Aus: KiTa spezial Nr. 1/2002. Mit freundlicher Genehmigung des Carl Link/ Deutschen Kommunal-Verlages

Bewegte und bewegende Naturwissenschaft

Barbara Perras-Emmer

 

Über Bewegung erwirbt das Kind Selbst-, Sach- und Sozialkompetenz, das heißt, es macht Körper-, Material- und Sozialerfahrungen. Positive Emotionen werden geweckt und damit ganzheitlich alle Persönlichkeitsbereiche mitgefördert. Bis zum Schuleintritt ist es möglich und meines Erachtens unbedingt notwendig, alle Teilbereiche über Bewegungsangebote abzudecken. Ganzheitlich bzw. fächerübergreifend zu lernen bedeutet für Kinder, sich zu orientieren und ordnen zu lernen. Sie finden dabei zur Ganzheit und zum Gleichgewicht sowie zur Entspannung. Darauf muss wieder Anreiz zum Ungleichgewicht und zur Anspannung folgen, um Entwicklung zu fördern.

Es ist wie mit der Nahrung: Das Kind hat Hunger und ist angespannt; es isst sich satt und fühlt sich entspannt. Die gewonnene Energie möchte es - gemäß dem physikalischen Grundsatz - wieder loswerden, und es bewegt sich so lange, bis es wieder den entspannten Zustand erreicht hat und langsam hungrig wird...

Das Kind entwickelt sich in einem Bereich zwischen Chaos und Ordnung - genannt "Flow". Dieser ist stark mit Neugierde und Freude gekoppelt. Wird (nach Montessori) diese sensible Phase unterstützt, so erreicht das Kind einerseits Konzentration und andererseits ein umfangreiches Wissensnetz. Beim Lernen mit Emotionen entladen sich mehrere Nervenzellen gleichzeitig und vernetzen sich, dadurch bieten sie mehr Möglichkeiten, neue Erfahrungen anzukoppeln und in bereits erworbenes Können oder Wissen zu integrieren. Eine als lustvoll empfundene Handlung setzt entsprechende positive Kräfte frei. Die dabei erfolgte Entspannung bildet die Basis für neue Aktivität.

Der Mensch entwickelt sich zwischen vier mächtigen Grundimpulsen (Lensing-Conrady in Pütz u.a. 1998): der Rotation (Eigendrehung der Erde) und der Revolution (Umkreisen der Sonne), der Schwerkraft und der Fliehkraft. Ihnen entsprechend können die Grundformen der Angst (nach Fritz Riemann) zugeordnet werden: Die Angst vor Ich-Verlust gegenüber der Angst vor Isolation bzw. Endgültigkeit gegen Unbeständigkeit. Das Individuum muss sich ständig mit dieser Polarität auseinandersetzen, um zwischen ihnen im Gleichgewicht zu bleiben.

Rudolf Lensing-Conrady bezeichnet die Kunst des Laufens als eine Kunst des Fallens (Perras-Emmer: Umgang mit Gleichgewicht und Angst im Erzieheralltag - von Starrheit und Labilität zur labilen Stabilität, http://www.kindergartenpaedagogik.de/424.html); nur die Möglichkeit, mit beiden Extremen zu spielen und zu balancieren macht uns letztendlich sicher.

Im Kindergarten suchen Kinder geradezu nach Gelegenheiten, lustvoll Drehen und Fallen zu erleben. Das idealste Gerät, all dies zu ermöglichen, ist die Hängematte. In ihr können sich die Kinder mit Höhe, Fallen und Aufschwung auseinandersetzen, aber auch durch Ein- und Ausdrehen bzw. durch Schwingen im Kreis mit der Drehung um die eigene Längs- und Querachse oder um eine fremde Achse. Die Drehung um die Tiefenachse (vom Nabel nach hinten zur Wirbelsäule) erfolgt auch beim Drehen im Liegen auf der Karussellplatte, um die Querachse bei der Rolle vor- und rückwärts auf der Matte und an der Reckstange und um die Längsachse im Kriechtunnel oder der Babyrolle. Dabei werden neben dem Gleichgewichtssystem im Innenohr, das Gehör, die Augen und die Augenmuskelkerne, die Körperspannung und auch die Übelkeit in der Magengegend angesprochen.

