Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

Startseite



Aus: Martin R. Textor (Hrsg.): Elternarbeit mit neuen Akzenten. Reflexion und Praxis. Freiburg, Basel, Wien: Herder 1994, S. 28-33

Ziele und Aufgaben der Elternarbeit

Martin R. Textor

 

Ziele und Aufgaben der Elternarbeit können im pädagogischen Konzept des Kindergartens niedergelegt werden. Dies sollte von den Erzieherinnen gemeinsam entwickelt werden, wobei die Eltern einbezogen werden können. Wichtig ist die Offenheit des Konzepts: Es sollte immer wieder an die Lebenssituation neuer Kinder und ihrer Familien angepaßt werden, wobei aber auch die Rahmenbedingungen und die Möglichkeiten des Personals berücksichtigt werden müssen. Oft können die Ziele nur in kleinen Schritten erreicht werden - Mißerfolgserlebnisse müssen immer wieder in Kauf genommen werden.

Von zentraler Bedeutung für die Elternarbeit ist die wechselseitige Öffnung: Eltern und Erzieherinnen müssen Zeit finden zum Austausch wichtiger Informationen über das Verhalten des Kindes in Familie und Kindergarten, die Lebenslage der Familie, die Kindergartensituation, Probleme und Belastungen. So wird einerseits den Eltern der Lebensbereich "Kindergarten" transparenter gemacht, während andererseits die Erzieherinnen Einblick in die Familiensituation der ihnen anvertrauten Kinder erlangen und diese in ihrer pädagogischen Arbeit berücksichtigen können. Beide Seiten entwickeln Verständnis für den Lebenszusammenhang und die Problemsicht der jeweils anderen. Vor allem aber können sie ihre Erziehungsziele und -praktiken aufeinander abstimmen. Bei unterschiedlichen, aber akzeptablen Erziehungsstilen können sie zu wechselseitiger Toleranz finden, so daß sie nicht gegeneinander arbeiten. Zugleich kommt es zur Reflexion eigener Einstellungen und Erfahrungen. Nur bei gegenseitiger Offenheit kann in einem Kindergarten nach dem Situationsansatz gearbeitet werden, da bloß unter diesen Umständen die familiale Lebenslage der Kindergartenkinder und die sich daraus ergebenden Anforderungen an die pädagogische Arbeit erkannt werden können.

Offene Elternarbeit kann auch bedeuten, daß Eltern am Kindergartenalltag teilnehmen, also in der Gruppe hospitieren oder gar mitarbeiten können. Dies hat den Vorteil, daß sie direkt den Kindergartenalltag kennenlernen können. Sie nehmen Anteil am Leben ihres Kindes in der Gruppe und vermitteln diesem den Eindruck, daß sie sich sehr für das interessieren, was es in der Einrichtung erlebt. Oft erkennen die Eltern ganz neue Seiten an ihrem Kind, wenn sie es im Umgang mit anderen oder beim Spielen beobachten. Zudem erleben sie den pädagogischen Stil der Erzieherinnen und sehen, wie diese die Entwicklung der ihnen anvertrauten Kinder fördern und mit problematischen Verhaltensweisen umgehen. Sie schätzen mehr die Arbeit des Kindergartenpersonals und erkennen den Wert des Spiels. Vor allem aber verändern die Eltern oft ihren Erziehungsstil und erlernen positive Formen des Umgangs mit ihren Kindern, indem sie die Erzieherinnen nachahmen. Zum Modellernen kann es aber auch kommen, wenn der Kindergarten Aktivitäten für Eltern und Kinder wie beispielsweise Spielnachmittage anbietet. Hier können sich Eltern zusätzlich am Verhalten anderer Eltern orientieren. Zugleich werden sie zum Spielen angeleitet, wird ihr Leben durch das Spiel bereichert. Hospitationen und gemeinsame Aktivitäten führen auch zur Annäherung der Lebensbereiche "Familie" und "Kindergarten". Sie fördern damit die ganzheitliche Erziehung der Kinder.

