Innovative Ansätze der Elternarbeit

Martin R. Textor

 

In den letzten Jahrzehnten hat es im Kindergartenbereich eine pädagogische Modewelle nach der anderen gegeben, wurden immer wieder neue Konzepte eingeführt und andere Schwerpunkte gesetzt. Viele Erzieher/innen sind mehr oder minder kritiklos auf den jeweiligen Zug aufgesprungen, nur um ein oder zwei Jahre später zu entdecken, dass ihr Zug auf einem Abstellgleis gelandet ist und schon längst modernere Züge abgefahren sind. Und so hechelten sie der neuen Mode hinterher.

Deshalb ist es mir besonders wichtig, dass wir von Zeit zu Zeit inne halten und uns bewusst machen, was an unserer Arbeit positiv und gut ist. Können wir mit unserer Leistung zufrieden sein, sollten wir bei neuen Moden oder so genannten Innovationen zunächst prüfen, ob sie wirklich unsere Arbeit bereichern und für die uns anvertrauten Kinder förderlich sind. Auch sollten wir uns fragen, ob das Umsetzen der neuen Ideen aufgrund des damit verbundenen Zeit- und Energieaufwand auf Kosten anderer und von uns positiv beurteilter Tätigkeiten geht. Das schützt uns auch am besten vor Extremen - schließlich geht es in der Bildung und Erziehung von Kleinkindern um deren allseitige Förderung.

Auf unser Thema bezogen: Auch bei der Elternarbeit müssen wir uns vor Extremen hüten: Selbstverständlich wollen wir eine Kindereinrichtung bleiben - und nicht zu einer Elterneinrichtung mutieren. Abgesehen davon ist eine übertriebene Schwerpunktsetzung auf die Elternarbeit sowieso zum Scheitern verurteilt: Die Zeit der Eltern, die sie im Kindergarten verbringen wollen bzw. können, ist begrenzt und wird in den nächsten Jahren - trotz aller Appelle an eine Bildungs- und Erziehungspartnerschaft - eher noch geringer werden. So erleben wir derzeit einen rasanten Abbau von Normalarbeitszeitverhältnissen. Eine Befragung von rund 1.200 Müttern mit Kindern unter 14 Jahren in Nordrhein-Westfalen hat gerade gezeigt, dass von den über 55% Erwerbstätigen mehr als die Hälfte (auch) am späten Nachmittag (16.30 bis 19.00 Uhr), ein Drittel am Abend (19.00 bis 22.00 Uhr), ein Sechstel nachts, ein gutes Viertel am frühen Morgen (vor 7.30 Uhr), die Hälfte samstags und ein knappes Drittel sonntags arbeiten muss. Nur 75% der vollzeitbeschäftigten Mütter arbeiten an allen fünf Wochentagen ganztags; ein gutes Drittel der Teilzeitbeschäftigten arbeitet an mindestens einem Wochentage ganztags und nur ein Drittel der geringfügig bzw. teilzeitbeschäftigten Mütter arbeitet ausschließlich vormittags (Stöbe-Blossey 2004). Auch bei Vätern dürften Normalarbeitszeitverhältnisse seltener werden; sie sind auch häufig von Überstunden betroffen.

Nimmt man noch den zunehmenden Arbeitsstress hinzu, der bei Eltern zu einem größer werdenden Bedürfnis nach Regeneration und Erholung am Abend führt, wird deutlich, dass Eltern nur in einem sehr begrenzten Zeitumfang Angebote der Elternarbeit nutzen wollen und können. Je mehr Angebote ein Kindergarten im Laufe eines Monats macht, umso geringer wird die jeweils teilnehmende Zahl der Eltern werden. So plädiere ich dafür, dass einerseits viele verschiedene Formen der Elternarbeit miteinander kombiniert werden sollten, um möglichst alle Gruppen von Eltern anzusprechen, und andererseits maximal zwei Veranstaltungen pro Monat angezielt werden sollten. Das bedeutet letztlich, dass die Einführung innovativer Ansätze der Elternarbeit auf Kosten etablierter Angebote gehen müsste.

In meinem Artikel möchte ich nun drei Schwerpunkte der Elternarbeit in Kindergärten behandeln: Elternbildung, Familienbegegnung und Einbindung von Vätern. Ferner werde ich kurz das Thema "Partizipation" streifen.