Über das Gleichgewichtsorgan erhalten die Kinder die überwiegende (mehr als 60%) Energie zum Lernen. Das Hören mit beiden Ohren und das sich entwickelnde "bevorzugte" Ohr (nach A. Tomatis) bilden die Basis für Lateralität und die Bevorzugung einer Hand als Voraussetzung für die Sprachentwicklung. Die räumliche Wahrnehmung erfolgt über Augen und Augenmuskelkerne und trainiert das visuelle System für Geometrie, den Schrift- und Leseerwerb, das Zurechtfinden im Straßenverkehr oder in einer fremden Umgebung usw. Neben dem Fixieren eines bestimmten Punktes bildet sich dreidimensionales Sehen aus, und gleichzeitig bietet das Schaukeln die beste Entspannung für die Augen, was besonders als Gegenpol zu Computer und Fernsehen in unserem Alltag mit visueller Überreizung von wesentlicher Bedeutung ist. Die Körper- oder Muskelspannung (Propriozeption) wird benötigt für die Entwicklung der Grob- und Feinmotorik, für den Sprachgebrauch, für das Sozialverhalten und das körperliche Wohlbefinden. Der Druck in der Magengegend bezeichnet die Angst - vor dem Fallen, der Endgültigkeit, dem Tod -; das Kind setzt sich mit ihr auseinander und kann sie - zumindest für den Moment - besiegen. Schall aus der Umwelt dringt ans Ohr und wird in Schwingungen umgewandelt - Sprache ist Klang - und Klang ist ein Bewegungsakt.

Alle diese Erfahrungen werden als Körperkönnen bzw. Körperwissen bezeichnet und werden in der Chemie der Synapsen gespeichert. Damit bilden sie die Grundlage des Lernens gemäß unserer Evolution. Schade ist jedoch, dass dieses Wissen nicht in Form von "Prüfungen" abgefragt werden kann. Die These des Lernens durch Bewegung könnte wesentlich leichter untermauert werden und würde als Alternative zur traditionellen (meist verbalen) Wissensvermittlung akzeptiert. Leider wird auch heute noch sehr oft die Intelligenz nur dem Gehirn zugeordnet, ohne dass dabei berücksichtigt wird, dass das Gehirn auf zum Teil sehr alten Entwicklungsschichten aufbaut und auf diese als Grundstock für seine Weiterentwicklung angewiesen ist. Ältere Gehirnbereiche sind in der Regel nicht verschwunden; es entwickelten sich vielmehr immer wieder neue Strukturen, ältere Regionen wurden überdeckt oder haben neue Funktionen übernommen gemäß dem Motto der Evolution: "was bereits entwickelt ist, wird weiterhin verwendet".

Empathie entwickelt sich, wenn ich die Beweggründe des anderen nachvollziehen kann, aber auch naturwissenschaftliches Wissen entsteht durch praktisches Können. Beim Teigrühren mit Florian, meinem Pflegesohn, habe ich versehentlich die Rührschüssel losgelassen, das Rührgerät in seiner Hand verteilte die Masse gleichmäßig in unserer Küche. Seitdem macht Florian immer lachend die entsprechende Drehbewegung mit seiner Hand, wenn ich vom Kuchenbacken bzw. von seinem Geburtstagskuchen spreche. Uns Erwachsenen geht es genauso, das beste Beispiel ist, wenn Sie aufgefordert werden, eine Wendeltreppe zu beschreiben. Automatisch wird die Handbewegung zu Hilfe genommen (Perras-Emmer: Geometrie in der Grundschule - eine Herausforderung für den Bewegungskindergarten, http://www.kindergartenpaedagogik.de/597.html).

