Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung

Martin R. Textor

 

In den letzten Jahren ist immer wieder thematisiert worden, dass wir uns in einer Übergangsphase von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft befinden: Die Bedeutung der Produktivkräfte Arbeit und Kapital nimmt ab, während Wissen immer wichtiger wird - es ist das "kulturelle Kapital" unseres Landes. Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist hinsichtlich seiner Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt in extrem hohem Maße auf die Bildung, das Wissen und die Kreativität seiner Bürger/innen angewiesen.

In Europa zeichnet sich ab, dass nahezu alle Länder zu wenig auf die Globalisierung und die Wissensgesellschaft vorbereitet sind. Beispielsweise berichtet Der Standard vom 25.03.2003, dass in der EU auf 1.000 Erwerbstätige 5,36 Wissenschafter/innen kommen, in den USA aber 8,66 und in Japan 9,72. Die Europäische Kommission hat errechnet, dass in der EU 500.000 zusätzliche Forscher/innen benötigt werden, um das EU-Ziel einer durchschnittlichen europäischen Forschungsquote von 3% bis 2010 zu erreichen (a.a.O.).

In diesem Zusammenhang gilt es als besonders problematisch, dass das Bildungssystem in vielen europäischen Ländern nicht konkurrenzfähig ist. PISA, IGLU und andere Untersuchungen haben aufgezeigt, dass z.B. deutsche Grund- und Sekundarschüler schlechtere Leistungen in Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften erbringen als Gleichaltrige in nord- und außereuropäischen Ländern. Seitens der Wirtschafts- und Bildungspolitik wird nun gefordert, dass das deutsche Bildungssystem so reformiert werde, dass mehr junge Menschen höherwertige Schul-, Hochschul- und Berufsabschlüsse erwerben und dies möglichst in kürzerer Zeit als bisher schaffen. Zugleich solle generell die Qualität der Bildung verbessert werden.

In diesem Kontext wird seit mehr als fünf Jahren die Bildungsfunktion von Kindertageseinrichtungen thematisiert. So wird seitens Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gefordert, dass Kindertagesstätten sich mehr als Bildungseinrichtungen verstehen müssten. Außerdem müssten sie noch neue, zusätzliche Aufgaben wie z.B. die Durchführung von Sprachlernprogrammen für ausländische Kleinkinder, die Vermittlung mathematisch-naturwissenschaftlicher Kenntnisse oder die Förderung von "Literacy" übernehmen, damit die "Bildungskatastrophe" bewältigt werden könne. In diesem Zusammenhang wird auch auf neuere Ergebnisse der Hirnforschung verwiesen, die die Bedeutung der ersten Lebensjahre aufgezeigt und deutlich gemacht hätte, wie viel durch eine gute Förderung von Kleinkindern erreicht werden kann (Textor 2003).

Inzwischen wurden aus dieser Situationsanalyse verschiedene Konsequenzen gezogen. Beispielsweise wurde die Nationale Qualitätsinitiative gegründet, die vor kurzem Kriterien zur Erfassung der Qualität der Arbeit von Kindertageseinrichtungen sowie handhabbare Feststellungsverfahren vorgelegt hat. Vielerorts finden nun Qualitätsmanagement-Projekte statt. Ferner wurden in den meisten Bundesländern Sprachförderprogramme initiiert, um insbesondere ausländische Kinder frühzeitig zu fördern. Dabei werden oft auch Testverfahren eingesetzt, um Kinder mit Sprachproblemen relativ bald zu identifizieren. Mancherorts wurden besondere Projekte begonnen, beispielsweise zur Förderung von Literacy (z.B. durch "Vorlesepaten" der Stiftung Lesen) oder zur Vermittlung von ersten Erfahrungen mit Computern (z.B. "Schlaumäuse" von Microsoft Deutschland).

Außerdem werden in wohl allen Bundesländern Leitlinien für Bildung in Kindertageseinrichtungen entwickelt. Diese Bildungspläne sind nicht vergleichbar mit den Lehrplänen von Schulen. Es werden also keine Inhalte festgelegt, die Erzieher/innen innerhalb einer bestimmten Zeit zu vermitteln haben. Auch fehlen weitgehend Angaben über die einzusetzenden Methoden. Dennoch soll durch die Pläne erreicht werden, dass Erzieher/innen mehr bildend tätig sind und ihre Arbeit durch die Vorgabe bestimmter Richtlinien vergleichbar und damit überprüfbar wird.

