Erzieher/innenausbildung: zwischen Akademisierung und Elementarisierung

Martin R.Textor

 

In den letzten Jahren wurde immer wieder die Ausbildung von Erzieher/innen problematisiert. Zunächst kam - vor allem von den Fachkräften selbst - die Kritik, dass die Ausbildung nicht genügend praxisorientiert sei und dass z.B. Kenntnisse und Fertigkeiten hinsichtlich des Umgangs mit verhaltensauffälligen und behinderten Kindern, der (Sprach-) Förderung ausländischer Kinder oder der Gesprächsführung mit Eltern bzw. deren Beratung nicht in ausreichendem Maße vermittelt würden. Diese Kritik wurde in jüngster Zeit ausgeweitet auf die mangelhafte oder sogar ganz fehlende Ausbildung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich und im Umgang mit Computern.

Neben dieser aus der Praxis kommenden Kritik zeigte eine vergleichende Studie mit dem Titel "Kinderbetreuung in Europa" (Oberhuemer/ Ulich 1997) vor einigen Jahren auf, dass in allen entwickelten Ländern mit Ausnahme von Österreich die Ausbildung von Erzieher/innen auf einem höheren Niveau stattfindet als in der Bundesrepublik Deutschland.

Schließlich wurde vor allem im Kontext der Diskussion über die PISA-Studie betont, dass Erzieher/innen bei weitem schlechter als Grundschullehrer/innen qualifiziert und zu wenig den Herausforderungen gewachsen seien, die sich aus den Ergebnissen dieser Untersuchung ergäben. Sie besäßen zu wenig kinderpsychologische Kenntnisse, würden zu wenig "bildend" tätig sein, würden ausländische, hochbegabte und in Teilbereichen begabte Kinder zu wenig fördern, würden Kindern nicht das Lernen lehren - kurz und gut, sie würden viele der im Kleinkindalter liegenden Chancen von Bildung und Erziehung vertun. Eine ähnliche Kritik kam gleichzeitig aus der Richtung von Hirnforschern bzw. von deren Forschungsergebnissen - nicht immer richtig - wiedergebenden Journalist/innen.

Zur Akademisierung des Erzieher/innenberufs

So wurden Forderungen nach einer Akademisierung der Erzieher/innenausbildung immer lauter. Inzwischen entstehen schon die ersten deutschsprachigen Studiengänge. Zwei davon - der eine auf Universitäts-, der andere auf Fachhochschulebene - möchte ich kurz vorstellen.

(1) Laureatsstudiengang "Bildungswissenschaften für den Primarbereich" an der Freien Universität Bozen in Brixen: In diesem vier Jahre umfassenden Studiengang werden die beiden Studienrichtungen "Ausbildung von Grundschullehrer/innen" und "Ausbildung von Kindergärtner/innen" angeboten, wobei die Studierenden in den beiden ersten Jahren dieselben Veranstaltungen besuchen und sich erst in den letzten vier Semestern in der jeweiligen Studienrichtung spezialisieren. "Die Studienordnung sieht eine praxisnahe Ausbildung vor. Für die Studienrichtung Ausbildung der KindergärtnerInnen ist eine Gesamtzahl von 2080 Stunden vorgesehen; davon werden 1245 Stunden in Form von Vorlesungen und Seminaren, 435 Stunden in Form von Laboratorien und 400 Stunden in Form von Praktika abgehalten. ... Der praxisnahe Unterricht macht in der Studienrichtung Ausbildung der KindergärtnerInnen 835 Stunden ... aus" (Freie Universität Bozen 2003, S. 2). Den Laureat erwirbt, wer während des Studiums 28 Prüfungen besteht und insgesamt 240 Credit Points erwirbt, eine Diplomarbeit verfasst und die Abschlussprüfung bestanden hat. Beispielsweise müssen im 1. Studienjahr Prüfungen in Didaktik, Psychologie, Integrationspädagogik, einer zweiten Sprache, Naturwissenschaften, Mathematik/Informatik und einem Wahlfach absolviert werden. Im 3. Studienjahr stehen in der Studienrichtung "Kindergarten" Prüfungen in Anthropologie, Unterrichtsplanung/ -auswertung, Muttersprache, Zeichnen, Didaktik der Mathematik/ Informatik, Leibeserziehung, Didaktik der Geschichte/ Geographie und in einem Wahlfach an; im 4. Studienjahr in der Beobachtung kindlichen Verhaltens, Spiel/ Animationspädagogik, Didaktik der Naturwissenschaften, Musik und im Wahlfach.

