"Heil Hitler Dir! Du bist und bleibst der beste Freund von mir". Zur Kindergartenpädagogik im Nazi-Deutschland (1933-1945) - unter besonderer Berücksichtigung der Fachzeitschrift Kindergarten (1933-1942)

Manfred Berger

 

Diese Vergangenheit nicht zu kennen,
heißt sich selbst nicht begreifen.
(Raul Hilberg)

I.

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler des Deutschen Reiches ernannt. Fortan unternahm die neue Staatsführung jede Anstrengung, alle Lebensbereiche wie Wirtschaft, Kultur, Kirche, Erziehung usw. "gleichzuschalten". Davon war auch die Institution Kindergarten betroffen, die sich im Vergleich mit anderen öffentlichen Erziehungs- und Bildungsinstitutionen einer schnellen und vollständigen Gleichschaltung sowohl in pädagogischer wie auch in organisatorischer Hinsicht entziehen konnte: "Hier erwies es sich als Vorteil, dass nicht der Staat, sondern vielmehr die unterschiedlichsten privaten Träger auf dem Felde der Vorschulerziehung agierten, darunter an erster Stelle die in den konfessionellen Spitzenverbänden zusammengeschlossenen Vereine, die - wenigstens anfangs - auch von den nationalsozialistischen Machthabern nicht so leicht anzugreifen waren" (Konrad 2004, S. 159).

Der sich immer deutlicher manifestierende Totalitätsanspruch der Nazis verlangte zusehends, dass die Kleinkindererziehung ausschließlich nach ihren Richtlinien zu geschehen habe, was seit Mitte der 1930er-Jahre zu punktuellen und Ende der 1930er-Jahre zu massiven Beeinträchtigungen der Kindergartenarbeit in freier Trägerschaft führte. Davon betroffen waren zuerst die "Arbeiterwohlfahrt", das "Deutsche Rote Kreuz" und der "Paritätische Wohlfahrtsverband", anschließend die evangelischen und katholischen Träger (vgl. Berger 1986, S. 157 ff.; Kramer 1983, S. 173 ff.; Rothschuh 1980, S. 95 ff.). Privatkindergärten und alternative Einrichtungen (z.B. Montessori-Kinderhäuser und Waldorfkindergärten) wurden geschlossen bzw. verboten.

Nachdem sich die militärische Lage im Deutschen Reich drastisch verschlechtert hatte, konzentrierten sich die Kräfte des Staates auf den "Endsieg", wodurch die Bedrohung durch Übernahme der in konfessioneller Trägerschaft verbliebenen Kindergärten wich. Somit gelang es den politisch Verantwortlichen nicht, das gesamte Kindergartenwesen "gleichzuschalten". Dies hatte mehrere Gründe: "Der Wille der Kirchen, sich die Kindergärten nicht aus der Hand nehmen zu lassen; der Wunsch vieler Eltern, ihre Kinder in einen konfessionellen, aber eben nicht in einen nationalsozialistischen Kindergarten zu schicken; der Mangel an Fachpersonal, das im Geiste des Nationalsozialismus die richtige weltanschauliche Einstellung mitbrachte (zumal damals die meisten Kindergärtnerinnenseminare unter der Trägerschaft der beiden großen christlichen Kirchen standen; M.B.); schließlich in den Kriegsjahren auch die Befürchtung der Machthaber, eine zu rabiate Zerschlagung des kirchlichen Kindergartenwesens könnte Unruhe unter der Bevölkerung erzeugen, sind hier beispielhaft zu nennen" (Konrad 2004, S. 163).

Einzig in der Sonderform der Erntekindergärten, die schon vor 1933 bestanden (so gab es beispielsweise 1932 in Pommern 27 solcher Einrichtungen [vgl. Döpel 1935, S. 34]) und durchschnittlich dreiviertel des Jahres in Betrieb waren, erreichte die "Nationalsozialistische Volkswohlfahrt" (NSV) die alleinige Zuständigkeit. Für das Jahr1938 gab der Kindergarten 5.575 (vgl. Kindergarten 1939, S. 3) und für das Jahr 1939 6.000 bis 6.600 Erntekindergärten an (vgl. Kindergarten 1939, S. 141), die unter NSV-Trägerschaft geführt wurden.

Der überzeugte Nationalsozialist Hans Volkelt, Schriftleiter der Fachzeitschrift Kindergarten, sah in der Kindergärtnerin die "berufenste Helferin des Führers". Genannter meinte: "Die Kindergärtnerin... hat das Glück, mit ihrer Arbeit mitten im Volke zu stehen. Wortlos schon, durch ihre bloße Haltung, kann sie vermitteln, welchen einmaligen Sieg das deutsche Volk gewonnen hat... Sie ist in ihrem Kreise die berufenste Helferin des Führers, die Treuhänderin der Bewegung im Alltag ihres erziehlichen Wirkens" (Kindergarten 1938, S. 69).

Vorliegender Beitrag möchte anhand der damaligen weitverbreiteten und renommierten Fachzeitschrift Kindergarten Grundzüge der NS-Kindergartenpädagogik aufzeigen sowie Vermittlungsformen, mit denen die postulierten Erziehungsziele angestrebt wurden. Es soll deutlich werden, wie bereits schon das Kindergartenkind zu einem nützlichen Mitglied des Führerstaates erzogen (wohl treffender: instrumentalisiert) wurde. Jegliche Tätigkeit des Kindes, egal ob es sich um singen, spielen, turnen usw. handelte, wurde so manipuliert, dass es zur "Ausrichtung" des Kindes auf das nationalsozialistische Menschenideal hinauslief.

Vorab erfolgen noch kurze editorische und formale Hinweise zur Fachzeitschrift sowie Überlegungen allgemeiner Art zu einer "Theorie" der NS-Kleinkindererziehung.

II.

Der Kindergarten, eine der ältesten Fachzeitschriften für Kleinkinderpädagogik, erschien erstmals im April 1860. Von 1873 an war sie Organ des "Deutschen Fröbel-Verbandes" (DFV) und seit 1924 das Sprachrohr für drei Verbände: des DFV, der "Berufsorganisation der Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen und Jugendleiterinnen e.V." sowie des "Deutschen Verbandes für Schulkinderpflege". Von 1933 bis zur Auflösung des DFV (Ende des Jahres 1938) wurde der Kindergarten vom "Quelle & Meyer Verlag" in Leipzig herausgegeben, danach vom NS-Verlag "Deutscher Volksverlag", der in München ansässig war.

Bereits am 8. Juni 1933 wurde der Kindergarten zur "Zeitschrift des Deutschen Fröbel-Verbandes u. der Fachgruppe A und C der Reichsfachschaft VII im NSLB" erklärt. Damit beabsichtigte der NSLB ("Nationalsozialistischer Lehrerbund"), "seine Verbandsvorzüge durch das Angebot einer gründlichen fachlichen Schulung und der kostenlosen Lieferung der zum Fröbel-Verlag gehörenden Fachzeitschrift 'Der Kindergarten' herzustellen..., obwohl die Verwaltung der Fachgruppe wie auch die Herausgabe der Zeitschrift erhebliche Zuschüsse erforderten" (Feiten 1981, S. 94).