Diese Bildungs- und Erziehungspläne bauen teilweise auf ähnlichen Plänen in anderen Ländern auf. So wurden in Neuseeland und in Norwegen schon 1996 Bildungspläne eingeführt und für alle Tageseinrichtungen verbindlich erklärt. Im Jahr 1998 geschah dasselbe in Schweden und im Jahr 2000 in England. Bildungspläne gibt es auch in Kanada, Schottland und sogar in Nigeria.

Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan

Im Dezember 2001 wurde das Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen (StMAS) beauftragt, einen Bildungs- und Erziehungsplans für Kinder unter sechs Jahren zu entwickeln und zu erproben. Die ersten Vorlagen wurden von Mitarbeiter/innen des IFP erstellt. Sie wurden dann einer Fachkommission vorgelegt und auf gemeinsamen Sitzungen und einer Klausurtagung überarbeitet. In diesem Gremium sind neben den Spitzenverbänden der freien und öffentlichen Wohlfahrtspflege und der betroffenen Ministerien Fachkräfte aus dem frühpädagogischen Bereich, Vertreter/innen der Fachakademien für Sozialpädagogik, der Schule, der Elternschaft und der Wirtschaft vertreten. Ferner wurden 27 externe Expert/innen hinzugezogen - bis hin zu so bekannten Persönlichkeiten und Professor/innen wie Anne-Sophie Mutter, Renate Zimmer oder Gisela Lück. Der so genannte "Entwurf für die Erprobung" wurde im Herbst 2003 veröffentlicht.

Der "Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung" (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen/ Staatsinstitut für Frühpädagogik 2004) umfasst zwei Hauptteile mit insgesamt 320 Seiten: Im Allgemeinen Teil werden z.B. das Bild vom Kind, das Verständnis von Bildung und die wichtigsten Prinzipien erläutert, denen sich der Plan verpflichtet fühlt. Ferner werden Zielsetzung, Aufbau und Praxiserprobung des Plans skizziert. Im zweiten Teil werden die bei Kleinkindern zu fördernden personalen, kognitiven, motivationalen, sozialen und Orientierungskompetenzen beschrieben. Dann werden die klassischen und die neuen thematischen Schwerpunkte frühpädagogischer Förderung detailliert dargestellt.

In der Form von Thesen sollen nun einige zentrale Aussagen des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans verdeutlicht werden:

  1. Kindertageseinrichtungen müssen z.B. auf die veränderten Anforderungen der Wirtschaft und der Arbeitswelt, die zunehmende kulturelle Diversität und soziale Komplexität der Gesellschaft, die unterschiedlichen Familienformen und Lebenslagen sowie die diskontinuierlich verlaufenden individuellen Biographien reagieren. Dieser Kontext stellt hohe Anforderungen an die pädagogische Arbeit.
  2. Dem Bildungsplan liegt ein Bild vom Kind als ein aktives, kompetentes Wesen zugrunde, das seine eigene Entwicklung mitgestaltet und seine Bildung aktiv mitkonstruiert. Das Kind muss als eine vollwertige Persönlichkeit akzeptiert und respektiert werden. Seine Rechte und sein Wohl sind immer zu achten. Es ist Subjekt - und nicht Objekt pädagogischer Interventionen - und als solches an den alltäglichen Entscheidungen in Kindertageseinrichtungen angemessen zu beteiligen.
  3. Daraus ergibt sich ein neues Verständnis von Bildung: "Bildung wird demnach nicht - wie bislang - primär als individuumzentrierter bzw. als Selbstbildungsansatz (das Kind bildet sich selbst) definiert, sondern vielmehr als sozialer Prozess, der jeweils im Kontext stattfindet und an dem sich - neben dem Kind - auch die Fachkräfte, die Eltern und andere aktiv beteiligen. Bildung wird damit als sozialer, ko-konstruktiver Prozess verstanden" (Fthenakis 2004). Kinder sind Akteure im Bildungsprozess, Erzieher/innen Dialogpartner, Begleiter, Impulse Gebende, Mitlernende.
  4. "Die wichtigsten Prinzipien, denen sich das bayerische Erziehungs- und Bildungskonzept verpflichtet fühlt, sind: Das Prinzip der Demokratie und der kindlichen und elterlichen Partizipation zählen ebenso dazu wie die Berücksichtigung der kulturellen Diversität, des Grundsatzes der individuellen Differenzen (d.h. der Stärken und Schwächen eines jeden Kindes), der Inklusion (d.h. Reduktion der sozialen Ausgrenzung, die jüngst die PISA-Studie dem Bildungssystem in Deutschland bescheinigt hat) und der Resilienz (d.h. der Organisation von Erziehungs- und Bildungsbedingungen, die das Kind befähigen, mit Belastungen, Veränderungen und Krisen so umzugehen, dass es darin Herausforderungen erblickt und seine Kräfte mobilisiert bzw. die Ressourcen in Anspruch nimmt, die ihm eine erfolgreiche Bewältigung ermöglichen)" (Fthenakis 2004). Ferner haben Erziehung und Bildung das Geschlecht der Kinder angemessen zu berücksichtigen.
  5. Nach dem Prinzip der Entwicklungsangemessenheit sind Bildungsangebote so zu gestalten, dass sie dem Entwicklungsstand und der Persönlichkeit des Kindes sowie seinem kulturellen Hintergrund entsprechen. So lernen Kleinkinder vor allem spielerisch. Spielen und Lernen werden dementsprechend als zwei unterschiedliche Seiten derselben Medaille betrachtet; das Spiel ist das entscheidende pädagogische Grundprinzip. Ferner prägen Bewegung und Sinneserfahrung das Bildungsgeschehen in der Tageseinrichtung.
  6. Besonders betont wird die Entwicklung von lernmethodischer Kompetenz: "Bereits im frühen Lebensalter soll damit begonnen werden zu lernen, wie man lernt, wie man Wissen erwirbt, wie man es organisiert und wie man es zur Lösung komplexer Problemstellungen angemessen einsetzt, und nicht zuletzt, wie man den Einsatz von Wissen sozial verantwortet. Dies soll unter Einbezug neuerer entwicklungs- und instruktionspsychologischer Erkenntnisse erfolgen und an unterschiedlichen Lernfeldern illustriert werden" (Fthenakis 2004).
  7. Neben der lernmethodischen Kompetenz und der Resilienz sollen laut dem Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan weitere Basiskompetenzen bei den Kindern gefördert werden. Dazu gehören beispielsweise Selbstwertgefühl, Eigenständigkeit, Selbstwirksamkeit, Neugier, Denkfähigkeit, Gedächtnis, Problemlösefähigkeit, Kreativität, Grob- und Feinmotorik, Empathie, Kommunikationsfertigkeiten, Konfliktmanagement, Moral, Toleranz, Solidarität, Verantwortungsbereitschaft und demokratische Grundhaltungen. Bildung und Erziehung in Kindertageseinrichtungen müssen daran gemessen werden, inwieweit sie solche und ähnliche Kompetenzen fördern.
  8. Alle Bildungsbereiche sind in Kindertageseinrichtungen zu berücksichtigen: von der ethischen und religiösen, der sprachlichen, mathematischen, naturwissenschaftlichen, technischen, ästhetischen und interkulturellen Bildung bis hin zur Umwelt-, Medien-, Musik-, Gesundheits- und Bewegungserziehung. Für alle diese Bereiche werden im Bildungsplan Leitgedanken, Bildungs- und Erziehungsziele sowie Anregungen und Beispiele zur pädagogischen Umsetzung genannt.
  9. Ferner sind übergreifende Förderperspektiven wie die Begleitung von Kindern bei der Bewältigung von Übergängen, die Unterstützung von Kindern mit Entwicklungsrisiken und Behinderungen sowie die Förderung hochbegabter Kinder zu beachten. Wichtig sind die kontinuierliche Beobachtung eines jeden Kindes und die Dokumentation seiner Lern- und Entwicklungsprozesse.
  10. Der Kooperation mit Eltern im Rahmen einer Bildungs- und Erziehungspartnerschaft kommt eine besondere Bedeutung zu. Diese sind in größerem Maße als bisher an wesentlichen Angelegenheiten der Kindertageseinrichtung (§ 22 Abs. 3 SGB VIII), an der Konzeptionsentwicklung und an der Planung der pädagogischen Arbeit zu beteiligen. Ferner ist großer Wert auf die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und auf die Gemeinwesenorientierung zu legen.

