Einbindung von Eltern in die pädagogische Arbeit der Kindertageseinrichtung

Martin R. Textor und Brigitte Blank

 

Es hat im Kita-Bereich eine lange Tradition, dass Eltern in die Organisation von Festen und Feiern eingebunden werden. Viele Kindertageseinrichtungen haben in den letzten Jahren außerdem positive Erfahrungen mit der Kooperation mit Eltern bei der Umgestaltung von Spielbereichen in den Gruppenräumen und im Gang oder bei der Garten(um)gestaltung gesammelt. Aber auch die pädagogische Arbeit in den Gruppen bietet viele Chancen, Eltern einzubinden.

Die Hospitation ist eine gute Möglichkeit, Eltern für eine Mitarbeit zu gewinnen: Nach Voranmeldung nimmt eine Mutter oder ein Vater am Kita-Alltag teil, und zwar nicht als Beobachtende/r, sondern als Mitwirkende/r - der Elternteil spielt mit den Kindern in der Freispielzeit, macht bei Aktivitäten mit, beteiligt sich an Gesprächen. Viele Eltern reizt dieses Angebot, weil sie auf diese Weise "hautnah" den Kita-Alltag miterleben können. So sind manche durchaus bereit, hierfür einen (halben) Tag Urlaub oder Zeitausgleich zu nehmen.

Eltern können aber noch mehr aktiviert werden, indem sie zur Mithilfe bei pädagogischen Angeboten bzw. zu deren (Mit-) Gestaltung aufgefordert werden. Hier ist es von Vorteil, wenn die Erzieherin über Berufe, Hobbys und besondere Fähigkeiten von Eltern gut informiert ist, sodass sie einzelne Eltern gezielt ansprechen kann. Aber auch durch eine Umfrage kann sie ermitteln, wie sich Eltern in der Kindertageseinrichtung engagieren wollen/ können. Weitere Tipps:

  • Schon bei den ersten Kontakten und beim ersten Elternabend sollten neue Eltern auf die Möglichkeit einer Beteiligung an pädagogischen Angeboten hingewiesen werden.
  • Durch das frühzeitige Aushängen von Monats- oder Wochenplänen können Eltern informiert werden, was an Projekten und Aktivitäten geplant ist oder wo ihre Mithilfe benötigt wird. Dann können sie mittelfristig planen, sich also z.B. einen halben Tag frei nehmen.
  • Eltern, die häufiger in der Kindertageseinrichtung mithelfen wollen, können in einer speziellen Veranstaltung über die an sie gerichteten Erwartungen, das "richtige" Verhalten gegenüber Kindern, relevante Gruppenregeln (Disziplin), den Datenschutz u. Ä. informiert werden. Hier ist es auch sinnvoll, mit ihnen von Zeit zu Zeit über die gesammelten Erfahrungen zu sprechen, ihnen Feedback zu geben und sie zu ermutigen, sich weiter zu engagieren.
  • Es ist darauf zu achten, dass bestimmte Gruppen von Eltern nicht "außen vor bleiben". Auch Väter, Alleinerziehende, Aussiedler usw. können eingebunden werden. Notfalls muss z.B. bei Ausländern mit unzureichenden Deutschkenntnissen ein Elternteil aus demselben Sprachraum als Dolmetscher gewonnen werden.
  • Kommen Eltern in die Gruppe, um an einem besonderen Angebot bzw. Projekt mitzuwirken, sollten sie herzlich begrüßt und den Kindern vorgestellt werden.
  • Ist die Aktivität beendet, dankt die Erzieherin den Eltern herzlich und verabschiedet sie mit der Gruppe.
  • Die Fachkräfte sollten Eltern, die sich häufig engagieren, auch öffentlich danken (z.B. bei einem Elternabend, in einem Elternbrief).
  • Die Mitwirkung von Eltern sollte nicht nur im Team geplant, sondern dort auch evaluiert werden.

Beispielsweise kann ein Vater, der von Beruf Masseur ist, seine beruflichen Fertigkeiten in die Kindergruppe einbringen. Er zeigt den Kindern einige Massagegriffe, leitet sie bei einer Partnermassage an und führt sie hin zu einer entspannten Körperhaltung und Atmung. Zu einer Mutter dürfen die Kinder in die Arztpraxis kommen, ein anderer Vater lädt die Gruppe zur Besichtigung seiner Bäckerei ein, eine weitere Mutter ist bereit, ihr Baby in der Gruppe zu baden, zu wickeln und zu füttern. Den fachgerechten Umgang mit den Werkzeugen an der Werkbank zeigt ein Großvater, der früher als Schreiner gearbeitet hat.

