Gender-Mainstreaming im Kindergarten

Margarete Blank-Mathieu

 

Das erste, was wir von einem Menschen wahrnehmen, ist sein Geschlecht. Unsere Welt scheint in zwei Hälften eingeteilt, in die Welt von Männern und in die Welt von Frauen. Wenn wir in einen Kinderwagen schauen, heißt unsere erste Frage: "Ist es ein Junge oder ein Mädchen?" Wenn wir an einer neuen Arbeitsstelle beginnen, ist es für uns wichtig, ob wir mit Männern oder Frauen zusammenarbeiten.

Kinder werden von uns oft als "vorgeschlechtlich", als "geschlechtsneutral" wahrgenommen. Geschlechtserziehung im Kindergarten? Ist diese nötig und sinnvoll?

Kinder in diesem Alter sollten am besten geschlechtsneutral erzogen werden, darüber sind sich viele Erzieher/innen einig. Selbst Autoren wie Martin Verlinden (1995) plädieren für eine Erziehung, die nicht die Unterschiede, sondern die Erziehung zu gegenseitigem Verständnis betont und dazu anregt, im Kindergarten möglichst viele gemeinsame Elemente für Jungen und Mädchen zu etablieren. Jungen sollten "weibliche Eigenschaften" und Mädchen "männliche Verhaltensweisen" erproben dürfen und in ihr Selbstverständnis integrieren.

Es darf nicht darum gehen, die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen zu verfestigen. Dennoch sind diese Unterschiede da und sollten nicht geleugnet werden. Geschlechtsspezifische Unterschiede sind auf biologische Faktoren und auf unser kulturelles Erbe zurückzuführen. Wie groß der biologische Anteil ist, darüber streiten sich die Experten. Wird das Gehirn von Säuglingen bereits im Mutterleib durch männliche Geschlechtshormone anders gepolt? Wirken Hormone und Chromosomen derart, dass das Verhalten dadurch grundsätzlich beeinflusst wird? Die Neurobiologie überrascht uns täglich mit neuen Erkenntnissen - auch darüber, wie "Geschlecht" biologisch beeinflusst wird.

Tim Rohrmann (1994) geht davon aus, dass nicht die Frau, wie man viele Jahre, auch aus biblischer Tradition meinte, das abweichende Geschlecht sei, sondern der Mann. Das Y-Chromosom wird als verkrüppeltes X-Chromosom erkannt. Dies würde auch die größere Anfälligkeit von Jungen für Krankheiten aller Art begründen.

In vielen Untersuchungen hat man festgestellt, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen innerhalb des eigenen Geschlechts größer sind als Unterschiede zwischen den verschiedenen Geschlechtern. Aber es gibt auch geschlechtsspezifische Unterschiede.

Männer und Frauen sind so, wie die jeweilige Kultur sie geschaffen hat, das ist eine weit verbreitete Ansicht. Es gibt Kulturen, in denen das Verhalten von Männern und Frauen ganz anders gelebt wird, als in unserer abendländisch-christlichen Kultur. Margaret Mead hat in "Mann und Weib" (1971) verschiedene Kulturen auf eine geschlechtsspezifische Rollenverteilung hin untersucht und festgestellt, dass die biologischen Unterschiede dafür allein nicht verantwortlich sein können. Obwohl Männer aufgrund ihrer biologischen Funktionen weiter vom Kind entfernt zu sein scheinen, ist dies kein Grund dafür, dass nicht auch Männer in anderen Kulturen die Erziehung der Kleinkinder übernehmen.

Das biologische Geschlecht können wir nicht beeinflussen, aber wohl die kulturell gewordene Geschlechtsrollenverteilung. In unserer heutigen Gesellschaft ist nicht zuletzt durch die Frauenbewegung auch Bewegung in das Verständnis der Geschlechtsrollen gekommen. Frauen wollen heute Familie und Beruf miteinander verbinden. Sie möchten nicht mehr als ausschließlich zuständig für die gefühlsmäßige Wiederherstellung des Wohlbefindens ihres Mannes und des Familienklimas betrachtet werden. Frauen haben das größere Harmoniebedürfnis, sagt man. Müssen sie deshalb für die Harmonie der Gefühle anderer verantwortlich gemacht werden?