Ende 1933 sollte die Fachzeitschrift eingestellt werden; dies konnte jedoch durch die Vermittlung von Hans Schemm, Leiter des NSLB, verhindert werden. Im Oktober 1935 übernahm Parteigenosse Prof. Dr. Hans Volkelt, zusätzlich zu seiner Funktion als Vorsitzender des DFV, die Schriftleitung vom Kindergarten, die seit 1924 Elfriede Strnad inne hatte. Die Schriftleitung wurde von Hamburg nach Leipzig verlegt und mit der Hauptgeschäftsstelle des DFV vereinigt. Mit Wirkung vom 31. Dezember 1938 legte Volkelt die Verantwortung für die Fachzeitschrift nieder. Ihm folgte Dr. Elfriede Dinkler (später Arnold), stellvertretende Leiterin der "Reichsfachschaft VII im NSLB". Der Sitz der Schriftleitung befand sich seit April 1939 im "Haus der Deutschen Erziehung" in Bayreuth.

Ab April 1943 erschien die Fachzeitschrift nur noch alle zwei Monate. Das letzte zu ermittelnde Exemplar stammt vom Februar 1944. Die Vermutung liegt nahe, dass dann die Fachzeitschrift eingestellt wurde, obwohl seitens der Schriftleitung im Heft 2/1944 kein derartiger Hinweis erfolgte (vgl. Richter 1976, S. 136 ff; Blume, 1983, S, 166 ff.).

Während in den Jahren vor 1933 die Erziehungskonzeption Friedrich Fröbels sowie anspruchsvolle Beiträge aus Pädagogik, Psychologie und Psychoanalyse und anderen wissenschaftlichen Bezugsdisziplinen m Mittelpunkt standen, nahm der Niveauverlust der Fachzeitschrift nach 1933 kontinuierlich zu. Pädagogisch/ psychologische Aufsätze wurden zugunsten propagandistischer Beiträge mehr und mehr zurückgestellt. Die konzeptionelle und inhaltliche Gleichschaltung verdeutlicht der Leitartikel von Hans Volkelt im Heft 1/1934 sehr deutlich:

"In vieler Hinsicht, das darf mit Genugtuung, ja mit Stolz festgestellt werden, bedürfen der Fröbelverband und die Zeitschrift 'Kindergarten' keiner grundsätzlichen Umstellung. Der neue Staat erwartet aber von den Mitarbeitern und Lesern der Zeitschrift 'Kindergarten' bei aller Anerkennung der erwähnten Verdienste doch erheblich anderes... Die gesamte Pflicht- und Liebestätigkeit, die von einer vorwiegend individualistisch und zugleich menschheitlich gerichteten Humanität getragen war, muß also von der neuen, das heißt: von der völkischen Humanität durchdrungen, von ihr aus neu durchdacht, von ihr aus umgeprägt werden" (Kindergarten 1934, S. 1).

Zusehends rückten mit den Jahren ideologisch ausgerichtete Artikel in den Vordergrund, die Schlagwörter wie etwa "Grenzkampf", "Rasse", "Gemeingefühl", "Volksgemeinschaft", "Volkspflege", "völkische Humanität" oder "Sitte und Brauch" enthielten. Selbst der Begründer des Kindergartens, Friedrich Fröbel, wurde als "völkisch-politischer Erzieher", als Vater der nationalsozialistischen Pädagogik, als Wegbereiter Adolf Hitlers interpretiert (vgl. Kindergarten 1933, S. 197 ff.; 221 ff.; 1938, S. 190 ff.).

Um seiner "weltanschaulich-politischen und weltanschaulich-fachlichen Schulung der sozialpädagogischen Kräfte" (Kindergarten 1937, S. 2) gerecht zu werden, griff der Kindergarten auch die pädagogischen Auswirkungen des politischen Lebens auf und kanalisierte sie, "was anlässlich der Abstimmung des Saargebiet ('Saarkinder erlebten die Abstimmung' im Heft 1/1937) und in der Annexion Österreichs im Jahr 1938 ('Berichte von den Berufskameradinnen aus dem deutschen Österreich' in den Heften 4, 5 und 6/1938; 'Die Beziehung des Deutschen Fröbel-Verbandes zum Fröbel-Werk im früheren Österreich-Ungarn' im Heft 4/1938), der Besetzung des Sudetenlandes ('Die deutschen Kindergärtnerinnen in der Tschechoslowakei' im Heft 7/1938; 'Berichte' sudetendeutscher Kindergärtnerinnen in den Heften 11 und 12/1938) und besonders während des Krieges deutlich zutage tritt" (Richter 1976, S. 137).

Wie schon angemerkt, verlor der Kindergarten mit zunehmenden Jahren an Niveau - vor allem in den Kriegsjahren, und verstärkt in den Jahren 1941/42: "In den Vordergrund treten nun Anleitungen zur mechanischen Beschäftigung der Kinder: Ratschläge für Basteleien, Handarbeit, Sport und zur Ausübung von Volksbräuchen beherrschen die Zeitschrift. In den Kriegsjahren wechseln sich die letztgenannten Beiträge mit kriegsbezogenen Aufsätzen (Kriegsspiele und -spielzeug, Wichtigkeit der Arbeit der Kindergärtnerin für den 'Endsieg', Durchhalteparolen) ab" (Richter 1976, S. 138).

Selbst der perfide Rassenhass wurde thematisiert. Unter dem Vorwand, über ein russisches Kinderheim zu berichten, gab der Autor entwertende und entwürdigende Äußerungen von sich, wohl überlegt mit der Absicht, Ekelgefühle und eine intensive Abneigung gegen Juden und das russische Volk zu erzeugen:

"Ein Kinderheim im 'Paradies der Arbeiter und Bauern'...
Wie brachte man nun die Kinder unter?... Auf die Tischplatte wagt man nur einen schiefen Blick zu werfen. Dort hat sich millimeterstark der Dreck seit vielen Monaten aufgeschichtet. Beileibe nicht einfacher, schlichter Dreck: Pferdemist stellt in dieser Umgebung unbedingt etwas Besonderes dar! Selbst die 5 Fliegen sitzen nur am Rande und trauen sich nicht mitten auf die Tischplatte... Aber was bedeutet diesem Lande schon ein Menschenleben, was Gesundheit, Sauberkeit und all das, was jeden Menschen somit selbstverständlich ist... Wie kann sich ein Volk von einer jüdischen Verbrecherschicht und ihren Henkersknechten so tief in den Abgrund führen lassen!" (Kindergarten 1942, S. 57 ff.).

Jedoch nicht nur konzeptionell und inhaltlich änderte sich der Kindergarten, auch in der Aufmachung zeigte sich immer mehr die nationalsozialistische Ausrichtung: das Februarheft 1934 schmückte auf seiner Titelseite erstmals das Hakenkreuz, Aufrufe wurden fortan mit "Heil Hitler" unterzeichnet und ausgewählte Leitworte und Sprüche von nationalsozialistischen Personen, allen voran der Führer, sowie Fotos und Abbildungen, entsprechend der NS-Ästhetik, zierten die einzelnen Hefte (vgl. Witte 2001, S. 4 ff.).

III.

Die inhaltliche Arbeit, die seit der "Machtergreifung" in allen öffentlichen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen, unabhängig von der Trägerschaft, zu leisten war, hatte sich unhinterfragbar nach den NS- Erziehungstheorien zu richten. Diese waren eine Verflechtung von Politik und Pädagogik und sollten die völlige Verfügbarkeit des Individuums für die Ziele der "Bewegung" garantierten. Demzufolge galt das Führerprinzip, das die Koryphäe der NS-Erziehungstheorie schlechthin, Ernst Krieck, in die banale Formel fasste: " Hitler als Künder der nationalsozialistischen Erziehung" (Krieck 1935, S. 8). Der Grundsatz des NS-Staates "Autorität des Führers nach unten und Verantwortlichkeit des Geführten nach oben" (Kindergarten 1940, S. 107) galt bereits für die Institution Kindergarten, "indem das Autoritätsgefühl geweckt wurde und jeder einzelne von klein auf lernte, sich unterzuordnen" (Aden-Grossmann 2002, S. 102).

