Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Johanna Haarer

Manfred Berger

 

Johanna Haarer war keine Frau, deren Engagement direkt und ausschließlich dem Kindergarten galt. Die ausgebildete Humanmedizinerin, Fachärztin für Lungenerkrankungen und mehrfache Mutter, war über Jahrzehnte hinweg eine äußerst erfolgreiche (Fach-) Schriftstellerin. Ihre Publikationen beeinflussten seinerzeit in hohem Maße die Familienerziehung, die auch teilweise Pflichtlektüre für alle die in Kindergärten tätigen sowie sich noch in Ausbildung befindenden Kindergärtnerinnen waren (vgl. Rothschuh 1980, S. 15 ff.).

Am 3. Oktober 1900 erblickte Johanna als jüngstes von zwei Kindern des Kaufmanns Alois Barsch und seiner Ehefrau Anna Barsch (geb. Frena) in Bodenbach/ Sudetenland das Licht der Welt. Der ältere Bruder starb mit 10 Jahren an Meningitis. In ihrer Geburtsstadt besuchte sie die Volks- und Bürgerschule in den Jahren 1906 bis 1914 und arbeitete anschließend im elterlichen Haushalt und Papierwarengeschäft (mit Filiale). Im Alter von 17 Jahren entschied sie sich, gegen den Willen der Eltern, für ein Studium der Medizin. Sie ging in das 1901 von Hermann Lietz gegründete Landerziehungsheim "Haubinda" in der Röhn, um sich dort auf die Reifeprüfung vorzubereiten, die sie Ostern 1920 im benachbarten Landerziehungsheim "Bieberstein" erfolgreich ablegte. Folgend studierte Johanna Barsch in Heidelberg, Göttingen und München.

In letztgenannter Stadt war einer ihrer akademischen Lehrer Prof. Dr. Ferdinand Sauerbruch. Der berühmte Chirurg hatte allgemein auf die Studentenschaft eine große Anziehungskraft. Wenn man ihn hören wollte, musste man "schon eine halbe Stunde vor Beginn im Hörsaal sein" (Haarer 1962, S. 119), um einen Sitzplatz zu erhalten. Vorlesungen hörte die Studentin auch bei dem sehr bekannten Pharmakologen Prof. Dr. Walter Straub, der sie in das gesellschaftliche Leben der Fakultät einführte (1).

Johanna Barsch heiratete 1924 den Medizinstudenten Dr. Hellmut Weese, der später Professor sowie ein bedeutenden Forscher wurde, bei der Firma Bayer beschäftigt war und das erste injizierbare Barbiturat erfand. Die Ehe wurde nach fünf Jahren geschieden. Das medizinische Staatsexamen legte Johanna Weese 1925 in München ab, erwarb anschließend den Doktortitel (das Thema ihrer nur 12 Seiten umfassenden Dissertation lautete: "Ein Beitrag zur Ätiologie der Pachymeningitis hämorrhagica interna") und schließlich nach Ableistung des praktischen Jahres die Approbation als Ärztin. Nach kurzer Volontärtätigkeit an Münchner Krankenhäusern wurde sie im Sanatorium Harlaching als Assistenzärztin für Lungenkrankheiten angestellt. Die Ärztin legte zeitlebens großen Wert auf den Doktortitel, da sie noch erlebte, dass Medizin-Professoren den Hörsaal verließen, wenn sie eine Frau im Auditorium sahen (2).

1932 heiratete Johanna Weese den Oberarzt Dr. Otto Friedrich Haarer. Sie gab ihre berufliche Tätigkeit auf, zumal fünf Kinder aus der Ehe hervorgingen. Von der NSDAP wurde Johanna Haarer im Jahre 1936 zur (ehrenamtlichen) Mitarbeit herangezogen. Sie übernahm das Referat der "Gausachbearbeiterin für rassenpolitische Fragen in der NS.-Frauenschaft", engagierte sich in der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt", im "Hilfswerk Mutter und Kind" sowie in der "Münchner Mütterschule". Ferner unterrichtete sie für ein Jahr (1938-1939) Gesundheitslehre am Kindergärtnerinnenseminar der Stadt München.

