Zur Reform des Bildungswesens, insbesondere des Elementarbereichs

Martin R. Textor

 

Die PISA-Studie und viele Ländervergleiche haben uns in den letzten zwei Jahren gezeigt, dass das deutsche Bildungssystem grundlegend reformiert werden muss. Die anzustrebenden Reformziele sind schnell genannt:

  1. Die finanziellen Ressourcen müssen vom Sekundarbereich auf den Elementar- und Primarbereich umverteilt werden.
  2. Der Elementarbereich muss sich verstärkt der Bildung von Kleinkindern, der Primarbereich mehr der Betreuung von Grundschulkindern und der Sekundarbereich mehr der Erziehung von älteren Kindern widmen.
  3. Aus- und Fortbildung müssen die Voraussetzungen schaffen, damit Erzieher/innen und Lehrer/innen die neuen Aufgaben bewältigen können.

Die Umsetzung dieser Ziele kann auf unterschiedlichen Wegen erfolgen; einen von ihnen möchte ich kurz skizzieren:

(1) Elementarbereich: Die frühe Kindheit ist eine der wichtigsten Phasen im Lebenszyklus des Menschen. Sie ist einerseits gekennzeichnet durch eine große Bildsamkeit und Bildungsbedürftigkeit des Kindes und andererseits durch eine große Erziehbarkeit und Erziehungsbedürftigkeit. Letzteres umfasst auch die Umerziehbarkeit - in keiner anderen Lebensphase kann Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsverzögerungen, Sprachstörungen usw. so leicht entgegengewirkt werden. Da Kleinkinder immer mehr Zeit in Kindertageseinrichtungen verbringen, nimmt die Bedeutung von Erzieher/innen im Vergleich zu der von Eltern zu: Sozialpädagogische Fachkräfte sind heute mehr denn je gefordert, die große Bildsamkeit und Erziehbarkeit von Kleinkindern wahrzunehmen und auf ihre Bildungs- und Erziehungsbedürftigkeit angemessen zu reagieren. Vorstellungen wie die vom "kompetenten Kind" oder vom sich relevante Situationen suchenden und diese selbsttätig erforschenden Kind haben insofern ihre Berechtigung, dass sie vor einer Verschulung des Elementarbereichs schützen. Sie dürfen uns aber nicht davon abhalten, die Bildung von Kleinkindern mehr als früher planmäßig und allseitig anzugehen und die Erziehung durchdachter und individualisierender zu praktizieren. Das heißt, dass wir:

  1. Bildungserfahrungen für die Kinder unserer Gruppe planen müssen. Wir brauchen (wieder) Jahres-, Monats- und Wochenpläne, die aber flexibel gehandhabt werden und viel Zeit für das Freispiel lassen.
  2. Die zu vermittelnden Bildungserfahrungen sollten alle Bereiche wie z.B. naturwissenschaftliche, musische, wirtschaftliche, ästhetische, mathematische und kulturelle Bildung umfassen. Die derzeit in vielen Bundesländern entstehenden Bildungspläne können uns helfen, dass wir beim Erstellen unserer Jahres- und Wochenpläne alle Bildungsbereiche berücksichtigen.
  3. Die Erziehung sollte noch mehr die Bedürfnisse und vor allem den Erziehungsbedarf jedes einzelnen Kindes beachten. Dies bedeutet, dass wir es systematisch beobachten und unsere Beobachtungen dokumentieren müssen.
  4. Anhand unserer Beobachtungen sollten wir für jedes Kind individuelle Erziehungsziele haben und uns Gedanken machen, wie wir diese erreichen können. Dies gilt erst recht für so genannte "Problemkinder".

Diese Intensivierung von Bildung und Erziehung ließe sich m.E. am besten erreichen, wenn die Gruppengröße auf ca. 15 Kinder und der Personalschlüssel auf anderthalb Stellen herabgesetzt werden würde. Bei 15 Kindern reicht die Anwesenheit einer Fachkraft in der Gruppe. Das bedeutet, dass folgender Tagesablauf denkbar wäre: Am Vormittag ist die Erzieherin alleine in der Gruppe; Stuhlkreis/ Kinderkonferenz, Freispiel und Bildungsangebote finden statt. Längerfristige Projekte sind weitgehend auf den Vormittag beschränkt. Auch können die Gruppen geöffnet werden, sodass die Kinder zwischen mehreren Bildungsangeboten wählen können.

Am Nachmittag übernimmt die Kinderpflegerin bzw. Sozialassistentin die Gruppe; neben Freispiel werden auch Beschäftigungen bzw. einfachere Bildungsangebote gemacht. Die Erzieherin ist in der Kindertageseinrichtung anwesend, um sich z.B. auf den nächsten Tag vorzubereiten, Wochenpläne zu erstellen, Elterngespräche zu führen, einzelne Kinder systematisch zu beobachten und Einzelmaßnahmen für verhaltensauffällige, entwicklungsverzögerte oder behinderte Kinder mit Mitarbeiter/innen psychosozialer Dienste abzustimmen. Solche Einzelmaßnahmen sollten vorzugsweise am Nachmittag durchgeführt werden. Die Erzieherin sollte auch ein weiteres Bildungsangebot machen oder zusammen mit der Zweitkraft Exkursionen in die Nachbarschaft leiten.