"Sieh das mal von meinem Standpunkt", ist eine gute naturwissenschaftliche Aufforderung: Der Lichteinfall, die räumliche Umgebung, Distanzen und vieles mehr verändern sich, wenn man nur den Platz tauscht. Bewegtes Lernen bietet viele unterschiedliche Standpunkte statt einem Fix(Sitz)-Punkt.

Visuelles Lernen: Farben - Formen und Bewegung

Im Gegensatz zu so genannten "niederen" Lebewesen (Reptilien...) ist die visuelle Wahrnehmung des Menschen sehr differenziert und deshalb aus den Augen mehr ins Gehirn verlagert. In der Retina wird vorwiegend die Farbe wahrgenommen, laut Forschung Rot, Blau und Grün, aber auch die Komplementärfarben. Naturwissenschaftlich gibt es keine Farben, nur Licht, welches von unterschiedlichen Körpern und Materialien unterschiedlich aufgenommen bzw. zurückgestrahlt wird. Die für Farben zuständigen Nervenzellen, sog. "Blobs", reagieren schneller als andere Zellen für optische Reize. Die dreidimensionale Wahrnehmung, räumliches und Tiefensehen entstanden erst beim Affen, als es lebensnotwendig war, Entfernungen von Baum zu Baum einzuschätzen. Der Mensch besitzt einen eigenen Bereich für räumliches Sehen im Gehirn. Aufgrund des beidäugigen Sehens und der leichten Schrägstellung der Augen ist die Einschätzung von Entfernungen möglich; der Wahrnehmungswinkel nimmt ab, je weiter entfernt ein Gegenstand ist; je näher er kommt, umso mehr schauen beide Augen in Richtung Nase. Kinder brauchen unterschiedliche Distanzen im Freien und vor allem in den Räumen. In engen Zimmern, an immer gleichen Ausgangspunkten und in beschränkten Entfernungssituationen, wie z.B. bei der Auge-Hand-Koordination, erhalten die Kinder zu wenig Gelegenheiten, Entfernungen zu variieren und daraus zu lernen.

Es ist nachgewiesen, dass die Zeit des Spielens im Freien von Jahr zu Jahr drastisch zurückgeht. Neben bereits bekannten Auswirkungen wie Bewegungsunsicherheit, gesundheitlichen Schädigungen und anderen ganzheitlichen Störungen hat diese Entwicklung auch Auswirkungen auf die visuelle Wahrnehmung. Sehstörungen werden sehr spät erkannt und behindern die Ausbildung der bis zum Alter von sieben Jahren besonders plastischen und formbaren Gehirnbereiche. Wird eine Fehlsichtigkeit später korrigiert, so kann zwar die volle Sehfähigkeit hergestellt werden; für die komplizierte Vernetzung der Nervenbahnen zur entsprechenden Weiterleitung und Integration ist es jedoch meist zu spät.

Die Farbwahrnehmung erfolgt schneller und gründlicher als die Form- und Bewegungswahrnehmung. Deshalb ist es sehr wichtig, dass z.B. geometrische Formen nicht nur an (dieselben) Farben gekoppelt werden. Entsprechendes Material wie von Maria Montessori zum Tasten ist dafür gut einzusetzen, weil dabei der Sehsinn ausgeschlossen wird und die Formerkennung von der Hand- und Fingermotorik abhängt. Zwar verfügte Montessori nicht über die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung; sie konnte jedoch ihre Aussagen mittels gründlicher Beobachtung der Kinder belegen.

In der Didaktik sind vor allem Lernen mittels Sprache und die Speicherung der Inhalte über den Hippocampus ins Langzeitgedächtnis bekannt. "In Synapsen kann nichts gespeichert werden," lautet die gängige Begründung durch Pädagogen. Tatsächlich ist jedoch bereits erwiesen, dass neben dem expliziten Lernen über Fakten und Ereignisse, detailliert dargelegt, vor allem Kinder implizit - als versteckte (Neben-) Bedeutung, (nur) logisch erschließbar - lernen (können und wollen).