Bereits in seinem monströsen Pamphlet "Mein Kampf" hatte der Führer seine Erziehungsgrundsätze niedergelegt, wobei die Überbetonung der körperlichen und die Missachtung der geistigen Erziehung im Vordergrund stand:

"Der völkische Staat hat... seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt die Ausbildung geistiger Fähigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze die Ausbildung des Charakters, besonders die Förderung der Willens- und Entschlußkraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit, und erst als Letztes die 'wissenschaftliche Schule'" (zit. n. Kindergarten 1934, S. 91).

Demnach nahm die Förderung der geistigen Fähigkeiten des Kindes im Kindergarten eine untergeordnete Stellung ein. Da nach den NS-Erziehungstheoretikern die körperliche, seelische und geistige Entwicklung aufeinander aufbauen, die geistige also zuletzt erfolge, sollte "in der geistigen Entwicklung des Kleinkindes auf die Ausbildung besonderer geistiger Fähigkeiten, soweit sie nicht unmittelbar als Erlebnisquell aus der Anschauung stammen, viel stärker als bisher verzichtet werden" (Benzing 1941, S. 19). Erst nachdem die Kinder "in einer sonnigen Kinderzeit... gesund und wetterfest, mutig und umsichtig, gehorsam und anständig" geworden sind, dürfe ihre Wissensschulung beginnen" (Benzing 1941, S. 105).

Die NS- Erziehungstheorie ging von der "schicksalhaften Bedeutung der Vererbung" (Kindergarten 1939, S. 129) und Anlage aus. Die Erziehung der Heranwachsenden hatte sich auf die germanischen "heldischen Tugenden" und "artgemäße Lebensordnungen", Lebensgehalte und Wertordnungen zu besinnen (vgl. Kindergarten 1941, S. 149). Dazu äußerte sich Ernst Krieck (1935): "Es soll vielmehr die herrschende und maßgebende nordische Rasse so ausgelesen und hochgezüchtet werden, daß sie zum festen Rückhalt, zum tragenden Rückgrat der ganzen Volksgemeinschaft wird" (S. 15).

Während politische Kapazitäten und Pädagogen, die seinerzeit Rang und Namen hatten, die Erziehung der Jugend nach allen Seiten hin thematisierten, wurde allgemein dem Feld der öffentlichen Kleinkindererziehung zunächst kein besonderer Stellenwert zugewiesen. Zumindest in den ersten Jahren nach der Machtergreifung erachteten die Nationalsozialisten den Kindergarten als eine nicht unbedingt notwendige Einrichtung. Seine eigentliche Aufgabe wäre, ganz im Sinne der NS-Mutterideologie (vgl. Kindergarten 1935, S. 265 ff.) und des Begründers des Kindergartens, Friedrich Fröbel, sich überflüssig zu machen, da "jede Mutter... zur Kindergärtnerin ihrer eigenen Kinder werden" (Haarer 1936, S. 213) sollte. Emil Schmid vermerkte dazu:

"Als Fröbel einst mit leuchtenden Augen über den Garten Gottes des Thüringer Landes schaute, da sah er plötzlich wie in einem Gesichte den 'Deutschen Kindergarten', in dem frohe, lebendige, kräftige Jugend unter dem sorgenden Blick der Mutter, an der Hand fröhlicher, jugendlicher Erzieherinnen spielte und arbeitete. Der 'Deutsche Kindergarten' ist überall, in jedem deutschen Hause, wo Liebe und Sorgfalt ein Kind trägt und pflegt, wo Kinder unbekümmert tollen und vertrauensvoll ruhen, überall, wo helfende natürliche Mutterliebe der Frau sich auch dem Kinde der andern hingibt. Der 'Deutsche Kindergarten' - das ist die Aufgabe des Kindergartens" (Kindergarten 1935, S. 132).

Die untergeordnete Bedeutung der öffentlichen Kleinkindererziehung zeigte sich auch in der schleppenden Vereinnahmung der Kindergärten durch die NSV. Erst ab ca. 1936 bemühte sich die NSV verstärkt um die Errichtung eigener Kindergärten (u.a. mitbedingt durch den verstärkten Einsatz von Frauen auf dem Arbeitsmarkt) als auch um die Übernahme der Einrichtungen in konfessioneller Trägerschaft ( vgl. Richter 1976, S. 63 ff.; Berger 1986, S. 157 ff.; Konrad 2004, S. 159 ff.).

Laut Definition Baldur von Schirachs, Reichsjugendführer und später Reichsstatthalter von Wien, sind Kinder "die nichtuniformierten Wesen, niedriger Altersstufen, die noch nie einen Heimatabend oder einen Ausmarsch mitgemacht haben" (zit. n. Gamm 1964, S. 322). Diese (erschreckende) Beschränkung der Betrachtungsweise auf militärische und politische Kategorien machte die Stellung des Kleinkindes während der Nazi-Diktatur sehr deutlich: Kindheit an sich hatte keine positive Bedeutung, sondern wurde unter dem Aspekt der Heranreifung zu einem Alter gesehen, in dem sich der Mensch für die Partei und den Staat gebrauchen, d.h. manipulieren ließ. Folglich war es Aufgabe der Pädagogik, das Kind möglichst schnell zu einem nützlichen Volksmitglied heranzuziehen. Unaufhörlich wurde ihm eingeimpft, dass es nicht um seiner selbst willen lebe, sondern für die Volksgemeinschaft. Es gehöre dem Führer, dem Staat, "dem... es geboren" (Haarer 1936, S. 115) war.

Das wohl wichtigste Ziel der Kindergartenpädagogik der Jahre 1933 bis 1945 war, Kinder zu kerngesunden, seelisch und körperlich "vollwertigen" Menschen "heranzuzüchten", die einmal nützliche und tüchtige Mitglieder des völkischen Staates sein würden: "Das im nationalsozialistischen Sinn erzogene Kind wird gesünder, stärker, schöner, leistungsfähiger und zuverlässiger sein als je ein Kind der Vergangenheit" (Benzing 1941, S. 8).

Eine Erziehung zur Autonomie im umfassenden Sinn, d.h. unter Einbeziehung der Hinführung zu moralischer und geistiger Selbstständigkeit, fand nicht statt und konnte auch gar nicht im Interesse der Nazi-Machthaber sein, die gerade in der Kritikfähigkeit der Bürger ihre Existenz bedroht sahen. Kinder sollten von Anfang an als Glieder in die Volksgemeinschaft hineinwachsen. Allgemein wurde der Kindergarten als ein "wesentlich politisches Erziehungsmittel" gesehen, "in dem alle Grundsätze nationalsozialistischer Menschenführung ihre Verwirklichung finden" (zit. n. Berger 1986, S. 40) sollten.

IV.

Der Zeitschrift Kindergarten folgend, war die Erziehung zu körperlicher Leistungsfähigkeit von enorm hoher Bedeutung. Die körperliche Ertüchtigung galt, entsprechend der "Heranzüchtung kerngesunder Körper", als die Grundlage des gesamten Erziehungsprozesses sowie der kindlichen Entwicklung, wie aus beiden nachstehenden Zitaten deutlich hervorgeht:

"Die Erhaltung und Kräftigung ursprünglicher Ganzheit ist in erster Linie Aufgabe leiblicher Erziehung, die damit zur Grundlage und Voraussetzung aller Erziehung wird. Das ist der Wille des Führers" (Kindergarten 1937, S. 210).

