"Wenn man etwas erreichen will, muss man die Kinder lieben". Von der schwierigen Arbeit mit Migrantenkindern

Norbert Kühne

 

Marina Wasilewitsch absolvierte im Kindergarten der Kleinstadt K. (NRW) ihr Berufspraktikum (Erzieherin). Träger der Einrichtung ist die AWO. M. Wasilewitsch ist eine ruhige, freundliche und sehr besonnene Frau. Ebensolche Worte kommen ihr über die Lippen, wenn sie von den sehr schwierigen Bedingungen der Arbeit mit Migrantenkindern erzählt. "Wenn man etwas erreichen will, muss man die Kinder lieben", sagt sie bescheiden, "auch wenn sie Läuse haben und nicht gut riechen." In ihrer Gruppe mit 25 Kindern waren drei deutsche, alle anderen kamen aus türkischen Familien. Drei bis vier türkische Kinder konnten passabel Deutsch sprechen; knapp 20 sprachen also türkisch. Was das für eine Erzieherin bedeutet, die Kinder u.a. sprachlich so weit fördern sollte, dass sie in der Schule eine Chance haben, kann sich niemand vorstellen, der die Situation in der Gruppe nicht erlebt hat. Der Stadtteil, aus dem fast alle Kinder kommen, gilt als sozialer Brennpunkt, in dem u.a. Drogen eine zentrale Rolle spielen.

Ich fasse den Bericht von M. Wasilewitsch zu verschiedenen Aspekten zusammen.

Familiensituation vor allem der türkischen Kinder

Die Wohnungen der meist kinderreichen Familien sind sehr klein. Sie befinden sich in einem katastrophalen Zustand. Zum Beispiel ist es normal, dass eine türkische Familie mit vier Kindern in zwei Zimmern wohnt. Die beengten Wohnverhältnisse treiben die Kinder auf die Straße. Die Kinder werden - vermutlich aus diesen Gründen - bis 17.00 und 18.00 Uhr auf die Straße geschickt. Sie dürfen wahrscheinlich nicht früher nach Hause kommen. Ein älteres Kind - in der Grundschule z.B. - hat keine Chance, seine Hausaufgaben in Ruhe zu machen, es sei denn auf der Toilette. Es kommt nämlich noch hinzu, dass das TV-Gerät permanent läuft. Das Stadtviertel ist eine Art Ghetto; eine Familie, die einmal hier gewohnt hat, kommt selten wieder heraus. Die Kinder wachsen vermutlich mit dem Gefühl der Unzufriedenheit auf und fühlen sich "von der Gesellschaft abgeschoben". Diese Umstände werden einen großen Einfluss auf ihre Identitätsentwicklung haben.

Die Förderung der Kinder

Natürlich musste ich die Angebote so aussuchen, dass die Kinder sie auch verstehen. Bei ca. 20 türkisch sprechenden Kindern bedeutete das u.a.: Ich musste mich in extrem kurzen Sätzen ausdrücken - alles veranschaulichen. Eine Bastelaktion mit ein paar Erläuterungen war fast nicht möglich. Was für die jüngeren Kinder galt, war auch bei den Sechsjährigen zu beobachten, die kurz vor Schuleintritt standen. Viele konnten fast kein Deutsch. Und bei drei Sätzen waren fast alle überfordert. Das Niveau hat darunter sehr gelitten. Hinzu kam nämlich, dass sich die meisten Kinder nur kurze Zeit konzentrieren konnten. Das konnte ich ein wenig verbessern.

Sprachförderung

Einmal die Woche kommt eine Logopädin. Ich habe nicht beobachten können, was die Frau macht. Ich konnte nur bemerken, dass diese Art der Logopädie den Kindern fast nichts nützt. Dabei konzentriert sie sich auf die Kinder, die in die Schule kommen. Ich konnte keine besondere Entwicklung feststellen, die sich aus dieser Förderung ergeben hätte.

Wir haben natürlich darauf geachtet, dass die Kinder deutsch sprachen. Aber was bedeutet das bei ca. 20 türkisch sprechenden Kindern? Die Kinder unterhalten sich immer in türkischer Sprache - unser Einfluss ist eben bei der Gruppensituation gering. Der Erwerb der deutschen Sprache mit Hilfe pädagogischer Bemühungen des Kindergartens war schlicht nicht möglich. Dass meine Arbeit nicht viel gebracht hat, war manchmal zum Verzweifeln.

Im Freispiel wurde ständig versucht, den Erwerb der deutsche Sprache zu fördern - zum Beispiel durch das gezielte Spiel mit Legosteinen und Puppen: zusammen mit maximal 1 - 3 Kindern wurde ein Haus, eine Straße, ein Schloss usw. gebaut. Die Puppen sprechen dann miteinander auf Deutsch.

