Der Waldkindergarten

Sandra Schaffert

 

"...und was macht sie den halben Tag im Wald?" lautet eine der vielen neugierigen Fragen, die uns gestellt werden, seitdem unsere Große einen Waldkindergarten besucht.

Idee und Konzept der Waldkindergärten

Der wesentliche Unterschied der Waldkindergärten gegenüber normalen Kindergärten ist, dass sich "Waldkinder" weit überwiegend in der Natur aufhalten und vorwiegend mit den Dingen spielen, die sie im Wald oder auf dem Feld vorfinden. Nur bei besonders schlechten Wetter bieten Zelte, Bauwägen oder Hütten Unterschlupf zum Geschichten Erzählen, Malen, Basteln und Frühstücken.

Geschichte und Verbreitung

Die Idee eines Waldkindergarten wird auf Ella Flatau, eine dänische Mutter aus Søllerød, zurückgeführt, die 1952 gerne mit ihren eigenen vier Kindern und Nachbarskindern den Tag im Wald verbrachte. Seit Anfang der 1970er Jahre wurden auf Grundlage dieses ersten Skovbørnehave (Waldkindergarten) in ganz Skandinavien Waldkindergärten gegründet. In Schweden gibt es heute unter der Bezeichnung "I Ur och Skur" ("bei Wind und Wetter") rund hundert Angebote.

In Deutschland entstand schon 1969 ein erster Waldkindergarten. Mit der staatlichen Anerkennung eines Waldkindergartens in Flensburg kam es Anfang der 1990er Jahre auch hier zu einer Gründungswelle. Schätzungsweise 300 Waldkindergärten gibt es heute in Deutschland.

Konzept

Schon aus den "natürlichen" Lernsituationen im Wald ergeben sich einige Herausforderungen. Die Literatur gibt Einblick in das Konzept und die Praxis der Waldkindergärten in Deutschland (z.B. Miklitz, 2000; Köllner & Leinert, 1999; Bickel, 2001). Bei der Arbeit der Erzieherinnen im Waldkindergarten stehen so nach Ingrid Miklitz (2000) folgende Lern- und Erfahrungsziele im Vordergrund (S. 18f.):

Zunächst einmal wird die Förderung der Grob- und Feinmotorik durch natürliche, differenzierte, lustvolle Bewegungsanlässe und -möglichkeiten genannt. Den Kindern wird die Gelegenheit gegeben, die Grenzen ihrer eigenen Körperlichkeit zu erfahren. Sie erfahren Stille und sollen für das gesprochene Wort sensibilisiert werden. Gelernt werden soll dabei ganzheitlich, d.h. mit allen Sinnen, mit dem Körper und alle Ebenen der Wahrnehmung ansprechend.

Mit dem Wald als Spiel- und Aufenthaltsort werden auch Lernziele verknüpft: Das Erleben der Pflanzen und Tiere in ihren ursprünglichen Lebensräumen und der jahreszeitlichen Rhythmen und Naturerscheinungen, die Sensibilisierung für ökologische Zusammenhänge und Vernetzungen sowie die Wertschätzung der Lebensgemeinschaft Wald und des Lebens sind Lern- und Erfahrungsziele der Waldkindergärten.

Über diese Ziele hinaus gibt es in den Waldkindergärten auch einige Gemeinsamkeiten in der Gestaltung des Tagesablaufs und ihrer Ausrüstung.

Einblicke in die Praxis eines Waldkindergartens

Tagesablauf

Morgens warten die Erzieherinnen am Waldrand auf die Kinder. Gemeinsam gehen sie in den Wald, wo sich alle zum Morgenkreis aufstellen. Nach der Begrüßung stellt ein Kind eine Kerze in die Mitte des Kreises; es wird gesungen und getanzt, die Kinder gezählt und die "Waldregeln" wiederholt. Dazu gehören: Es wird nichts, also keine Beeren, Pilze oder Tiere, gegessen; nur die Brotzeit wird verspeist. Niemand läuft so weit weg, dass er keinen der Betreuer mehr sieht. Natürlich wird nicht gehauen und geschubst - und mit Stöcken nicht gelaufen.