"Die neuen Forderungen beziehen sich alle auf die körperliche Erziehung, die dem Kleinkind eine gesunde Entwicklung gewährleisten soll. Es könnte scheinen, als beginnen wir von neuem den Fehler der Einseitigkeit, der zu starken Betonung der körperlichen Erziehung. - Wir müssen aber bedenken, daß die gesunde körperliche Erziehung des Säuglings und Kleinkindes ja überhaupt erst die Voraussetzung gibt für eine geistige Entwicklung" (Kindergarten 1939, S. 168).

Demzufolge hatte sich der Kindergarten zu einer "Stätte der Gesundheitsführung" (Kindergarten 1940, S. 12) zu wandeln, und jegliche Form der Leibeserziehung sollte auf das umfassende Ziel der NS-Pädagogik hinauslaufen: der "Erziehung zur Wehrhaftigkeit" (Kindergarten 1939, S. 202) sowie zum "Ertragen von Unbilden und Widerwertigkeiten" (Kindergarten 1940, S. 106). Die "Stätte der Gesundheitsführung" hatte darüber hinaus bis ins Elternhaus zu wirken, "daß die Kinder auch dort gesundheitlich richtig betreut werden, was gar nicht so selten nicht nur aus Mangel sondern auch aus Unwissenheit versäumt wird" (Kindergarten 1933, S. 205).

Bereits 1933 stand im Septemberheft des Kindergarten die körperliche Ertüchtigung im Mittelpunkt. Es erschienen drei ausführliche (ideologiefreie) Beiträge zur körperlichen Erziehung (vgl. Kindergarten 1933, S. 197 ff.). Dabei kam auch der Begründer des Kindergartens, Friedrich Fröbel, ausführlich zu Wort, der meinte: "Den Körper entwickeln, ausbilden, stärken heißt: dem Geiste ein tüchtiges Werkzeug (Organ) geben" (zit. n. Kindergarten 1933, S. 197).

Ein weiterer Aufsatz referierte die unterschiedlichen "Äußerungen deutscher Gymnastikschulen über Körperübungen des Kleinkindes" (Kindergarten 1933, S. 205 ff.). Diesbezüglich kamen folgende seinerzeit und noch heute bekannte Persönlichkeiten und bedeutende Schulen zu Wort: Rudolf Bode, "Loheland-Schule für Gymnastik, Landbau und Handwerk", Otto Blensdorf, Liselotte Diem-Bail, "Schule Schwarzerden", "Gymnastik-Schule Hilda Senff", Dorothee Günther und die "Dora Menzler-Schule". Als exemplarisches Beispiel sollen die Äußerungen der Tänzerin Dorothee Günther, die in München die "Günther-Schule" gründete und leitete, deren musikalischer Leiter seit 1924 kein geringerer als Carl Orff war, wiedergegeben werden:

"Meine Erfahrungen bezüglich des Kinderturnens stützen sich vorwiegend auf gymnastische und musik-rhythmische Grundlagen, und ich vertrete diese eindeutig, da ich sie der Kinderpsyche als angemessen empfinde.
Wir haben mit zwei Möglichkeiten zu rechnen:
1. dem durch Lebensumstände in Ernährung und freier Bewegung beschränkten Kinde,
2. dem in normalen Umständen aufgewachsenen Kind.
Bei 1. werden vorwiegend Haltungsschäden, flacher Brustkorb, mangelnde Gelenkstabilität (X-Beine, Knickfüße usw.) auftreten. Hier ist also außer Luft, Sonne, Ernährung, die organ- und muskelbildende Übung am Platz. Grundlage hierzu für den Lehrenden: Körperkenntnis, sowie Wissen um Übungswirkung.
Bei 2. wird vorwiegend die Betätigung des Bewegungstriebes und seiner gestaltenden Kräfte nötig sein.
Das Kleinkind zeigt nun die Eigenschaft der mangelnden Bewegungsbewußtheit, also wird eine angeordnete Bewegung seinerseits nur 'ungefähr' und ohne Spannkraft ausgeführt. Da jede Zweckübung ihren körperlichen Sinn jedoch nur dann erfüllt, wenn sie genau ausgeführt wird, verliert die formersonnene Zweckübung beim Kleinkind mindestens 75%ig ihren Wert.
Wir sind also beim Kleinkind gezwungen, die oft dringend nötige Zweckübung in eine phantasiebetätigende Form zu bringen. Bei Phantasiebetätigungen bringt das Kind sofort die innere Spannkraft auf, die nötig ist, um eine Bewegung, körperbildend angepaßt, kraftlich zu laden und sieht dann auch auf Formgenauigkeit, dank seiner Interessiertheit.
Die alte turnerische Arbeit hatte den Nachteil, daß das Kleinkind der Kommandoform ausgesetzt war, die seinem Lebensstadium gefährlich ist und vor allem bei Übungen am Gerät Bänderdehnungen ausgesetzt wurde.
Anders ist es mit dem aus der Leichtathletik hervorgegangenen Spielformen, mit Ball, Laufspielen usw. Sie sind spielerisch und körperbildnerisch ausgezeichnet und erfahren ihren Antrieb lediglich aus dem Spieleifer und dessen Erlebnis. Nur sind sie beim Kleinkind noch nicht recht am Platze, da dieses noch keinen Sinn für geregelte Spielform hat, und in dem Fall auch nicht aufbringen soll, da diese Spiele immer Anforderungen an den Ehrgeiz stellen. Bewegungsspiele auf Phantasiegrundlage sind ohne weiteres zu befürworten, da sie neben dem Bewegungselement und der Spielfreude, die Gemeinschaftsform betonen" (Kindergarten 1933, S. 210 f).

Hochgeschätzt wurde in den Kindergärten zur körperlichen Ertüchtigung und Stabilisierung die Freilufterziehung, als auch die Nutzung der "Heilkräfte der Natur". Dabei achtete man auf eine ausgewogene Anwendung von Licht, Luft, Sonne, Wasser und Bewegung, die "in keinem späteren Lebensabschnitt mehr so bedeutungsvoll wie in diesem Entwicklungsalter" (Kindergarten 1941, S. 105) sind.

Die Freilufterziehung sollte zur Naturverbundenheit erziehen, die Gesundheit des Kindes fördern und durch langsam gestufte Abhärtung die Widerstandskraft des Kindes erhöhen: "Es ist zu wünschen, daß sie (die Luftbäder; M. B.) auch bei kühlerer Temperatur eingehalten werden, wenn auch nur für ganz kurze Zeit" (Kindergarten 1941, S. 169).

Für Kinder mit schwacher und starker Konstitution wurden Abhärtungsmaßen gleichermaßen als gesundheitsfördernd erklärt, wobei man eine flexible Durchführung empfahl. Demnach sei es für empfindlicher Kinder günstiger, "es beim Abhärten durch Luft bewenden zu lassen", während kräftige Kinder ein "Abhärten durch kaltes Abbrausen" (Kindergarten 1939, S. 170) durchaus vertragen würden. Auch das Bad in der Sonne wurde für die körperliche Ertüchtigung angeraten. Dabei sollte ebenfalls auf die Konstitution der Kindergartenkinder Rücksicht genommen und schwächlichere durch Sonnenmilch und Kopfbedeckung geschützt werden. Für die Luft- und Sonnenbäder gab es in einigen Kindergärten extra "Luftanzüge" oder "Lufthosen", damit möglichst viel unbedeckte Haut der Luft und der Sonnenbestrahlung ausgesetzt werden konnte.

