"Erzähl du mir, dann erzähl ich dir" - Vom mündlichen Erzählen im Kindergarten

Johannes Merkel

 

1. Was heißt erzählen?

Das Erzählen von Geschichten knüpft, auch wo es um längere fiktive Handlungen geht, an das alltägliche Sprechen an. Alltagsgeschichten werden meist im Rahmen von Gesprächen erzählt, und werden grundsätzlich von den Regeln bestimmt, die die Unterhaltung in Gesprächen steuert. Die wichtigste Regel besagt, daß Gespräche wechselseitig verlaufen. Jeder Gesprächspartner kann gleichermaßen zur Unterhaltung beitragen, und auch während der eine spricht, reagieren die übrigen Gesprächspartner ständig auf ihn und seine Äußerungen.

Von der Kommunikationsform Erzählen

Daß das auch für das Erzählen gelten soll, mag auf den ersten Blick überraschen, da es ja der Erzähler ist, der anders als beim abwechselnden Sprechen im Dialog während der gesamten Erzählung das Rederecht innehat. Aber die Zuhörer lauschen der Erzählung nicht regungslos und passiv, vielmehr reagieren sie über ständige nonverbale und verbale Äußerungen und der Erzähler, der ja seinen Redetext während der laufenden Erzählung improvisiert, richtet seinen Wortlaut jeweils nach den zustimmenden oder ablehnenden Reaktionen der Hörer, schmückt die Passagen aus, die Interesse erregen, kürzt ab, sobald er auf Ablehnung stößt. Diese fortwährende, die Erzählung begleitende "Interaktion" findet unter Erwachsenen nicht anders statt als mit Kindern, auch wenn Kinder rascher und heftiger reagieren.

Was Geschichten ausmacht

Um beim flüchtigen Hören verstanden zu werden, müssen erzählte Geschichten einer Grundstruktur folgen, die der Hörer erwartet und der Erzähler deshalb beachten muß, um sich verständlich zu machen. Beim Schreiben lassen sich diese Strukturen variieren, man kann sie umstellen, ja sogar ganz außer Acht lassen, da der Leser in hoher Konzentration auf den Text bezogen bleibt. Erzählend hat man ihnen genau zu entsprechen.

Dieses sogenannte Storyschema ist ein Handlungsschema: Es berichtet von einem Helden, der fern vom Ort und der Zeit des Erzählens mit einem überraschenden Erlebnis konfrontiert wurde, oder einen außerordentlichen Plan faßte. Damit ist dann die Frage aufgeworfen, wie er sich damit auseinandersetzt und zu welchem Ergebnis das führt.

Dieses einfache Schema oder die sogenannte Episode kann vielfach variiert und erweitert werden, indem es in Wiederholungen und Reihungen wie auf eine Kette gezogen wird. Wir kennen aus dem europäischen Volksmärchen die typische Form der Märchen von den drei Brüdern, von denen der Erste, dann auch der Zweite an der gestellten Aufgabe scheitern, der Dritte schließlich den Drachen besiegt und die Prinzessin befreit. Schon nach dem ersten Durchgang weiß jeder, was jetzt noch kommen wird, und doch kann man problemlos weiter zuhören.

Der schematische Ablauf stört uns nicht, im Gegenteil. Von Erzählungen erwarten wir, daß sie nach Schema verfahren. Wir erwarten aber zugleich, daß sie ihr Schema geschickt umspielen, es variieren und damit Rhythmen erzeugen, die die Erzählung tragen. Über Wiederholungen und Reihungen erzeugen Erzählungen einen Rhythmus, der wiederum gleichermaßen die Erwartungen steuert und dem Erzähler das Erzählen erleichtert. Ich werde noch darauf zurückkommen, daß damit zugleich Einfallstore für die Phantasie des Hörers geöffnet werden.

Die kreative Phantasie von Geschichten

Die schematische Anordnung wiederspricht der Vorstellung, Erzählungen würden wiedergeben, was irgendwo "wirklich" passiert ist. Zumindest glauben wir das von Geschichten, die auf Erlebnissen beruhen. Aber auch deren Wahrheitsgehalt ist recht fraglich. Selten genug haben wir Erlebnisse, die sich als brauchbare Geschichten erweisen. Und deswegen wird das Erlebte ausgeschmückt und umgedichtet, bis es sich zum Erzählen eignet. Tatsächlich bieten ja nur die Erlebnisse Anlaß zum Erzählen, in denen die alltägliche Erwartung über den Haufen geworfen wird, etwas Unerwartetes und Unerhörtes passiert, das wir zu meistern haben oder an dem wir scheitern. Geschichten konstruieren so etwas wie Versuchsanordnungen, mit denen durchgespielt wird, wie es wäre, wenn alles anders laufen würde, als wir es gewohnt sind. Immer sind es die Unwahrscheinlichkeiten und Unwägbarkeiten, die in den alltäglichen Lauf der Dinge eingepaßt werden und zu einem neuen, unerwarteten Ergebnis führen. Eine Geschichte fällt darum desto eindrucksvoller aus, je selbstverständlicher sie die unglaublichsten Verwicklungen in unvermeidbarer und selbstverständlicher Folgerichtigkeit berichtet.