Elternbildung in Kindergärten

In einer Zeit des schnellen soziokulturellen Wandels, der Pluralisierung der Lebensformen, der zunehmenden Zahl von Beziehungsmustern und der Individualisierung bieten tradierte Leitbilder, Normen und Werte kaum noch Orientierung für die Gestaltung von Paarbeziehungen und Familienerziehung. Das Zusammenleben mit einem Partner und mit Kindern muss deshalb gelernt sowie eigenverantwortlich und individuell gestaltet werden. Jedoch handelt es sich bei Partnerschaft und Familienleben um zwei der wenigen Lebensbereiche, für die eine Vorbereitung oder gar Qualifikation weder als notwendig noch als erforderlich angesehen wird. Dies verwundert um so mehr, wenn man bedenkt, dass mehr als ein Drittel aller Ehen scheitert, dass viele Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sowie durch die Vielzahl von widersprüchlichen Erziehungszielen und -theorien verunsichert sind und dass viele Kinder in ihren Familien Verhaltensauffälligkeiten entwickeln.

Schon seit Jahrzehnten führen solche Erkenntnisse zur Forderung nach Maßnahmen zur Ehevorbereitung, Ehe- und Familienbildung. Jeder Mensch müsse sich erst die für eine gute Partnerschaft und eine erfolgreiche Familienerziehung notwendigen Kompetenzen aneignen. Die meisten Angebote der Familienbildung erreichen jedoch - eine Vielzahl von Studien prägnant zusammengefasst - nur "Mütter aus der Mittelschicht, die in Städten wohnen". Um auch andere und letztlich wichtigere Zielgruppen ansprechen zu können, setzt man jetzt auf die Kindergärten: Hier könnte man erstmals alle Eltern erreichen, und die Eltern von Kleinkindern wären auch noch am ehesten motiviert, ihre Erziehungskompetenzen zu verbessern.

Das klassische Angebot der Familienbildung in Kindergärten ist der Elternabend. Das Interesse an ihm ist besonders groß, wenn Fragen der Erziehung und Entwicklung von (Klein-) Kindern auf eine nicht angsterzeugende Weise angesprochen werden. Schon bei der Themenformulierung muss beachtet werden, dass nicht der Eindruck entsteht, die Eltern könnten kritisiert oder zum Eingeständnis von Erziehungsfehlern genötigt werden. Vortragsabende mit anschließender Diskussion kommen kaum an; bei Elternabenden muss heute von der Situation der Teilnehmer/innen ausgegangen werden. So stehen das Gespräch mit den Eltern und der Erfahrungsaustausch zwischen ihnen im Mittelpunkt.

Elternbildung kann auch in Elterngruppen erfolgen, die entweder von Erzieher/innen, einem Elternteil oder einem von außen kommenden Referenten (z.B. Erziehungsberaterin, Familienbildner oder Sozialpädagogin) geleitet werden. Wird parallel eine Kinderbetreuung angeboten, können auch Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern problemlos teilnehmen. Die Eltern können in der Gruppe ihnen wichtige Fragen und Anliegen diskutieren, benötigte Informationen einholen und Lösungsvorschläge für ihre (Erziehungs-) Probleme erbitten. Das Thema für das jeweilige Treffen wird entweder beim vorausgegangenen festgelegt oder ergibt sich spontan. Manche Elterngruppen werden aber auch von Anfang an mit einer bestimmten Thematik angekündigt (z.B. "Wie fördern Eltern am besten die Entwicklung ihrer Kinder?", "Religiöse Erziehung in der Familie", "Frauen - Beruf - Familie"). Sie können ferner die Form eines Elternseminars annehmen.

Ich möchte Ihnen nun drei Projekte vorstellen, in denen neue Wege hinsichtlich der Elternbildung in Kindergärten beschritten wurden, in denen teilweise aber auch darüber hinausgegangen wurde.

1. Beispiel: Elternschulen in Gütersloh

In der Stadt Gütersloh werden in Kindergärten "Elternschulen" angeboten. Dazu wurden innerhalb von ein, zwei Jahren rund 30 Erzieherinnen und Erzieher zu Kursleiter/innen weitergebildet, darunter auch eine türkisch sprechende Kollegin. Sie erlernten das Elternbildungsprogramm "Starke Kinder - starke Eltern", das vom Deutschen Kinderschutzbund entwickelt wurde. Folgende Erfahrungen wurden gemacht:

"Die Resonanz spricht für das Angebot, so die einhellige Erfahrung der Kursleiterinnen und Kursleiter aus den Einrichtungen. Eventuelle Vorbehalte oder eine gewisse Schwellenangst, in einer Gruppe Probleme mit den Kindern anzusprechen, konnten offenbar schnell ausgeräumt werden. Einerseits half da die Mundpropaganda, sprich die guten Erfahrungen der ersten 'Kursteilnehmergeneration'. Außerdem scheinen auch der tägliche Kontakt und das bekannte Umfeld der Tageseinrichtung zu einem offenen entspannten Gesprächklima beizutragen. Und schließlich: Auch die Kursleiter und Kursleiterinnen profitieren in ihrer Arbeit von diesem vertrauten Rahmen - das war in den Beiträgen deutlich zu spüren.
Die Zusammensetzung der Gruppen indes ist individuell. Sind in einer Einrichtung vor allem Mütter die Teilnehmerinnen, verweist eine andere nicht ohne Stolz darauf, dass auch die Väter gern und regelmäßig zu den zehn Kursabenden kommen, die sich jeweils unterschiedlichen Themenkomplexen widmen. Und viele erkennen verblüfft, dass sie nicht nur für den Umgang mit ihren Kindern, sondern auch über sich selbst etwas lernen - beispielsweise unter der Fragestellung 'Wie lösen wir Probleme in der Familie?' oder 'Was lebe ich selbst eigentlich meinen Kindern vor?' - Nicht nur dazu muss jeder im wahrsten Sinn des Wortes seine 'Hausaufgaben' machen, bei denen dann der nächste Kursabend ansetzt." (Stadt Gütersloh 2004).

2. Beispiel: Kampagne Erziehung der Stadt Nürnberg

Die "Kampagne Erziehung" als Teilprojekt des "Bündnisses für Familie" wird vom Jugendamt der Stadt Nürnberg geplant und gemanagt (Stadt Nürnberg/ Jugendamt 2003). Neben vielen anderen Aktivitäten wurde eine Organisationseinheit auf der operativen Ebene "Kindertagesbetreuung" gegründet. In diesem Netzwerk wurden Zielvereinbarungen über für Familien und Kinder relevante Dienstleistungen erarbeitet. Diese wurden dann von den teilnehmenden Institutionen und Verbänden realisiert. So wurden im Kooperationsbereich "Kindertagesbetreuung" u.a. folgende Aktivitäten durchgeführt:

  1. Es wurde ein Konzept für eine zweitägige Erzieherinnenfortbildung "Begegnung mit Eltern - Beratung bei Erziehungsfragen" erarbeitet und erprobt.
  2. In Kindergärten wurden Elternabende zu den Kernbotschaften der Kampagne "Stark durch Erziehung" durchgeführt.
  3. Es wurde ein "Familienbuch" entwickelt, in dem Eltern die Kita-Zeit ihres Kindes dokumentieren können.
  4. Es wurde ein Spielkasten "Eltern für Eltern" konzipiert, den Eltern um eigene Spielvorschläge ergänzen können. Er kann von den Eltern ausgeliehen werden, wodurch die Spielzeit in den Familien bereichert wird.
  5. Eltern-Kind-Aktionen wie z.B. ein Kletterkurs oder ein Kunstprojekt wurden initiiert.

3. Beispiel: Familienunterstützende Maßnahmen in Passau

In einem Projekt im Passau, das ich vor Jahren wissenschaftlich begleitet habe, wurden auch zielgruppenspezifische Angebote der Familienbildung erprobt (Blank/ Fenzl 1999). Beispielsweise wurden in einem Kindergarten Alleinerziehenden-Treffs durchgeführt, die alle vier bis sechs Wochen am Freitagnachmittag mit paralleler Kinderbetreuung stattfanden. Zu einzelnen Treffen wurden Fachleute wie die Frauenbeauftragte der Stadt, der Vorsitzende des Kinderschutzbundes oder ein Erziehungsberater eingeladen, mit denen über Themen wie "Mama, warum wohnt der Papa nicht bei uns?" diskutiert wurde. Hier konnte auch gut beobachtet werden, wie die Beziehungen zwischen den Alleinerziehenden immer intensiver wurden, sie sich privat trafen und z.B. abwechselnd auf ihre Kinder aufpassten, sodass deren Mütter mehr Zeit für eigene Aktivitäten gewannen.

In einem anderen Kindergarten wurden mehrere Treffen mit Aussiedlerfrauen durchgeführt, bei denen Erfahrungen mit Behörden, Schwierigkeiten bei der Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche sowie pädagogische Fragen diskutiert wurden. Eine Mutter, die bereits längere Zeit in Deutschland lebte, diente als Dolmetscherin.

Diese Beispiele verdeutlichen einige innovative Formen der Familienbildung in Kindergärten. Sie zeigen aber auch, wie wichtig beratende Elemente sind.