Gesundheitspflegerische Maßnahmen gehörten ebenso zur Leibeserziehung. Dazu zählten vor allem Hygienemaßnahmen wie tägliches Zähneputzen und Waschen (vgl. Kindergarten 1941, S. 108 ff.). Ebenso strebte man eine Verbesserung der Körperhaltung an, wozu der Kindergarten detaillierte Hinweise gab. So wurde beispielsweise geraten, die Kindergartenkinder möglichst oft "auf natürlichem Boden" barfuss laufen zu lassen, "damit der Fuß sich frei und in natürlicher Funktion entwickeln kann" (Kindergarten 1935, S. 252). Etwaigen Befürchtungen, das Kind könne sich erkälten, wurde entgegengehalten: "Die Furcht vor Erkältungen ist hier (wie überhaupt meist) unbegründet. Wird das Kind systematisch an die freie Luft gewöhnt, so ist das der beste Schutz gegen Erkältungen. Wohl aber erkältet sich ein Kind, wenn es in durchschwitzten Strümpfen und in einem einengenden Schuh sitzen muß!" (Kindergarten 1935, S. 252).

Eng verflochten mit der leiblichen Erziehung war die Charakterbildung, zumal beide einen wechselseitigen Einfluss aufeinander ausüben. Körperliche Leistungen fördern charakterliche Eigenschaften wie Mut, Rücksicht, Höflichkeit, Achtung, Gehorsam, Umsicht und Vertrauen. Diese wiederum finden ihren Niederschlag in erhöhten körperlichen Leistungen. Dem Kindergarten wurden jedoch noch weitere charakterbildende Funktionen zugesprochen. Er sollte neben den schon erwähnten Eigenschaften verstärkt zu soldatischen Tugenden erziehen, die als besonders wertvoll gewertet wurden: Tapferkeit, Furchtlosigkeit und kämpferische Bewährung, "Einsatzbereitschaft, Kameradschaftsgeist und Gemeinschaftssinn" (Kindergarten 1939, S. 118). Selbst Eigenschaften "wie Starrköpfigkeit, Eigensinn, Neigung zu Gewalttätigkeit" (Kindergarten 1939, S. 66) bewertete man durchaus als positiv. Der propagierte kämpferische Charakter war dem "Volk und Führer" untertan.

In dem täglich praktizierten Ritual der Hissung und Einziehung der Hakenkreuzfahne sah man eine weitere bedeutende Vermittlungsform zur Stärkung des Kampfwillens und weiterer charakterlichen Eigenschaften: "Die flatternde Fahne ist Anruf und Verpflichtung,... weckt die Kameradschaft und richtet Augen und Herzen der angetretenen Mannschaft aus nach den größeren Zielen der Volksgemeinschaft. Die Flaggenhissung ist neuer Lebensstil, Formung des Kampfwillens, ist Glaubensbekenntnis. Die disziplinierte äußere Haltung ist notwendige Erscheinungsform jener inneren Haltung der wachen oder wiederentdeckten nordischen Rassenseele... Die Flaggenhissung ist nationalsozialistischen Haltungsübung, eine Zuchtform der Gemeinschaft" (Kindergarten 1937, S. 71).

Besonders während des Krieges wurden die soldatischen Charaktereigenschaften mehr denn je gefördert. Demnach galt nicht ein ausgeglichener, besonnener Charakter als Idealbild, sondern der sieges- und ideologiegläubige Nationalsozialist: "Die nationalsozialistische Weltanschauung hat ihn mit aller Macht zum Kämpfer gemacht. Sie zeigt ihm die Welt als eine Welt des Handelns und nicht des Erscheinens im Bewußtsein... Die neue Wirklichkeit wird herausgekämpft, herangeglaubt und herangeliebt, nicht herbeigedacht" (Kindergarten 1942, S. 119).

Der 1941 erschienene Aufsatz "Die Entwicklung der Gesundheitsarbeit in den NSB.-Kindergärten des Gaues Kurhessen" verdeutlicht, dass die Kinder zu den damaligen typischen Charaktereigenschaften erzogen wurden: So "kommt es uns heute darauf an, dem Kleinkind Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, die seinem Alter entsprechen und dazu dienen, die Forderung des Führers zu erfüllen, ein hartes Geschlecht heranzuerziehen, das stark ist, zuverlässig, treu, gehorsam und anständig" (Kindergarten 1941, S. 4).

Demzufolge war eine weitere wichtige charakterliche Eigenschaft, die "Forderung des Führers zu erfüllen". Um dem NS-System die Loyalität zu sichern, war die frühzeitige Förderung einer starken emotionalen Bindung an den Führer notwendig. Diese knüpfte an der Liebe zu den Eltern an, die sich aufopfernd und selbstlos um die Familie kümmern, genauso wie sich der Führer um das gesamte deutsche Volk sorgt. Immer wieder wurden in der Kindergarten gebetsähnliche Sprüche und Gedichte für und über Adolf Hitler abgedruckt, um so die Kinder an die Lebensgestalt des Führers heranzuführen Dazu einige ausgewählte Beispiele:

"Kindergebet

Herr Gott, gib unserm Führer Kraft,
Der Arbeit, Brot und Frieden schafft.
Gib unserm Volk reinen Willen,
Das, was er fordert, zu erfüllen.
Denn Du hast ihn ja selbst gesandt
Zur Rettung dem bedrückten Land" (Kindergarten 1936, S. 1).

"Unser Führer, das ist Adolf Hitler!

Unser Führer, das ist Adolf Hitler!
Hinter ihm, da marschiert es sich gut;
Denn immer dient uns zum besten,
was unser Führer tut!

Unser Führer, das ist Adolf Hitler!
Der beste Führer, den's gibt
Ihn lieben wir alle von Herzen,
wie er uns Kinder liebt.

Unser Führer, das ist Adolf Hitler!
Er kämpft um Ehre und Brot.
Drum beten wir deutschen Kinder:
Den Führer erhalte uns Gott!" (Kindergarten 1938, S. 96).

Das nachstehende Gedicht "Heil Hitler!" wurde von einem neun Jahre alten Mädchen verfasst. Ihm wurde von der Fachzeitschrift folgender Kommentar vorangestellt:

"Politische Kindergedichte... wären noch vor wenigen Jahren von der Mehrzahl der Erzieher für ein Unding gehalten worden und unter den damals vorwaltenden volksfremden politischen Verhältnissen mit Recht. Es mußte erst der im Volke verwurzelte Führer kommen, der durch seinen Kampf für Deutschland und durch seine zähe Aufbauarbeit das ganze Volk, auch den einfachsten Menschen, ja schon das Kind in anschaulichster Weise erleben und begreifen ließ, daß das Schicksal des einzelnen mit dem Volksganzen unlösbar verkettet ist, der dem deutschen Volk den Glauben an sich selbst und seine Aufgaben wiederschenkte und jedem Volksgenossen, ob arm, ob reich, ob jung, ob alt zeigte, daß er mitkämpfen und mitarbeiten kann" (Kindergarten 1936, S. 6).

"Heil Hitler!

Heil Hitler Dir,
Du bist der beste Freund von mir.
Heil Hitler, Du hast es vollbracht,
das deutsche Volk ist nun erwacht.
Du hast es lange schon erwartet,
daß die Hakenkreuzfahne flattert
in den Straßen viel,
Hitler, Du bist jetzt am Ziel.
Erst ist Dir schlecht gegangen,
jetzt aber sind die Roten nun gefangen.
Nun endlich haben sie's eingesehn,
und lassen Dich nun wohl auch gehen.
Komm lieber Hitler
und gib uns wieder,
uns armen Leut,
wieder ein bisschen Geld.
Wir haben Dich doch schon immer gewählt,
und uns auch mächtig gefreut,
daß Du ans Ziel gekommen bist.
Heil Hitler Dir!
Du bist und bleibst der beste Freund von mir
" (Kindergarten 1936, S. 7).

