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- Online-Handbuch - Herausgeber: Martin R. Textor |
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| Aus: Martin R. Textor (Hrsg.): Elternarbeit mit neuen Akzenten. Reflexion und Praxis. Freiburg, Basel, Wien: Herder 1994, S. 10-13
Zur Notwendigkeit einer intensiven Elternarbeit Martin R. Textor
Im Verlauf der letzten Jahrzehnte ist Elternarbeit immer wichtiger geworden. Zum einen wurde erkannt, daß Familie und Kindergarten zwei unterschiedliche Sozialisationsfelder sind, in denen Kinder verschiedenen Erziehungsstilen, Verhaltenserwartungen, Rollenleitbildern, Werten und Einstellungen ausgesetzt sein können. Damit kommt der Elternarbeit die Funktion zu, zwischen öffentlicher und privater Erziehung zu vermitteln, also die Teilung der Sozialisationsfelder zu überbrücken. Zum anderen haben Erfahrungen mit der kompensatorischen Erziehung von Kindern aus "unterprivilegierten Schichten" und mit der Behandlung verhaltensauffälliger Kinder gezeigt, daß ohne Einbeziehung der Familien keine langfristigen Erfolge erzielt werden können. Somit muß im Rahmen der Elternarbeit ein positiver Einfluß auf diese Eltern ausgeübt werden, der z.B. zu einer Verbesserung des Erziehungsverhaltens führen kann. Je intensiver die Mitwirkung der Eltern ist, um so stabiler sind dann die Fortschritte der Kinder. Vor allem aber setzt ein erfolgreiches Arbeiten mit Kindergartenkindern generell die Kenntnis von deren Lebenswelt voraus. Da die Familie bei Kindern dieses Alters noch immer die wichtigste Sozialisationsinstanz ist, kann auf eine Analyse der Familiensituation im Rahmen der Elternarbeit nicht verzichtet werden. Nur dann kann der Kindergarten seiner familienergänzenden und -unterstützenden Funktion nachkommen. Zudem läßt sich der Erziehungsstil in der Einrichtung nur dann mit demjenigen in der Familie abstimmen, wenn Erziehungsziele und -praktiken der Eltern bekannt sind. Dies wird immer wichtiger, da Kinder immer mehr Zeit (bis zu neun Stunden pro Werktag für bis zu vier Jahren) in Kindertageseinrichtungen verbringen. Beschäftigen wir uns etwas intensiver mit der Familienerziehung in der heutigen Gesellschaft, so stellen wir oft eine große Verunsicherung bei jungen Eltern fest. Sie haben im Verlauf ihrer Biographie kaum Gelegenheit gehabt, Erfahrungen im Umgang mit Kleinkindern zu sammeln, konnten aufgrund des Wertepluralismus keine eindeutigen Erziehungsziele entwickeln, sind durch die Konfrontation mit unterschiedlichen Erziehungstheorien und -rezepten verwirrt, wollen sich aber auch nicht an der selbst erfahrenen Erziehung orientieren. Häufig haben sie das Spielen verlernt und wissen nicht, wie sie ihre Kinder altersgemäß beschäftigen können und wie sie mit bestimmten (problematischen) Verhaltensweisen umgehen sollen. So erleben sie sich als überfordert und gestreßt, benötigen sie unsere Beratung und Unterstützung - selbst wenn sie sich dies nur schwer eingestehen können. Dasselbe gilt für Eltern, die nur hinsichtlich einzelner Erziehungsfelder unsicher sind, z.B. bei der religiösen, Medien- oder Sexualerziehung. Vor allem aber müssen wir auf die Eltern zugehen und unseren Rat anbieten, wenn diese gravierende Erziehungsfehler machen, also beispielsweise ihre Kinder physisch oder emotional vernachlässigen, ihnen zu wenig Liebe, Wärme und Aufmerksamkeit geben. Oft glauben sie, sich mit einem perfekt ausgestatteten Kinderzimmer, teuren Kleidern, Süßigkeiten oder Geschenken von weitergehenden elterlichen Pflichten "freikaufen" zu können. Andere Eltern überbehüten, verzärteln und verwöhnen ihre Kinder, binden sie in symbiotischen Beziehungen an sich, behindern ihr Autonomiestreben und ihre Ablösung. Häufig widmen sie ihren Kindern so viel Zeit und Energie oder werden von diesen so "ausgebeutet", daß sie unter Streßsymptomen leiden. Einige Eltern haben einen zu autoritären oder antiautoritären Erziehungsstil, andere wechseln fortwährend zwischen beiden Extremen. Vielfach ist auch zu beobachten, daß Eltern das eine Mal sich intensiv um ihre Kinder kümmern und liebevoll mit ihnen spielen, das andere Mal sie aber ignorieren und zurückstoßen - je nachdem, ob sie gerade die Kinder als Lebenssinn erleben und zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen oder ob sie sie als Belastung empfinden und sich in ihrem Selbstverwirklichungsstreben, bei der Entspannung oder bei Freizeitaktivitäten gestört fühlen. Für Kleinkinder ist ein solches sprunghaftes und unstetiges Verhalten kaum nachvollziehbar. Manche Eltern wollen ihren Kindern die besten Lebenschancen in unserer Gesellschaft