Unter solchen Rahmenbedingungen sind m.E. eine planmäßige, allseitige und individualisierte Bildung und Erziehung von Kleinkindern realisierbar. Da anstatt von zwei nur noch anderthalb Stellen pro Gruppe benötigt werden, wäre das Absenken der Gruppenstärke mit relativ wenig zusätzlichen Kosten verbunden.

(2) Primarbereich: Von besonderer Bedeutung ist hier die Sicherstellung einer qualitativ guten, bedarfsgerechten Betreuung der Schulkinder vor und nach dem Unterricht. Diese Aufgabe sollte von qualifizierten Fachkräften wie z.B. Erzieher/innen übernommen werden. Sie sollte weniger die reine Beaufsichtigung und Hausaufgabenbetreuung umfassen, sondern die Gestaltung entwicklungsfördernder Angebote. Eine Entflechtung der Unterrichtszeit ist anzustreben.

(3) Sekundarbereich: Die große Herausforderung an Haupt- und Realschulen sowie an Gymnasien besteht darin, dass die Lehrer/innen auch Verantwortung für die Persönlichkeitsbildung, das Erleben und Verhalten von ihren Schüler/innen übernehmen. Das bedeutet, dass sie vor allem erzieherische Kompetenzen erwerben und einsetzen müssen.

Da Bund, Länder und Gemeinden unter den gegebenen fiskalischen Rahmenbedingungen wohl kaum die Bildungsausgaben steigern werden, müsste der Sekundarbereich auch die Kosten für die Verbesserung der Rahmenbedingungen im Elementarbereich, die Ausweitung und Qualifizierung der Betreuung von Schulkindern sowie die - noch zu skizzierende - Verbesserung der Ausbildung von Erzieher/innen erbringen. Ländervergleiche haben gezeigt, dass in Deutschland unverhältnismäßig viel Geld für den Sekundarbereich und insbesondere für die Gehälter von Lehrer/innen an Gymnasien ausgegeben wird. Hier könnten z.B. Mittel eingespart werden, wenn die Einstiegsbesoldung um eine Gehaltsstufe abgesenkt würde und die Aufstiegsmöglichkeiten - mit Ausnahme des Schulleiterpostens - auf A14 beschränkt würden. Auch könnten sicherlich in der Schulverwaltung Stellen eingespart werden, indem den Schulen mehr Verantwortung übertragen wird. Anstelle der Beurteilung durch hoch bezahlte Schulräte könnten Lehrer/innen mehr von Supervision profitieren, insbesondere hinsichtlich ihrer erzieherischen Tätigkeit, und hier vor allem bezüglich des Umgangs mit verhaltensauffälligen Kindern.

(4) Tertiärbereich: Die Ausbildung von Erzieher/innen an Fachschulen ist unbedingt zu verbessern. Vor allem müssen ihnen mehr für ihre pädagogische Arbeit relevante Kenntnisse aus den verschiedenen Bildungsbereichen sowie (fach-) didaktisches und methodisches Knowhow vermittelt werden. Auch sollten Beobachtungs- und Planungsfähigkeiten, heilpädagogische Methoden sowie Kompetenzen im Bereich Gesprächsführung und Beratung von Eltern stärker geschult werden.

Lehrer/innen benötigen hingegen eine Pädagogisierung und Psychologisierung ihrer Ausbildung, um erzieherische Kompetenzen erwerben zu können. Sie könnten sich auch praxisgeeignete didaktische und methodische Fähigkeiten aneignen, wenn z.B. der akademische Mittelbau durch erfahrene Lehrer/innen ersetzt würde, die für maximal fünf Jahre an die Universitäten abgeordnet werden.

Bereits berufstätige Erzieher/innen und Lehrer/innen benötigen eine auf ihre neuen Arbeitsschwerpunkte ausgerichtete intensive Fortbildung. Vermehrt sollte von Möglichkeiten wie Peerberatung und Supervision sowie von Verfahren zur Qualitätssicherung Gebrauch gemacht werden.

Kritische Anmerkung

Wir alle wissen, dass es in Deutschland einen großen Reformbedarf gibt - nicht nur im Bildungswesen. Zugleich zeigt sich eine große Reformunfähigkeit - nicht nur in der Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik, sondern auch im Bildungsbereich. Mein gerade vorgetragenes Konzept dürfte kaum zusätzliche Kosten verursachen. Dennoch sehe ich wenig Bereitschaft seitens der Politik, z.B. Mittel aus dem Sekundarbereich abzuziehen und den Elementarbereich intensiver zu fördern - zu stark ist die Lobby der Lehrer/innen, insbesondere solcher an Gymnasien. Selbst die 1,5 Mrd. Euro pro Jahr, die seitens der Bundesregierung zusätzlich für Kindertagesbetreuung bereit gestellt werden sollen, dienen nicht der Verbesserung von Bildung und Erziehung, sondern nur der Ausweitung von Betreuungszeiten und der Schaffung von Betreuungsangeboten für Kinder unter 3 Jahren. Ich bin also eher pessimistisch eingestellt, was die Umsetzung der von den weitaus meisten Fachleuten genannten Reformziele betrifft. Aber vielleicht werden sich die Krisen in unserem Land noch so verschärfen, dass ein großer "Befreiungsschlag" gelingt...