Diese Eigenart erklärt unsere Lust an Geschichten und deutet auf den tieferen Sinn dieser immer irgendwie unwahrscheinlichen und künstlichen Konstruktionen hin: Mit dem erzählbaren Ereignis wird die selbstverständliche Welt unseres sozialen Alltags durchbrochen. werden die Lebensbedingungen neu gemischt. In den Verwicklungen brechen sich Wünsche und Ängste Bahn, die wir sonst eher verstecken. Im Erzählen von Geschichten wird unsere soziale Lebenswelt verändert und "kreativ" umgebaut und umgedeutet. Ein Stück der das soziale Getriebe so leicht störenden menschlichen Innenwelt darf dieses Getriebe umformen und verändern. Es ist diese Eigenschaft von Geschichten, die sie so lustvoll und vergnüglich erscheinen läßt, für Erwachsene nicht anders als für Kinder.

2. Was Erzählungen für Kinder bedeuten

Etwa im Alter zwischen vier und acht Jahren können wir sagen, Kinder befänden sich im eigentlichen "Erzählalter". Das ist natürlich eine sehr pauschale Feststellung, weil ihre Lust und ihr Interesse an Geschichten in jedem einzelnen Fall auch abhängig ist von den Anregungen, die ihnen ihre Umgebung bietet. Dennoch darf im Schnitt davon ausgegangen werden, daß sie in dieser Alterspanne für jede Art von Erzählungen empfänglich sind, darin ihre Erfahrungen wiederfinden, ihre Vorstellungswelt daran ausbilden und differenzieren und obendrein eine Menge an Wissen aus fiktiven Geschichten entnehmen.

Kinder agieren in diesem Alter Wünsche, Probleme und Konflikte in stellvertretenden Geschichten aus, sie leben in Geschichten und erklären sich die Welt über Geschichten. Deshalb sind Kinder dieses Alters immer bereit, Geschichten aufzunehmen, und zwar in allen medialen Formen, seien sie erzählt, vorgelesen, einer Kassette abgelauscht oder am Bildschirm verfolgt. Das Erzählen hat gegenüber den medialen Präsentationen aber den Vorzug, daß die Kinder über den Austausch der Zuhörersignale anders an der Geschichte beteiligt werden. Darum erinnern Kinder Erzählungen sehr viel länger und genauer als mediale Geschichten.

Geschichten präsentieren Handlungen, die nicht im Hier und Jetzt stattfinden, sondern im Dort und Damals. Sie erlauben in anschaulicher Weise die gelebte Gegenwart zu durchbrechen. Das tun Kinder auch ständig in ihren gemeinsamen Rollenspielen, deren Spielhandlungen bei den Fünf- bis Sechsjährigen sich an Geschichten annähern. Geschichten lassen sich als versprachlichte Rollenhandlungen verstehen, umgekehrt liefern Geschichten ständig Vorlagen für diese Spiele. Nicht anders als die Rollenspiele erlauben Geschichten Handlungsweisen nachzuvollziehen und auszudenken, die weit über die tägliche Erfahrung hinausgehen und in denen Erfahrungen und Vorstellungen sich miteinander verbinden. Indem sie Geschichten aufnehmen, erhalten sie Stoff für ihre eigenen Phantasien, können daran ihr eigenes Innenleben ausbilden, ihre Wünschen und Träume daran konkretisieren. Schließlich helfen ihnen die Vorlagen gehörter Erzählungen eigene Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken in die Form von Geschichten zu kleiden und ihrer Umgebung mitzuteilen. Sie bekommen damit ein Medium in die Hand, mit dem sie ihre Innenwelt gestalten und mitteilen können, was sie in ihrer Vorstellungswelt bewegt.