Die Beobachtung des erzieherischen Verhaltens des Kindergartenpersonals führt oft zu Gesprächen über Erziehungsziele, -praktiken und -probleme. Damit ist ein zentrales Ziel der Elternarbeit angesprochen: die Einwirkung auf das Erziehungsverhalten der Eltern. Dies kann aber auch z.B. durch Elternabende zu pädagogischen Themen, in Gesprächsgruppen oder durch das Besprechen von Erziehungsfragen der Eltern "zwischen Tür und Angel" bzw. im Büro erreicht werden. Dabei kommt es darauf an, das kindliche Erleben und Verhalten zu verdeutlichen, positive und negative Seiten der Kinder aufzuzeigen, ihre Individualität zu betonen, den Stellenwert der Familienerziehung zu aufzuzeigen, ein entwicklungsförderndes Verhalten von Eltern zu beschreiben, Erziehungsfehler anzusprechen und der häufig zu beobachtenden Verunsicherung von Eltern in pädagogischen Fragen entgegenzuwirken.

Heute legen Eltern großen Wert darauf, im Kindergarten mit anderen Eltern zusammenzukommen und sich mit ihnen über Erfahrungen mit ihren Kindern, Erziehungsfragen, Lebensprobleme und andere sie interessierende Themen auszutauschen. Manche "Nur-Hausfrauen" erleben sich daheim isoliert und suchen im Kindergarten nach befriedigenden sozialen Kontakten. Gelingt es den Erzieherinnen, ihre Einrichtung zu einer Art "Kommunikationszentrum" für Eltern auszugestalten (z.B. durch Angebote wie Müttergruppen oder Familientreffen), so haben sie ein wichtiges Ziel der Elternarbeit erreicht und einen Beitrag zur psychischen Stabilisierung der Eltern geleistet. Manche Mütter und Väter gewinnen auch an Selbstvertrauen, wenn sie im Kindergarten mitarbeiten können - beispielsweise im Elternbeirat, bei Renovierungs- oder Gartenarbeiten, in der Kindergruppe oder bei der Vorbereitung und Durchführung von Festen und anderen Aktivitäten.

Neben der Beratung bei Erziehungsfragen und -schwierigkeiten ist auch die Unterstützung bei anderen Familienproblemen ein Ziel der Elternarbeit. Je mehr sich Erzieherinnen mit der familialen Lebenslage der ihnen anvertrauten Kinder auseinandersetzen, um so mehr werden sie mit Ehekonflikten, den Folgen von Scheidung und Alleinerzieherschaft, mangelnden sozialen Kontakten von Eltern, unbefriedigender Wohnsituation oder aus Arbeitslosigkeit und Armut resultierenden materiellen Nöten konfrontiert. Sie müssen für die Schwierigkeiten der Familie Verständnis zeigen, verbale und emotionale Unterstützung bieten und notwendige Hilfsangebote psychosozialer Dienste vermitteln. Dazu gehört, daß sie auf Rechtsansprüche (z.B. auf finanzielle Hilfen wie Wohngeld, Sozialhilfe oder Unterhaltsvorschuß) hinweisen, zur Kontaktaufnahme mit Behörden und Beratungsstellen motivieren oder selbst - im Einvernehmen mit den Eltern - den Kontakt herstellen. Das setzt Grundkenntnisse über das Wohlfahrtswesen der Bundesrepublik Deutschland und die Vernetzung des Kindergartens mit dem gesamten Spektrum psychosozialer Dienste voraus. Oft reichen aber auch die Möglichkeiten des Kindergartens aus - so kann beispielsweise (berufstätigen) Alleinerziehenden Kinderbetreuung durch andere Eltern an Abenden oder während der Ferien vermittelt und ihnen durch die Gründung eines Alleinerziehendentreffs die Möglichkeit zum wechselseitigen Austausch und zur gegenseitigen Hilfe geboten werden.