Nach den Reflexen übt das Kleinkind seine Motorik und entwickelt emotionale Reaktionen. Dazu benötigt es die entwicklungsgeschichtlich älteren Bereiche des Gehirns - das Kleinhirn und die Mandelkerne (Amygdala), das Limbische System. Das Priming (das Wiedererkennen von sinnhaltigen Objekten und Wörtern) findet vor allem im Neocortex statt, Fähigkeiten und Gewohnheiten im Kleinhirn und im motorischen Cortex. Reize, Bewegung und Wahrnehmung liefern Informationen an das sensorische Gedächtnis und weiter an das Kurzzeitgedächtnis. Wir wissen, dass diese durch sprachliche Begleitung als Lernen ins Langzeitgedächtnis aufgenommen werden können, wo sie bei Bedarf abgerufen werden und damit ausgeführt werden können. Weniger bekannt ist, dass Können im Kurzzeitgedächtnis durch Wiederholung und Anwendung erhalten bleibt. Nahezu unbekannt ist, dass Sinneswahrnehmungen und Körperkönnen direkt im Langzeitgedächtnis verankert werden können und dort als Basis für weiteres Lernen zur Verfügung stehen. Können heißt: Erst das Erfolgserlebnis ermöglicht dem Kind, die Bewegung zu genießen und deshalb immer wieder zu wiederholen.

Die sprachliche Formulierung stört häufig die Aufmerksamkeit bei Bewegungsanlässen und in emotionalen Situationen. Wir glauben jedoch, dass nur in Worte gefasstes Wissen mit Lernen bezeichnet werden kann, und unterbrechen die Konzentration. Wir verwenden zur Lernzielkontrolle nur Tests, die genau diese Bereiche abfragen. Weil wir noch nicht wissen, wie wir anderes Können "beweisen" sollen, rechtfertigt dies nicht, in "Einbahnstraßen" zu lernen. "Je mehr unterschiedliche Formen des Darbietens des Lernstoffes angeboten werden, je mehr Kanäle der Wahrnehmung genutzt werden können, umso langfristiger wird Wissen gespeichert, desto fester wird es verankert" (Zimmer 1995).

"Alle Zellen, die Signale von demselben Gegenstand empfangen, schließen sich in einem Rhythmus zusammen, den sie für eine Weile aufrechterhalten" (Noerretranders 2000, S. 297).

Die visuelle Wahrnehmung bevorzugt gerade Linien und rechte Winkel. Kinder mit Lese- und Rechtschreibproblemen verwechseln deshalb bevorzugt des b und p, das d und q. Wenn wir Hörfehler ausschließen können, lässt das vermuten, dass der erste und bedeutendste optische Eindruck der Strich über zwei Zeilen ist, der kleinere Kreis erscheint unbedeutend.

Vorausgesetzt, wir Erzieher/innen verfügen über das notwendige theoretische Wissen, können wir vieles im Vorfeld tun: Wahrnehmung und Bewegung entwickeln sich zunächst in den Raumrichtungen unten - oben und vorne - hinten; darauf baut die Rechts-/ Links-Wahrnehmung mit der Bevorzugung einer Hand auf. Lateralität spricht auch von einem führenden Auge und einem stärkeren Ohr.

Das Kind erobert zunächst den eigenen Körperraum, dann den Nahraum (so weit die Arme reichen) und später die weitere Umgebung (über die körperfernen Sinne Augen und Ohren und die Sprache). Der Körper vermittelt dabei zwischen innen und außen. Findet sich das Kind mit diesen Raumrichtungen in den zunächst begreifbaren Räumen mit sich als Ausgangspunkt zurecht, kann es die Erfahrungen auf andere Räume wie z.B. im Zimmer (wo ist der Mittelpunkt?) oder auf dem Malblatt oder in Zeilen übertragen.

