Österreich: der Kindergarten als Dienstleistungs- und Bildungseinrichtung

Martin R. Textor

 

In den letzten Jahren wird intensiv darüber diskutiert, dass Kindertageseinrichtungen Dienstleister seien, die den Erwartungen ihrer Kunden hinsichtlich Öffnungszeiten, Betreuungsqualität usw. genügen müssten. Gleichzeitig wird gefordert, dass sie sich viel intensiver der Bildung von Kleinkindern widmen sollen.

In den ersten beiden Teilen meines Artikels werde ich aufzeigen, wie diese beiden Diskussionsstränge entstanden sind und welche gesellschaftlichen Entwicklungen dahinter stehen. Im dritten Teil werde ich dann die Konsequenzen für Kindergärtner/innen beleuchten.

Der Kontext der Diskussion um die Dienstleistungseinrichtung "Kindergarten"

Bevölkerungsentwicklung

In allen europäischen Ländern zeichnet sich immer stärker eine Alterung der Bevölkerung ab, die Politik und Gesellschaft vor nahezu unlösbare Probleme stellen wird - und schon stellt. Während im Jahr 2001 der Anteil der 60-jährigen und älteren Menschen in Österreich 21,1% betrug, wird er voraussichtlich im Jahr 2030 auf 32,1% und im Jahr 2050 auf 36,0% ansteigen (Statistik Austria 2004a). Anders ausgedrückt: Derzeit ist jeder fünfte Österreicher im Pensionsalter; mittelfristig wird es jeder dritte sein. Im Jahr 2003 werden 654 ältere Menschen auf 1.000 Erwerbspersonen kommen.

Die Überalterung der Bevölkerung bedeutet für die Wirtschaft, dass die Nachfrage zurückgehen wird: Ältere Menschen haben weniger Bedürfnisse und konsumieren somit weniger. Viele haben Angst davor, dass sie später zum Pflegefall werden könnten, und sparen Geld anstatt es auszugeben. Folglich werden die Märkte langsamer wachsen oder sogar schrumpfen. Dann wird es sich für die Unternehmen weniger lohnen, in Österreich zu investieren - Kapital wird z.B. nach Nordamerika und Asien abwandern. Zugleich besteht die Gefahr, dass sich die Innovationskraft aufgrund des zunehmenden Durchschnittsalters der Beschäftigten verringern wird. Beide zuletzt genannten Entwicklungen könnten dann zu einer abnehmenden Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft auf dem Weltmarkt führen.

Eine zurückgehende Zahl von Beschäftigten - der Anteil der 15- bis 59-jährigen an der Bevölkerung wird von 62% (2001) auf knapp 52% (2050) fallen - und die geringere Wirtschaftsleistung werden vermutlich zu einem Rückgang beim Steueraufkommen führen. Das heißt, dass viele staatliche Leistungen in Zukunft nicht mehr finanzierbar sein werden.

Hinzu kommt, dass gleichzeitig die Krankenversicherungskosten sowie die Ausgaben für Pensionen bzw. Renten immer mehr steigen werden. Der Anstieg bei den Rentenausgaben wird noch dadurch verschärft werden, dass in den letzten Jahren immer mehr Frauen aufgrund ihrer Erwerbstätigkeit eigene Rentenansprüche erworben haben: Früher haben die meisten Paare im Seniorenalter von der Rente des Mannes gelebt; in absehbarer Zeit werden beide Partner eine eigene Rente haben. Schon 1999 kamen in Österreich 617 Pensionen auf 1.000 Beschäftigungsverhältnisse; 2030 werden es 878 Pensionen sein (Guger/ Mayrhuber o.J.). Es wird damit für die immer weniger werdenden Erwerbstätigen zunehmend schwieriger werden, über ihre Versicherungsbeiträge die Pensionen zu finanzieren. Ein kontinuierlicher Anstieg der Beiträge würde zudem die Kaufkraft reduzieren und damit zu weniger Konsum und noch weniger Wirtschaftswachstum führen.

Eine Lösung wird sicherlich das Einfrieren oder Kürzen der Pensionen sein - in der Bundesrepublik Deutschland werden 2004 zum ersten Mal die Nettorenten niedriger sein als im Vorjahr. Politiker/innen werden aber nur begrenzt diese Möglichkeit wählen, wenn mehr als ein Drittel aller Wähler 60 Jahre und älter sind. Ferner wird die Steigerung der Erwerbstätigenrate durch den früheren Eintritt in das Erwerbsleben sowie durch ein höheres Pensionseintrittsalter diskutiert. Auch hier stößt die Politik an Grenzen, da immer mehr junge Menschen nach hochwertigen Bildungsabschlüssen streben und somit immer später für die Arbeitswelt zur Verfügung stehen, und da die Wirtschaft an älteren Arbeitnehmer/innen wenig interessiert ist. Selbst wenn die Altersgrenze auf 65 Jahre heraufgesetzt würde, kämen 2030 immer noch 529 alte Menschen auf 1.000 Erwerbspersonen (a.a.O.). Zuwanderung wird wahrscheinlich auch keine Lösung sein, da alle anderen europäischen Länder - und seit neustem sogar die Türkei - ebenfalls eine zu niedrige Geburtenrate haben und somit die Zuwanderer aus Asien, Afrika oder Lateinamerika kommen müssten. Abgesehen von deren fraglichen Qualifikation wird die Integrationskraft einer alternden Bevölkerung zu gering sein - zumal Hunderttausende von Zuwanderern aufgenommen werden müssten, um die zurückgehende Zahl der österreichischen Erwerbspersonen zu kompensieren.

