits Kleinkinder nehmen durch das Fernsehen und die Anwesenheit bei Gesprächen ihrer Eltern am politischen Geschehen teil. Insbesondere Themen, die sie emotional belasten - z.B. Krieg, Armut, Diskriminierung, Umweltzerstörung -, werden von ihnen in der Kindertageseinrichtung angesprochen. So kommt es fast "automatisch" zu politischen Diskussionen. Natürlich können die Fachkräfte auch von sich aus relevante Fragen thematisieren und werden zumeist auf Interesse bei den Kindern stoßen.

In diesem Kontext können Grundkenntnisse über Staat und Gesellschaft vermittelt werden. Die jeweiligen Inhalte sollten aber immer den Interessen der Kinder entsprechen, in Bezug zu deren Lebenswelt stehen, leicht verständlich und handlungsbezogen sein. Selbstverständlich dürfen die Kinder dabei nicht politisch manipuliert, verängstigt oder mit Schuldgefühlen belastet werden. Vielmehr kommt es auf eine vorurteilsfreie und lebensnahe Darstellung an.

Es zeigt sich also, dass Erzieher/innen letztlich die Beschäftigung mit politischen Fragen nicht vermeiden können. Eine große Herausforderung für die Zukunft liegt darin, dass sie sich verstärkt mit der Berufspolitik befassen und zu einem politischen Engagement zugunsten der Kinder, der Familien und der eigenen Berufsgruppe finden!