Anzumerken ist noch, dass der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan in der jeweiligen Kindertageseinrichtung keinesfalls direkt in die Praxis umgesetzt werden soll. Die Erzieher/innen müssen die Lebenslagen und die Bedürfnisse der Kinder und Familien vor Ort berücksichtigen. Auf der Grundlage sowohl von dieser Situations- und Bedarfsanalyse als auch des jeweiligen pädagogischen Ansatzes ist dann die Konzeption der Einrichtung zu entwickeln bzw. fortzuschreiben. An diesem Prozess sind die Eltern und der Träger angemessen zu beteiligen. Erst die Konzeption ist die verbindliche Grundlage für die pädagogische Arbeit in der Kindertageseinrichtung.

Zusammenfassend kann man mit Bayerns Familienministerin Christa Stewens sagen: "'Wir wollen keine Vorverlegung der schulischen Bildung in den Kindergarten, sondern eine Vorbereitung auf die Schule durch Vermittlung von Basiskompetenzen, wie positives Selbstwertgefühl, Problemlösefähigkeit, Neugier, Fähigkeit zur Stressbewältigung, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein gegenüber Mensch und Umwelt sowie Lernkompetenz. Der Bildungsplan fasst damit die Bildungs- und Erziehungsarbeit zusammen, die gute Kindergärten heute schon leisten'... Kindergärten würden zwar vor eine Herausforderung gestellt, den Erzieherinnen werde eine hohe Verantwortung übertragen. Gleichzeitig biete sich aber auch die Chance, neues Selbstbewusstsein zu gewinnen. 'Ich erwarte mir von dem neuen Bildungs- und Erziehungsplan eine Aufwertung der Berufe Erzieher/ Erzieherin und Kinderpfleger/ Kinderpflegerin'" (Pressemitteilung des StMAS vom 15.09.2003).

Implementation des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans

Im Kindergartenjahr 2003/2004 wird der Bildungsplan bayernweit in 105 Modelleinrichtungen erprobt. Dazu gehören neben 18 Kinderkrippen Kindergärten, integrative Einrichtungen und Kindertagesstätten mit breiter Altersmischung.

Die Begleitung der Modelleinrichtungen in der Erprobungsphase und die wissenschaftliche Auswertung erfolgen vorrangig durch das Staatsinstitut für Frühpädagogik (vgl. Reichert-Garschhammer 2004). Daneben werden Fachberater/innen und Verwaltungskräfte der zuständigen Jugendämter, der Regierungen und der Wohlfahrtsverbände auf freiwilliger Basis eingebunden. Eine Implementationskommission aus Vertreter/innen des StMAS, der öffentlichen und der freien Trägerverbände berät das IFP während der Erprobungsphase.

Die Implementation umfasst folgende Aktivitäten:

  1. Im Oktober und November 2003 wurden zwei einwöchige Tagungen für Fachberater/innen und Verwaltungskräfte der öffentlichen und freien Träger sowie der Regierungen veranstaltet. Sie dienten der Information über den Bildungs- und Erziehungsplan sowie der Diskussion über die Rolle der Fachberatung während der Erprobungsphase.
  2. Im Dezember 2003 fanden drei Info-Tage für alle Modelleinrichtungen statt, die mit jeweils zwei Personen teilnehmen konnten. Die Fachkräfte wurden über den Bildungsplan, den Ablauf der Erprobungsphase und die wissenschaftliche Begleitung unterrichtet.
  3. Seitens des IFP wurde ein telefonischer Beratungsdienst eingerichtet. Zwei Mitarbeiter/innen sind zu bestimmten Zeiten immer für die Modelleinrichtungen erreichbar.
  4. Im Zeitraum Januar bis April 2004 besuchen Mitarbeiter/innen des IFP alle Modelleinrichtungen mindestens einmal, um sich einen Eindruck vom Umsetzungsprozess zu machen und um bei Bedarf zu informieren und zu beraten.
  5. Im Juni 2004 werden 10 Konferenztage angeboten. Hier sollen die Modelleinrichtungen zum einen Projekte präsentieren, durch die sie den Zielsetzungen des Bildungs- und Erziehungsplans entsprochen haben. Zum anderen soll gemeinsam der Umsetzungsprozess reflektiert werden.
  6. Das IFP führt 2004 mehrere Fachtagungen zu BEP-Themen durch wie z.B. "Naturwissenschaften im Kindergarten", "Literacy-Erziehung und Sprachförderung von Migrantenkindern", "Die Kinderzeichnung - die geheimnisvolle Mitteilung", "Medienkompetenzen in Kindertageseinrichtungen", "Niederschwellige Elternberatung in Kindertageseinrichtungen" und "Kooperationen beim Übergang vom Kindergarten in Schule und Hort". Neben diesen für alle Interessierten offenen Veranstaltungen sind zusätzliche Angebote nur für die Modelleinrichtungen in Planung, und zwar zu den Themen "Beobachtung und Dokumentation", "Lernmethodische Kompetenz" und "Resilienz".
  7. Das IFP wird in den Modelleinrichtungen zu drei Zeitpunkten Datenerhebungen mit verschiedenen Erhebungsinstrumenten vornehmen (12/2003, 3/2004 und 6/2004). Neben Informationen über die Einrichtungen, das Personal und die Rahmenbedingungen werden z.B. Erfahrungen mit dem Bildungs- und Erziehungsplan (z.B. Verständlichkeit, Ergänzungsbedarf) und dessen Umsetzung (in die Praxis, in die Einrichtungskonzeption...) erfasst. Befragt werden Einrichtungsleitung, pädagogische Fach- und Hilfskräfte, Elternbeiratsvorsitzende, Träger, Fachberater/innen und in einigen Einrichtungen alle Eltern.

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung sollen spätestens im Oktober 2004 vorliegen. Die während der Erprobungsphase gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse sollen in eine neue Fassung des Bildungs- und Erziehungsplans eingearbeitet werden. Diese soll dann ab dem Kindergartenjahr 2005/06 bayernweit gelten.

Materialien für die Praxis

Während der Erprobungsphase und darüber hinaus werden im Staatsinstitut für Frühpädagogik Materialien erstellt, welche die Umsetzung des Bildungs- und Erziehungsplans in die Praxis erleichtern sollen. Dazu gehören Fachartikel, die zum einen in der vom IFP herausgegebenen Fachzeitschrift "Bildung, Erziehung, Betreuung von Kindern in Bayern" erscheinen werden (Ausgabe 1+2/2003 und 1+2/2004). Diese Zeitschrift wird einmal im Jahr kostenlos an alle bayerischen Kindertageseinrichtungen, Jugendämter, Wohlfahrtsverbände, Studierende an Fachakademien u.a. versandt. Zum anderen werden diese und weitere Artikel in neu eingerichtete Rubriken auf der Homepage des Staatsinstituts für Frühpädagogik eingestellt (www.ifp-bayern.de). Dies ist eine besonders kostengünstige Möglichkeit, die meisten bayerischen (und außerbayerischen) Kindertageseinrichtungen zu erreichen - und darüber hinaus auch Träger, Eltern, Fachberater/innen und andere Interessierte. Am Ende der Implementationsphase sollen alle Themenbereiche des Bildungs- und Erziehungsplans durch Texte auf der IFP-Homepage abgedeckt sein. Darüber hinaus sollen von Erzieher/innen beschriebene Projekte und andere Praxisbeispiele sowie Interviews mit Fachkräften zu Themen rund um den Bildungs- und Erziehungsplan eingestellt werden.

Auf der IFP-Homepage wurden auch zwei Foren eingerichtet, in denen Erzieher/innen und andere Interessierte zum einen Kommentare, Stellungnahmen und Anregungen zu den Inhalten des BEP und zum anderen Erfahrungen mit der Umsetzung des BEP in die Praxis eingeben können. Sie können auch Stellung zu den Texten anderer Personen nehmen. Ferner werden auf der Homepage des Staatsinstituts für Frühpädagogik Rubriken mit Informationen für Eltern, Träger und Politiker sowie mit Stellungnahmen von Verbänden zum Bildungs- und Erziehungsplan eingerichtet.

