Das Atelier in der Reggio-Pädagogik

Tassilo Knauf

 

Das Eigenständige Atelier und die in ihr tätige Atelierleiterin ("Atelierista") gehören zu den charakteristischen Besonderheiten und Erkennungszeichen der kommunalen Kindertageseinrichtungen in Reggio Emilia. Seit den 1970er Jahren ist das Atelier fester Bestandteil der reggianischen Einrichtungen. Die Stelle einer hauptberuflichen Atelierista ist seither für die Tagesstätten der 3- bis 6-Jährigen verbindlich, in den Krippen werden die Kinder, die das Atelier nutzen, von einer Erzieherin aus ihrer Gruppe begleitet. In den Kindertagesstätten ist in der Regel den Gruppenräumen zusätzlich ein "Miniatelier" angegliedert, das als sorgfältig ausgestattetes Magazin und als Einzel- oder Kleingruppenarbeitsraum fungiert.

Die Idee des Ateliers als Standardelement im Raumprogramm der Einrichtungen geht vor allem auf die Fortbildungs- und Beratungsaktivität Gianni Rodaris 1972 in Reggio zurück. Der Kindergedichtautor und Theoretiker ästhetischen Lernens hatte von Novalis die Vorstellung einer "Grammatik de Phantasie" übernommen (vgl. Rodari 1992). Mit diesem Begriff sollte zum einen auf die Bedeutung von erlernbaren Regeln für Phantasietätigkeit hingewiesen werden, zum anderen sollte mit ihm ausgedrückt werden, dass Phantasie wie eine Sprache ein wichtiges Mitteilungs- und Ausdrucksmittel ist, dessen Anwendung geeignete Werkstoffe und Werkzeuge benötigt.

Der Begriff Atelier macht auf eine reformpädagogische Wurzel aufmerksam: Der französische Lehrer Célestin Freinet gestaltete ab den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts Klassenräume in Ateliers um, in denen Kinder Möglichkeiten erhielten Medien des "Freien Ausdrucks" (Bilder) zu erstellen und vor allem in gemeinsamer handwerklicher Arbeit zu drucken ( vgl. Skiera 2003, S. 324 f.). Der Begriff Atelier hat im französischen Sprachgebrauch (so auch bei Freinet) allgemein die Bedeutung Werkstatt, während das entsprechende Fremdwort im Italienischen wie im Deutschen vorrangig den Ort künstlerischer Arbeit meint. Die nicht spezifizierte Werkstattfunktion wird in den reggianischen Einrichtungen von allen Räumen wahrgenommen: "Räume dienen dem Ziel, das Staunen und den Zauber der alltäglichen Phänomene wieder zu entdecken. Unsere Einrichtungen sind vor allem Werkstätten, in denen Kinder die Welt untersuchen und erforschen" (Malaguzzi, zit. Nach Ullrich/ Brockschnieder 2001, S. 65).

Das eigentliche Atelier übernimmt in diesem multifunktionellen Kontext der Welterschließung spezielle Aufgaben:

  • Es ist ein übersichtlicher, geordneter Aufbewahrungsort für eine Vielfalt von Gegenständen, Gestaltungs-, Konstruktions- und Verbrauchsmaterialien. "In großen Mengen vorhanden sind Materialien wie Draht, Ton, Papier, Pappe, Farben, Papprohre, Klebeband, Bindfaden und 'Werkzeuge' aller Art, um die jeweiligen Materialien zu ver- und bearbeiten" (ebd., S. 66). Außerdem ist es Ort für "Gesammeltes wie Bonbonpapier, Steine, Muscheln, Reste von Stoff, Fell, Schleifenband, Wolle, Korken, Knöpfe, getrocknete Blüten, kleine Haushaltsgegenstände, Verpackungsmaterial, durchsichtige Behälter zur Aufbewahrung des Gesammelten, zum Beispiel gebrauchte Gläser und Verpackungsmaterial aus Kunststoff [...], angerührten Kleister [...], Sand" (Beek u.a. 2001, S. 136).
  • Es bildete ein gegenständliches Arrangement von Werkstoffen, Werkzeugen, ausgestellten Kinderarbeiten, Plakaten, Kalenderbildern und Kunstdrucken, die Kinder zum Betrachten, Staunen, Ideen Entwickeln, zu vielfältigen gestaltenden und umgestalteten Aktivitäten herausfordern, auch zum Aktivieren innerer Bilder und Erinnerungen und zum Darstellen von Gesehenem und Ausgedachtem.
  • Es dient der vorübergehenden oder auch längerfristigen Präsentation und Dokumentation der Produkte als Ausdrucksträger der Kinder.