Natürlich ließe sich die Erwerbstätigenquote auch durch Geburtenförderungsmaßnahmen und eine Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit erhöhen. Ersteres wird aber von allen europäischen Ländern abgelehnt: Zum einen erinnert das zu sehr an die Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten, zum anderen fehlt das Geld für eventuell erfolgversprechende Maßnahmen. Eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote wird jedoch in nahezu allen Ländern versucht. Und da es vor allem um junge Frauen geht, kommt hier die Kindertagesbetreuung ins Spiel: Kindergärten und andere Tageseinrichtungen sollen jungen Müttern mindestens eine Teilzeit-, möglichst eine Vollzeitbeschäftigung ermöglichen.

Frauen- und Müttererwerbstätigkeit

Beispielsweise ist in Oberösterreich die Erwerbsquote von Frauen zwischen 15 und 59 Jahren in den letzten zehn Jahren um 1,6% pro Jahr gestiegen und lag im Jahr 2001 bei 65,4% (Land Oberösterreich 2002). Männer waren hingegen zu 85,9% erwerbstätig. Es gibt somit eine "Beschäftigungsreserve" von rund 20% aller Frauen dieser Altersgruppe. Hinzu kommt, dass 34% der erwerbstätigen Oberösterreicherinnen im Jahr 2001 Teilzeit arbeiteten (gegenüber 2% der Männer). Sie bilden ein zusätzliches Potenzial, wenn es gelänge, sie ganztags zu beschäftigen.

Offensichtlich ist, dass Nichterwerbs- und Teilzeittätigkeit mit Mutterschaft zusammenhängen:

  1. Bei 25- bis 29-jährigen Frauen lag die Erwerbsquote 2001 bei 81%, sackte dann ab, stieg ab dem 35. Lebensjahr wieder an und erreichte bei 40-jährigen fast wieder den Höchststand.
  2. Zwei Drittel der erwerbstätigen Oberösterreicherinnen mit mindestens einem Kind unter 15 Jahren bzw. drei Viertel der Mütter mit zwei und mehr Kindern arbeiteten Teilzeit - gegenüber 15% der Frauen ohne Kinder unter 15 Jahren.

Viele dieser Mütter wären wahrscheinlich bereit, Vollzeit erwerbstätig zu werden. Bei der 1999 veröffentlichten Studie "Familien in Oberösterreich" zeigte sich jedoch, dass in der unzureichenden Kindertagesbetreuung eine zentrale Barriere im Hinblick auf eine mögliche (Voll-) Erwerbstätigkeit liegt: So meinten 58% der Mütter, dass die Öffnungszeiten der Kindergärten die Erwerbstätigkeit von Müttern erschweren, und 43% waren der Meinung, dass es schwierig sei, einen Krippenplatz oder eine Tagesmutter für jüngere Kinder zu finden (nach Kränzl-Nagl 2000). Bei einer aktuelleren Befragung von 2.000 Österreicher/innen im Alter von 20 bis 65 Jahren durch das Institut für Demographie forderten 2001 sogar 76% der Befragten einen Ausbau der Betreuungseinrichtungen für Kinder unter drei Jahren (beziehungsweise vom 26.01.2004).

Könnten Frauen nach der Geburt eines Kindes (voll-) erwerbstätig bleiben, würden auch ihre Ängste vor beruflichen Nachteilen gemindert - immerhin rechneten bei der gerade erwähnten Studie "Familien in Oberösterreich" 73% der Mütter mit Einschränkungen der Aufstiegsmöglichkeiten wegen der Kinder. Gerade hoch qualifizierte Frauen verzichten deswegen besonders oft auf Kinder. Bei einer guten Kinderbetreuung könnten sie aber Karriere und Familie vereinbaren. Eine solche Entwicklung würde - längerfristig gesehen - auch die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern reduzieren: Im Jahr 2000 lag das mittlere Netto-Jahreseinkommen der Oberösterreicherinnen laut Arbeiterkammer OÖ (Pressekonferenz vom 27.08.2002) um 8.694 Euro unter dem der Männer.