Leider kann nicht genau gesagt werden, wie viele Personen die Rubriken zum Bildungs- und Erziehungsplan nutzen, da nur allgemeine Besucherzahlen erfasst werden. So wurde die IFP-Homepage im Februar 2004 von 6.000 Nutzer/innen besucht, die 24.000 Seiten abriefen. Da die Zahl der Besucher/innen fast von Monat zu Monat ansteigt, ist davon auszugehen, dass auch das Informationsangebot zum Bildungs- und Erziehungsplan zunehmend genutzt werden wird.

Während der Erprobungsphase und darüber hinaus werden vertiefende Handreichungen zum Bildungs- und Erziehungsplan erstellt; zwei erschienen bereits (Gisbert 2004; Wustmann 2004), ein dritter befindet sich im Druck (Griebel/ Niesel in Druck). Geplant sind z.B. noch Handreichungen zu Themen wie "Förderung von Kindern in heterogen zusammengesetzten Gruppen", "Naturwissenschaftliche und technische Bildung" und "Vorbereitung und Begleitung des Übergangs in die Schule - Kooperation Kindergarten und Grundschule". Ferner sollen Beobachtungsbögen für Erzieher/innen zur Selbstevaluation (Erzieher-Kind-Beziehung), zur Erfassung von Basiskompetenzen und zur Sprachentwicklung bei deutschen Kindern entwickelt werden.

Fortbildungs- und Qualifizierungsangebote für alle Erzieher/innen

Zur Qualifizierung aller Leiter/innen von Kindertageseinrichtungen in Bayern wird ab dem Kindergartenjahr 2004/2005 eine Fortbildungskampagne zur Umsetzung des Bildungs- und Erziehungsplans durchgeführt. Sie wird von den Trägerverbänden, der Bayerischen Verwaltungsschule und den Jugendämtern organisiert und vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen bezuschusst. Alle 7.000 Einrichtungsleitungen können das 3-tägige Seminar kostenlos besuchen.

Auch in der Regelfortbildung der Verbände und der Bayerischen Verwaltungsschule sollen Angebote mit Bezug auf den Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan gemacht werden. Ein Arbeitskreis erstellt derzeit ein Konzept, das ab dem Jahr 2005 zur Realisierung gelangen soll.

Schlusswort

Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan ist in der (Fach-) Öffentlichkeit weitestgehend positiv aufgenommen worden. Über Erfahrungen bei der Umsetzung in die Praxis oder über Erkenntnisse der wissenschaftlichen Begleitung kann zu diesem Zeitpunkt (Anfang März 2004) noch nicht berichtet werden.

Literatur

Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen/ Staatsinstitut für Frühpädagogik (Hrsg.): Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. Entwurf für die Erprobung. Weinheim: Beltz 2003

Fthenakis, W.E.: Bildung und Erziehung für Kinder unter sechs Jahren: der bayerische Bildungs- und Erziehungsplan. http://www.ifp-bayern.de/cmain/a_Bildungsplan_Allgemeines/s_143 (01.03.2004)

Gisbert, K.: Lernen lernen. Lernmethodische Kompetenzen von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Weinheim, Basel: Beltz 2004

Griebel, W./ Niesel, R.: Transitionen. Fähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern, Veränderungen erfolgreich zu bewältigen. Weinheim, Basel: Beltz in Druck

Pressemitteilung Nr. 664.03 des StMAS vom 15.09.2003: Fachtag zum Bildungs- und Erziehungsplan in Würzburg. Familienministerin Stewens: Spielen ist pädagogisches Grundprinzip; Ziel ist die Vermittlung von Basiskompetenzen

Reichert-Garschhammer, E.: Erprobungsphase des BEP - Wissenschaftliche Begleitung der Modelleinrichtungen. Bisherige Planungen für den Zeitraum bis Ende 2004 (Stand: 12.12.2003). http://www.ifp-bayern.de/cms/BEP_Erprobungsphase.pdf (01.03.2004)

Textor, M.R.: Gehirnentwicklung im Kleinkindalter - Konsequenzen für die Erziehung. Bildung, Erziehung, Betreuung von Kindern in Bayern 2003, 8 (1/2), S. 11-17

Wustmann, C.: Resilienz. Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Weinheim, Basel: Beltz 2004