Kein Kind machte bisher den Punkt beim Buchstaben "i" unten, vermutlich deshalb, weil es den Strich und den Punkt getrennt erlebt. So können wir z.B. Hilfestellung geben, indem

  • ein i als Orientierung bereits vorhanden ist
  • der Strich und der Kreis zunächst getrennt abgebildet sind oder werden
  • der benachteiligte Kreis mittels Farbe schneller ins Blickfeld gerät.

Die bekannte Form unseres Dominos ist rechtwinklig. Es gibt aber auch ein Triomino(s) mit Punkten oder Zahlen auf Dreiecken und ein Contax in sechseckiger Form. Besonders schwierig sind Kombinationen wie Triplet mit bunten Teilpunkten auf schwarzen Dreiecken, die zusammengefügt dann Kreise ergeben.

Mathematik, Rechnen, Zählen, Mengenlehre und Geometrie sind ohne Bewegung nicht möglich

"Ich habe vier Äpfel und lege zwei dazu" oder "ich verteile sechs Bonbons an drei Kinder" sind immer Aufgaben, welche Bewegung beschreiben. Der Name "Räuber" für das Minuszeichen ist gleichfalls sehr bezeichnend, weil ich mir unter Räuber ehe eine entwendende Handlung als einen feststehenden Safe vorstelle. Kinder verbinden, zählen gerne mit Hilfe der Finger, zeigen auf Gegenstände und Kinder (im Stuhlkreis oder beim Morgenkreis, bei Abzählversen), und vor allem in Verbindung mit Treppensteigen und Kästchenhüpfen. Beim Abwechseln der Füße auf den Stufen entwickeln sie gleichzeitig und zusätzlich das Gefühl für gerade und ungerade Zahlen. Beim Springen - variierend zwischen Grätsch- und Schlusssprung - erfahren sie eine andere, weitere Möglichkeit, 1-3-5 gegenüber 2-4-6 (durch 2 teilbare Zahlen) zu vergleichen. Treppenabschnitte und freieres Sitzen in Gruppen oder auf unterschiedlich breiten Sofas bilden die Voraussetzung, später den Zehnerübergang zu meistern.

Der spielerische Umgang mit Händen und Füßen kann Verständnis für Fünferbündel und römische Zahlen wecken. Unsere Gruppen sind von 1 bis 4 nummeriert; wir verwenden römische und arabische Ziffern gleichberechtigt. Ramona, ein fünfjähriges Kindergartenkind, bemerkte: "I, II und III sind normal, dann kommen zwei komische (IV und V), dann kommen wieder drei normale (VI, VII und VIII), dann wieder zwei komische (IX, X)..."

Bei chemischen und physikalischen Experimenten darf sich die verbale Erklärung nicht auf Hauptwörter wie das ist Wasser, Farbe, eine Pipette, ein Stromkreis usw. beschränken, weil schon aufgrund der Sprache für das Kind Gegebenheiten entstehen, die unbewegt, aber auch unbeweglich, also nicht beeinflussbar scheinen. Oft verstecken wir hinter den Formulierungen unsere eigene Unsicherheit in diesen Bereichen und glauben, durch Fakten und einer Stabilität, welche oft an Starrheit grenzt, mehr beweisen zu können. In Wirklichkeit vermitteln wir dem Kind, dass wir als erwachsene Vorbilder in naturwissenschaftlichen Bereichen unsicher sind, und können unbegründete Ängste übertragen. Wir ersticken Interesse, wenn wir die Selbsttätigkeit = Bewegung der Kinder verhindern. Vielmehr stehen die Aktionen und die Reaktionen im Vordergrund; gemeinsam mit den Kindern verfolgen wir als gemeinsam Lernende (Forscher) die bewegte und bewegende Natur. Wir beschreiben mit lebendigen Worten das Naturereignis.