Wünsche nach mehr und längeren Kinderbetreuungsangeboten werden in Deutschland - und sicherlich auch in Österreich - derzeit von der Wirtschaft lauthals unterstützt. Je kürzer Frauen nach der Geburt eines Kindes aus dem Erwerbsleben ausscheiden und je weniger Frauen Teilzeit arbeiten, umso mehr rechnen sich nämlich die Investitionen der Arbeitgeber in deren Aus- und Fortbildung. Zugleich werden die Ausgaben für die "Ersatzbeschaffung" geringer: So können die Kosten für die Suche und das Einarbeiten einer neuen Mitarbeiterin, die eine Kollegin in Elternkarenz vertreten soll, bei hoch qualifizierten Stellen in die Zigtausende gehen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat sogar ausgerechnet, dass im Bereich der Einkommensteuer 6 Milliarden Euro und im Bereich der Sozialversicherungen 8,9 Milliarden Euro mehr eingenommen werden würden, wenn alle erwerbswilligen Mütter mit Kindern ohne bisherige ganztägige Betreuung infolge des Ausbaus der Kinderbetreuung erwerbstätig würden (laut Pressemitteilung Nr. 18 des BMFSFJ vom 15.01.2003). Da hierfür zusätzliches Personal in Kindertageseinrichtungen benötigt würde und dieses Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge entrichten müsse, kämen zusätzlich noch 1,3 bzw. 4,4 Milliarden Euro dazu. Außerdem würden die Kommunen 1,5 Milliarden Euro sparen, wenn alle allein Erziehenden mit Kindern unter 13 Jahren, die Sozialhilfe beziehen, eine Berufstätigkeit aufnehmen würden. Solche zusätzlichen Einnahmen und Kosteneinsparungen wären in den kommenden Jahren natürlich besonders willkommen, wenn die Ausgaben für die Pensionäre aufgrund der Bevölkerungsentwicklung ansteigen.

Kinderbetreuung als Dienstleistung

Wir erleben derzeit also eine starke "Ökonomisierung" der Diskussion um Kindertagesbetreuung. Diese wird zunehmend als Dienstleistung gesehen, wobei sich die "Anbieter" an den Wünschen der "Kunden" orientieren sollen: Es werden vermehrt Betreuungszeiten von acht Stunden und länger gefordert, aber auch mehr Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren und für Schulkinder. Immer häufiger wird ein Betreuungsbedarf am frühen Abend und am Samstag formuliert.

Die Österreicher/innen erkennen durchaus an, dass die Politik in den letzten Jahren viel hinsichtlich der Verbesserung der Kinderbetreuung geleistet hat, wie die bereits erwähnte Befragung des Instituts für Demographie von 2001 zeigte. So ist es nicht verwunderlich, dass die regierenden Parteien den Bedarf an mehr Kinderbetreuungsangeboten weitgehend negieren. Beispielsweise wird in der NÖ Landeskorrespondenz vom August 2002 berichtet: "Niederösterreich hat im Großen und Ganzen eine Vollversorgung in der Kinderbetreuung. Laut einer Studie, die im Auftrag von Landeshauptmannstellvertreterin Liese Prokop vom Österreichischen Institut für Familienforschung durchgeführt und kürzlich in St. Pölten vorgestellt wurde, liegt die Auslastungsrate der Kindergärten derzeit bei durchschnittlich 76 Prozent. Bei den dreijährigen Kindern beträgt die Zahl der im Kindergarten Angemeldeten 76 Prozent, bei den Vierjährigen 100 Prozent und bei den Fünfjährigen 97 Prozent des jeweiligen Geburtsjahrganges. Unter dreijährige Kinder gibt es knapp 45.000, die eine Betreuung in Anspruch nehmen könnten. 'Die Praxis zeigt allerdings, dass hier der Bedarf nicht so groß ist. So werden für die unter Einjährigen fast keine, für die Ein- bis Zweijährigen ein Prozent und für die Zwei- bis Dreijährigen zehn Prozent der Betreuungsmöglichkeiten in Anspruch genommen', erläuterte Prokop. Auch die kostenpflichtige Nachmittagsbetreuung im Kindergarten werde wenig in Anspruch genommen, hier seien die Tagesmütter beliebter" (http://www.familienpass.at/archiv/meld995.html). Und Der Standard berichtete am 07.11.2003 unter der Überschrift "Kinderbetreuung: Kampf um Zahlen": "Die Regierung glaubt die Zahlen über fehlende Kinderbetreuungsplätze nicht wirklich und will nun den Bedarf erheben. ... Denn, so weiß Frauenministerin Maria Rauch-Kallat zu erzählen: 'Die Zahlen über fehlende Kinderbetreuungsplätze haben schon vor zehn Jahren, als ich Familienministerin war, nicht gestimmt. In Salzburg sind etwa derzeit 1600 Kinderbetreuungsplätze frei.'" Gleichzeitig wird aber von einer von Familienstaatssekretärin Ursula Haubner in Auftrag gegebenen Studie der Statistik Austria berichtet, nach der für 90.000 Kinder zusätzliche Betreuung gewünscht wird. Die größten Mängel beständen bei der Kinderbetreuung für Kinder im Pflichtschulalter - hier würden 46.500 Plätze fehlen. Dem wurde gleich von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer widersprochen, die damit rechnet, dass die nun beschlossene Erhebung einen Bedarf von 10.000 zusätzlichen Plätzen für Nachmittagsbetreuung an den Schulen ergeben wird".