Wichtig ist, dass es sich hier nicht um isolierte Ereignisse handelt: Beispielsweise können die Kinder nach dem Erlernen von Massagegriffen immer wieder motiviert werden, einander zu massieren, oder sie können andere Formen der Entspannung kennen lernen (meditative Musik, Entspannungsübungen, Malen von Mandalas usw.). Der Besuch bei der Mutter in der Arztpraxis kann mit Gesprächen und Aktivitäten rund um das Thema "Gesundheit und Krankheit" verknüpft werden oder die Besichtigung der Bäckerei des Vaters mit dem Kennenlernen anderer Handwerksberufe.

Dies verdeutlicht, dass eine Mitarbeit von Eltern vor allem im Rahmen von Projekten sinnvoll ist. Erzieherinnen können interessierte Eltern bereits in deren Planung einbeziehen: Diese können Ideen beisteuern, organisatorische Aufgaben übernehmen (Objekte besorgen, Kontakte herstellen...), eine besondere Aktivität mit Kindern übernehmen oder auch als Begleitpersonen bei Exkursionen mitkommen. Projekte unter Beteiligung der Eltern können z.B. die Erkundung der Gemeinde, das Leben in der Vergangenheit, Besuche in Museen, Theatern, Redaktionen oder Druckereien u.Ä. umfassen (siehe Textor 2009).

Ein Elternteil kann aber auch an "ganz normalen" Aktivitäten der Kindergruppe mitwirken. In der folgenden Tabelle finden sich einige Beispiele (vgl. DiNatale 2002), die hier nur stellvertretend für eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten stehen.

Möglichkeiten der Beteiligung von Eltern

Malen

in der Malecke Kindern assistieren

benötigte, von den Kindern aber nicht erreichbare Utensilien holen

mit Kindern über ihre Kunstwerke sprechen

den Namen der Kinder unter die Bilder schreiben

Basteln/ Werken

Helfen beim Umgang mit Scheren und Klebstoff

mit Kindern Perlen aufreihen, Papier falten usw.

Unterstützen von Kindern im Umgang mit Werkzeug

Aufpassen, dass Kinder sich nicht verletzen

Herstellen von Requisiten für das Puppentheater

Musik

Singen/ Einüben von Liedern

interessierten Kindern ein Musikinstrument vorstellen

mit Kindern tanzen

zu Hause Kassetten mit Musik bespielen

Spiele

mit Kindern Bauwerke erstellen; aufpassen, dass nicht die Bauten anderer Kinder umgestoßen werden

Beteiligung an Tischspielen, falls von den Kindern gewünscht

zu Hause Puppen oder Spielsachen herstellen

Rollenspiel

Beteiligung an Rollenspielen

neue Rollen und Themen einführen

mit Kindern den Rollenspielbereich auf ein bestimmtes Thema bezogen ausstatten

zu Hause Kleidung für den Rollenspielbereich nähen

Medienerziehung

Kindern ein Bilderbuch vorstellen

mit Kindern über ihre Lieblingsbücher sprechen

Märchen und Geschichten erzählen/ vorlesen

Kindern am Computer assistieren

zu Hause Kassetten mit selbst vorgelesenen Geschichten bespielen

Naturwissenschaften

mit einigen Kindern experimentieren oder bei Experimenten assistieren

Kinder auf Naturphänomene aufmerksam machen, mit ihnen über Tiere, Insekten und Pflanzen sprechen

Kindern vor Störungen durch andere schützen, wenn sie sich z.B. alleine mit Montessori-Material beschäftigen

Mathematik

Anleiten von Kindern beim Zählen, Sortieren und Vergleichen von Objekten

Eigenschaften wie größer - kleiner, schwerer - leichter miteinander in Beziehung setzen

Sprache

mit einzelnen Kindern/ Kleingruppen längere Gespräche führen

neue Begriffe einbringen

mit Kindern über die Bedeutung von Wörtern sprechen

Kindern eine Fremdsprache vorstellen

Fingerspiele, Gedichte oder Reime einführen

Freispiel (draußen)

den Kindern beim Anziehen von Mänteln, Schuhen usw. helfen

mit Kindern Fangen oder Verstecken spielen, ihnen einen Ball zuwerfen usw.

mit Kindern im Sandkasten spielen

Mahlzeiten

den Kindern beim Decken und Abdecken des Tisches helfen

mit Kindern kochen (auch ausländische Gerichte) und backen

Herrichten eines gesunden Frühstücksbuffets für die Kinder (regelmäßig/ einige Male pro Monat)

usw.

usw.