In ihrer Funktion als Gausachbearbeiterin kämpfte Johanna Haarer entschieden gegen den vermeintlichen Verfall der Mutterschaft und der Familie. Diesbezüglich konstatierte sie in einem Vortrag (gehalten am 18. Februar 1937) der "Volksbildungskanzlei München des Landesverbandes für nationale Volkserziehung", dem auch Kindergärtnerinnen beiwohnten:

"Sie wissen alle, wie gekämpft wurde und noch gekämpft wird um die restlose Säuberung unseres gesamten kulturellen und öffentlichen Lebens von allen zersetzenden, bolschewistischen und jüdischen Tendenzen. Seinen sichtbarsten Ausdruck findet dieser Kampf in den Nürnberger Gesetzen zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre... Es versteht sich von selbst, dass diese Reinigung und Wandlung unseres gesamten völkischen Lebens mit sich brachte ein Wiederaufleben der richtigen Einstellung zu Mutterschaft und Familie. Es handelt sich hier ja nur darum, gewissermaßen Schutt wegzuräumen und richtigen Instinkten, gesundem Gefühl wieder an den Tag zu verhelfen" (Haarer 1937, S. 16).

Unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur wurde Johanna Haarer verhaftet und niemand wusste, wohin sie gebracht wurde. Als ihr Mann vom Krieg zurückkehrte und von dem Schicksal seiner Frau erfuhr, "nahm er sich das Leben, fünf (M.B.) kleine Kinder zurücklassend" (Rüdiger 1999, S. 149). Ein Jahr verbrachte sie in verschiedenen amerikanischen Internierungslagern, wo sie als Ärztin tätig war. Nach der Entlassung erhielt Johanna Haarer wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit von der amerikanischen Besatzungsmacht keine Erlaubnis, eine eigene Praxis zu eröffnen. Nachfolgend war sie bis zur Pensionierung als Lungenfachärztin im öffentlichen Dienst tätig und reiste von Gesundheitsamt zu Gesundheitsamt. Jedoch den größten Teil ihres Einkommens erzielte sie aus der Schriftstellerei, sodass immerhin drei ihrer fünf Kinder studieren konnten (3).

Johanna Haarer starb am 30. April 1988 in München.

Nach der Geburt ihrer ersten Zwillingskinder schrieb Johanna Haarer Zeitungsartikel, die in (medizinisch/ pädagogisch) allgemeinverständlicher Form über Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Ernährung, Säuglingspflege und die früheste Erziehung informierten, ohne jemals eine pädiatrische oder pädagogische Ausbildung erhalten zu haben. Daraus entstand auf Anregung des in Zürich geborenen Verlegers Julius Friedrich Lehmann, der einen der größten deutschen Medizinverlage besaß und Vorkämpfer für den rassekundlichen Gedanken in Deutschland war (vgl. Bode 2004, S. 153; Lehmanns-Verlag 1940, S. 135 ff.), die äußerst erfolgreiche Publikation "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" (1934). Die Autorin wurde vom Verleger deshalb ausgewählt und gefördert, weil sie selbst Frau, Mutter und Ärztin war. Diesbezüglich konstatierte der Verlag in seiner Festzeitschrift zu seinem 50-jährigen Jubiläum:

"Der glückliche Umstand, dass diese Ärztin gleichzeitig auch Gattin und junge Mutter war und ihre Erfahrungen nicht nur als Ärztin oder nur als unverheiratete Pflegerin gemacht hat, sondern an ihren eigenen Kindern und zwar gleich an Zwillingen, verlieh ihrem Buch Eigenschaften, die anderen Büchern nicht in dieser Weise zur Verfügung standen... Tausende von Briefen begeisterter Mütter liefen beim Verlag und bei der Verfasserin ein" (Lehmanns-Verlag 1940, S. 136).

Der Mütterratgeber erschien rechtzeitig "zum Auftakt der von der NS-Frauenschaft lancierten Reichsmütterschulung, die u.a. das Ziel verfolgte, allen 'arischen' Müttern reichseinheitlich dieselben Säuglingspflegeregeln zu vermitteln" (Dill 1999, S. 33). Er diente den Kursen als Lehrmittelgrundlage und trug dadurch zur Senkung der damaligen Säuglingssterblichkeit bei, bedingt durch seine Vorsorge- und Ernährungsratschläge. Vom "Völkischen Beobachter" wurde "dieses wundervolle Werk... geradezu aus voller Überzeugung für die junge Ehe" (zit. n. Rothschuh 1980, S. 23) empfohlen.