Unabhängig davon, wie man den Bedarf misst, liegen die Versorgungsquoten in Österreich ein wenig unter denen in Deutschland (Statistik Austria 2004b; Textor 2003). Während Ende 2002 rein rechnerisch 90% der deutschen 3- bis unter 6 ½-jährigen die Möglichkeit hatten, einen Kindergarten zu besuchen, galt dies z.B. in Österreich für 61,6% der 3-jährigen, 88,4% der 4-jährigen, 93,6% der 5-jährigen und 12,9% der 6-jährigen. Die Versorgungsquote für Unter-3-jährige betrug in Deutschland 8,5% (nur Krippenplätze); in Österreich 5,6% bei den 1-jährigen und 19,9% bei den 2-jährigen. Für 14% der deutschen Schulkinder standen Hortplätze zur Verfügung; in Österreich scheint dies für 7% zu gelten (die Statistiker scheinen von unterschiedlichen Bezugsgrößen bei "Schulkindern" auszugehen).

In Deutschland werden diese Versorgungsquoten als zu niedrig empfunden; sie sind in anderen europäischen Ländern höher. Zudem gibt es in Deutschland wie in Österreich regionale Unterschiede; d.h., die Versorgung ist auf dem Land schlechter als in den Städten. Hinzu kommt, dass die Betreuungszeiten in vielen deutschen Einrichtungen recht kurz sind; beispielsweise stand 2002 nur für 33% der Kindergartenkinder ein Ganztagsplatz zur Verfügung (Textor 2003). Hingegen öffnen z.B. in Oberösterreich rund drei Viertel aller Kindergärten ganztags (1998/99: 63,0% ohne Unterbrechung und 14,1% mit Mittagspause; laut Kränzl-Nagl 2000). Aber auch hier dürfte es für Mütter schwierig sein, eine Vollerwerbstätigkeit mit den Öffnungszeiten der Kindergärten zu vereinbaren.

Meines Erachtens gibt es also auch in Österreich einen Bedarf an mehr Kinderbetreuungsangeboten für Unter-3-jährige und Schulkinder sowie einen Bedarf an längeren Öffnungszeiten. So gaben in einer 1999 vom Amt der Oö. Landesregierung veröffentlichten Erhebung über die Öffnungszeiten von Kindergärten in Oberösterreich rund 19% der befragten Eltern (absolut 5.183 Personen) an, dass sie andere Öffnungszeiten benötigen würden. Erwerbstätige und allein erziehende Elternteile waren mit den Öffnungszeiten von Kindergärten durchgehend weniger zufrieden als die jeweilige Vergleichsgruppe (nach Kränzl-Nagl 2000). Die bereits erwähnte aktuellere Mikrozensus-Erhebung über Kinderbetreuung in Österreich, bei der der Bedarf an außerfamilialer Kinderbetreuung sowie die Zufriedenheit der Eltern mit den Einrichtungen bei ca. 30.000 Haushalten erfragt und auf ganz Österreich hochgerechnet wurde, ergab, dass für 89.400 Kinder unter 15 Jahren aus der Sicht der Eltern der Bedarf an Betreuungsplätzen nicht gedeckt sei (beziehungsweise vom 18.09.2003). Der quantitativ größte Mangel bestand bei Kindern im Pflichtschulalter. Hier wäre eine Anhebung der Betreuungsquote von 15,8% auf 19,1% erforderlich. Bei Unter-3-jährigen müsse die Betreuungsquote von rund 10% (22.800 Kinder) auf 16% erhöht werden. "Als besonders problematisch empfinden die Eltern die starren Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen, die den flexibler werdenden Erwerbszeiten der Eltern gegenüberstehen. Ebenso erschweren die ferienbedingten Schließzeiten einiger Kindergärten und schulischer Einrichtungen (bis zu 13 Wochen im Jahr) die Vereinbarkeit von Familie und Erwerb. Außerdem würden sich viele Eltern auch verlängerte Öffnungszeiten tagsüber wünschen. Kinderbetreuungseinrichtungen, die vor acht Uhr morgens öffnen, eine Betreuung auch über Mittag und länger am Abend anbieten, kämen den Arbeitszeiten der Eltern entgegen" (a.a.O.).

Als Ergebnis des ersten Teils meines Artikels ist somit festzuhalten: Die öffentliche Diskussion um Kindertagesbetreuung als Dienstleistung erfolgt vor allem aus bevölkerungs-, arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitischer Perspektive, aber auch die Gleichstellungspolitik spielt eine Rolle (Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Arbeitswelt). Dies spiegelt sich in den Wünschen der Eltern nach mehr Kinderbetreuungsangeboten für Kleinst- und Schulkinder sowie nach längeren Öffnungszeiten wider. Aus finanzpolitischen Gründen wird derzeit die Erweiterung des Angebots weitgehend blockiert. Die Bevölkerungsentwicklung und die zunehmende Zahl spätnachmittags, abends und samstags beschäftigter Eltern, die immer selbstbewusster ihre Wünsche äußern, werden aber vermutlich in den nächsten Jahren zu einer Anpassung des Angebots an den Bedarf führen.

Der Kontext der Diskussion um die Bildungseinrichtung "Kindergarten"

Derzeit befinden wir uns in einer Übergangsphase von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft. Die Bedeutung der Produktivkräfte Arbeit und Kapital nimmt ab, während Wissen immer wichtiger wird - es ist das "kulturelle Kapital" unseres Landes. Durch die schon jetzt mehr als 6.000 Einzeldisziplinen umfassenden Wissenschaften wird immer mehr Wissen produziert werden. Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung werden weiter steigen. Die Globalisierung wird immer mehr zum Motor für die Entwicklung von Wissen werden, da die österreichische Wirtschaft nur durch Wissen auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig bleiben kann.