Danach erobern sich die Kinder "ihr" Waldgebiet. Hier dient die Schlammfurche als Rutsche, der umgefallene Baum als Eisenbahn, Werkbank oder Küche. Werkzeuge wie Sägen oder auch Schnitzmesser kommen zum Einsatz - oder auch mal Knete, Malsachen oder die Hängematte. Alles, was in den Wald mitgenommen wird, befindet sich in einem Bollerwagen und in den Rucksäcken der Kinder. Alles findet draußen statt - daher gehört zum Gepäck auch selbstverständlich ein Klappspaten, Waschwasser und warmer Tee für die Brotzeit.

Mit dem Handel im Kaufladen (einer kleinen Waldhütte), dem Toben auf der "Ritterburg" (einer lichten Gruppe von Baumstümpfen auf einer Anhöhe) und dem Kneten von Lehm aus den Baumwurzeln eines umgeworfenen Baumes vergeht die Zeit recht schnell. Alleine oder in Gruppen beschäftigen und spielen die Kinder auf phantasievolle Art mit den Dingen, die sie vorfinden. Manche genießen auch einfach den Blick von einer Anhöhe oder das Bad im Herbstlaub. Die Betreuerinnen sind nicht nur zur Stelle, wenn sie den Kindern beim Gang auf die Waldtoilette hinter dem Busch helfen. Sie halten beispielsweise auch ein Bestimmungsbuch parat, das gerne betrachtet und genutzt wird. Regelmäßig werden die Kinder abgezählt.

Neben dem freien Spiel gibt es immer eine gemeinsame Aktivität, die von den Betreuerinnen geplant wurde. Dann werden Lager gebaut, Geschichten erzählt, neue Waldgebiete erobert, Laubbilder gelegt, Laternen gebastelt oder Lieder gesungen.

Vor dem gemeinsam eingenommenen Frühstück stellen sich die Kinder zum Händewaschen an. Dies ist nicht nur als Vorsichtsmaßnahme zur Vermeidung einer Infektion mit dem Fuchsbandwurmerreger notwendig. Auf Thermokissen wird gemeinsam das verspeist, was zu Hause eingepackt wurde, wobei von Seiten der Kindergartenleitung ausdrücklich ein gesundes Frühstück erbeten wird.

Bevor der Wald verlassen wird, wird im Abschiedskreis gesungen, getanzt und danach gefragt, was den Kindern besonders gut oder nicht gefallen hat. Verschmutzte, müde und zufriedene Kinder werden von ihren Eltern nach Hause gebracht.

Die Ausrüstung im Waldkindergarten

Weil die Kinder in aller Regel draußen sind, ist ihre Kleidung ein wichtiger Ausrüstungsbestandteil. Bei Kälte sind mehrere Kleiderschichten, Ersatzhandschuhe und -strümpfe notwendig; bei Schmuddelwetter sind Gummistiefel, Matschhose und Regenhut angesagt. Als Schutz vor Zecken und Mücken sind auch im Sommer langärmlige Oberteile und Hosen gefragt, festes Schuhwerk und eine Kopfbedeckung ebenso. Es gilt die Devise: "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung."

Neben der wetterfesten Kleidung trägt jedes Kind seinen Rucksack, in dem sich Trinkbecher, Brotzeit, Regenjacke, Ersatzhandschuhe und Sitzunterlage befinden und der noch viel Platz für Fundstücke bietet.