V.

Die Kindergärtnerin sollte dem "Kinde immer wieder Gelegenheit geben, sich an seiner Umwelt im Spiel zu orientieren" (Kindergarten 1939, S. 119). Vor der Nazi-Diktatur spielten die Kinder "Arbeitsamt und Stempelgehen", dagegen im Jahre 1935 "1. Mai und 'SA. marschiert'" (Kindergarten 1935, S. 98).

Das kindliche Spiel war der Erziehung zur Volksgemeinschaft untergeordnet. Sein Ziel sollte sein, das Kind körperlich und charakterlich zu erziehen, zu bilden sowie in ihm eine nationalsozialistische Haltung zu erzeugen. Somit wurde das Spiel auf seine Verwertbarkeit für die nationalsozialistische Zielsetzung hin analysiert. Über das "Wesen" des Kinderspiel als "Träger des Volksgutes" ist im Kindergarten nachzulesen:

"Alles Volksgut in Sitte, Brauch, Recht, Religion und Kunst und so auch das volkstümliche Kinderspiel ist Gemeinschaftsgut; es regelt und bestimmt das Verhalten, Denken und Fühlen der Glieder der Gemeinschaft in ihrer Gliedhaftigkeit, nicht aber oder doch weniger in dem daneben möglichen gesondert - individuellen Sein. Volksgut kann sich daher nur dort bilden und erhalten, wo volkhafte Gemeinschaft, durch die das individuelle Wollen und Sichgeben beschränkt... besteht. Der Einzelne ist nur gegenwärtiger Träger des Volksgutes... (Das Volksgut; M.B.) ist geistiger Besitz der Gemeinschaft und ist so in seinem Bestande vom Leben und Sterben der Einzelindividuen verhältnismäßig unabhängig. Mit der sich erhaltenden Gemeinschaft überdauert es die Generationen" (Kindergarten 1934, S. 35).

Demzufolge wirkte sich das Volkstümliche auf die soziale Entwicklung der spielenden Kinder äußerst positiv aus, weil es eine bestimmte Form der Gruppenbildung förderte: Es überwand beträchtliche Gegensätze in der Spielgruppe und leistete somit "schon von frühester Kindheit an wichtige erzieherische Vorarbeit für die Volkswerdung selbst" (Kindergarten 1934, S. 38).

Ferner erkannten die NS-Pädagogen in der Regelhaftigkeit des volkstümlichen Kinderspiels noch weitere wichtige Erziehungsfaktoren. Da seine Regeln "nicht verstandesmäßig begründet werden" (Kindergarten 1934, S. 38) können, wird das Kind zu einer "selbstverständlichen Einfügung in die traditionellen Bindungen des Verhaltens" (Kindergarten 1934, S. 38) hinerzogen. Zudem erziehe es noch zu gesellschaftlich hoch anerkannten Tugenden, nämlich zu "Führertum und Gefolgschaft" (Kindergarten 1934, S. 38), d.h. zu Gehorsam und Gefolgschaft gegenüber Adolf Hitler.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm die Militarisierung der Kindergartenpädagogik erheblich zu. Dabei fällt bei der Durchsicht des Kindergarten auf, dass den Kindern anscheinend keine Gelegenheit gegeben wurde, traumatische Kriegserlebnisse auf irgendeine Weise zu verarbeiten, beispielsweise im Spiel oder Zeichnen und Malen. Vielmehr wurden sie verstärkt zu Wettkämpfen, zum Marschieren, zum Exerzieren, zum Simulieren von Luftangriffen und zum Darstellen von Kriegshandlungen animiert, falls sich solche Spiele nicht aus eigenem Antrieb entwickelten. Dabei war Ausgangspunkt aller kriegerischer Erziehung das germanische Blutserbe. Die rechte Kriegsart, so wurde proklamiert, könne nicht durch Erziehung vermittelt werden, wenn sie nicht als Blutserbe gegeben sei:

"Nur wo Kriegerart angeboren war, konnte Kriegererziehung einen Sinn haben... Wer sich schon als Vierjähriger beim Spiel nichts nehmen ließ und notfalls dazwischenzuschlagen bereit war, der versprach ein Kämpfer in den Reihen der Sippenmannschaft zu werden, auf dessen Bereitschaft die Sippe würde zählen können im Kampf um Ehre und Besitz" (Kindergarten 1939, S. 66).

Wie die Militarisierung der Kindergartenkinder konkret ablief, veranschaulicht ein Praxisbericht aus der Kindergarten. Dort lesen wir unter der Überschrift "Unsere Kinder erleben den Krieg": "Rasch hat die Tante mit ihnen (den Kindern; M.B.) die Uniform gearbeitet. Dann geht's hinaus auf den 'Kasernenhof' zum Exerzieren. In Rolf erkennt man jetzt schon die Führernatur. Er schreitet als Hauptmann die Front ab... Jetzt spielen sie nicht mehr Soldaten, jetzt sind sie Soldaten. Im Zimmer bauen indessen einige Jungen mit ihrer Tante Artilleriestellung. Bausteine werden im Halbkreis zu einem Wall aufgeschichtet... In der Stellung laden die Soldaten die einfach gestalteten Kanonen mit Papierkugeln. Ein Dorf unweit der Stellung wird beschossen. Einzelne Häuser sind bereits zusammengefallen. Auf einem anderen Tisch entsteht ein Flugzeugplatz. In großen Hallen warten einige Faltflugzeuge auf den Start. Soldaten kommen aus der Kaserne, um die Flugzeuge zum Feindflug startbereit zu machen... Die Beschäftigungen sind gut und schön, einmal weil sie wenig Material beanspruchen, und dann in der Hauptsache, weil sie dem Kinde das große Erleben, den Krieg an der Front und in der Heimat veranschaulichen" (Kindergarten 1940, S. 83).

Der Krieg war ein willkommenes Erziehungsmittel, um die Kindergartenkinder zum Gehorsam, zur Opfer- und Hilfsbereitschaft zu erziehen. Ihnen wurde vermittelt, dass auch sie durch kleine Opfer zum Sieg des Vaterlandes beitragen können, beispielsweise, wenn sie im Kindergarten ihre bescheidene Mahlzeit, ohne zu murren, zu sich nehmen würden, oder indem sie recht folgsam und fügsam seien und dadurch den Erwachsenen, die schon genug Sorgen hätten im Krieg, nicht unnötig zur Last fallen: "Es zeigen sich immer wieder Gelegenheiten, sei es im Spiel, bei der Arbeit oder beim Frühstück, wie wir ihnen sagen können, daß auch sie, die kleinsten, nicht zu klein sind, um zum Sieg beizutragen" (Kindergarten 1940, S. 189).

Doch bereits schon fünf Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde durch den Erlass des "Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Unterricht" (7. November 1934) die "Pflege des Luftfahrtgedankens" (Kindergarten 1937, S. 53) für alle Schulen zur Pflicht erklärt. Auch im Kindergarten sollte Verständnis und Interesse für den "Luftfahrtgedanken", als "Pflicht gegen das Vaterland" (Kindergarten 1937, S. 59), geweckt werden, durch Lieder, Märchen, Malen und Basteln, Bewegungsspiele u.a.m. Entsprechend mit Kriegsbeginn wurde "realitätsnah gebastelt": Säbel, Soldaten, Wehrmachtsautos (vgl. Kindergarten 1942, S. 67), Fallschirme, Fallschirmjäger, Flugzeuge, Kriegsschiffe, Zelte und Kanonen (vgl. Kindergarten 1941, S. 136 ff.), Kampfflugzeuge, U-Boote, Flugplätze, Flakgeschütze (vgl. Kindergarten 1942, S. 47 ff.).