Die Menschen werden sich immer intensiver mit Informationen befassen; der Zugang zu ihnen wird durch neue Technologien weiter erleichtert werden. Wer hier den Anschluss verpasst, wird nur noch geringe berufliche Chancen haben: Niedriger qualifizierte Stellen werden immer seltener werden. Aber auch hoch qualifizierte Arbeitnehmer/innen werden immer wieder neue, anspruchsvollere Tätigkeiten übernehmen müssen - z.B., wenn ihre Aufgaben "billigeren" Fachkräften in außereuropäischen Ländern übertragen werden: Schon jetzt wird beispielsweise ein Großteil der Computersoftware in Südasien erstellt, sendet das öffentliche Gesundheitswesen in Großbritannien bereits Röntgenbilder zur Analyse nach Indien. Diese Tendenzen werden in Zukunft stärker werden - viele hiesige Arbeitnehmer/innen werden ihre Stelle nur dann behalten, wenn sie besser qualifiziert als die ausländische Konkurrent/innen sind und mehr Leistung erbringen.

Der Wirtschaftsstandort Österreich ist somit hinsichtlich seiner Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt in extrem hohem Maße auf die Bildung, das Wissen und die Kreativität seiner Bürger/innen angewiesen. Auch können die aus der Bevölkerungsentwicklung resultierenden zukünftigen Herausforderungen nur gemeistert werden, wenn die Leistungsfähigkeit und Produktivität der Erwerbstätigen kontinuierlich zunehmen. Nur wenn ihr Einkommen kontinuierlich ansteigt, werden die Arbeitnehmer/innen bereit sein, die durch die Alterung der Gesellschaft bedingten wachsenden Ausgaben für Pensionen und Gesundheit aufzufangen.

In Europa zeichnet sich ab, dass nahezu alle Länder zu wenig auf die Globalisierung und die sich abzeichnende Wissensgesellschaft vorbereitet sind. Beispielsweise berichtet Der Standard vom 25.03.2003, dass in der EU auf 1.000 Erwerbstätige 5,36 Wissenschafter/innen kommen, in den USA aber 8,66 und in Japan 9,72. Noch immer wandern viele junge Akademiker/innen aus Europa in die USA ab, da sie dort bessere Arbeitsbedingungen haben, mehr Aufstiegschancen erhalten und ein höheres Einkommen erzielen. Die Europäische Kommission hat errechnet, dass in der EU 500.000 zusätzliche Forscher/innen benötigt werden, um das EU-Ziel einer durchschnittlichen europäischen Forschungsquote von 3% bis 2010 zu erreichen (a.a.O.).

In diesem Zusammenhang gilt es als besonders problematisch, dass das Bildungssystem in vielen europäischen Ländern nicht konkurrenzfähig ist. PISA, IGLU und andere Untersuchungen haben aufgezeigt, dass z.B. deutsche Grund- und Sekundarschüler schlechtere Leistungen in Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften erbringen als Gleichaltrige in nord- und außereuropäischen Ländern. Auch würde europaweit zu wenig Motivation für die Beschäftigung mit den in der Wissensgesellschaft besonders wichtigen Themen geweckt. So zeigte z.B. eine Eurobarometer-Studie, dass 67,3% der Jugendlichen in Europa naturwissenschaftlichen Unterricht als nicht besonders interessant finden und 53,4% sich wenig für wissenschaftliche Themen interessieren (a.a.O.).

Seitens der Wirtschafts- und Bildungspolitik wird nun gefordert, dass das Bildungssystem so reformiert werde, dass mehr junge Menschen höherwertige Schul-, Hochschul- und Berufsabschlüsse erwerben und dieses möglichst in kürzerer Zeit als bisher schaffen. Zugleich solle generell die Qualität der Bildung verbessert werden. In diesem Kontext wird von Kindertagesstätten gefordert, dass sie sich mehr als Bildungseinrichtungen verstehen müssten. Es wird hier auf neuere Ergebnisse der Hirnforschung verwiesen, die die Bedeutung der ersten Lebensjahre aufgezeigt und deutlich gemacht hätte, wie viel durch eine gute Förderung von Kleinkindern erreicht werden kann.

Der Kindergarten als Bildungseinrichtung

Nach Veröffentlichung der PISA-Studie fordern jetzt auch die meisten deutschen Politiker/innen "mehr Bildung" in Kindertageseinrichtungen. Außerdem müssten Kindertagesstätten noch neue, zusätzliche Aufgaben wie z.B. die Durchführung von Sprachlernprogrammen für ausländische Kleinkinder, die Vermittlung mathematisch-naturwissenschaftlicher Kenntnisse oder die Förderung von "Literacy" übernehmen, damit die "Bildungskatastrophe" bewältigt werden könne.