Selbstverständlich befinden sich im Bollerwagen nicht nur Spielsachen und Werkzeug, sondern auch ein mobiles Telefon ("Waldtelefon"), eine Erste-Hilfe-Ausrüstung, Waschwasser, warmer Tee und Wechselkleidung. Bei ganz schlechtem Wetter, wenn es also besonders eisig, regnerisch oder stürmisch ist, hat jeder Waldkindergarten eine Rückzugsmöglichkeit, die manchmal sogar beheizbar ist. Beispielsweise ist dies dann ein Bauwagen mit Stühlen, Tischen und Bastelmaterialien. Im Sommer wird auch gerne ein großes Tipi genutzt.

Waldkindergärten im Vergleich mit dem Regelangebot

Der Aufenthaltsort "Wald" ist ein wichtiger und der wohl auffälligste Unterschied zum Regelkindergarten. Desweiteren zeigt der beschriebene Tagesablauf Besonderheiten der Waldkindergärten.

Darüberhinaus liegt ein Unterschied zum Regelangebot auch in der Trägerschaft des Waldkindergartens: Die Gründung eines Waldkindergartens beruht in Deutschland auf dem Engagement von Eltern und Erzieherinnen und erfolgt häufig nicht reibungslos. So wird der Waldkindergarten manchmal nicht als Bereicherung und Ergänzung des gemeindlichen oder städtischen Angebots betrachtet, sondern als "Konkurrenz". Manchmal liegen daher die Elternbeiträge aufgrund niedriger oder gar fehlender Zuschüsse sogar etwas über denen eines regulären Kindergarten oder Spielgruppenangebots.

Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass im Waldkindergarten, auch gerade wegen solcher Probleme, das Engagement von Seiten der Kindergartenleitung, der Erzieherinnen und der Eltern in aller Regel überdurchschnittlich ist. So werden beispielsweise anfallende handwerkliche Arbeiten an den Bauwägen und deren Reinigung, die Organisation von Feiern und Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit, die ehrenamtliche Arbeit im Waldkindergarten-Verein und ein Teil der Kinderbetreuung von den Eltern übernommen. Dadurch entstehen ein besonders guter Informationsaustausch und eine enge Bindung aller Beteiligten - also auch der Kinder.

Trotz der im Vergleich mit anderen alternativen Kindergartenkonzepten recht großen Zahl an Waldkindergärten in Deutschland gibt es nur relativ wenige wissenschaftliche Untersuchungen des Modells. Häufig wird auf den Homepages der Waldkindergärten auf eine schwedische Studie Bezug genommen, die einen Waldkindergarten mit einem "normalen" schwedischen Kindergarten vergleicht (Grahn, Mårtensson, Lindblad, Nilsson & Ekman, 1997). Die Wissenschaftler haben dazu ein Jahr Gruppen begleitet. Ihnen zufolge sind die Waldkinder deutlich gesünder, haben eine bessere Motorik und Konzentration und sind fantasiereicher als die Kinder im normalen Kindergarten.

Meiner Tochter ist dies wohl gleichgültig. Sie geht einfach gerne in ihren Waldkindergarten.

Literatur

Miklitz, Ingrid. Der Waldkindergarten, Dimensionen eines pädagogischen Ansatzes. Neuwied, Berlin, 2000 (Die Auflage 2004 wurde komplett überarbeitet).

Köllner, Sabine & Leinert, Cornelia. Waldkindergärten. Augsburg, RIWA Verlag, 1999.

Bickel, Kirsten. Der Waldkindergarten. Norden Media, 2001.

Grahn, P., Mårtensson, F., Lindblad, B., Nilsson, P. & Ekman, A.: Ute på dagis. Hur använder barn daghemsgården? Utformningen av daghems-gården och dess betydelse för lek, motorik och koncentrationsförmåga. 1997, Stad & Land nr 145. Alnarp/Schweden.

Autorin

Sandra Schaffert hat an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Pädagogik, Psychologie und Informatik studiert und mit einem M.A. abgeschlossen. Vor der Geburt ihrer beiden Töchter und der damit verbundenen Berufsunterbrechung war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Jugendinstitut e.V. in München und bei einem Weiterbildungsinstitut angestellt. Mehr unter http://sandra.schaffert.ws