Den NS-Pädagogen erschien das Märchenspiel, d.h. das Nachspielen eines von der Kindergärtnerin ausgewählten Märchens, als eine besonders gute Möglichkeit, den Kindern nationalsozialistische Tugenden zu vermitteln. Dem Märchen wurde vom Hans Schemm eine starke prägende Wirkung zugesprochen. Genannter vertrat die Ansicht, dass jedes Märchen "ein Stück Nationalsozialismus" (Kindergarten 1941, S. 90) wäre und durch ihm im Kind der erste Grund für eine heldische Gesinnung gelegt werde (vgl. Kindergarten 1941, S. 149 f).

Ebenso wie dem Märchen wurde dem Liedgut eine hohe politische Bedeutung beigemessen: "Das nationalsozialistische Liedgut soll Wegweiser sein in der Entwicklung zum neuen deutschen Lied. Dieses muß lebensnahe und lebenswahr sein. Die neue Musikkultur soll politisch sein, d.h. mitten im Leben des Volkes stehen, wie der Führer das in seinen großen Reden für alle Kunst gefordert hat. Gleichzeitig müssen wir die hohen, schon vorhandenen Güter der Musikkultur pflegen und schützen. Wie soll ein Arbeiter sich mit Gut und Blut für Deutschland einsetzen, wenn er die höchsten Werte der deutschen Kultur nicht kennt!" (Kindergarten 1936, S. 98).

Und an anderer Stelle ist nachzulesen: "Liedgesang (hat; M.B.) nationalpolitische Bedeutung: er stärkt die Volkskraft, und er nimmt in Zucht und ordnet die Singenden ein. Darüber hinaus wirkt das Lied auf den Charakter ein, denn es stellt an jeden Einzelnen einen Anspruch... Das Lied fordert von ihm Einordnung in die singende Gemeinschaft... Die Grundkräfte des Liedes sind schon im Kinderlied vorgebildet. Die Erziehung zu nationalpolitischem Denken und Handeln beginnt bereits im Kindergarten" (Kindergarten 1941, S. 149 f).

Singen bedeutete nicht nur Äußerung von Freude, sondern man sah in ihm auch ein Mittel zur Erziehung zum Soldatentum, da das Kind zur Zügelung der kindlichen Lebendigkeit, zur Ordnung und Einordnung gezwungen wurde. Die Zucht, die das Singen beim Kind unwillkürlich bedingt, wird "ein Anspruch an seine Beherrschung und seinem Willen. Das galt ebenso beim geselligen Lied, in dem jeder Mangel an Bändigung zu allgemeiner Ausartung und zur Beeinträchtigung oder Zerstörung von Witz und Humor des Liedes führt, wie beim Feierlied, dessen verpflichtende Worte den Sänger zur Bekenntlichkeit bringen und von ihm ernste Bejahung bis zur Bekenntnis und Gelöbnis verlangen" (Kindergarten 1941, S. 149).

Auch mit Hilfe der traditionellen Feste versuchte man die Kindergartenkinder im Sinne des Nationalsozialismus zu beeinflussen. Die Gestaltung des Weihnachtsfestes ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie christliche Feste für ideologische Zwecke missbraucht wurden. Dieses wurde einfach zu einem germanisches Fest umfunktioniert, wobei neben dem traditionellen Weihnachtsschmuck auch Hakenkreuze den Tannenbaum schmückten.

In der deutschen Weihnacht lebte nun alljährlich wieder die "altgermanische Lichtidee" (Kindergarten 1933, S. 273) auf: "Zur Zeit der kürzesten Tage und längsten Nächte im Jahr..., wenn inmitten von Kälte und Dunkelheit die Sehnsucht nach Licht und Wärme übergroß wurde, feierten die Germanen die 'Wende' der Sonne, das Sonnenfest" (Kindergarten 1933, S. 273).

Nichts blieb unversucht, um dem Kind das Deutsch- bzw. Germanentum nahe zubringen. Und so wurde z.B. der Adventskranz in einen 'Julkranz' umfunktioniert, der das Sonnenrad darstellt, eine abgewandelte Form des Hakenkreuzes.

Auch der Hl. Nikolaus wurde aus dem Kindergarten verbannt. Die Kinder sangen nicht mehr "Nikolaus komm in unser Haus" sondern "Julmann komm in unser Haus" (Kindergarten 1941, S. 173). Nicht mehr der Hl. Nikolaus beschenkte die Kinder, sondern Knecht Ruprecht oder der Julmann.

Selbst die obligatorischen Weihnachtsspiele dienten der Kriegserziehung. In dem Weihnachtsspiel "In Weihnachtsmanns Werkstatt" fragt der "Weihnachtsmann" die Zwerge, wie weit sie bereits mit ihrer Arbeit seien. Die Befragten antworteten: "Mein Flugzeug fliegt bald nach England". "Das U-Boot schreitet schnell voran" (Kindergarten 1940, S. 195).

Eine weitere bedeutende Vermittlungsform nationalsozialistischen Gedankenguts war das "gute" deutsche Bilderbuch, mit dem man versuchte, Kindergartenkinder im Sinne der NS-Ideologie zu infiltrieren. Parteigenosse Hugo Wippler kritisierte mit scharfer Zunge die sich nicht an der neuen "schicksalsschweren Zeit" orientierende Bilderbuchproduktion:

"Da findet sich viel von dem, was wir in anderer Form und an anderer Stelle geboten, unbedingt ablehnen würden, und es ist an der Zeit, die versteckten schädigenden Tendenzen - oft noch Überbleibsel einer vergangenen Zeit, als Restposten auftretend, aber auch als Neuauflagen - etwas aufmerksamer zu betrachten. Es gibt Bilderbücher, die religiöse Vorstellungen in die Sphäre des profansten Alltags ziehen, Arbeit und Handwerk werden leichtfertig karikiert, es gibt fast nichts, was unsere schicksalsschwere Zeit bewegt, fast keine bestehende Ordnung, die nicht irgendwie im Bilderbuch herabgezogen würde durch oberflächliche Verulkung. Wer in dieser Beziehung hellsichtig geworden ist, erkennt in diesen Bildern und Versen das Gesicht einer übermütigen, volksfernen, ungebundenen Schicht, die es vorzieht, sich lieber Harlekine auf die Kissen zu legen als sich mit lebendigen Kindern abzumühen, die immer noch meint, man könnte der Schwere des Lebens aus dem Wege gehen und letztlich nur darauf bedacht ist, ihren Beutel zu füllen.
Sobald ihr Treiben als unverantwortlich erkannt ist, wird jene Hanswurstkultur verschwinden und mit ihr auch die Allerweltskultur, die immer noch dem deutschen Kinde das 'Negerlein' ans Herzen legen möchte, den Teddybären und die Mickimaus, die ganze Holywoodmaskerade mit den verführerischen Augen und langgezogenen Wimpern, die gepflegte, nüchtern-kalte Kinderstube, in der sich Kinder wie gelangweilte Erwachsene benehmen. Und schließlich wird auch aus den Bilderbüchern verschwinden die überflüssige, ausgehöhlte Erwachsenenkultur, die kein rechtes inneres Verhältnis mehr hat zu Tier, Feld und Wald, die den Rhythmus des Tages und des Jahres nur noch verspürt an Uhr und Kalender und infolgedessen mit ihren Gegenständen umgeht wie mit leblosen Dingen, die man aus ihrem Zusammenhange herausreißt, willkürlich anputzt und Unsinn mit ihnen treibt. Beispiele dafür bieten reichlich die Hasen-, Mäuse- und Bärenbücher, die Wiesen- und Himmelsbücher" (Kindergarten 1936, S. 144).