In den meisten Bundesländern werden jetzt Leitlinien für die Bildung in Kindertageseinrichtungen entwickelt. Beispielsweise hat das Staatsinstitut für Frühpädagogik vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Frauen den Auftrag erhalten, einen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder unter sechs Jahren zu entwickeln. Er umfasst in seiner gegenwärtigen Fassung zwei Teile mit insgesamt 320 Seiten (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen/ Staatsinstitut für Frühpädagogik 2004): Im Allgemeinen Teil werden z.B. das Bild vom Kind und das Verständnis von Bildung erläutert sowie Zielsetzung, Aufbau und Praxiserprobung des Plans benannt. Im II. Teil werden die bei Kleinkindern zu fördernden personalen, kognitiven, lernmethodischen, motivationalen, sozialen und Orientierungskompetenzen beschrieben. Zudem werden die klassischen und die neuen thematischen Schwerpunkte frühpädagogischer Förderung detailliert dargestellt - von der Sprachförderung über die Medien-, Musik-, Gesundheits- und Bewegungserziehung bis hin zur ästhetischen, religiösen, mathematisch-naturwissenschaftlichen und Umweltbildung.

Auch in Österreich werden die Bildungsfunktion von Kindergärten und die Qualität der dort geleisteten Arbeit vermehrt thematisiert. So wurde ein neues Bildungskonzept vom Charlotte Bühler-Institut der Universität Wien unter Beachtung der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen und auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse erarbeitet (Hartmann et al. 2000). Es betont die Autonomie der kindlichen Persönlichkeit und spricht dem Kleinkind ein hohes Maß an Kompetenz, Selbststeuerung und Kritikfähigkeit zu. So lerne das Kind eigenständig durch die aktive Teilhabe am Geschehen im Kindergarten und sei "Regisseur" seiner Entwicklung. Die Erfahrungen, die es in verschiedenen Alltagssituationen mache, führten zur Entwicklung von Selbst-, Sozial- und Sachkompetenz. Deshalb seien Alltagssituationen wertvolle Bildungssituationen, die von der Kindergartenpädagogin pädagogisch genutzt werden sollten.

Das Kernstück des neuen Bildungskonzepts ist der Transaktionsansatz, mit dessen Hilfe es gelingt, die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Kind, Erzieherin und der Lebenswelt Kindergarten zu verstehen. Im Vordergrund steht nicht ausschließlich das Erreichen von bestimmten Bildungszielen, sondern vielmehr die Qualität der transaktionalen Lernprozesse. Neulinger (2000) schreibt: "Die folgenden transaktionalen Prozesse sind ... Grundlage für die pädagogische Arbeit:

  • Objektivieren: Das Kind orientiert sich an der Realität und erfährt von den Eigengesetzlichkeiten der Welt, es muss sich an seine Umwelt anpassen.
  • Subjektivieren: Das Kind passt sich die Umwelt an die eigenen Bedürfnisse an. Prozesse des Subjektivierens stärken die Identität des Kindes und schützen vor Entfremdung.
  • Aneignen: Betrifft das Wahrnehmen, Lernen und Verinnerlichen, sowie das 'Konsumieren' von Gütern.
  • Vergegenständlichen: Bezieht sich auf Mitgestalten, Mitbeteiligen und das Schaffen von Produkten. Wenn Kinder vergegenständlichen können, erleben sie sich als Gestalter und Erfinder und gewinnen dadurch Macht und Kontrolle über ihre Umwelt".

Das Charlotte Bühler Institut erarbeitet derzeit auch ein Feststellungsverfahren zur pädagogischen Qualität in österreichischen Kindergärten und Kinderkrippen.

Während von den deutschen Erzieher/innen mehr Bildungsarbeit trotz gleich bleibender oder sich sogar verschlechternder Rahmenbedingungen gefordert wird, würde zumindest in Oberösterreich ein ganz zentraler Faktor verbessert: Das Mitte April 2002 beschlossene Oberösterreichische Kindergarten- und Hortgesetz sah eine schrittweise Senkung der Kinderhöchstzahl auf 23 Kinder pro Gruppe bis zum 1. September 2003 vor. Zugleich wurde die Mindestkinderzahl auf 10 Kinder gesenkt.

Als Ergebnis des zweiten Teils meines Artikels ist festzuhalten: Auch die öffentliche Diskussion über die Bildungsfunktion von Kindergärten wurde von außen angestoßen. Sie wird vorwiegend aus einer wirtschafts- und bildungspolitischen Perspektive geführt. Als Reaktion wurden u.a. neue Bildungskonzepte und Qualitätssicherungsverfahren entwickelt, in Deutschland auch Bildungspläne.

Konsequenzen für Kindergartenpädagoginnen

Auffallend ist, dass sowohl die Diskussion über den Kindergarten als Dienstleistungsunternehmen als auch die Diskussion über den Kindergarten als Bildungseinrichtung weitgehend außerhalb des Praxisfeldes entstanden und stark durch wirtschafts-, arbeitsmarkt- und bevölkerungspolitische Argumente geprägt sind. Kindergärtner/innen beteiligten sich - wie üblich, muss man leider sagen - bisher wenig an der öffentlichen (politischen) Diskussion. So besteht die Gefahr, dass sie von den Entwicklungen "überrollt" werden und einerseits zu Leidtragenden, andererseits zu Sündenböcken werden.