Die Atmosphäre der Ateliers ist - dieser Aufgabenstellung entsprechend - durch einen merkwürdigen Doppelcharakter geprägt: Auf der einen Seite strahlt sie mit ihrer planvollen, ästhetischen Gestaltung etwas Ruhiges, zur Kontemplation Einladendes aus, auf der anderen Seite stimuliert sie zu "konstruktiver Unruhe" (Ullrich/ Brockschnieder 2001, S. 65), fordert zum Erfinden, produktiv Werden und Verändern heraus. In dieser Hinsicht setzen die Ateliers reggianischer Einrichtungen zentrale Elemente von Montessoris "Vorbereiteter Umgebung" um: Ihre äußere Ordnung, Klarheit und Schönheit (vgl. Skiera 200,3 S. 220 ff.) soll auf die "innere Ordnung" der Kinder ausstrahlen, zugleich die Kinder zum aktiv Werden nach dem Prinzip der "Freie Wahl" anregen.

Die Gestaltung der Ateliers in reggianischen Einrichtung folgt keinem starren Schema. In einigen Ateliers dominiert das Prinzip der Ordnung und der Sorgfalt von Platzierung der Materialien und Kinderarbeiten, in anderen lässt sich ein höheres Maß an schöpferischer Spontaneität erkennen.

Auch die bauliche Gestalt der Ateliers ist unterschiedlich: In der Kita "Diana" (1970er Jahre) sind Offenheit zur benachbarten Piazza und die Transparenz nach draußen charakteristisch. Gesteigert ist der Effekt der Transparenz noch in der Kita "Ernesto Balducci" aus den 1990er Jahren, wobei jedoch eine (zumindest akustische) Abschirmung zu den Nachbarräumen durch große Glasscheiben erzielt wurde. Ein Kuriosum ist hier die (zusätzliche) Möglichkeit, vom 1. Stock über eine Wendeltreppe in das ebenerdige Atelier zu gelangen. Die aus einem repräsentativen Wohnhaus (in den 1970er Jahren) umgebaute Kita "La Viletta" beherbergt das Atelier eher abgeschieden im Dachbodenraum. Die architektonischen Lösungen zeigen die Auseinandersetzungen mit den gegenläufigen Prinzipien einladender Offenheit und der Versunkenheit fördernder Abgeschlossenheit.

In allen Fällen ist die Innenausstattung bestimmt durch Regalsysteme zur Materialaufbewahrung und -präsentation, große Arbeitstische, daneben Staffeleien sowie Flächen zur Dokumentation der Kinderarbeiten und gegebenenfalls auch deren Kommentierung durch Erwachsene.

Die Atelierista ist Mitglied des Teams der Einrichtung, ist aber keiner Gruppe zugeordnet und hat in der Regel auch keine elementarpädagogische, sondern eine handwerkliche, künstlerische oder kunstpädagogische Ausbildung. Damit wird der Atelierista im Rahmen der Teamkooperation und der gemeinsamen Einrichtungsleitung (vgl. Lingenauber 2001, S. 68 ff.) eine gewisse Autonomie zugestanden und vor allem die Möglichkeit gegeben, ihre Arbeit nach Kriterien ihrer spezifischen Professionalität mit zu gestalten. Das bedeutet, dass sie weniger als die Erziehrinnen auf die drei Hauptaktivitätsschwerpunkte Beobachten, Dokumentation und Impulsgebung konzentriert ist, sondern auch Aspekte der handwerklichen Praxis und der handwerklichen Lehre einbringen kann: Auswahl, Pflege, Aufbewahren und Erklären von Werkzeugen und Werkstoffen, das eigenständige Arbeiten mit Werkzeugen und Werkstoffen, das Erläutern der eigenen Arbeit, das Vormachen, Helfen, Kontrollieren, Korrigieren und Rückmeldung Geben gegenüber den Aktionsversuchen der Kinder. Diese schlüpfen in eine Art Lehrlingsrolle, was vielen Kindern nicht schwer fällt, andere aber noch lernen müssen, indem sie die Bereitschaft entwickeln, die "fachliche Kompetenz der Atelierista anzuerkennen.