(2) Der "Bachelor of Arts"-Studiengang "Erziehung und Bildung im Kindesalter" soll ab dem Jahr 2004 an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin eingerichtet werden. Der 7 Semester umfassende Studiengang bildet für die Arbeit mit Kindern von der Geburt bis zum 12./13. Lebensjahr aus. In insgesamt 142 Semesterwochenstunden sollen die Studienbereiche "wissenschaftliche Grundlagen" (33 SWS), "Pädagogik im sozialen Kontext" (57 SWS), "Bildung und Didaktik" (36 SWS) und "Rechtliche, organisatorische und finanzielle Rahmenbedingungen" (16 SWS) abgedeckt werden. Im 1. Semester haben die Kurse Bezeichnungen wie "Sozialisationsprozesse bei Jungen und Mädchen", "Wissenschaftliches Arbeiten", "Orte für Kinder", "Bildungsbereich Sprache", "Körperliche Entwicklung" und "Spielpädagogik", im 6. Semester wie "Forschungsmethoden", "Arbeitsfelder der Pädagogik", "Bildungsbereich Kreativität", "Bildungsbereich Körper und Bewegung" und "Konfliktmediation". Hinzu kommen fünf Praxisphasen: eine Hospitation von einer Woche im Grundstudium und vier Praktika von je 6 Wochen Dauer im Hauptstudium (ab dem 4. Semester). Während des Studiums müssen verschiedene Arten von Prüfungsleistungen - Klausuren, Referate, Präsentationen, Hausarbeiten, Berichte - erbracht und dadurch insgesamt 210 Credit Points gesammelt werden. Das Studium wird mit einer Bachelorarbeit und einem Colloquium über dieselbe abgeschlossen.

Der Laureatsstudiengang in Brixen ist stark an Lehramtsstudiengängen orientiert und hat seinen Schwerpunkt im Bereich "Didaktik und Methodik". Da es für die Frühpädagogik noch keine eigene Didaktik entwickelt hat, ist zu befürchten, dass man sich hier zu stark an der Grundschuldidaktik orientiert - so werden ja auch zukünftige Kindergärtner/innen und Grundschullehrer/innen die ersten beiden Studienjahre gemeinsam ausgebildet. Der geplante Bachelor-Studiengang in Berlin ist umfassender konzipiert: So soll nicht nur für den Kindergartenbereich ausgebildet werden, sondern für den gesamten Bereich der außerschulischen Kinderbetreuung. Dementsprechend sind die Studieninhalte allgemeiner, wobei der Schwerpunkt auf dem Erwerb von Fachkompetenzen - d.h. von Orientierungs-, Erklärungs- und Handlungswissen - sowie von fachunabhängigen Kompetenzen liegt; zu Letzteren gehören z.B. soziale, ethische bzw. interkulturelle Kompetenz, Selbst-, Gender-, Methoden- und Medienkompetenz. Auch wird ein größerer Wert als in Brixen auf transdisziplinäre Verknüpfungen gelegt, d.h., psychologische, pädagogische und soziologische Kenntnisse werden in übergreifende Fächer bzw. Projekte eingebunden.