Familienbegegnung in Kindergärten

Eine wichtige Funktion der gerade skizzierten Angebote ist auch, Eltern miteinander in Kontakt zu bringen. Es soll zu einem informellen Gesprächs- und Erfahrungsaustausch zwischen Eltern, zur wechselseitigen Beratung und zu Familienselbsthilfe kommen. Zu diesem Zweck wurden in vielen Kindergärten auch Elterncafés, Teestuben, Elternsitzecken u.ä. eingerichtet.

Noch weiter gehen Projekte, die eine Umgestaltung von Kindergärten zu Familienzentren anstreben, in denen Eltern soziale Netze ausbauen und wechselseitige Unterstützung erfahren können. Besonderes Augenmerk wird hier auf die Einbindung von sozial benachteiligten Familien und Migrantenfamilien gerichtet. Vereinzelt wird auch die Einbeziehung der Nachbarschaft angestrebt: So werden von den Erzieher/innen neuartige Angebote wie beispielsweise Eltern-Kind-Gruppen, Babysitterdienst, wechselseitige Kinderbetreuung, Mittagstisch für Eltern/ Nachbarn oder Freizeitaktivitäten (z.B. Wanderungen, Ausflüge, Geburtstagsfeiern) organisiert. Damit verbunden ist das Erschließen von neuen Zielgruppen wie z.B. von Eltern mit Kindern unter drei Jahren durch Angebote wie Stillgruppen oder Spielkreise. Bei entsprechenden Räumlichkeiten können beispielsweise auch Selbsthilfegruppen von Alleinerziehenden oder von Eltern mit behinderten Kindern eine neue Heimat in der Kindertagesstätte finden. Ferner werden u.U. für Familien relevante Angebote von Institutionen wie Familienbildungsstätten, Allgemeiner Sozialdienst oder Erziehungsberatungsstellen in die Einrichtungen integriert.

1. Beispiel: Die Early Excellence Centres in England

Diese sind das große Vorbild für deutsche Bestrebungen und werden derzeit z.B. in Berlin nachgebildet. In England gibt es bereits knapp 100 Early Excellence Centres (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2003). Hier wird Kindertagesbetreuung (regelmäßig oder nach Bedarf) mit Beratungsangeboten für Eltern, Unterstützungsangeboten für junge Familien (Hausbesuche, Elterntreffen, Spielzeugverleih, Bücherei, Jugend- und Familienclubs) und einem Gesundheitsdienst für alle Fragen rund um Schwangerschaft und Kind verbunden.

Innovative Konzepte zur frühkindlichen Erziehung werden mit Fortbildungsmöglichkeiten für Erwachsene in den Bereichen Gesundheit, Erziehung sowie Erwachsenenbildung kombiniert. Diese Angebote haben auf den ersten Blick nichts mit Kindern zu tun, zielen jedoch darauf ab, Eltern in ihrem unmittelbaren Lebenszusammenhang zu stärken und ihnen den Erwerb von zusätzlichen (auch beruflichen) Qualifikationen zu ermöglichen. Wer an entsprechenden Qualifizierungen teilgenommen hat, kann u.U. auch eine Honorartätigkeit in der Einrichtung übernehmen.

Wichtige Zielsetzungen sind außerdem die Verbesserung der elterlichen Erziehungskompetenzen und ein stärkerer Einbezug der Eltern in die Erziehungs- und Bildungsarbeit. Dies wird z.B. erreicht durch gemeinsame Projekte, regelmäßige Entwicklungsberichte über die Kinder, einen häufigen Gesprächsaustausch zwischen Fachkräften und Eltern sowie die Möglichkeit, dass Eltern das Verhalten ihres Kindes zu Hause auf Video dokumentieren und dann mit den Fachkräften besprechen. Dieser Ansatz erwies sich als sehr erfolgreich.

2. Beispiel: Landesmodellprojekt "Familienbildung in Kooperation mit Kindertageseinrichtungen" in Sachsen

Im Rahmen dieses Modellversuchs, bei dem vor allem Eltern erreicht werden sollen, die bisher die vorhandenen Angebote der Familienbildung nicht oder kaum nutzten, werden Kooperation und Vernetzung zwischen Kindergärten und anderen Institutionen erprobt - mit dem Ziel, an den vier Modellstandorten gemeinsame Angebote der Familienbildung zu entwickeln (Sächsisches Landesamt für Familie und Soziales 2003). Beispielsweise wurden in Hoyerswerda folgende Wege beschritten:

"Wir nennen unser Projekt Familiennetzwerk, um deutlich zu machen, dass wir Familienbildung und Kindertageserziehung miteinander vernetzen wollen. Es soll eine partnerschaftliche Initiative im Gemeinwesen entstehen, die Eltern und Kinder mit den verschiedenen Fachkräften im Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen, der Vereine und Verbände ebenso wie mit ehrenamtlich Tätigen zusammenbringen will im Interesse der engagierten Entwicklungsförderung von Familien und Kindern. Wir setzen dabei an einer überschaubaren Region an und wollen dazu beitragen, günstige Lebensumstände zu schaffen, indem wir möglichst alle Beteiligten im Feld einbeziehen und zur Zusammenarbeit anstiften. Wir erwarten nicht, dass andere etwas für uns tun, sondern wir vertrauen auf die eigenen Ressourcen und wollen im kreativen Zusammenwirken die Kräfte des sozialen Engagements freisetzen, über die wir selbst und andere verfügen" (http://www.felsenweginstitut.de/projekte/lmp/mso-hoyerswerda.php).

Folgende Aktivitäten fanden statt:

  • Das Familiencafé: An diesem Ort der Begegnung zwischen Kinderhaus und Familie können Eltern Kontakte zu anderen Familien knüpfen, Erfahrungen austauschen und über den Familienalltag sprechen. Hier werden früh Konflikte und Notlagen deutlich, auf die dann entsprechend reagiert werden kann.
  • Veranstaltungen: Arbeitsamt, Krankenkasse und Sozialamt informierten über ihre Leistungen. Ferner wurden Fitnesskurse, Spieletage, Fußballturniere, Kreativnachmittage und offenes Frauenfrühstück angeboten. Eine Hebamme führte Kurse zum Erlernen der Babymassage durch.
  • Bibliothek: Sie wird von interessierten Eltern und Fachkräften genutzt, um Literatur auszuleihen.
  • Gruppe von Eltern mit verhaltensauffälligen bzw. hyperaktiven Kindern: Hier können betroffene Eltern miteinander ins Gespräch kommen, Erfahrungen austauschen und Handlungsstrategien entwickeln. Ferner können sie auf das Wissen von Beratungslehrerinnen und Mitarbeiter/innen der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern zurückgreifen.
  • Werkstatt für Familienhilfe: Hier treffen sich einmal monatlich mehr als 10 Mitarbeiterinnen des ASD, die Koordinatorinnen des Familiennetzwerkes und andere Fachkräfte, um schwierige Hilfeprozesse in Familien zu besprechen. Im so genannten "Reflecting Team" werden auch Familien zu Konsultationen eingeladen.
  • Kreativtage u.ä.: Beispielsweise wurde ein Fußballturnier von Vätern organisiert. Ferner fand ein Gartenfest zum gegenseitigen Kennenlernen statt. Auch wurde eine Wochenendfahrt in die Sächsische Schweiz durchgeführt - mit Wanderungen, Spielen, Basteln und vielen interessanten Gesprächen.
  • Die Elternuniversität: Hier handelt es sich um ein gemeinsames Projekt des Familiennetzwerkes und der Volkshochschule in Hoyerswerda. Am ersten Jahreskurs nahmen 12 Eltern und 12 pädagogische Fachkräfte teil. Neueste Erkenntnisse und Hintergrundwissen zur Erziehung wurden von Spezialist/innen vermittelt. Themen waren z.B.: Wandel der Familienerziehung in Ost und West, Eltern-Paare verstehen und coachen, Entwicklung von Kindern fördern. De Teilnehmer/innen schlossen die Elternuniversität mit einem Bericht und einer Präsentation ab und erhielten daraufhin ein Weiterbildungszertifikat als "Familienpädagogin/ Familienpädagoge/ Multiplikator in der Elementarausbildung".
  • Bildungslabore: "Schließlich haben wir im Familiennetzwerk in zwei der beteiligten Kitas mit den ersten Bildungslaboren begonnen. Sie sind eine programmatische und methodische Antwort auf die Frage, wie man in der Partnerschaft von Eltern und Erzieherinnen die Entwicklung von Kindern und ihre Bildungsprozesse fördern kann, mit der programmatischen Perspektive: Von der 'Betreuung' zur 'Bildung', vom Nebeneinander (manchmal sogar: Gegeneinander) von Kita und Familie zur Partnerschaft von Eltern und Erzieherinnen, von der Eltern(fort)bildung zum gemeinsamen Lernen von Eltern/ Laien und Fachkräften. ... Die ersten beiden Projekte haben den Themenschwerpunkt: (1) Lesen und Vorlesen und (2) Wasserwelten. Weitere Bildungslabore sind in Vorbereitung, wie z.B.: Mit Fingerspitzengefühl - Baby- und Kindermassage in der Kita, Liebe geht durch den Magen - wie Essen Spaß machen kann, Sprechen lernen - sich und die Welt verstehen, Kinder als aktive Erfinder - Kinder in Aktion beobachten, verstehen, fördern..." (Sächsisches Landesamt für Familie und Soziales 2003, S. 38).
  • Kooperation mit dem Naturwissenschaftlich-technischen Zentrum: Es bietet Weiterbildungen für Erzieherinnen an und bringt sich bei den Festen der Kinderhäuser unterstützend ein.