Kinder machen damit auch Bekanntschaft mit einem anderen Lerntypus als den in ihrer Gruppe favorisierten, wo stärker das Experimentelle, das Ausprobieren und das Suchen nach eigenen Lösungen allein oder in der Kleingruppe im Vordergrund steht. Im Atelier ist das Lernen am Modell, das Imitieren bewährter Praxis wichtiger, wobei die Übergänge - nicht zuletzt persönlichkeitsgebunden - fließend sind. Nicht nur für das zurecht Finden in der Schule ist die Erfahrung verschiedener Lernwege hilfreich. Mit dem Rückgriff auf Elemente handwerklichen Lehrens und Lernens stellt die Reggio Pädagogik wiederum eine Beziehung zur Reformpädagogik her, wo vor allem in der Jenaplan-Pädagogik, aber auch in der Waldorfpädagogik Parallelen registriert werden können (vgl. Skiera 2003, S. 249 u. 412 ff.)

Die Arbeit der Atelierista ist im Einzelnen sehr unterschiedlich. Zum einen erlebt sie täglich, dass Kinder mit speziellen Gestaltungsideen oder Problemen aus ihren Gruppen ins Atelier kommen, um sich dann von der Atelierista beraten zu lassen. Zum anderen kommen Kinder, weil sie Abwechslung von den Aktivitäten in der Gruppe suchen, neugierig sind und sich von dem Wissen und Können der Atelierista inspirieren lassen wollen. Die Atelierista kann aber auch selber aktiv werden, eine komplizierte Gestaltungsaufgabe anpacken und Kinder einladen mitzumachen. Dies kann etwas Singuläres oder turnusmäßig Wiederkehrendes sein, wie das Gestalten mit bunten Blättern und anderen Naturmaterialien im Herbst (vgl. Reggio Children 2002, S. 61 ff.). Die Atelierista begleitet auch einzelne Kinder (aus verschiedenen Gruppen) bei ihren Projekten - in der Regel in Kooperation mit den Erzieherinnen der beteiligten Gruppen - oder sie unterstützt Projekte, die in den Gruppen entstanden sind.

Weiterhin hat sie im Team eine Expertenrolle. So berät sie die Kolleginnen bei der Vorbereitung und Gestaltung von (Projekt-) Dokumentationen oder bei der Ausstattung der Mini-Ateliers der einzelnen Gruppen, insbesondere zu Beginn des Kindergartenjahres, indem sie mit den Erzieherinnen die Kinder beobachtet und Aktionsinteressen und Materialbedürfnisse erfasst.

In manchen Einrichtungen werden die Kompetenz und die relative Unabhängigkeit der Atelierista von ihren Kolleginnen und den Eltern so geschätzt, dass ihr (formell oder informell) eine Koordinations- oder Vertretungsfunktion z.B. in der Außendarstellung zukommt.

Literatur

Beek, Angelika von der / Buck, Matthias/ Rufenach Annelie: Kinderräume bilden. Ein Ideenbuch für Raumgestaltung in Kitas. Neuwied 2001

Lingenauber, Sabine: Einführung in die Reggio-Pädagogik. Kinder, Erzieherinnen und Eltern als konstitutives Sozialaggregat. Bochum, 2. Aufl. 2002

Reggio Children (Hrsg.): Hundert Sprachen hat das Kind. Neuwied 2002

Rodari, Gianni: Grammatik der Phantasie. Leipzig 1992

Skiera, Ehrenhard: Reformpädagogik in Geschichte und Gegenwart. Eine kritische Einführung. München

Ullrich, Wolfgang/ Brockschnieder, Franz-J.: Reggio-Pädagogik im Kindergarten. Freiburg 2001