Wenn ich als Erwachsener eine andere Einstellung entwickle, merke ich z.B. in der Küche und im Haushalt, dass ich (als Frau!) chemische Reaktionen ausnütze, damit die Kartoffeln nicht überkochen - ich gebe Butter (Fettsäure) dazu - oder der Seifenschaum in der Waschmaschine zusammenfällt, indem ich die Waschlauge mit Weichspüler neutralisiere. Kochen bietet ein sehr breites Erlebnisfeld für physikalische Erfahrungen, z.B. mit Wasser, Dampf und Eis, aber auch beim Schmelzen von Schokolade. Unterschiedliche chemische Auswirkungen erhalte ich, wenn ich Kartoffeln oder Eier koche, vor allem wenn ich beide Produkte vergleiche: die Kartoffeln werden weicher - die Eier härter -, je länger der Garvorgang dauert. Begleiten wir diesen Versuch mit der Uhr, haben wir zusätzlich noch Erfahrungen mit der Zeit.

Bewegungsanlässe schaffen Sprachanlässe

Die Kinder stellen die Vorgänge zunächst malerisch dar. Bewegung ist nonverbale Kommunikation.

Naturwissenschaftliche Betätigung fesselt die Aufmerksamkeit aller Kinder beiden Geschlechts, auch die der Unterforderten und der Überaktiven. Neben erklärten, angeleiteten Angeboten erhalten die Kinder die Möglichkeit, die Versuche beliebig oft zu wiederholen. Mit zunehmender Sicherheit tauschen sich die Kinder dabei auf ihrem Niveau über ihre ganz subjektiven Beobachtungen aus. Erlebte Bewegung macht Lust auf sprachlichen Ausdruck.

Vor allem beim Umgang mit Feuer benötigen die Kinder Sicherheit, damit sie nicht aus Angst davon laufen, sondern wissen, wie Feuer gelöscht werden kann oder wo sie Hilfe holen können. In unserem Kindergarten "schmückt" ein kleiner Brandfleck den Korkboden im Gruppenraum; die Kinder werden immer wieder an das Feuer erinnert, aber auch daran, dass sie es gemeinsam mit der Erzieherin in den Griff bekommen haben.

Im Kindergarten bieten wir Magnete an der Magnettafel an; sie werden meist "zweckentfremdet", um Materialien im gesamten Haus, welche magnetisch sind, zu entdecken. Ein spezielles Magnetspiel mit kleinen Metallkugeln und mit grünem und gelbem Plastik bezogenen Stiften bietet Anregung zum Bauen, wobei vor allem die Statik beachtet werden muss. Wir setzen es auch für "geometrische" Angebote ein, z.B. zum Nachbauen von Formen (Dreieck, Quadrat, Rechteck, Fünfeck, Sechseck usw.), die die Kinder sehen und fühlen (mit den eigenen Händen oder als "stumme Botschaft" auf dem Rücken). Sie können "Eintrittskarten" für unsere (vom Schreiner angefertigten) Holzröhren und verschiedene Schaukeln sein und "Fahrscheine" für die Rollbretter in 12 verschiedenen Formen.

Fahrzeuge in verschiedensten Ausführungen und vor allem mit unterschiedlicher Räderzahl und -anordnung bieten Kindern im wahrsten Sinne des Wortes Erfahrungen im Bereich der Formwahrnehmung, des Fahrverhaltens, der Beziehung zum Umfeld, der Geschwindigkeit und der Steuerung (Kinetik und Kybernetik).

Die physikalische Dichte eines Materials erleben Kinder mit gleich großen Bausteinen aus unterschiedlichen Materialien. Beim Bauen heben sie das entsprechende Gewicht und erleben die Schwerkraft; sie lernen zu vergleichen. Zur Unterstützung bieten wir verschiedene Waagen an. Feiner sind die Unterschiede bei Bausteinen aus mehreren Holzarten: Je größer die Einzelteile, umso leichter lässt sich das Gewicht vergleichen und die Dichte begreifen.