Wenn Frauen sich aber verweigern, dann heißt das zwangsläufig, dass auch Männer ihr Rollenverständnis verändern müssen. Wer Privilegien hat, will diese nicht gerne verlieren. Es ist den Männern nicht zu verdenken, dass sie sich weithin weigern, das Abbröckeln ihrer Vormachtstellung und die Übernahme von "weiblichen" Aufgaben zu akzeptieren. Die Selbstverständlichkeit der Rollenverteilung in Beruf und Familie ist dahin. Jetzt heißt es, von Fall zu Fall auszuhandeln, welche Rolle von mir als Frau oder Mann erwartet wird.

Für die Erziehungsaufgabe des Kindergartens ist dies ein hoher Anspruch. Es gibt kein festes Verständnis von "Weiblichkeit und Männlichkeit", auf das wir die Kinder vorbereiten können. Also erziehen wir geschlechtsneutral, das ist am Einfachsten! Damit würden wir es uns aber doch zu einfach machen. Das ist nämlich gar nicht mehr möglich. Kinder sind kein unbeschriebenes Blatt, wenn sie zu uns in den Kindergarten kommen. Wir müssten die bereits erworbene Geschlechtsidentität beseitigen und eine neue "anerziehen". Dies kann also nicht der richtige Weg sein.

Um im Kindergarten mit Jungen und Mädchen arbeiten zu können, müssen wir herausfinden, welchen Weg Jungen und Mädchen bereits zurückgelegt haben, wie ihre unterschiedlichen Erfahrungen in ihr Selbstverständnis eingeflossen sind, wie die unterschiedlichen Familienverhältnisse und kulturellen Hintergründe weiterwirken und das gewordene Verständnis von Geschlecht verfestigen.

Nicht zuletzt müssen wir aber auch unsere Lebensgeschichte reflektieren, da auch unsere Erfahrungen und Vorstellungen von männlichen und weiblichen Verhaltensweisen in unseren Umgang mit den Kindern einfließen. Bei der Geschlechtserziehung im Kindergarten müssen wir verschiedene Aspekte bedenken. Alles, was wir tun oder lassen, wirkt sich dadurch, dass wir es als Frauen (oder Männer) tun, auch auf den geschlechtsspezifischen Aspekt aus. Wir haben keine eindeutigen Vorgaben, wie es z.B. bei der Erziehung zum Sozialverhalten oder der Spracherziehung der Fall ist.

Die Selbstverständlichkeit, dass es Männer und Frauen in unserer Umgebung gibt, immer gegeben hat und immer geben wird, darf uns nicht verführen, die Geschlechtserziehung im Kindergarten als Nebensache zu betrachten. Jungen und Mädchen zu befähigen, ihre eigene persönliche Geschlechtsidentität zu finden und sie flexibel handhaben zu können - dass sie auch in zwanzig Jahren noch ohne Persönlichkeitsverlust gelebt werden kann - ist keine leichte Aufgabe.

Im Kindergarten müssen wir sowohl unsere eigene Geschlechtssozialisation bedenken als auch überlegen, welche Bedürfnisse Jungen und Mädchen äußern (auch nonverbal!) und dann auf diese Bedürfnisse eingehen. Dies beginnt mit der Reflexion über die eigene Sozialisation, macht sich an Personen fest, die hier mit Jungen und Mädchen arbeiten, und hört nicht zuletzt bei der Raumgestaltung auf, die darauf hin abgestimmt werden muss, welche Bedürfnisse Jungen und Mädchen in Bezug auf Spielräume haben.

Der klassische Kindergarten mit Bauecke und Puppenecke in jedem Gruppenraum sollte überprüft werden. Funktionsräume sind für die individuellen Bedürfnisse von Kindern besser geeignet, vor allem auch in bezug auf die Gender-Thematik. Dort hat man festgestellt, dass Jungen und Mädchen Räume nicht geschlechtsspezifisch, sondern interessenbezogen nutzen. Das Zusammenspielen von Jungen und Mädchen ist in Funktionsräumen meist selbstverständlich. So lernen Jungen und Mädchen einen demokratischen Umgangsstil zwischen den Geschlechtern bereits im Kindergarten und sind für ihre Zukunft gut gerüstet.

Es kann nicht angehen, dass die Unterschiede, die zweifellos zwischen den Geschlechtern bestehen, immer noch zu Machtkämpfen ausarten - weder im Kindergarten noch in privaten oder beruflichen Zusammenhängen. Dafür müssen wir die Rahmenbedingungen in unseren Einrichtungen hinterfragen...