Als wichtigste Erfahrung ist festzuhalten: "Angebote, bei denen die Eltern selbst weitgehend passiv bleiben, werden zunehmend durch Angebote ersetzt, in denen alle gemeinsam aktiv werden oder in denen die Eltern selbst die Initiative ergreifen. Neben dem hohen Engagement der Eltern bei der Organisation, der Vor- und Nachbereitung der Veranstaltungen ist es uns gelungen, Eltern in ihren besonderen Stärken anzusprechen und in die Arbeit einzubeziehen" (a.a.O., S. 36).

Einbindung von Vätern

Auch bei den meisten der gerade skizzierten Projekte bleibt das generelle Problem weitgehend ungelöst, dass überwiegend Mütter Kooperationspartner/innen von Erzieher/innen sind - Elternarbeit ist weitgehend Mütterarbeit. Da Mütter zu Hause weiterhin den größeren Teil der Erziehungstätigkeit übernehmen und Kinder nach dem Wechsel in die Schule überwiegend von Grundschullehrerinnen unterrichtet werden, wird die Kindheit weitgehend von Frauen geprägt. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen jedoch die große Bedeutung von Männern für die kindliche Entwicklung - sowohl bei Mädchen als auch (insbesondere) für Jungen. Deshalb sollten sich Kindertagesstätten bemühen, im Rahmen der Elternarbeit Väter zu erreichen, in die Einrichtung zu integrieren und zu motivieren, auch zu Hause mehr Erziehungsverantwortung zu übernehmen. Auf diese Weise könnte die Feminisierung der Kindheit kompensiert werden.

Die meisten Väter sind an ihren Kindern interessiert, befassen sich mit Erziehungsfragen und möchten im Grunde Kontakt zur Kindertagesstätte haben. Dort treffen sie aber bisher nur auf Frauen und fühlen sich als der einzige Mann (oder als einer von wenigen Männern) eher unwohl, sodass es zumeist bei wenigen Kontakten bleibt. Kindergärten müssen also besondere Anstrengungen unternehmen, wenn sie Väter erreichen wollen. So ist es sinnvoll, schon zum Aufnahmegespräch den "potenziellen Kindertagesstättenvater" persönlich einzuladen - oder spätestens zu einem Gespräch gegen Ende der Eingewöhnungsphase. Dies bedeutet natürlich, dass die Termine auf den späten Nachmittag oder sogar auf den frühen Abend gelegt werden müssen. Bei diesem Elterngespräch kann zum einen die Botschaft vermittelt werden, dass die Bedeutung des Vaters für sein Kind anerkannt und seine Perspektive geschätzt wird. Zum anderen sollte als Botschaft deutlich herausgestellt werden, dass Väter im Kindergarten willkommen sind und ihre Teilnahme an Elternveranstaltungen erwünscht ist. So werden Erwartungen geprägt: Der "neue" Vater rechnet nun damit, dass er öfters im Kindergarten präsent sein soll.

So können Väter z.B. zur Hospitation eingeladen werden. Väter sind durchaus daran interessiert, was in dem Kindergarten geschieht und was ihr Kind dort erlebt. Dementsprechend sind viele bereit, ein solches Hospitationsangebot zu nutzen und dafür einen Tag Urlaub oder Überstundenausgleich zu nehmen. Aber auch sonst ergeben sich viele Gelegenheiten, zu denen Väter in die Kindergruppe eingeladen werden können: um beispielsweise über ihre Berufstätigkeit zu sprechen, ihr "Handwerkszeug" vorzustellen oder ihr Hobby zu präsentieren. In anderen Fällen können Väter an ihrem Arbeitsplatz besucht werden, sodass die Kinder auch einen Eindruck von den Räumlichkeiten bekommen und größere Geräte oder Maschinen "in Aktion" erleben können.