Nach Ansicht der Autorin ordnet die erste Schwangerschaft die Frau ein "in das große Geschehen des Völkerlebens... an die Front der Mütter unseres Volkes, die den Strom des Lebens, Blut und Erbe unzähliger Ahnen, die Güter des Volkstums und der Heimat, die Schätze der Sprache, Sitte und Kultur weitertragen und auferstehen lassen in einem neuen Geschlecht" (Haarer 1934, S. 5). Deutlich stellte sie die "unaufschiebbare, dringlichste, uralte und ewig neue Pflicht der deutschen Frau" heraus, nämlich der "Familie, dem Volk, der Rasse Kinder zu schenken" (Haarer 1934, S. 8).

Die in genannter Publikation skizzierten Erziehungsvorstellungen sind eng an Adolf Hitlers "Mein Kampf" angelehnt, wonach der Deutsche hart zu sich selbst und anderen zu sein hat. Demzufolge sollte schon die Erziehung des Säuglings eine harte sein. So forderte Johanna Haarer klar und bündig, wenn das Kind schreit und selbst der Schnuller das Schreien nicht sofort stoppt: "Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen" (Haarer 1934, S. 158). Zudem warnte die Medizinerin vor einem Zuviel an zärtlichen mütterlichen Gefühlen, da "solche Affenliebe" das Kind wohl "verziehen" aber nicht "erziehen" würde. Ebenso forderte sie "keine Nachgiebigkeit" dem Säugling gegenüber:

"Auch wenn das Kind auf die Maßnahmen der Mutter mit eigensinnigem Geschrei antwortet, ja gerade dann lässt sie sich nicht irre machen. Mit ruhiger Bestimmtheit setzt sie ihren Willen weiter durch, vermeidet aber alle Heftigkeit und erlaubt sich unter keinen Umständen einen Zornesausbruch. Auch das schreiende Kind muss tun, was die Mutter für nötig hält und wird, falls es sich weiterhin ungezogen aufführt, gewissermaßen 'kaltgestellt', in einen Raum verbracht, wo es allein sein kann und so lange nicht beachtet, bis es sein Verhalten ändert. Man glaubt gar nicht, wie früh und wie rasch ein Kind solches Vorgehen begreift" (Haarer 1934, S. 249).

Bald folgte auf das Mutterbuch, mit dem sich die Verfasserin, so laut Werbeanzeige des Münchner "J. F. Lehmanns Verlags", das "Vertrauen so vieler Frauen erworben hat", ein ebenso erfolgreicher Fortsetzungsband: "Unsere kleinen Kinder". Wie der erste Band beschäftigte sich die Publikation mit der Ernährung, Kleidung, medizinischen Versorgung, aber auch speziell mit der Institution Kindergarten. Für die Ärztin war Friedrich Fröbel der große deutsche Erzieher, der 1840 in Blankenburg/ Thüringen den "Kindergarten als 'eine Stätte der Belehrung und Anschauung in bezug auf früheste Kinderpflege'" (Haarer 1939, S. 232) stiftete, wobei, so nach Johanna Haarer, weltanschauliche Kämpfe auch vor dem "deutschen Kindergarten" nicht Halt machten:

"Der Marxismus in all seinen Schattierungen richtete seine Angriffe gegen die deutsche Familie und damit auch gegen die Erziehung innerhalb der Familie. Schon für die Allerkleinsten sollte sie mangelhaft, ja verderblich sein, und es wurde deshalb gefordert, schon das Spielkind möglichst für den ganzen Tag aus der Familie zu entfernen. Auf diese Weise wollte man es rechtzeitig zum Leben in einer größeren Gemeinschaft erziehen. Es bestand die Absicht, den Besuch des Kindergartens ebenso zur Pflicht zu machen wie den Schulbesuch für die größeren Kinder" (Haarer 1939, S. 232).

Für diese Entwicklung machte Johanna Haarer auch Maria Montessori verantwortlich, die während der 1920er in Deutschland hohe Anerkennung fand, deren "Methode" jedoch für "deutsche Begriffe" nicht kindlich genug sei:

"Ihre allzu verstandesmäßige und rein wissenschaftliche Auffassung vom Innenleben des Kindes wird weiten und wesentlichen Bereichen seiner Seele sicher nicht gerecht. Für wirkliches Kinderspiel lassen ihre Kinderheime keinen Raum. Unsere deutschen Kindergärten haben sich deshalb weiterhin an die Führung unserer großen deutschen Erzieher gehalten, nicht ohne aus jener anderen Auffassung vom Kinde zu lernen, was Gutes zu lernen war: Gelegentliche Ausnützung des kindlichen Spiels zur Erlangung praktischer Fähigkeiten und Achtung vor den Neigungen kindlicher Selbständigkeit" (Haarer 1939, S. 232).