Voraussetzung dafür ist, daß sie die Formen des Erzählens und die Strukturen, denen die Organisation einer Geschichte folgt, beherrschen lernen. Wie weit die kindliche Erzählfähigkeit ausgebildet wird, hängt vor allem von der Anregung ab, die sie in ihrem Umfeld bekommen. Aus den über Medien erzählten Geschichten können Strukturen und Mitteilungsweisen des Erzählens nur schwer übernommen werden, da sie dort selten deutlich herausgearbeitet werden. Das hat mit den medialen Darstellungsweisen zu tun. Während Erzähler beim flüchtigen Zuhören nur verstanden werden, wenn sie die Handlung knapp und folgerichtig vor Augen führen, lenken bereits die umfangreichen Beschreibungen in literarischen Erzählungen, so gekonnt sie auch formuliert sein mögen, von diesen Strukturen ab. Noch stärker verändern die Möglichkeiten der Bildführung in audiovisuellen Darstellungen das übersichtliche Erzählschema. Kinder im Vorschulalter sind deshalb zunächst auf persönliche Erzählungen angewiesen, um die Gesetzmäßigkeiten des Erzählens zu durchschauen und selbst anzuwenden. (Das ist der Grund, warum Kindergartenkinder oft nur Bruchstücke gesehener Fernsehsendungen berichten können, während sie Erzählungen noch nach Wochen und Monaten erinnern). Mit wachsender Beherrschung können auch die Strukturen komplexerer literarischer und medialer Darstellung durchschaut und geordnet werden. Das Hören von Erzählungen, noch mehr das eigene aktive Erzählen schafft darum auch eine gute Voraussetzung, um mediale Erzählungen zu durchschauen und zu verarbeiten.

3. Wie für Kinder zu erzählen ist

Die "Hörer" einer Erzählung sind aber eigentlich Zuschauer, denn sie folgen dem Erzähler auch mit den Augen - ein Verhalten, das wir in Gesprächen ganz selbstverständlich einnehmen. Alles lebendige Erzählen wird wie jede zwischenmenschliche Unterhaltung begleitet von gestischen und spielerischen Zeichen, die die sprachliche um eine anschauliche Information ergänzen.

Bilder erzeugen über Gestik und Spiel

Die gestische und spielerische Darstellung geht in Erzählungen allerdings über den sprachbegleitenden nonverbalen Ausdruck des Alltagsgesprächs hinaus. In Untersuchungen läßt sich feststellen, daß der Anteil symbolischer Gesten schlagartig ansteigt, sobald ein Sprecher zu erzählen beginnt. Das wird nachvollziehbar, wenn man sich klarmacht, was beim Erzählen geschieht. Denn damit sie seiner Erzählung folgen, muß der Erzähler die Zuhörer aus dem Hier und Jetzt des Erzählens in das Dort und Damals der Erzählung entführen. Das heißt aber, er muß sie dazu bringen, die sinnliche Gewißheit der Gegenwart gegen die ungreifbare Welt seiner Fiktion einzutauschen. Während der Leser mit dem Aufschlagen des Buchs seine Aufmerksamkeit fast vollständig aus der Gegenwart abzieht und sich auf die sprachlichen Zeichen konzentriert, macht der Hörer einer Erzählung vielfältige Wahrnehmungen. Seine Augen wandern, beobachten abwechselnd den Erzähler, die Mithörenden und den umgebenden Raum. Die sprachliche Formulierung allein würde ihn nicht weit genug aus seiner sinnlichen Gegenwart entfernen. Das leistet erst eine Darstellung über Gestik und Spiel, die deshalb von den Erzählern desto eindrucksvoller eingesetzt wird, je geschickter sie zu erzählen verstehen.

Es sind vor allem zwei Spielelemente, die am lebendigen Erzählen beteiligt sind und den sprachlichen Text durchsetzen: das Anspielen der handelnden Personen und die den Erzähltext illustrierenden Gesten. Beide helfen auf ihre Weise die sinnliche Gegenwart zurücktreten zu lassen und in die fiktive Gegenwart der Erzählung einzutauchen.

In beiden Fällen handelt es sich um reduzierte zeichenhafte Darstellungen. Die im darstellenden Spiel ausgeführte Rolle wird nur kurz an den entscheidenden Stellen der Handlung oder eines Dialogs angedeutet, um die Rolle gleich wieder zu verlassen. Jede Person erhält dabei eine typische Haltung, einen Gesichtsausdruck oder dergleichen, die ausreichen, um sie zu kennzeichnen. Der alte Bettler streckt mit krummem Rücken bittend die Hand vor, für das Nashorn wird der Finger über der Nase ausgestreckt. Den Grobian, der die Tür eintritt, kann ein tretender Fuß ebenso charakterisieren wie die als Fuß zustoßende Hand.

Die bildhafte Geste arbeitet noch bruchstückhafter: Sie nimmt ein Element aus einem Gesamtbild und ahmt es über die Handbewegung oder andere körperliche Ausdrucksweisen nach. Um den Bach durch die Wiese fließen zu lassen kurven die Hände mit bewegten Fingern durch die Luft. Die Schranktür öffnet sich mit einer Vierteldrehung des vor die Brust gelegten Armes. Das reicht für den Betrachter aus, um sich das ganze damit gemeinte Bild der Wiese oder des Schlafzimmers im Kopf zu ergänzen. Die Gesten und Spielweisen des Erzählers zaubern darüber auf überraschende und an Magie grenzende Weise Bilder in die Köpfe der Hörer. Ähnlich wie beim Betrachten von Bilderbüchern werden Bilder zum Text geliefert, nur daß sie angeregt durch die Darstellung des Erzählers diese Bilder in ihrer Vorstellung selbst herstellen.