Seitdem in Deutschland die Kindertagesstätte als Dienstleistungseinrichtung betrachtet wird, wird im Kita-Bereich nur noch gekürzt. Ökonomisch gesehen ist nämlich Kunde derjenige, der für die Dienstleistung bezahlt. Das sind weniger die Eltern, sondern Land, Kommune und Träger, die z.B. in Bayern weit über 80% der Kosten aufbringen. Und wie jeder Kunde haben sie Interesse, viel für wenig Geld zu bekommen. Deshalb wurden vielerorts die Öffnungszeiten verlängert, Schichtdienste eingeführt, die Ferienzeiten verkürzt, die Gruppengrößen heraufgesetzt und nur noch unqualifizierte Zweitkräfte eingestellt. Das ist schließlich billiger...

So besteht m.E. die Gefahr, dass auch die Umsetzung der vorgenannten Wünsche von Eltern, Wirtschaft und Politik nach mehr Kinderbetreuungsangeboten für Unter-3-jährige und Schulkinder sowie nach längeren Öffnungszeiten auf Kosten der Kindergärtner/innen erfolgen könnte. Beispielsweise könnte (noch mehr) Schichtdienst eingeführt oder die Versorgungsquote bei Unter-3-jährigen durch deren Aufnahme in weit altersgemischte Gruppen ohne eine angemessene Reduktion der Erzieher/in-Kind-Relation verbessert werden.

In diesem Kontext ist zum einen zu bedenken, dass durch die bereits beschriebene Bevölkerungsentwicklung der auf Staat und Kommunen lastende Kostendruck immer größer werden wird. Zum anderen wird durch die zurückgehenden Kinderzahlen die Verhandlungsposition der Kindergärtner/innen immer mehr geschwächt. Der Konkurrenzkampf um Anmeldungen und damit um den Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes kann natürlich dadurch gewonnen werden, dass der eigene Kindergarten mehr Unter-3-jährige aufnimmt oder die Öffnungszeiten ausweitet, ohne dass dafür mehr Personal eingestellt oder die Erzieher/in-Kind-Relation verbessert wird.

Auch die Umsetzung des Bildungsauftrags kann auf Kosten der Kindergärtner/innen - und der Kinder (!) - gehen:

  1. Kindergärtner/innen müssen nahezu ihre gesamte Arbeitszeit in der Kindergruppe verbringen. Die knappe Verfügungszeit reicht schon längst nicht mehr für Teamsitzungen, Elterngespräche, Büroarbeit und die Vorbereitung von Beschäftigungsangeboten aus. So mangelt es schlichtweg an Zeit, um Bildungsangebote zu planen und zu evaluieren, die Entwicklungsfortschritte einzelner Kinder zu erfassen und zu dokumentieren, sich neue Kompetenzen wie z.B. den Umgang mit Lernprogrammen anzueignen usw. Die Bildungsarbeit kann somit nur verbessert werden, wenn Kindergärtner/innen in zunehmendem Maße die gerade genannten Aufgaben in ihrer Freizeit erledigen.
  2. Kindergärtner/innen sind im Vergleich zu Fachkräften in anderen hoch entwickelten Ländern am schlechtesten qualifiziert. Dort werden Fachkräfte für vorschulische Einrichtungen an Universitäten oder auf Fachhochschulniveau ausgebildet, haben sie zumeist den Status von Lehrer/innen.
  3. Wegen der zurückgehenden Kinderzahl müssen Kindergärten vermehrt Säuglinge, 1- bzw. 2-jährige oder Schulkinder aufnehmen. Dementsprechend gibt es immer mehr Kindertagesstätten mit einer breiten Altersmischung, also mit 1- bis 6-jährigen oder gar mit 1- bis 12-jährigen in den Gruppen. Dies dürfte ein pädagogisches Arbeiten sehr erschweren. Welcher Lehrer wäre bereit und in der Lage, eine Klasse mit acht Altersjahrgängen zu "bilden"? Schließlich wurden Dorfschulen aus gutem Grund abgeschafft...
  4. Viele Kindergärten haben einen Ausländeranteil von 25% und mehr. Hier erschweren mangelnde Sprachkenntnisse die pädagogische Arbeit mit den Kindern. Hinzu kommt, dass sich die Deutschkenntnisse ausländischer Kleinkinder in den letzten Jahren verschlechtert haben und durch ihre Massierung in einzelnen Kindertageseinrichtungen die Gefahr größer geworden ist, dass sie dort miteinander in ihrer Muttersprache sprechen.

Dies bedeutet m.E., dass der Kita-Bereich derzeit wenig zur Bewältigung der "Bildungskatastrophe" beitragen kann - oder höchstens dann, wenn hoch motivierte Kindergärtner/innen viel Freizeit in die Vorbereitung von bildenden Aktivitäten und andere hier relevante Tätigkeiten investieren würden. Eine besonders problematische Situation entstände, wenn in einigen Jahren z.B. mit den gerade entwickelten Feststellungsverfahren ermittelt würde, dass die neuen Bildungskonzepte und Bildungspläne zu keiner Verbesserung der Bildungsqualität in den Kindergärten geführt haben. Dann bestände die Gefahr, dass die Kindergärtner/innen zu Sündenböcken gemacht werden.

