Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

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Praxis der Sprachförderung in Kindergarten und Vorschule

Rose Götte

 

Die sprachliche Förderung der Kinder gehört neben der Sozialerziehung zu den wichtigsten Aufgaben des Kindergartens und darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Sie soll alle Kinder erfassen: sowohl die, die sprachlich schon sehr gut entwickelt sind und ihren Hunger nach sprachlicher Betätigung stillen müssen, als auch Kinder fremder Muttersprache oder solche, die zuhause zu wenig sprachliche Anregung erhalten haben und Sprachdefizite aufweisen.

Zur Sprachförderung gehören die Wortschatzerweiterung, die Entwicklung der Satzbildungsfähigkeit (grammatische Kompetenz) sowie die Bereitschaft und Fähigkeit, Sprache sinnvoll einzusetzen und zu nutzen (kommunikative Kompetenz). Defizite in der Artikulation sind meistens entwicklungsbedingt und nehmen bei zunehmendem Alter ab. Wenn grobe Aussprachefehler aber auch noch bei Fünf- oder Sechsjährigen vorliegen, sollte eine Fachkraft (Logopäde) eingeschaltet werden.

Die Sprachförderung kleiner Kinder sollte ganzheitlich erfolgen. Das heißt, wir haben es nicht nur mit dem Hörer oder dem Sprecher zu tun, sondern immer mit dem ganzen Kind, mit allen seinen Sinnen, seinem Bewegungsdrang, seiner Neugier, seiner Liebe zu Rhythmus und Musik... Planvolle Sprachförderung kann deshalb beim Singen, Turnen, Basteln, Spielen, Erkunden, Untersuchen, Experimentieren ebenso stattfinden wie beim Betrachten von Bilderbüchern oder beim Gespräch mit dem einzelnen Kind oder mit der Gruppe im Stuhlkreis.

Wortschatzerweiterung bedeutet daher vor allem geplante Erlebniserweiterung. Dabei sollte die Erzieherin sich schon im Vorfeld überlegen, welche Begriffe bei der geplanten Aktion eine Rolle spielen könnten.

Beispiele: Wortschatzerweiterung beim Thema Auto: Lenkrad, Stoßstange, Kotflügel, Rückspiegel, Radkappe, Nummernschild, Gangschaltung, bremsen, abbiegen, blinken, überholen, links, rechts...

Aktion mit dem Auto der Erzieherin: Alle Kinder berühren das Auto an einer Stelle und benennen das entsprechende Teil. Wer findet etwas am Auto, das noch nicht benannt wurde? Jetzt wird das Auto gewaschen. Alle bekommen ein Eimerchen und einen Lappen oder Schwamm. Ein Kind teilt ein: Du wäschst die Stoßstange, du das Nummernschild... Wer fertig ist, meldet der Erzieherin, welches Teil er gewaschen hat und was er gerne noch waschen möchte.

Im Hof spielen wir Auto: Jeweils vier Kinder halten sich an den Händen: Zwei Kinder vorn, zwei hinten. Sie sind das Auto, das im Hof seine Kreise zieht. In der Mitte des Kreisverkehrs steht ein Kind etwas erhöht und gibt die Kommandos: langsam fahren, schnell fahren, abbiegen, überholen...

Die Förderung der Satzbildungsfähigkeit erfolgt durch verbale Kontaktaufnahme. Es kommt darauf an, Situationen zu schaffen und zu nutzen, in denen das Kind etwas mitteilt: Beschreiben, was man sieht, erklären, wie etwas funktioniert, anderen sagen, wie man etwas macht, beschweren, weitersagen, wünschen, berichten.

Beispiel: Beim Basteln sollen Kinder reihum erklären, was als nächstes zu tun ist, und dabei die Hände zur Faust ballen.

Eine große Hilfe für die Satzbildung ist auch das rhythmische Sprechen. Kinderreime und Lieder helfen mit, Satzmuster aufzunehmen und analog anzuwenden.

Beispiel: Nach der Melodie "Dornröschen war ein schönes Kind" erfinden die Kinder einen Erfahrungsbericht: Wir waren auf dem Bauernhof... Dort haben wir ein Pferd gesehn...

Die Förderung der kommunikativen Kompetenz geschieht am intensivsten und leichtesten im sozialen Rollenspiel. Die Erzieherin mischt sich ein, indem sie mitspielt und die Handelnden in Gespräche verwickelt. Das bedeutet in vielen Fällen, dass sie ein relativ stummes Spiel (Puppe wird aus- und angezogen) zu einem sozialen Rollenspiel ausbaut (Puppe hat Fieber. Ein Arzt muss kommen. Medikamente müssen in der Apotheke besorgt werden. Der Papa kommt von der Arbeit und zeigt dem kranken Kind ein Bilderbuch...)

Auch bei der Schlichtung von Streitigkeiten müssen verbale Konfliktlösungen eingeübt werden.

Beispiele: Wenn jemand sagt: Ich will das nicht! muss der andere aufhören. Wer einem anderen weh getan hat, muss sich entschuldigen. Wer ein Spielzeug haben möchte, das gerade ein anderer hat, muss ihn fragen, wann er es haben kann.

Praktische Beispiele für ganzheitliche Sprachförderung:

Rose Götte: Sprache und Spiel im Kindergarten. Praxis der ganzheitlichen Sprachförderung in Kindergarten und Vorschule. Mit Lieder-CD. Beltz-Verlag 2002