Eine besonders hohe Beteiligung von Vätern kann bei reinen Vater-Kind-Aktionen erreicht werden - insbesondere wenn die Väter direkt von ihren Kindern eingeladen werden. Dazu gehören gemeinsame Abendmahlzeiten, die von den Kindern vorbereitet werden können. Spielkreise für Väter und Kinder können z.B. am Freitagnachmittag oder Samstag angeboten werden. Hier kann auch gemeinsam gebastelt, getont oder gewerkt werden. Bei solchen Spielkreisen erfahren die Väter, wie ihre Kinder gefördert werden und mit welchen (Spiel-) Materialien sie tagtäglich umgehen. Zugleich stellen sie fest, wie viel Spaß das gemeinsame Spiel macht - vielleicht werden sie sich dann auch zu Hause mehr Zeit zum Spielen nehmen...

Partizipation von Eltern

Laut Artikel 6 Abs. 2 des Grundgesetzes sind Pflege und Erziehung das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Dieser verfassungsrechtlich garantierte Erziehungsvorrang der Eltern wird in § 1 Abs. 2 des SGB VIII wiederholt. Damit wird verdeutlicht, dass Kindertagesstätten nur ein nachrangiges, abgeleitetes bzw. übertragenes Erziehungsrecht haben. Sie haben auch im Gegensatz zur Schule keinen eigenständigen Bildungsauftrag. Das Bildungs- und Erziehungsrecht muss Erzieher/innen somit erst von den Eltern "per Vertrag" übertragen werden.

Aus dieser Rechtslage - und aus der Tatsache, dass Eltern bei Kindergärten im Gegensatz zur Schule einen Teil der Kosten tragen müssen - resultiert eine andere Machtposition der Eltern. Dementsprechend heißt es im Kinder- und Jugendhilfegesetz: "Bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben sollen die in den Einrichtungen tätigen Fachkräfte und anderen Mitarbeiter mit den Erziehungsberechtigten zum Wohle der Kinder zusammenarbeiten. Die Erziehungsberechtigten sind an den Entscheidungen in wesentlichen Angelegenheiten der Tageseinrichtung zu beteiligen" (§ 22 Abs. 3 SGB VIII).

Diese Mitbestimmungsrechte der Eltern bleiben bisher eher uneingelöst. Träger und Einrichtungsleitung dürfen sich deshalb nicht mehr - wie beim herkömmlichen Kindergartenbeirat - auf Information und Anhörung der Eltern beschränken, sondern müssen in gemeinsame Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse mit den Eltern eintreten.

Für mich persönlich sind Mitbestimmungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten für Eltern im pädagogischen Alltag der Kita am wichtigsten. Neben den - beispielsweise im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen/ Staatsinstitut für Frühpädagogik 2003) genannten - Möglichkeiten wie Mitarbeit an der Konzeption, an dem Wochenplan, an der Planung und Durchführung von Projekten oder an der Organisation von Veranstaltungen denke ich vor allem an die Mitbestimmung hinsichtlich der Erziehung und Bildung des jeweiligen Kindes. Und hier kommen wir zu der m.E. bedeutendsten Form der Elternarbeit: dem Termingespräch. So heißt es im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan: "Kernpunkt der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft sind regelmäßige Elterngespräche, die mindestens zweimal jährlich stattfinden sollen. Nur hier sind der Austausch über die Entwicklung und das Verhalten des Kindes sowie die Abstimmung von Erziehungszielen und -stilen zwischen Erzieher/innen und Eltern möglich. Je jünger das Kind ist, desto mehr Elterngespräche sollten im Jahr stattfinden, um den in den ersten Lebensjahren beschleunigten Entwicklungsverlauf gemeinsam zu reflektieren" (a.a.O., S. 287).

In solchen Termingesprächen könnten Erziehungsverträge zwischen Eltern und Erzieher/innen geschlossen bzw. aktualisiert werden, wie sie derzeit in Nordrhein-Westfalen diskutiert werden (Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen 2004).

Beispiel: Bildungs- und Erziehungsverträge in Nordrhein-Westfalen

Diese Verträge sind konkrete Übereinkünfte zwischen Eltern und Erzieher/innen, in denen die jeweiligen Verantwortlichkeiten klar beschrieben werden. Sie sind keine Verträge im rechtlichen Sinne, sondern freiwillige, aber dennoch verbindlichen Vereinbarungen, die eine Basis für ein vertrauensvolles und verantwortungsbereites Miteinander sein sollen. "Wichtig daran ist nicht die Schriftform an sich, sondern der Prozess des Aushandelns miteinander, das Gespräch über gemeinsame Ziele, aber auch der Austausch über Vorstellungen vom Handeln und Verhalten aller an der Erziehung Beteiligten" (Stadt Gütersloh 2004).