Beim Vorlesen sind die Hörer dagegen auf die sprachliche Information reduziert. Der buntgewebte Teppich aus Sätzen, Gesten und Spiel zerreißt. Sobald das Lesen zur selbstverständlichen Tätigkeit geworden ist, spielt diese Einschränkung keine Rolle mehr. Jetzt kann die bildhafte Vorstellung problemlos aus dem Text entnommen werden. Lesegeschichten bieten deshalb, anders als Erzähltexte, ausführliche Beschreibungen, die die Aufgabe haben, die Vorstellung anzuregen. Aber so weit sind die Kinder ja zunächst noch nicht, sie sollen zur Lesefähigkeit erst hingeführt werden.

In Formeln und Wiederholungen sprechen

Auch die Sprechweise des Erzählers ist auf die rasche und flüchtige Aufnahme ausgerichtet. Anders als der Schreibende wiederholt er gerne die gleichen Formulierungen, und niemand stört sich daran. Während beim Lesen Wiederholungen als störend empfunden werden, erleichtern die Formeln das Erzählen wie das Hören. Den Erzähler, der ja nicht über einen festen Text verfügt, sondern ihn im Moment des Erzählens improvisiert, entlastet die Wiederholung von der Suche nach den richtigen Worten. Aber auch der Hörer darf die Aufmerksamkeit einen Augenblick zurücknehmen. Er ist ja ganz anders "gespannt" als der Leser, denn was er im Moment des Hörens nicht aufnehmen konnte, bleibt ihm für immer verloren. Hören ist flüchtig und bereits bekannte Wendungen lassen sich rascher aufnehmen. Es sind vor allem die sogenannten "Formeln", jene festen Wendungen, die sich beim wiederholten Erzählen von Geschichten unweigerlich einschleifen und das Erzählen beträchtlich erleichtern, weil sie als feste "Versatzstücke" Ruhepunkte bei der improvisierenden Textgestaltung setzen. Zugleich rhythmisieren sie den Sprachfluß.

Man kann nun immer wieder beobachten, daß sich diese formelhaften Wiederholungen Kindern besonders einprägen und wie Fundstücke beim Nacherzählen oder in eigenen Geschichten verwendet werden.

Tatsächlich bilden wir solche feststehenden Versatzstücke auch schon in unseren Alltagserzählungen. Man beobachte sich nur dabei, wie man ein erzählenswertes Erlebnis immer wieder zum Besten gibt, und wie sich dabei Formulierungen einschleifen, und desto zuverlässiger wiederholt werden, je öfter wir ein Erlebnis berichten.

Man merkt das noch den Texten unserer Märchensammlungen an, obwohl deren Wortlaut schon für ein Lesepublikum aufbereitet wurde. Es gehört zum obligatorischen Märchenstil, daß sie etwa bei den Grimms mit dem "Es war einmal" einsetzen und mit der Formel enden: "Und wenn sie nicht gestorben sind..." Die Prinzessin ist wunderschön und hat goldene Haare, ihr Befreier mutig, tapfer und stark.

4. Erzählen und Sprachförderung

Vergegenwärtigen wir uns zunächst, daß Kinder Sprache von allem Anfang über den Dialog erwerben. Längst bevor sie die erste sprachliche Äußerung zustande bringen, haben sie gelernt zu kommunizieren, zunächst über die körperliche Handlung, schließlich über symbolische Gesten. Sie können im Dialog mitspielen, ehe sie dazu die Sprache benutzen. Die sprachlichen Bezeichnungen werden dann im wechselseitigen Gespräch allmählich entschlüsselt und übernommen.

Daß das Dialogspiel in reduzierter Form weiterläuft, erleichtert Kindern das Verstehen der Erzählung. Beim Vorlesen tritt ihnen dagegen ein in sich geschlossener Text entgegen. Beim eigenem Lesen sind sie nur noch mit einem sprachlichen Gebilde, aber mit keiner sprechenden Person mehr konfrontiert. Und die sprachliche Gestaltung des gelesenen Textes kann das Sprachverständnis der Hörenden nicht berücksichtigen.