Die Frage, ob nun ein Kind den Kindergarten besuchen soll oder nicht, ist, nach Johanna Haarer, so einfach mit einem Ja oder Nein nicht zu beantworten. Diesbezüglich führte sie näher aus:

"Unbedingt zu empfehlen ist der Kindergarten für alle einzigen Kinder, die in der Nachbarschaft keine Spielgefährten haben. Es gibt ferner nicht wenige Kinder, deren Mutter einem Erwerb nachgehen muß, für die niemand Zeit hat, für die daheim kein Raum ist, und deren wirtschaftliche Not die wenigen Dinge unmöglich macht, deren das Kind zu seiner richtigen Entwicklung im Spielalter bedarf. Hier wird der Kindergarten eine wahre Zufluchtsstätte und ein Ersatz für das Heim. Auf dem Lande ist es den Müttern vielfach gerade zur Erntezeit unmöglich, sich um ihre kleinen Kinder zu kümmern. Deshalb wird besonders im neuen Deutschland die Errichtung von Dorf- oder Erntekindergärten sehr gefördert...
Entbehrlich ist der Kindergarten wohl dann, wenn im Elternhaus geordnete Verhältnisse herrschen, die Mutter Verständnis und etwas Zeit für das Kind hat und Geschwister und Nachbarskinder sich zu gemeinsamem Spiel vereinen. Dann können wir unser Kind daheim lassen, ohne seine kindlichen Rechte und Möglichkeiten dadurch zu verkürzen" (Haarer 1936, S. 232 f).

Entsprechend dem damaligen Mutterbild und in Anlehnung an Friedrich Fröbel, vertrat schließlich die Autorin die Ansicht, dass jede Mutter "zur Kindergärtnerin ihrer eigenen Kinder werden" sollte, wozu "Fröbel sie bestimmte" (Haarer 1936, S. 234).

In ihrem Buch "Unsere kleinen Kinder" vertrat die Autorin die Ansicht, dass die Kinder im sog. "Spielalter" auf völlig zwanglose Weise etwas von ihrem Volk, Vaterland und Führer erfahren sollten, um frühzeitig genug mit den nationalsozialistischen Tugenden vertraut zu werden:

"Wir sahen schon des öfteren, wie die Arbeitsdienstmänner, die Soldaten, die SA- und SS-Männer und die Hitlerjugend in ihren Uniformen die Anteilnahme der Kinder in hohem Maße erregen. Unsere kleinen Kinder erleben die nationalen Feiertage durch die Beteiligung der Eltern, die Umzüge, die allgemeine Beflaggung, auch durch Radiosendungen mit. Das Bild des Führers und der Männer um ihn begegnet ihnen in- und außerhalb des Elternhauses... Schon in diesem frühen Alter können auch ihnen die Ziele unserer Staatsjugend anfangen Richtschnur zu werden: Einordnung in die Gemeinschaft, Abstreifen aller Wehleidigkeit, Tapferkeit und Mut, Gehorsam und Disziplin kann man ohne Künstelei im Spielalter an die Kinder herantragen" (Haarer 1939, S. 245 f).

Genannte Bücher, die in besonderem Maße Erziehungsformen und -ziele des NS-Staates repräsentieren, erschienen nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur "in gesäuberter Fassung" erneut auf dem Büchermarkt . Sie haben somit "das Denken und Handeln von Erziehenden weit über 1945 hinaus beeinflusst" (Ahrbeck 2004, S. 15). "Unsere kleinen Kinder" erlebte bis 1964 noch mehrere Auflagen. "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" wurde bis 1987 unter dem Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind", zuletzt unter Mitwirkung von Anna Hutzel, Tochter von Johanna Haarer, "nach dem neuesten Stand überarbeitet und erweitert", herausgegeben. Die Gesamtauflage dieses Bestseller betrug ca. 1,2 Millionen Exemplare, was den nach wie vor großen Bedarf an gynäkologischen und pädiatrischen Informationen bewies.