bieten und deren Entwicklung bestmöglich fördern. Sie sind sehr leistungsorientiert (z.B. auch beim Spielen), setzen ihre Kinder unter Erfolgsdruck und verplanen deren Zeit mit einem Bildungsprogramm, das Sprachkurse sowie musische, kreative, sportliche und intellektuell anregende Angebote umfaßt. Aufgrund der niedrigen Kinderzahl konzentrieren sie oft alle ihre Wünsche und Erwartungen auf ein einziges oder gerade zwei Kinder - was nur zur Überforderung führen kann. Manche Eltern wollen auch ihre Kinder nach ihren Vorstellungen formen und zu "perfekten" Kindern erziehen. Viele Eltern ignorieren ein gefälliges Verhalten ihrer Kinder oder betrachten es als selbstverständlich, so daß es zu keiner positiven Verstärkung kommt. Dann versuchen Kleinkinder häufig, durch störende Verhaltensweisen die Aufmerksamkeit der Erwachsenen auf sich zu lenken. Selbst eine Bestrafung wird dann als Bekräftigung erlebt, so daß die Wahrscheinlichkeit des Auftretens derartiger Reaktionen größer wird. Problematisch ist auch, wenn Eltern ihre Kinder mit widersprüchlichen Erwartungen, starren Regeln oder irrationalen Einstellungen konfrontieren. Es ist offensichtlich, daß wir die Eltern auf derartige Erziehungsfehler aufmerksam machen und zu einer Veränderung ihres Verhaltens motivieren müssen - ohne uns aber besserwisserisch zu zeigen. Sonst besteht die Gefahr, daß die Kinder Auffälligkeiten entwickeln. Diese Gefahr ist aber besonders groß, wenn Eltern psychisch krank sind oder in der Familie Kommunikationsstörungen, fortdauernde Familienkonflikte, Beziehungslosigkeit, große ungelöste oder verdrängte Probleme u.ä. vorkommen. Besonders schlimm ist auch, wenn ein Kind abgelehnt wird, weil es z.B. ungewollt war, behindert oder häßlich ist, nichtehelich geboren oder zum Sündenbock gemacht wurde. Manche Kinder sind auch Objekt von Projektionen unerwünschter Triebimpulse und Eigenschaften der Eltern, andere werden mißhandelt oder sexuell mißbraucht. Besonders in diesen Fällen sind die uns anvertrauten Kinder auf unsere Hilfe angewiesen. Als "Anwälte der Kinder" müssen wir auf die Eltern zugehen, ihnen eine Beratung durch uns anbieten oder ihnen notwendige Hilfsangebote sozialer Dienste erschließen. Dasselbe gilt auch, wenn wir von größeren Familienproblemen erfahren - selbst wenn sie (noch) keine negativen Folgen für das Verhalten und Erleben der Kinder hatten. Dazu gehören beispielsweise Ehekrisen, Scheidung, Todesfälle in der Familie, die Geburt eines behinderten Geschwisterteils, die längerfristige Hospitalisierung eines Kleinkindes, die Suchtkrankheit eines Elternteils, Arbeitslosigkeit und Armut. Auch das Leben in Teil- oder Stieffamilien kann mit Risiken für die kindliche Entwicklung verbunden sein. Einer aufklärenden und Hilfe vermittelnden Elternarbeit kommt hier eine wichtige präventive Funktion zu. Bisher haben wir die Notwendigkeit einer intensiven Elternarbeit vom Kinde aus begründet. Sie entspricht aber auch den Bedürfnissen der Eltern, kommt ihrem Interesse an sozialen Kontakten sowie am Austausch über ihre Kinder und ihr erzieherisches Handeln entgegen. Beispielsweise wollen manche Hausfrauen über ihre Lebenssituation sprechen, mit anderen etwas unternehmen oder durch die Betätigung im Kindergarten Befriedigung erfahren, während erwerbstätige Mütter mit anderen über ihre Belastungen und Probleme bei der Verknüpfung von Familien- und Erwerbstätigkeit diskutieren möchten. Väter sind in der Kindererziehung aktiver geworden, fühlen sich in ihrer neuen Rolle aber noch unwohl und unsicher. Sie möchten mit anderen Vätern über ihre Erfahrungen sprechen und etwas Anleitung beim Spielen und im Umgang mit ihren Kindern erhalten. Eltern in besonderen Lebenslagen - wie Alleinerziehende, Aussiedler oder Ausländer - suchen das Gespräch mit Personen in derselben Situation. Andere Eltern wollen etwas gemeinsam mit ihren Kindern im Kindergarten unternehmen oder Anregungen für Freizeitaktivitäten bekommen. Durch eine intensive und vielfältige Elternarbeit können wir auf diese Bedürfnisse und Wünsche von Eltern eingehen, deren Anregungen aufgreifen und sie motivieren, selbst aktiv an der Ausgestaltung von Elternangeboten mitzuwirken. Letzteres bedeutet für uns aber auch ein "Loslassen" von der Haltung, daß wir die Alleinverantwortlichen für die Elternarbeit seien. Schlußwort Die Notwendigkeit einer intensiven Elternarbeit ergibt sich also aus der Analyse der Situation der Kinder, ihrer Familien und der Erzieherinnen. Elternarbeit und -beratung sind unter den heutigen Lebensbedingungen unverzichtbare Bestandteile der Kindergartenarbeit. |