Die Bedeutung, die die gesprächsnahe Vermittlung für Kinder vor dem Lesealter hat, wird durch einen Seitenblick auf Bilderbücher unterstrichen. Bilderbücher regen die Vorstellung über die begleitenden Illustrationen an, zugleich wechseln Vorlesen des Textes und Gespräche, die das Betrachten der Bilder begleiten, einander ab. Der gelesene Text wird also ergänzt und umspielt von dem Gespräch, in das das Vorlesen eingebettet ist. Darüber wird die Erzählung "interaktiv" nähergebracht. Der geschlossene Text wird aufgebrochen, kindliche Eindrücke können in die Betrachtung einfließen, Fragen können gestellt und die Geschichte auf die Erfahrungen und Phantasien der Kinder bezogen werden..

Erzählen nach den Reaktionen der Zuhörer

Insgesamt wird das Verstehen dadurch erleichtert, daß der Erzähler den Text stets entlang den Reaktionen der Zuhörer improvisiert. Seine Sprache wird notwendigerweise vom alltäglichen Sprachgebrauch abweichen, aber anders als der stilisierte Schrifttext sich immer wieder auf die Sprachfähigkeit seiner Hörer zurückbeziehen. Wo er bemerkt, daß sie ihn nicht mehr verstehen, wird er seine Aussagen in anderen Worten wiederholen und sich in der Diktion an die Hörer anzunähern versuchen. Er muß das nicht üben, jeder Erzähler tut das selbstverständlich, solange er sich im Kontakt zu seinem Publikum befindet.

Wortverstehen durch gestische Illustration

Zusätzlich bebildern Gestik und Spielelemente die sprachlichen Mitteilungen. Gesten werden rascher verstanden als Sätze, einmal weil sie Bilder evozieren, die plötzlich auftauchen, während die Entschlüsselung von aufeinander folgenden Sprachlauten Zeit benötigt. Zudem werden sie in der Logik einer Spielsymbolik gebildet, deren Verständnis nicht von der Sprachbeherrschung, sondern von der Beweglichkeit der Spielphantasie abhängt. Gerade wo die sprachlichen Äußerungen nur annäherungsweise erfaßt werden, werden Spiel und Gestik ein ungefähres Verstehen erlauben. Gesten sind ja niemals eindeutig, sie wirken wie eine Art Rätsel, das nach Entschlüsselung ruft. Den Schlüssel aber liefert die Sprache. Die hörenden Kinder werden um so mehr bemüht sein, die sprachlichen Mitteilungen zu enträtseln und sich zugänglich zu machen.

Gerade die Formelhaftigkeit des Erzähltextes unterstützt das Aufnehmen der sprachlichen Formulierung. Kinder kauen ja oft regelrecht frisch gelernte Wörter und das kann man auch beim Nacherzählen von gehörten Geschichten beobachten. Dieser Effekt stellt sich besonders dort ein, wo die gleiche Geste die sich wiederholende Formel begleitet.

Nun rückt aber die Erzählung in einer anderen Hinsicht vom Sprechen im Gespräch ab: Sie bietet ja ein eigenständiges und zusammenhängendes Gebilde, das sich aus der gegenwärtigen Gesprächssituation entfernt. Kinder kennen etwas Ähnliches schon aus ihren Rollenspielen, wo sie auch immer wieder aus dem Spiel heraustreten, um über die Spielhandlung und seine Fortführung zu sprechen, und damit eine "Metaebene" etablieren. Ganz ähnlich müssen sie beim Hören von Erzählungen, und noch mehr, sobald sie selbst erzählen, eine doppelte Perspektive halten: Erstens die Sicht des Erzählenden, der auf die erzählten Ereignisse blickt, und zweitens die Sicht der handelnden Personen, die in der Erzählung agieren.

Der Hörer einer Erzählung überblickt grundsätzlich die Bausteine einer Geschichte und entwickelt eine recht klare Erwartung, was wann aufeinander zu folgen hat. Zwar beherrschen Kinder, wenn sie selbst erzählen, das Strukturschema von Geschichten erst ansatzweise, aber sie haben diese Erwartungen über Geschichten, die sie schon gehört haben, ausgebildet. Sie können die Gesamtstruktur überblicken und ihre Aufmerksamkeit danach ausrichten. Gerade weil Erzählungen so schematisch aufgebaut sein müssen, können die Prinzipien, nach denen das sprachliche Gebilde gebaut ist, durchschaut und nachvollzogen werden. Diese Abweichung von den offenen Beiträgen eines in Rede und Gegenrede verlaufenden Dialogs hat für das Sprachverständnis von Vorschulkindern eine wichtige Konsequenz: Sie lernen mit längeren und in sich strukturierten sprachlichen Texten unabhängig vom kommunikativen Kontext umzugehen, eine Fähigkeit, die das Lesen und Schreiben vorbereitet. Sprache wird aus dem Kontext der Kommunikationssituation herausgelöst und als eigenständiges Gebilde wahrgenommen: Sie wird "dekontextualisiert". Damit wird eine wichtige Voraussetzung für die Lese- und Schreibfähigkeit geschaffen.