Erst im Jahre1985 wurde die Kontinuität der Haarer-Bücher öffentlich in Frage gestellt (vgl. Dill 1999, S. 39; Höffer-Mehlmer 2003, S. 231 ff.), als Julius Schoeps sie in der Wochenzeitschrift "Die Zeit" 1985/Nr. 14, als "typisches Lehrstück unbefangener bundesdeutscher Vergangenheitsbewältigung" (zit. n. Dill 1999, S. 39) thematisierte.

Ein weiteres Werk von Johanna Haarer, das die Kinder im Geiste des Nationalsozialismus zu beeinflussen und "ein dem kindlichen Verstehen angepasstes Bild vom Leben und Wirken des Führers" (Ale 1967, S. 149) zu vermitteln versuchte, war das illustrierte Kinderbuch "Mutter, erzähl von Adolf Hitler! Ein Buch zum Vorlesen, Nacherzählen und Selbstlesen für kleinere und größere Kinder. Mit 57 Strichzeichnungen von Rolf Winkler". Das 1939 erstmals erschienene Vorlesebuch, das die Autorin im Auftrag der Partei verfasste, wurde folgend mehrmals neu aufgelegt und hochgelobt:

"Wirklich, wenn man dieses Buch liest, weiß man erst so richtig, dass es eine Lücke ausgefüllt hat! Dass es endlich im rechten Geist und rechten Ton Antwort gibt auf eine Frage, die immer und immer wieder auftaucht, wenn die Mutter einige ihrer wenigen Freistunden den Kindern widmet. 'Mutter, erzähl von Adolf Hitler!' Hat jede Frau wohl stets das getroffen, worauf Sinn und Sehnsucht der Kleinen ausgerichtet sind!? Nun gibt Johanna Haarer der deutschen Mutter ein Werk in die Hand, in dem sie alles findet, was unsere Jüngsten hören wollen. Aus dem sie vorlesen, das aber sie selbst zuallererst fleißig studieren soll. Es hat den schlichten herzlichen Klang der Welt unserer Kinder, ohne dass es deshalb schön tut und die ernsten Dinge unseres Volkes und Reichs etwa verniedlicht. Nein, klar und stark soll die Jugend in die Zukunft hineinwachsen, als junge, frohe und tatbereite Gefolgschaft des Führers! In diesem Sinne erfüllt das Buch von Johanna Haarer eine wichtige Aufgabe" (zit. n. Blumesberger 2000, S. 252).

Wie eine im Jahre 1978 durchgeführte schriftliche Befragung von 50 Kindergärtnerinnen, die damals in Kindergärten der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" sowie in konfessioneller Trägerschaft arbeiteten, aufzeigte, war das Vorlesebuch Pflichtlektüre in vielen Kindergärten des "Deutschen Reiches", obwohl das Buch in den einschlägigen Fachzeitschriften zur Kinder- und Jugendliteratur erst ab dem 8. Lebensjahr empfohlen wurde (vgl. Rothschuh 1980, S. 76). Besonders zu "nationalsozialistischen Fest- und Feiertagen, wie beispielsweise der 9. Februar (gescheiterter Putschversuch Hitlers im Jahre1923 vor der Münchener Feldherrnhalle; M.B.) oder zu Hitlers Geburtstag (am 20 April)", wurde den Kindergartenkindern einzelne Abschnitte daraus vorgelesen, "um ihnen den Führer, entsprechend der Intention von 'Mutter, erzähl uns von Adolf Hitler!', als Retter der Deutschen, als treusorgenden 'Übervater', der sich um seine deutschen Kinder und sein deutsches Volk sorgt, näher zu bringen" (Rothschuh 1980, S. 79).

