Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

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Rezension

John Taylor Gatto: Verdummt noch mal! Dumbing Us Down. Der unsichtbare Lehrplan oder Was Kinder in der Schule wirklich lernen. Bremen: Genius Verlag 2009, 125 Seiten, EUR 12,80 - direkt bestellen durch anklicken

 

In diesem schulkritischen Buch beschreibt John Taylor Gatto, der 30 Jahre lang als Lehrer in New York arbeitete, mehrfach für seine pädagogischen Erfolge ausgezeichnet wurde und trotzdem im Jahr 1991 kündigte, weil er nicht länger "Kindern Schaden zufügen" wollte, welche sieben "Lektionen" den Unterricht prägen würden:

  1. Verwirrung: Der Stundenplan sorge dafür, dass alles, was unterrichtet wird, aus dem Zusammenhang gerissen sei und relativ oberflächlich bleibe.
  2. Gesellschaftliche Schichtung: In den Schulklassen werden Kinder gleichen Leistungsniveaus zusammengefasst. Je nach Art der Schule/Klasse lernen sie, wo ihr Platz in der gesellschaftlichen "Pyramide" ist.
  3. Gleichgültigkeit: Da bei Ertönen der Pausenglocke eine auch noch so interessante Unterrichtsstunde abgebrochen wird, lernen die Kinder, "dass es keine Arbeit gibt, die es wert ist, zu Ende geführt zu werden" (S. 21). Irgendwann engagieren sie sich dann nicht mehr - oder nur noch scheinbar.
  4. Emotionale Abhängigkeit: Durch positive und negative Verstärkung, durch Lob und Strafe des Lehrers lernen die Schüler, "ihren Willen der vorherbestimmten Befehlskette zu unterwerfen" (S. 22).
  5. Intellektuelle Abhängigkeit: Die Lehrer sagen den Schülern, was sie denken und lernen sollen. So werden diese auch in Zukunft Hierarchien, mangelnde Autonomie und Unselbständigkeit akzeptieren.
  6. Labiles Selbstbewusstsein: Da die Leistungen und das Verhalten der Schüler fortwährend beurteilt werden, lernen die Kinder, sich der Bewertung durch andere Menschen zu unterwerfen, anstatt sich auf ihr eigenes Urteil zu verlassen.
  7. Man kann sich nicht verstecken: Kinder werden nicht nur in der Schule fortwährend beobachtet, sondern die Überwachung erstreckt sich auch indirekt auf die Familienzeit, da die Schüler dann die Hausaufgaben machen müssen.

Durch diese sieben Lektionen verhindert das Schulsystem systematisch die Selbstentfaltung, die Unabhängigkeit und das kritische Denken von Kindern (und späteren Erwachsenen): "Die Monopolschule ist die Dressureinrichtung der Bienenstockgesellschaft" (S. 93). Sie bringt Menschen dazu, widerspruchslos ihre Position im "Kastenwesen" zu akzeptieren, sich in die Hierarchie am Arbeitsplatz einzugliedern, unkritisch und eilfertig die erteilten Aufträge abzuarbeiten sowie eine zentrale Kontrolle der Gesellschaft zu akzeptieren.

John Taylor Gatto glaubt nicht, dass das Schulsystem reformiert werden könne. Er fordert den freien Wettbewerb im Bildungswesen, sodass Eltern neben den Staatsschulen zwischen alternativen Privat-, Handwerk- und Landwirtschaftsschulen wählen könnten - aber auch zwischen Angeboten einzelner Menschen: Jeder, der Freude am Unterrichten hat, sollte dies auch tun können. Besonders positiv sieht Gatto das Homeschooling, da es hier "wirkliche Kommunikation" in einer "echten Gemeinschaft" gäbe. Lernen sollte "im richtigen Leben" erfolgen und von selbst verwalteten lokalen Gemeinschaften organisiert werden: "An der Bildung der nächsten Generation sollten sich in jedem Gemeinwesen alle beteiligen: Firmen, Institutionen, alte Menschen und Familien" (S. 95).

In seinem provokanten Buch verdeutlicht John Taylor Gatto somit, dass das Schulsystem die kindliche Entwicklung eher negativ beeinflusst, der Anpassung dient und dadurch die gesellschaftlichen Machtverhältnisse zementiert. Er betont die große Bedeutung der Familie, deren Bildungsfunktion gestärkt werden solle.

Martin R. Textor