Eine weitere wichtige Aufgabe der Elternarbeit ist die Integration sozial benachteiligter Familien, von Aussiedler- und Ausländerfamilien, von Randgruppen und Problemfamilien. Durch Erfahrungen des Zurückgestoßenwerdens und der sozialen Kontrolle sind viele dieser Erwachsenen kontaktscheu und abweisend geworden, sind sie mißtrauisch gegenüber Behörden und sozialen Einrichtungen - zu denen auch der Kindergarten gerechnet wird. Außerdem sind ihre Bedürfnisse und Probleme oftmals den Erzieherinnen fremd und unbekannt. So sind große Anstrengungen und viel Geduld erforderlich, will man ein Vertrauensverhältnis zu diesen Familien aufbauen, sie in die Elternarbeit des Kindergartens einbeziehen und ihnen Unterstützung zukommen lassen. Daß dies möglich ist, zeigen z.B. die in dem Buch "Zusammenarbeit mit Eltern aus sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten" von Gabriele Nordt und Gisela Piefel zusammengestellten Praxisberichte.

Schließlich gehört zur Elternarbeit die Integration des Kindergartens in das Gemeinwesen. Das kann so weit gehen wie bei dem Modellversuch "Orte für Kinder", der vom Deutschen Jugendinstitut in München wissenschaftlich begleitet wird. Hier werden traditionelle Einrichtungen der Kinderbetreuung um Angebote der Familienselbsthilfe, Eltern-Kind-Gruppen, Treffpunktmöglichkeiten für Familien am Wochenende, Freizeitveranstaltungen, Jugendgruppen oder Teestuben ergänzt, zu Stadtteilzentren ausgebaut sowie zu Vermittlungsstellen für Tagesmütter und Babysitterdiensten erweitert. Durch den Gemeinwesenbezug sollen Kontakte zum Umfeld des Kindergartens hergestellt, Nachbarschaftshilfe mobilisiert, Solidarität mit den Schwachen und Isolierten unserer Gesellschaft gefördert und die Verantwortungsbereitschaft gestärkt werden. Auch in dem von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Achten Jugendbericht wird der Ausbau der Kindergärten zu Nachbarschaftszentren mit breit gestreuten Angeboten und Unterstützungsleistungen gefordert - wie z.B. Spielkreise für jüngere Kinder, Hausaufgabenhilfe, die Förderung von Elterninitiativen und die Vermittlung praktischer Fähigkeiten zur Lebenshilfe (z.B. Nähkurse).

Schlußbemerkung

Elternarbeit ist also mit einem breit gefächerten Spektrum von Zielen und Aufgaben verbunden. Und sogleich stoßen wir auf unsere Grenzen: mangelnde Zeit, unzureichende Ausbildung in Methoden der Elternarbeit und Gesprächsführung, fehlende Kenntnisse über die Lebens- und Berufssituation vieler Eltern, Sprachprobleme bei Ausländern und Aussiedlern, Desinteresse der Eltern und des Trägers, wenig Anerkennung unserer Bemühungen, Verschlossenheit vieler Eltern, Konkurrenzverhalten, unterschiedliche Werte und Einstellungen, verschiedene Erziehungsstile usw. Dennoch sind diese Ziele erreichbar - wenn auch nicht alle auf einmal, in kurzer Zeit und zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten. Oft müssen wir uns aufgrund der Rahmenbedingungen und nach der Analyse der Lebenssituation unserer Kinder auf einige Teilziele beschränken. Vielfach können wir einzelne Ziele nur schrittweise in einem langwierigen Prozeß verwirklichen.

Auch müssen wir einige wichtige Voraussetzungen berücksichtigen: Elternarbeit gelingt nur, wenn wir uns Zeit für die Eltern nehmen, ihr Vertrauen gewinnen und mit ihnen partnerschaftlich zusammenarbeiten. Außerdem dürfen wir nicht generell ihre pädagogische Kompetenz bezweifeln: Das Alltagswissen der Eltern über Erziehung und unsere Fachkenntnisse ergänzen einander. Wir erleben Kinder in einem anderen Lebenskontext als Eltern - sie können sich daheim durchaus anders verhalten. So können wir von den Berichten der Eltern über ihr Kind nur profitieren; wir sollten ihre Aussagen nicht grundsätzlich bezweifeln, wenn sie unseren Erfahrungen widersprechen. Generell sollten wir davon ausgehen, daß auch die Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Wir können nur ein partnerschaftliches Verhältnis erreichen, wenn wie sie als gleichberechtigt und gleichwertig betrachten, wenn wir ihnen offen, freundlich, sensibel und verständnisvoll begegnen.