Dass die optische Wahrnehmung dominanter ist als Rückschlüsse auf Gewicht und Dichte zeigt z.B. unser Ufo - ein mit Luft gefüllter Ballon mit ca. 2 m Durchmesser -: Kleinere Kinder versteckten sich, sie hatten Angst. Erst durch Bewegung lernen sie vergleichen und merken, dass eine kleine Holzkugel sehr wehtun kann, jedoch nicht dieser Riesenball.

Die mathematische Formel für die Flächenberechnung des Dreiecks (s x h : 2) lässt sich mit knapp 100 bits angeben. Die Erfahrungen, die Kinder mit dem dreieckigen Therapieroller (vorne 1 / hinten 2 Räder) machen, umfassen Millionen Bits (aus Noerretranders 2000, S. 231):

  • Augen: 10.000.000
  • Ohren: 100.000
  • Haut: 1.000.000
  • Geschmack: 1.000
  • Geruch: 100.000

Ins Bewusstsein gelangen davon 16 bis 100 Bits (Augen 40/ Ohren 30/ Haut 5/ Geschmack und Geruch je 1). Abgesehen davon, dass - wie wir bereits gehört haben - das Lernen über das Bewusstsein nur ein Teil ist, dass im Bewusstsein nur ein kleiner Teil dessen zum Ausdruck kommt, was unsere Sinnesorgane aufnehmen, und das Bewusstsein langsam arbeitet, verbringen die Kinder mit großer Freude ein Mehrfaches an Zeit beim Rollerfahren. Die später einmal zu lernende Formel wird nur eine kurze Wissens-Zusammenfassung des bereits vielfältig erworbenen Könnens sein.

Bewegung gibt dem Kind den Stand seiner Beziehung zur Umwelt wieder. Sie zeigt ihm, wie es erfolgreich auf die Umwelt einwirken kann. Über bewegte und bewegende Natur lernen die Kinder das Staunen. Im Rahmen ganzheitlicher Erziehung werden damit die Bereiche der christlich-ethischen Förderung und der Sucht- und Gewaltprävention angesprochen.

"Computern fällt es leicht zu tun, was man in der Schule lernt. Schwierigkeiten haben sie jedoch zu lernen, was Kinder lernen, bevor sie in die Schule kommen: eine auf dem Kopf stehende Tasse als Tasse zu identifizieren, sich in einem Garten zurechtzufinden, ein Gesicht wiederzuerkennen, zu sehen..." (Roberstson 2000, S. 264).

Literatur

Lensing-Conrady, Rudolf: Warum lernt Marie laufen? - eine Lerntheorie der Lebenswissenschaften, in Pütz 1998.

Noerretranders, Tor: Spüre die Welt, Reinbek bei Hamburg, 3. Aufl. 2000.

Pütz, Günter u.a. (Hrsg.): An Wunder glauben, Dortmund 1998.

Riemann, Fritz: Grundformen der Angst, München 1961/1997.

Robertson, Ian: Das Universum in uns, München 2001.

Thompson, Richard F.: Das Gehirn. Heidelberg/Berlin, 3. Aufl. 2001.

Tomatis, Alfred: Der Klang des Lebens. Reinbek bei Hamburg 1990/1997.

Tomatis, Alfred: Klangwelt Mutterleib, München 1994.

Tomatis, Alfred: Das Ohr, die Pforte zum Schulerfolg - Schach dem Schulversagen, Dortmund 2000.

Zimmer, Renate: Handbuch der Bewegungserziehung, Freiburg im Breisgau, 5. Aufl. 1996.

Autorin

Barbara Perras-Emmer ist Erzieherin, Motopädagogin und Kindergartenleiterin.