Bildungs- und Erziehungsverträge können Orientierungen und Überzeugungen, die grundlegend für einen sinnvollen Bildungs- und Erziehungsprozess sind, umfassen, aber auch übergreifende und langfristig immer wieder neu anzugehende Zielsetzungen sowie konkrete Verhaltenszusagen. Sie können ferner Übereinkünfte zur Lösung pädagogischer Probleme jeder Art sein und dann z.B. bei verhaltensauffälligen oder behinderten Kindern auch die Aufgaben externer Fachkräfte definieren. In Kinderhorten (wie in den Schulen) können außerdem die Kinder als dritte Vertragspartner einbezogen werden, die sich dann auf bestimmte Verhaltensweisen und -regeln festlegen. Auf jeden Fall sollte der Vertragsinhalt für alle Beteiligten leistbar sein: Eltern können nicht direkt das Verhalten oder die Leistung ihres Kindes im Kindergarten beeinflussen, so wie Erzieher/innen dies nicht im häuslichen Umfeld können.

Im Grunde geht es darum, dass alle Vertragspartner Verantwortung übernehmen und Verbindlichkeiten eingehen. Sollen die Vereinbarungen funktionieren, müssen sich Erzieher/innen, Eltern und gegebenenfalls Kinder bzw. externe Fachkräfte gegenseitig anerkennen, respektieren und vertrauen. Der Prozess der Vertragsgestaltung erfordert darüber hinaus ein hohes Maß an Flexibilität, Fairness und Toleranz.

Schlusswort

Die Ankündigung der Erarbeitung und des Abschlusses eines solchen Vertrages schon zum Zeitpunkt der Anmeldung eines Kindes im Kindergarten dürfte die Erwartungen der Eltern in Richtung auf die anzustrebende Erziehungs- und Bildungspartnerschaft lenken. Die vor und während der Eingewöhnungsphase notwendigen Gespräche über die bisherige und die zukünftige Entwicklung und Erziehung des jeweiligen Kindes werden diese Partnerschaft dann auch entstehen lassen. Eltern, die meinen, der Kindergarten ginge sie nichts an und die dort nur ihre Kinder abgeben wollen, wird es dann nicht mehr geben... Und damit sind auch die anderen hier genannten innovativen Formen der Elternarbeit möglich...

Literatur

Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen/ Staatsinstitut für Frühpädagogik (Hrsg.): Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. Entwurf für die Erprobung. Weinheim: Beltz 2004

Blank, B./ Fenzl, S.M.: Elterngruppen. In: Textor, M.R. (Hrsg.): Elternarbeit mit neuen Akzenten. Reflexion und Praxis. Freiburg: Herder, 5. Aufl. 1999, S. 49-58

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Perspektiven zur Weiterentwicklung des Systems der Tageseinrichtungen für Kinder in Deutschland. Berlin: Selbstverlag 2003

Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Texte zu Bildungs- und Erziehungsverträgen. http://www.bildungsportal.nrw.de/BP/Schule/Erziehung/buendnis/ discussion/texte/index.html (01.03.2004)

Sächsisches Landesamt für Familie und Soziales (Hg.): Modellprojekt "Familienbildung in Kooperation mit Kindertageseinrichtungen". Zwischenbericht. Chemnitz: Selbstverlag 2003

Stadt Gütersloh (Hrsg.): Über die Qualität der Erziehung von Kindern und Jugendlichen in der Stadt Gütersloh. Beobachtungen und Maßnahmen zur lokalen Erziehungskrise in Gütersloh. Gütersloh: Selbstverlag 2002

Stadt Gütersloh: Erziehungsverträge: Verbindliche Regeln in Tagesstätte und Schule. http://www2. guetersloh.de/cgi-bin/hse/hse3.33_win32/cgi-bin/HomepageSearchEngine.exe?url=http: //www2.guetersloh.de/gesundheit_soziales/sp_auto_109764.cfm; conf=1;geturl= d+highlightmatches +gotofirstmatch;terms=Erziehungsvertr%E4ge;lang=de#firstmatch (01.03.2004)

Stadt Nürnberg/ Jugendamt: Modellprojekt Kampagne Erziehung. Zwischenbericht. Sachbericht des Verwendungsnachweises. Nürnberg: Selbstverlag 2003

Stöbe-Blossey, S.: Arbeitszeit und Kinderbetreuung: Ergebnisse einer Repräsentativbefragung in NRW - gefördert durch die Hans-Böckler-Stiftung. IAT-Report 2004, Nr. 1

Textor, M.R.: Kooperation mit den Eltern. Erziehungspartnerschaft von Familie und Kindertagesstätte. München: Don Bosco 2000