Ich möchte Ihnen aber nicht verschweigen, dass ich hinsichtlich solcher Reformvorschläge eher pessimistisch eingestellt bin. Fachhochschulen sind nicht für eine besonders praxisnahe Ausbildung von Sozialpädagog/innen "berühmt", und die Lehrerausbildung an Universitäten wird seit vielen Jahren stark kritisiert. So dürfte eine Verlagerung der Erzieherausbildung an Fachhochschulen oder Universitäten wohl kaum zu einer besseren Berufsausbildung führen. Hinzu kommt, dass derzeit weder an Fachhochschulen noch an Universitäten mehr als 10 bis 15 im Bereich der Frühpädagogik qualifizierte Professor/innen und Assistent/innen zur Verfügung stehen. Schon die Schaffung des einzigen deutschsprachigen Studienganges für Erzieher/innen an der Universität Bozen war mit extremen Problemen bei der Personalsuche verbunden: Ein Großteil der Lehrkräfte reist derzeit für einige Unterrichtsstunden pro Woche aus Österreich und Deutschland an...

Vor allem aber beruht mein Pessimismus auf folgenden Gründen: Akademisch ausgebildete Erzieher/innen haben Anspruch auf ein viel höheres Gehalt. Und ich sehe nicht die geringste Bereitschaft bei Kommunen, Ländern und Wohlfahrtsverbänden, hierfür die finanziellen Mittel aufzubringen. Und was soll mit den derzeit berufstätigen Erzieher/innen passieren? Sollen sie in mehrjährigen Fortbildungsgängen nachqualifiziert werden? Auf den Stand von Fachhochschul- oder Universitätsabsolvent/innen gebracht werden? Und was soll mit den Fachschulen passieren? Sollen sie aufgelöst und die dort tätigen Lehrkräfte in die Arbeitslosigkeit entlassen werden?

So fürchte ich, dass es auf absehbare Zeit nicht zu einer "Akademisierung" des Erzieherberufs kommen wird. Realisierbar scheint mir nur die Verbesserung der derzeitigen Ausbildung auf Fachschul- bzw. Fachakademieniveau zu sein.

Zur Elementarisierung von Bildungsinhalten

Bei einer Reform der Ausbildung von Erzieher/innen sollte man die Unterrichtsinhalte weniger an den Interessen der Studierenden ausrichten, da sie dann zu "verkopft" sind. Die Studierenden sollten vielmehr lernen, Bildungsinhalte auf die Ebene von Drei-/ Vierjährigen "herunterzubrechen" und interessant anzubieten. Es sollten also nicht nur relevante Kenntnisse in Deutsch, Naturwissenschaften, musischen Fächern usw. vermittelt werden, sondern es müsste auch immer diskutiert und erprobt werden:

  • Wie sollte eine Bilderbuchbetrachtung verlaufen? Wie erzähle ich Märchen (statt sie vorzulesen)? - was voraussetzt, dass man auch viele Märchen "verinnerlicht" hat, sodass man sie erzählen kann - Wie kann ich Kinder zum Erzählen von Geschichten motivieren und was fange ich mit diesen an? Wie interessiere ich Kinder für Gedichte?
  • Was sind die wichtigsten Naturphänomene, denen Kindern bei Exkursionen im Umkreis der Kindertagesstätte begegnen? Wie heißen z.B. die Bäume und Pflanzen in unserem Nahraum? Wie kann ich Naturbeobachtungen als Anlass für Projekte oder Experimente nutzen?
  • Wie kann ich Kinder für Musik begeistern? Mit welchen Instrumenten kann ich mit Kindern welche Musikerfahrungen machen? Kenne ich genügend Lieder auswendig und genügend Tänze etc., um sie ad hoc einzusetzen? Welche Künstler haben Gemälde erstellt, die Kinder interessieren und von ihnen "nachgestaltet" werden können? Was kann ich an künstlerischen Techniken vermitteln?

Letztlich bedeutet dies, dass die Studierenden mehr über die Didaktik und Methodik von Bildungsangeboten für Kleinkinder lernen sollten. Die Fachkräfte müssen Lerninhalte elementarisieren und so lehren können, dass es bei Kleinkindern zum gewünschten Lernerfolg kommt.

Bei der Ausbildung an Fachschulen bzw. Fachakademien ist somit darauf zu achten, dass die Studierenden nicht nur umfassende Grundkenntnisse in den für die pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen relevanten Fächern erwerben, sondern auch immer wieder diskutieren und erproben, wie Wissen an Kleinkinder entwicklungsgemäß weitergegeben werden kann.

Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist, dass die Studierenden lernen, den Entwicklungs- und Bildungsstand von Kleinkindern richtig einzuschätzen. Das bedeutet, dass ihre Beobachtungsfertigkeiten geschult werden müssen. Auch sollten sie lernen, Beobachtungen angemessen zu dokumentieren und auf der Grundlage gesammelter Informationen den Entwicklungsstand eines Kindes zu beurteilen. Dazu sind entwicklungs- und kinderpsychologische Kenntnisse notwendig.

Erziehung und Bildung verlaufen erfolgreicher, wenn Kleinkinder sicher gebunden sind. Während der Ausbildung von Erzieher/innen ist somit auf die Förderung zwischenmenschlicher Kompetenzen zu achten. Insbesondere während der Praxisphasen benötigen die Studierenden Unterstützung beim Reflektieren ihrer Beziehungen zu jedem einzelnen Kind: Ist eine Bindung entstanden? Wie kann ich eine enge Beziehung zu "Problemkindern" oder Kindern aufbauen, die mir eher unsympathisch sind?

Interpersonale Kompetenzen stehen in Bezug zu kommunikativen: Der Entwicklung von Beziehungen bzw. Bindungen beruht weitgehend auf verbaler und nonverbaler Interaktion. Über Kommunikation erfolgt aber auch Bildung: Die Studierenden müssen z.B. lernen, auf die vielen Warum-Fragen von Kleinkindern richtig zu reagieren, Neugier zu wecken, zum Nachdenken über Beobachtungen zu stimulieren und von Kindern verwendete Begriffe zu hinterfragen (damit diese eine höhere Stufe des Verständnisses von Konzepten erreichen können). Aber auch bei der Erziehung spielt neben dem eigenen Vorbild die Kommunikation eine wichtige Rolle: Wie stellt man mit Kindern Regeln auf, vermittelt Werte? Wie beteiligt man sie an Entscheidungen? Wie reagiert man auf Verhaltensauffälligkeiten? Wie vermittelt man bei Konflikten?

Schließlich sind interpersonale und kommunikative Kompetenzen für den Kontakt zu Eltern von großer Bedeutung - nicht nur bei Beratungsgesprächen. Das Eingehen einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit Familien, die Einbeziehung von Eltern in die pädagogische Arbeit der Kindertageseinrichtung, die Elternbildung u.v.a.m. erfolgen über einen intensiven Gesprächs- und Erfahrungsaustausch.

Letztlich hängen alle genannten Kompetenzen zusammen: So sollten die Studierenden während der Ausbildung lernen, die Elemente "genaue Beobachtung des einzelnen Kindes", "Informationen über seine Lebenssituation", "pädagogischer Bezug zum Kind/ Bindung", "enge Beziehung zu seiner Familie", "intensive Kommunikation", "relevante, zu vermittelnde Kenntnisse" und "entwicklungsgemäßer methodischer Ansatz" in der Praxis so miteinander zu kombinieren, dass jedes Kind beste Entwicklungsbedingungen erhält.

Literatur

Balluseck, H. von: Studienaufbau, Kompetenzen und Curriculum im Studiengang Erziehung und Bildung im Kindesalter (Bachelor of Arts) an der ASFH. Berlin: Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik 2003

Freie Universität Bozen: Laureatsstudiengang Bildungswissenschaften für den Primarbereich. http://www.unibz.it/web4archiv/objects/pdf/standard/1/manifestostudi_biwi2003__dt.pdf, 2003

National Association for the Education of Young Children (NAEYC)/ National Council for Accreditation of Teacher Education (NCATE): NAEYC Standards for Early Childhood Professional Preparation: Initial Licensure Programs. http://www.naeyc.org/profdev/prep_review/2001.pdf, 2001

Oberhuemer, P./ Ulich, M.: Kinderbetreuung in Europa. Tageseinrichtungen und pädagogisches Personal. Eine Bestandsaufnahme in den Ländern der Europäischen Union. Weinheim, Basel: Beltz 1997