Vor zweisprachigen Kindern erzählen

Das Erzählen von Geschichten kann natürlich Kindern, die eine andere Muttersprache sprechen, nicht die Beherrschung des Deutschen vermitteln. Es kann nur ein Baustein sein, eine wichtige Anregung neben dem alltäglichen "Sprachbad", über das Vorschulkinder sich eine zweite Sprache aneignen. Erzählen kann jedoch die Sprachförderung insbesondere jener Kinder entscheidend unterstützen, die bereits eine gewisse Gespächsfähigkeit zeigen. Sie kann dabei zugleich eine Grundlage für die spätere Literalität in der Zweitsprache legen.

Beim Vorlesen oder Bilderbuchbetrachten fühlen sich Migrantenkinder sehr häufig ausgeschlossen und wenden sich ab, weil sie über zu wenig Sprachkenntnisse verfügen, um den Texten zu folgen. Beim Erzählen vor Kindergruppen kann man immer wieder beobachten, wie aufmerksam und fasziniert Migrantenkinder auch dann noch zuhören, wenn sie nur wenig davon zu verstehen scheinen. Über eine auf Ausgestaltung von Darstellung und Sprache, die auf sie zugeschnitten ist, lassen sich Erzählungen so anlegen, daß sie von diesen Kindern besser verstanden werden und zugleich deren Sprachbeherrschung verbessern helfen.

Im allgemeinen kennen Kinder in der Zweitsprache zwar viele Wortbezeichnungen, die ihnen erlauben sich in der fremden sprachlichen Umwelt durchzufinden. Sie beherrschen aber die Regeln, nach denen sie zu Sätzen verknüpft werden, nur unvollständig. Was sie allerdings durchaus kennen, ist die regelhafte Abfolge von Elementen, die eine Geschichte erfordert. Denn diese Strukturregeln werden bei geringen Abweichungen im Prinzip kulturübergreifend verwendet. Sobald sie bemerken, daß ihnen eine Geschichte erzählt wird, werden sie sich beim Hören an den entscheidenden Punkten zu orientieren versuchen und ihre Aufmerksamkeit danach ausrichten. Zugleich werden sie aber auch die sprachlichen Aussagen und unbekannte Wörter besser verstehen, sobald eine ausgeprägte Gestik und umfangreichere Spielelemente die Erzählung begleiten.

Normalerweise werden sowohl beim spontanen wie beim geplanten Erzählen diejenigen Handlungselemente in Geste und Spiel herausgehoben, die zentral für das Verständnis der Erzählung erscheinen. Im Wesentlichen sind das die dramatischen Knotenpunkte der Handlung sowie alle Vorgänge, die das Vorstellungsvermögen beanspruchen, wunderbare Verwandlungen z.B. oder unwahrscheinliche Erscheinungen. Diese sinnliche und bildliche Begleitschiene der sprachlichen Erzählung kann nun weiter ausgedehnt werden, indem alle wichtigen sprachlichen Aussagen und zentralen Bezeichnungen dargestellt werden. Das ungefähre assoziative Verstehen kann sich mit den Lautfolgen der Bezeichnungen verbinden, die sie illustrieren. Dieser Effekt wird sich vor allem bei den Formeln einstellen, die quer durch die Geschichte immer wieder auftauchen. Die Erzählungen lassen sich auf diesen Effekt hin konstruieren, indem in den aufeinanderfolgenden kurzen Episoden formelhafte Sätze mit geringen Variationen wiederkehren.

5. Wie Kinder zu Erzählern werden

Anders als der abgeschlossene Text des Schriftstellers sind die locker gewebten Texturen einer Erzählung offen für Variationen und Ergänzungen. Sie werden durch eine Zwischenfrage nicht zerrissen, sondern ergänzt. Sie öffnen sich darüber den Assoziationen und Phantasien der Zuhörer, werden reicher und komplexer. Auch eingestreute Erklärungen, Variationen und Anmerkungen stören nicht, sondern gliedern sich problemlos in die Interaktion zwischen Erzähler und Hörer ein. Erzählungen stehen deshalb auch für erzählende Beiträge des Publikums offen. Die Zuhörer können zu Miterzählern werden.

Beim Lesen von Märchen macht man sich oft nicht klar, wie sehr überlieferte Erzählungen auf Ergänzungen hin angelegt sind. Lesend geht man von einer festgelegten Handlungsfolge und einer unabänderlichen Textgestalt aus. Sobald man sie nicht rezitiert, sondern in der beschriebenen Weise lebendig erzählt, läßt ihre lockere Bauweise Eingriffe und Ergänzungen zu, ohne daß die Geschichte beeinträchtigt würde. Man muß dabei nur die rhythmische Struktur der Vorlage beachten. Alle Beiträge müssen sich in diesen Rhythmus einfügen, um die Geschichte nicht zu zerreißen. Kinder können dann sehr einfach zu Miterzählern ernannt werden, womit sozusagen nebenbei ihre literarische Produktivität geweckt und gefördert wird.