Auswege aus dem Dilemma

Ein Ausweg wäre, wenn Kindergärtner/innen öffentlich verstärkt eine Verbesserung der Aus- und Fortbildung sowie der Rahmenbedingungen fordern würden: So sollte die Gruppengröße reduziert, die Verfügungszeit verlängert und ein Unterstützungssystem für Kindertagesstätten geschaffen werden. Dies müsste umgehend geschehen, da der Kostendruck bei Staat und Kommunen aufgrund der skizzierten Bevölkerungsentwicklung in den nächsten Jahren immer mehr zunehmen wird. In diesem Zusammenhang könnte auf die Forderung des Netzwerks Kinderbetreuung der Europäischen Kommission (1996) verwiesen werden, dass die Mitgliedsstaaten der EU mindestens 1% des Bruttoinlandprodukts zur Gewährleistung einer qualitativ hochwertigen Kindertagesbetreuung bereitstellen sollten - in Deutschland werden derzeit weniger als 0,5% des BIP hierfür ausgegeben. Für Österreich dürfte Ähnliches gelten.

Ein anderer Ausweg wäre, wenn sich Kindergärtner/innen mehr an Lehrer/innen orientieren würden. Auch die Schulen sollten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicherstellen, also z.B. verlässliche Öffnungszeiten haben. In Deutschland bestand die Schule jedoch im Gegensatz zum Kindergarten darauf, dass sie eine reine Bildungseinrichtung sei und die vorrangige Aufgabe der Lehrer/innen das Unterrichten ist. Ergebnis: Die Kinderbetreuung vor und nach dem Unterricht übernehmen Hausmeister, Eltern, Hilfskräfte auf 400-Euro-Basis usw. Die Lehrer/innen haben weiterhin den ganzen Nachmittag als Vorbereitungszeit und dieselben Arbeitszeiten wie zuvor.

Kindergärtner/innen müssten somit selbstbewusst auftreten, sich mit Eltern verbünden und ihre Forderungen so laut stellen, dass Medien und Politik sie nicht ignorieren können. Sie müssten deutlich machen, dass ihre Aufgabe in erster Linie das Erziehen und Bilden von Kleinkindern ist. Sie müssten ihre Grenzen offen benennen und Tätigkeiten verweigern, die sie von dieser Aufgabe ablenken, ihnen die hierfür benötigte Zeit rauben oder sie überfordern.

Als Ergebnis des dritten Teils meines Artikels ist somit festzuhalten: Kindergärtner/innen sollten die derzeitige Diskussion um die Intensivierung der Bildung in Kindertagesstätten nutzen, um den Dienstleistungsgedanken zurückzuweisen und Kindergärten als Bildungseinrichtungen analog zu Schulen zu definieren. Dies scheint mir der einzige Weg zu sein, um eine Überlastung durch immer länger werdende Öffnungszeiten und zusätzliche Aufgaben zu reduzieren und ein eventuelles Scheitern bei den Bemühungen um eine bessere Bildungsqualität zu verhindern. Zugleich müsste eine Verbesserung der Aus- und Fortbildung sowie der Rahmenbedingungen eingefordert werden. All dies wäre sicherlich auch im Sinne der Kinder...

Literatur

Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen/ Staatsinstitut für Frühpädagogik (Hrsg.): Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. Entwurf für die Erprobung. Weinheim: Beltz 2004

Guger, A., Mayrhuber, C.: Erwerbsbeteiligung und Alterssicherung. Auswirkungen der Arbeitsmarktentwicklung auf die Pensionsquote. http://www.nachhaltigkeit.at/bibliothek/pdf/wifo_alterssicherung.pdf, o.J.

Hartmann, W., Stoll, M., Chisté, N., Hajszan, M.: Bildungsqualität im Kindergarten. Transaktionale Prozesse, Methoden, Modelle. Wien: öbv & hpt 2000

Kinderbetreuung am Prüfstand - Verfügbarkeit, Inanspruchnahme, Defizite. beziehungsweise 19/03 vom 18.09.2003

Kränzl-Nagl, R.: Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In: Land Oberösterreich (Hrsg.): Oö Familienbericht 2000, Linz: Selbstverlag 2000, S. 79-91

Land Oberösterreich/Abteilung Statistik: Frauenerwerbsquote 2002. Linz: Selbstverlag 2002

Netzwerk Kinderbetreuung und andere Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen und Männer der Europäischen Kommission: Qualitätsziele in Einrichtungen für kleine Kinder. Vorschläge für ein zehnjähriges Aktionsprogramm. Ohne Ort: Selbstverlag, Januar 1996

Neulinger, M.: Neues Bildungskonzept für den Kindergarten des 21. Jahrhunderts. http://www.cloe.at/2000/ausgabe/3/neulinger.pdf

So denkt Österreich über Familienpolitik. beziehungsweise 02/04 vom 26.01.2004

Statistik Austria: Bevölkerungsentwicklung 2001-2050, http://www.statistik.at/fachbereich_03/bevoelkerung_tab3.shtml, 2004a

Statistik Austria: Kinderbetreuungsquoten 2002. http://www.statistik.at/fachbereich_03/bildung_tab9a.shtml, 2004b

Textor, M.R.: Kindergärten in Deutschland: Statistisches. http://www.kindergartenpaedagogik.de/495.html, 2003 (dieser Artikel wurde inzwischen mehrfach aktualisiert)