Um die Eltern zur Mitarbeit zu motivieren, kann auch die Kindergruppe an sie herantreten. Dies kann beispielsweise so geschehen: An der Tür des Gruppenraumes hängt eine von den Kindern gefertigte Collage, die einen Wald zeigt. Darunter steht geschrieben: "Wir beschäftigen uns zur Zeit mit dem Wald. Wer kann uns zu diesem Thema Bücher, Bilder und andere Materialien mitbringen? Da wir demnächst mit der Gruppe eine Walderkundung machen wollen, würden wir uns auch über 'fachkundige' Begleitpersonen freuen". Oder die Kinder werden mit dem Auftrag nach Hause geschickt, die Eltern (bzw. Großeltern) zu einem bestimmten Thema zu "interviewen" oder sie um etwas (z.B. um ein "historisches" Objekt zum Anschauen in der Gruppe) zu bitten. Diese Beispiele zeigen wie die vorgenannten, dass durch die Unterstützung der Eltern sachorientiertes Lernen und realitätsnahe Erfahrungen für die Kinder möglich werden und das pädagogische Angebot der Kindertageseinrichtung umfassender und vielfältiger wird.

Durch die Einbindung von Eltern in die pädagogische Arbeit wird Bildungspartnerschaft realisiert: Zum einen werden einzelne bildende Aktivitäten von Erzieher/innen und (einige) Eltern gemeinsam geplant, vorbereitet und durchgeführt. Zum anderen können Eltern - bei entsprechender Information durch die Tageseinrichtung - Bildungsinhalte zu Hause aufgreifen und vertiefen. Beispielsweise können Eltern zum Thema passende Bilderbücher aus der Stadtbibliothek ausleihen und mit den Kindern anschauen, mit ihnen über neue Begriffe sprechen oder mit ihnen bestimmte Aktivitäten (z.B. ein Experiment oder Bastelarbeit) durchführen. Die Erzieherin kann auch Materialien (Bilderbücher, Lernspiele, Anleitungen, Praxisartikel usw.) zusammenstellen, die Eltern ausleihen können. So kann sie diese motivieren, zu Hause bildende Aktivitäten mit ihren Kindern durchzuführen. Die Materialien können in Bezug zum Monatsplan oder zum aktuellen Projekt stehen, müssen dies aber nicht.

Abschließend ist mit DiNatale (2002) festzuhalten: "Wenn Eltern eingebunden werden, gewinnen sie ein besseres Verständnis von ihrer Rolle als primäre Erzieher ihres Kindes. Darüber hinaus lernen Eltern und Erzieher/innen einander besser kennen und lernen voneinander. Dies führt dazu, dass die Kinder mehr individuelle Beachtung erfahren und das Curriculum gehaltvoller und abwechslungsreicher wird" (S. 90). DiNatale verweist darauf, dass nach amerikanischen Forschungsergebnissen Kindertageseinrichtungen und Schulen mit einem hohen Grad konsistenter und sinnvoller Elternbeteiligung erfolgreicher sind als solche ohne Elternmitarbeit. Auch wären die Fach- bzw. Lehrkräfte mit ihrer Arbeit zufriedener und besäßen mehr Selbstachtung. Die Eltern würden sich bewusst, dass ihr Verhalten und Vorbild einen großen Einfluss auf die Erziehung und Bildung ihrer Kinder haben und würden sich dementsprechend mehr engagieren - wobei Forschungsergebnisse belegen, dass einer der wichtigsten Faktoren, die den Schulerfolg von Kindern bestimmen, das Ausmaß der Beteiligung der Eltern an ihrer Bildung ist.

Literatur

DiNatale, L.: Developing high-quality family involvement programs in early childhood settings. Young Children 2002, 57 (5), S. 90-95

Textor, M.: Kooperation mit den Eltern. Erziehungspartnerschaft von Familie und Kindertagesstätte. München: Don Bosco 2000

Textor, M.R.: Projektarbeit im Kindergarten. Planung, Durchführung, Nachbereitung. Norderstedt: Books on Demand, 2. Aufl. 2009