Die Kinder erzählen mit

Dafür eignen sich jene Erzählungen besonders, die Episoden aneinander reihen, in denen die gleiche Handlungsfolge in jeder variiert wird. Wir kennen dieses Prinzip aus den überlieferten Kettenmärchen. Die variierende Wiederholung erlaubt, das Handlungsgerüst rasch zu durchschauen und erleichtert es, dazu selbst eine Episode auszudenken.

Um ein bekanntes Beispiel zu nehmen: Sobald der Pfannkuchen sich selbständig gemacht hat, durch die Landschaft rollt und ihm zwei oder drei Mal Gestalten über den Weg laufen, die ihn verzehren wollen, denen er aber listig entwischt, ist ein Grundmodell vorgegeben, das sich beliebig erweitern läßt. Ich brauche nur zu fragen, wer ihm als nächster über den Weg läuft, und kann einem zuhörenden Kind für eine Episode die Erzählerrolle überlassen. Am Ende hänge ich meine Schlußepisode an, in dem er seinem Schicksal nun doch nicht entgeht.

Kinder lernen zwar die Strukturen von Geschichten sehr früh kennen, aber es fällt ihnen lange recht schwer, sie in ihren eigenen Erzählungen zu realisieren, es gelingt ihnen noch kaum eine vollständige Geschichte zu konstruieren. Bekommen sie dagegen die "Spielregel" über die erzählten Episoden vorgegeben, dann können sie ohne weiteres einsteigen und sich am Erzählen beteiligen. Je öfter sie die Gelegenheit dazu hatten und die Befriedigung spürten, daß sie selbst erzählen können, desto eher werden sie beginnen, vor anderen auch ganze Geschichten zu improvisieren.

Dabei können sich auch schon Kinder beteiligen, die noch über geringe Sprachkenntnisse verfügen. Sie werden vielleicht auf die Frage, wer dem Pfannkuchen als nächster begegnet nur kurz "Fuchs" einwerfen. Der Erzähler kann das aufnehmen und eine kurze Episode mit einem Fuchs improvisieren. Die Befriedigung, daß ihre Idee in die Geschichte eingefügt wurde, stellt einen Anreiz dar, sich bald mehr an der Ausarbeitung der Geschichte zu beteiligen.

Was du kannst, das kann ich auch

Denn Erzählungen regen Kinder an, sich selbst am Erzählen zu versuchen. Man braucht nur die eigene Erzählung mit der Bemerkung zu beenden: "Ich habe euch erzählt, vielleicht erzählt ihr jetzt mir", und fast immer schlüpft ein Kind in die angebotene Erzählerrolle.

Am selbstverständlichsten ergibt sich das, wenn es in ein spielerisches Ritual eingebettet wird. Zum Beispiel indem man einen Erzählerstuhl einführt, den man dann natürlich auch selbst benutzt: Er hat dann die wundersame Eigenschaft, seinem "Besitzer" eine schöne Geschichte einzuflößen. Kaum läßt man sich darauf nieder, beginnt es zu kribbeln und schon macht sich im Kopf eine Geschichte breit. Vor einer größeren Gruppe empfiehlt sich eher eine Erzählermütze oder eine anderes bewegliches Zeichen, weil damit im Stehen erzählt werden kann.

Wenn sich Kinder melden, die Deutsch als Zweitsprache sprechen, sollte ihnen übrigens erlaubt werden, auch in ihrer Muttersprache zu erzählen. Meist lauschen die übrigen Kinder fasziniert den fremden Klängen, und mit etwas Glück gibt es vielleicht sogar ein anderes Kind in der Gruppe, das als "Übersetzer" dienen kann. Damit ist beiden geholfen, dem erzählenden Kind, das vor allen andern spricht, wie dem Übersetzenden, der seine Sprachkenntnisse demonstrieren durfte.

Wiederum wird man bei den Erzählungen der Kinder beobachten können, daß sie Strukturen und Rhythmen der gebotenen Erzählung benutzen und sie neu einkleiden, sie mit anderen Helden und eigenen Phantasien ausstatten.

6. Was man sonst noch aus Erzählungen machen kann

Die erzählten Geschichten werden auch bei ausgeprägter gestischer Erzählweise kaum mit dem ersten Erzählen vollständig aufgenommen. Sie können auf verschiedene Weise nachbereitet werden und sich darüber genauer einprägen.