Es kommen - in der Regel - noch andere Entwicklungsprobleme dazu; das darf man nicht vergessen. Zum Beispiel hat ein Kind kaum gesprochen. Die Leiterin hat den Vater auf die Probleme hingewiesen und ihm eine Beratung empfohlen. Der Vater hat die Hinweise ignoriert - das Kind ist heute in der Schule. Das Kind hat nicht nur schlecht Deutsch gesprochen, es hatte auch weitere Probleme im sprachlichen Bereich; z.B. sprach es viele Buchstaben nicht aus, man konnte das Kind kaum verstehen.

Eine Kollegin bot Eltern und Kindern gemeinsam an, mit Hilfe von ganz einfachen Liedern die Sprache zu lernen, nicht nur die deutsche Sprache. Die ausländischen Kinder hatten dadurch Vorteile beim Entdecken und beim Erwerb der deutschen Sprache. Das brachte mehr als die Arbeit der Logopädin. Aber leider nahmen nur ganz wenige Eltern mit ihren Kindern teil.

Die Eltern und der Kindergarten

Die Eltern der Kinder saßen von 8.00 - 12.00 Uhr im Zimmer der Leiterin und rauchten. Vermutlich konnten sie es in der Enge ihrer Wohnungen nicht aushalten. Die Leiterin hatte dadurch sehr viel zu tun. Sie musste die Mütter in allen Angelegenheiten beraten, die für eine Familie in Frage kommen, Ämterbesuche inclusive. Es war eine regelrechte Sozialberatung. Der Kindergarten war ein Zufluchtsort für Kinder und Eltern. Der Job der Leiterin war damit schon ziemlich ausgefüllt. Sie pflegte zu sagen: Wenn ich ihnen nicht zuhöre, hört ihnen keiner zu! Ihr Job ist am Feierabend noch nicht zu Ende: Die Leiterin wird auch zu Hause angerufen.

Dass die Eltern herumsitzen und rauchen, beeinträchtigt die Kindergartenarbeit, bringt aber den Eltern viel. Zum Beispiel rennt ein Kind, das im Streit mit einem anderen unterlegen ist, nicht zur Erzieherin, sondern zur rauchenden Mutter. Was das für eine Erzieherin bedeutet, muss man sich einmal vorstellen. Viele türkische Eltern konnten schlecht Deutsch; sie haben sich manchmal auch an die türkische Erzieherin gewandt.

Andererseits konnte man auch Entwicklungen im Verhältnis Mutter-Kind feststellen: Zum Beispiel bot ich das Projekt "Wald erleben" an. Mütter, die sich sonst wenig um ihre Kinder kümmerten, wollten sogar das Pony führen, auf dem ihre Kinder durch den Wald ritten. Einige sagten: "Ich will das mit meinem Kind machen!"

Motorik und soziale Umgebung

Motorisch waren die Kinder fit. Sie mussten sich ja auf der Straße behaupten. Ein zweijähriges Kind konnte z.B. ohne Probleme Purzelbäume schlagen. Dreijährige konnten sich gut anziehen und sogar auf Bäume klettern. Die Kehrseite: Sie konnten sich kaum eine Minute hinsetzen, um in ein Buch zu schauen. Ich habe das jedoch immer wieder geübt; später haben sie sogar verlangt, ein Buch anzusehen. Nun haben sie zu Hause auch keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Üben können sie es also nicht. Sie lernen es zumindest nicht zu Hause.

Fortbildung für Eltern und Kinder

Einmal im Jahr bietet die Volkshochschule eine Fortbildung für Eltern und Kinder an. Die Mütter freuen sich schon das ganze Jahr darauf. Die türkischen Frauen dürfen sogar mitfahren, weil ihre Männer der Leiterin vertrauen. Das hat u.a. den Sinn, dass die Frauen bemerken, dass es auch noch andere Dinge gibt als Haushalt und Wäsche waschen. Es ist wichtig, dass der Horizont der Eltern - und Kinder - erweitert wird. Dass sie etwas anderes erleben als ihr Stadtviertel und ihre Familiensituation. Das bildet, weil sie Möglichkeiten entdecken, die sie vorher nicht kannten.

Für die Mütter war die Fortbildung ein ganz entscheidendes Erlebnis! Ich meine auch, Kinder und Eltern müssten so oft wie möglich aus diesem Milieu heraus. Zum Beispiel habe ich Kinder erlebt, die sich im Kindergarten kaum konzentrieren konnten: Im Wald (im Rahmen des Projekts "Wald erleben") beobachteten sie jedoch hingebungsvoll Schnecken; in der Umgebung des Waldes waren sie äußerst interessiert und konzentriert. Sie waren ganz anders als im Kindergarten.

(bearbeitet von Norbert Kühne)