Ein nach nationalsozialistischen Maßstäben "gutes" Bilderbuch hatte folgende Kriterien zu erfüllen:

  • es erweckt Heimatliebe und die Liebe zur deutschen Scholle,
  • es erweckt die Achtung und Ehrfurcht vor der Natur und vor dem, was sie uns gibt,
  • es schärft den Blick für beispielhaftes Instinktleben der Tiere,
  • es verstärkt den Wehrwillen,
  • es erweckt Interesse für die Technik,
  • es erweckt die Achtung vor der Arbeit, dem Arbeitenden und seinem Werk,
  • es erweckt das deutsche Gemüt und die deutschen Volkstugenden,
  • es erweckt und stärkt rassisches Empfinden und
  • es pflegt den Gemeinschaftssinn

(vgl. Kindergarten 1936, S. 101, S. 150 ff.; Kindergarten 1938, S. 162 ff.).

Zusammengefasst war Aufgabe des "echt deutschen Bilderbuches: "Bilder echten, unverbildeten deutschen Empfindens an das Kind heranführen, damit es aus diesen Bildern zu einer Anschauung vom wahren und tiefen Wesen unseres Volkes gelange, an diesen Bildern innerlich erstarke und in ihnen Zielbilder seines eigenen artechten Strebens finde" (Kindergarten 1936, S. 101).

Ein solches "gutes" Bilderbuch, das mit bestem Gewissen einem Kind gegeben werden konnte, war beispielsweise "Eine wahre Geschichte", von zwei Auslandsdeutschen. Erzählt wird die (eigentlich unwahre und beschönigende) Geschichte eines armen kleinen Jungen aus Österreich, der später zum großen Führer des deutschen Volkes - "nicht durch Blut und Gewalt" - wurde. Die Publikation bewertete Hugo Wippler wie folgt:

"Mit diesem Buch ist der erste große Wurf des neuen Bilderbuches unserer Zeit gelungen, er ist so geglückt, daß er alle Vorzüge in sich vereint: ein Volksbuch, dem Kinde und Erwachsenen bleibend wertvoll, von Herzen kommend und zu Herzen gehend, ein Erziehungsbuch, das sich dem deutschen Volke verantwortlich fühlt, werbend für die Idee des Nationalsozialismus: ein Schulungsbuch! Wir wünschten, daß es in die Hände aller deutschen Kinder käme, und wer sich die Schlichtheit des Volksempfinden bewahrt hat, wird in gleicher Weise ergriffen, dankbar, glaubenstark und zuversichtlich dieses Buch aus den Händen legen; denn diese wahre Geschichte enthält das Erlebnis eines jeden, der zum Gefolgsmann des Führers geworden ist" (Kindergarten 1936, S. 252 f.).

VI.

Auch wenn den Nationalsozialisten die völlige Unterwerfung des Kindergartens nicht gelang, waren trotzdem Veränderungen auf der inhaltlichen Ebene von Anfang an deutlich spürbar, wie vorliegende Analyse der Fachzeitschrift Kindergarten zu belegen versuchte. Das nationalsozialistische Erziehungskonzept bestimmte mit zunehmenden Jahren den Kindergarten immer mehr: nationalsozialistische Plattetüden und die Propaganda ersetzten die pädagogische Diskussion.

Schon das Kindergartenkind sollte für die Ideologie der Nazis instrumentalisiert werden. Ein auffallendes Merkmal war die Überbetonung der auf das Militärische ausgerichteten körperlichen Ertüchtigung und die Missachtung der Ausbildung geistiger Fähigkeiten. Den Nazis ging es in erster Linie um das "Heranzüchten kerngesunder Körper", um Vorarbeit zu soldatischer Kampf- und Opferbereitschaft, dem alle anderen erzieherischen Aspekte untergeordnet waren.

Um ein nützliches, tüchtiges und zugleich gut verwendbares Mitglied der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu sein, sollte das Kindergartenkind zu den typischen "deutschen (germanischen) Eigenschaften und Einstellungen" hinerzogen werden, wie: Anpassungsfähigkeit, Gemeinschaftssinn, Gehorsam, Fleiß, Verträglichkeit, Ordnungsliebe und Disziplin, Sauberkeit, Pflichtbewusstsein, Leistungsbereitschaft, Fügsamkeit und Ehrfurcht gegenüber Autoritäten, Liebe zum Vaterland und seinem Führer Adolf Hitler, Sparsamkeit, Verzichtbarkeit sowie Opfersinn. Dabei sollte eine autoritäre Kindergartenerziehung die Garantie für den Erwerb genannter Charaktereigenschaften und die konsequente Fortführung der Familienerziehung im völkischen Staat sein. Besonders mit Beginn des Zweiten Weltkrieges stand die militärische Beeinflussung der Kinder im Vordergrund. Durchhalteparolen und Propaganda kennzeichneten die Fachzeitschrift.

Die vorgenommene Untersuchung konnte die Frage, inwieweit das durch die Zeitschrift vermittelte Erziehungskonzept konkret in die pädagogische Praxis des Kindergartens umgesetzt wurde und inwieweit es letztlich die methodische Arbeit der Kindergärtnerinnen bestimmte, nur unzureichend beantworten. Um die tatsächliche und alltägliche Kindergartenpraxis während der Nazi-Diktatur zu dokumentieren, bedürfte es genauerer Recherchen von Dokumenten (Erziehungspläne, Tagebücher, Elternbriefe, Niederschriften von Spielbeschreibungen zu bestimmten Fest- und Feiertagen usw.) aus der Praxis einzelner Kindergärten, ebenso Interviews von seinerzeit in Verantwortung stehenden Personen der öffentlichen Kleinkindererziehung - soweit und so lange überhaupt noch möglich.

Anmerkung

Manuskript eines Vortrages, der am 31.01.2005 anlässlich einer Ausstellung (vom 31.01. bis 31.03.2005) des Ida Seele-Archis zur "Erziehung in Familie und Kindergarten während der Nazi-Diktatur" gehalten wurde.

Literatur/Quellen

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Döpel, W. (Hrsg.): Der Dorfkindergarten als Erziehungsstätte, Weimar 1935

Feiten, W.: Der Nationalsozialistische Lehrerbund. Entwicklung und Organisation. Ein Beitrag zum Aufbau und zur Organisationsstruktur des nationalsozialistischen Herrschaftssystem, Weinheim/ Basel 1981

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Rothschuh, G. v.: "Das Kind bilden wir!" Familien- und Kindergartenerziehung im NS-Staat, München 1980 (unveröffentl. Diplomarbeit)

Webseite

Witte, C.: Der nationalsozialistische Kindergarten im Zweiten Weltkrieg. Analyse der Zeitschrift Kindergarten in den Jahrgängen 1939, 1941 und 1942; http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/pab/18265.html

Autor

Berger, Manfred, Dipl. Sozialpädagoge (FH.), Dipl. Pädagoge (Univ.), Dozent an Fach(hoch)schulen/ -akademien für Sozialpädagogik/ -arbeit, Leiter des Ida Seele-Archivs zur Erforschung der Geschichte des Kindergartens, der Sozialarbeit/ -pädagogik und ihrer Bezugswissenschaften sowie der Frauenbewegung

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Am Mittelfeld 36
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