Es empfiehlt sich, zu festen Terminen zu erzählen und dabei zunächst eine beim vorigen Termin erzählte Geschichte unter Beteiligung der Kinder zu wiederholen. Dabei kann man die Erzählung mit den Kindern rekonstruieren, indem man den Einstieg erzählt und dann nach dem Fortgang fragt.

Eine wichtige Form der Nachbereitung, die das Verständnis stärkt und zugleich die Phantasie anregt, stellt das Nachspielen in Form von Rollenspielen dar. Dabei beginnt man den Einstieg der Geschichte noch einmal zu erzählen, um das Spiel in Gang zu setzen und fügt immer wieder dort erzählende Sätze ein, wo die Kinder stocken. Häufig ergeben sich beim Nachspielen interessante Varianten und neue Ideen.

Aufgefordert zur Geschichte zu malen, werden Kinder die Szenen herausgreifen, die sie am stärksten beindruckten. Die Zeichnungen können wieder zur Rekonstruktion der Story benutzt werden, indem sie in der Reihenfolge der Handlung aufgehängt werden und an die gehörte Geschichte erinnern. Sie lassen sich auch zu einem selbst gemachten Bilderbuch zusammenfügen.

Es bietet sich auch an, die Geschichten nach mehrmaligen Erzählen in einer Textfassung vorzulesen, die dann weitgehend von den Kindern verstanden werden kann. Darüber wird die Literalität gestärkt, das heißt das Umgehen mit in sich geschlossenen sprachlichen Gebilden, das wiederum eine Voraussetzung für die spätere Schreib- uind Lesefähigkeit bildet. Das gilt übrigens auch für Kinder, die eine andere Muttersprache sprechen, da Literalität nach Ausweis der Fachliteratur nicht an eine Sprache gebunden zu sein scheint, sondern recht problemlos von der Erst- auf die Zweitsprache oder umgekehrt übertragen werden kann.

Schließlich können eigene Geschichten als Vorlagen für kleine Medienprojekte dienen. Dem sind im Kindergarten zwar enge Grenzen gesetzt, weil die Kinder noch kaum die Ausdauer und Übersicht aufbringen, die dafür nötig ist. Neben dem schon erwähnten Erstellen eines eignen Bilderbuches bietet sich vor allem die Herstellung einer Tonfassung an, die relativ rasch und ohne großen technischen Aufwand zu leisten ist, jedenfalls sofern man keine großen Anforderungen an die Tonqualität stellt.

7. Woher man geeignete Geschichten bekommt

Freies Erzählen braucht zunächst Vorbereitung, die sich aber auf die Dauer auszahlt. Denn spätestens nach dem dritten Erzählen behält man die Geschichte sehr gut im Gedächtnis und kann mit der Zeit über ein kleines Repertoire verfügen, das jederzeit genutzt werden kann.

Ohne Vorbereitung lassen sich Erlebenisse aus der eigenen Kindheit erzählen, die Kinder meist sehr gerne hören möchten. Ansonsten müssen wir uns die Vorlagen für Erzählungen aus Büchern holen, und das kostet etwas Anstrengung. Diese Texte sind für das Lesen verfaßt und müssen deshalb für den freieren Umgang des Erzählens aufbereitet werden.

Auch wenn ihr Wortlaut von den Bearbeitern literarisiert wurde, zeigen doch die meisten Märchen noch eine Handlungsfolge, die sich sehr gut zum Erzählen eignet. Allerdings enthalten sie auch viele Elemente aus der ländlichen Gesellschaft, in der sie entstanden und weitererzählt wurden, die Kinder heute schwer verstehen, die ländlichen Arbeitsweisen etwa oder die Gerätschaften, mit denen gearbeitet wurde. Man sollte sich nicht scheuen, sie zu erklären. Beim offenen Erzählen wird das Märchen durch solche Einschübe nicht gestört.

Größere Schwierigkeiten bereiten von Schriftstellern verfaßte Erzählungen, die von vorneherein aufs Lesen ausgerichtet sind. Hier ist bei der Auswahl darauf zu achten, daß sie ausreichend Handlung bieten und sie in einer übersichtlichen Form entwickeln. Einige wenige Schriftsteller schreiben in einer erzählbaren Diktion, wie etwa die Geschichten von Heinrich Hannover, die fast so zu erzählen sind, wie sie im Buch stehen. Brauchbare Vorlagen für Erzählungen können kostenfrei aus "Merkels Erzählkabinett" im Internet entnommen werden. Dort findet sich auch ein Aufsatz, wie geschriebene Vorlagen in mündliche Erzählungen überführt werden können sowie einen Beitrag, der Verfahren beschreibt, wie das gemeinsame Erfinden von Geschichten in einer Kindergruppe angehen kann.

Weitere Informationen

Merkels Erzählkabinett. Geschichten zum Erzählen und Vorlesen. http://www.uni-bremen.de/~stories