Das in Märchenform geschriebene Vorlesebuch ist ein reines Propagandabuch, das auf perfide Weise u.a. antisemitische Vorurteile wiedergibt. Die Juden sind für Johanna Haarer, wie für Adolf Hitler, Feinde der deutschen Rasse. Sie werden als böswillige Kreaturen dargestellt, während die "Arier", wie sollte es auch anders sein, die guten Menschen sind. Berichtet wird vom unverschämten, geldgierigen Juden, der einen notleidenden deutschen Bauern bedrängt, oder von weit aus dem Osten kommenden Juden, die folgende Attribute kennzeichnen: schmutzig, hässlich, schmierig, kriechend freundlich, schachernd, unersättlich gierig, Kauderwelsch sprechend, "die Haare kraus und die Nasen krumm" (Haarer 1939, S. 57 f). Intention des Werkes war wohl, und dies wird am Schluss deutlich, die zuhörenden oder selbstlesenden Mädchen und Jungen zu Mitgliedern des BDM ("Bund Deutscher Mädel") oder der HJ ("Hitlerjugend") zu instrumentalisieren, damit sie einmal gute, tüchtige und mutige deutsche Frauen und Männer werden (vgl. Haarer 1939, S. 248).

Ob und inwieweit "Mutter, erzähl von Adolf Hitler!" die damaligen (Kindergarten-) Kinder nationalpolitisch infiltriert hatte, ist heute schwer zu eruieren. Jedenfalls muss das Vorlesebuch als ein beschämendes Dokument gewertet werden und kann nicht darüber hinwegtrösten, dass im sogenannten Volk der Dichter und Denker ein derartig makaberes Pamphlet für Kinderhand erdacht, geschrieben und illustriert worden ist.

Anmerkungen

1) Briefliche Mitteilung (27. April 2005) von Dr. Anna Hutzel, Tochter von Johanna Haarer

2) ebd.

3) ebd.

Literatur

Ahrbeck. B.: Kinder brauchen Erziehung. Die vergessene pädagogische Verantwortung, Stuttgart 2004

Aley, P.: Jugendliteratur im Dritten Reich. Dokumente und Kommentare, Gütersloh 1967

Benz, U.: Brutstätten der Nation. "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" oder der anhaltende Erfolg eines Erziehungsbuches, in: Dachauer Hefte 1988/H. 4, S. 144 ff.

Berger, M.: Führende Frauen in sozialer Verantwortung: Johanna Haarer, in: Christ und Bildung, 2005/H. 7, S. 27

Blumesberger, S.: "Die Haare kraus, die Nasen krumm". Feindbilder in nationalsozialistischen Kinderbüchern. Am Beispiel von "Mutter, erzähl von Adolf Hitler" von Johanna Haarer, in: Biblos 2000/H. 2, S. 247 ff.

Bode, S.: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Stuttgart 2004

Chamberlain, S.: Aus der Kinderstube des Herrenmenschen. Über zwei deutsche Erziehungsbücher, in: Psychosozial 1996/H. 1, S. 95 ff.

Chamberlain, S.: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Über zwei NS-Erziehungsbücher, Gießen 2003

Dill, G.: Nationalsozialistische Säuglingspflege. Eine frühe Erziehung zum Massenmenschen, Stuttgart 1999

Haarer, J.: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, München 1934

Haarer, J.: Unsere kleinen Kinder, München 1939

Haarer, J.: Mutterschaft und Familienpflege im neuen Reich, München 1937

Haarer, J.: Mutter, erzähl von Adolf Hitler, München 1939

Haarer, J.: Die Welt des Arztes. Ein medizinisches Lesebuch für Ausländer, München 1962

Höffer-Mehlmer, M.: Elternratgeber, Baltmannsweiler 20003

Rothschuh, G. v.: "Das Kind bilden wir!". Familien- und Kindergartenerziehung im NS-Staat, München 1980 (unveröffentl. Diplomarbeit)

Killy, W./Vierhaus, R. (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE). Bd. 4 Gies - Hessel, München/ New Providence/ London/ Paris 1996, S. 284

Lehmanns-Verlag (Hrsg.): Fünfzig Jahre J. F. Lehmanns Verlag 1890-1940. Zur Erinnerung an das fünfzigjährige Bestehen am 1. September 1940, München/ Berlin 1940

Neidhardt, I./Bierhof, W. (Hrsg.): Wir sind die Guten. Antisemitismus in der radikalen Linken, Münster 2000

Rüdiger, J.: Ein Leben für die Jugend. Mädelführerin im Dritten Reich, Oldendorf 1999

Webseiten

http://www.userpage.fu-berlin.de/~elehmus/HTML/rec00296c2.html

http://infos.aus-germanien.de/Johanna_Haarer

http://www.univie.ac.at/biografiA/daten/text/bio/haarer.htm

http://www.ilexikon.com/Johanna_Haarer.html

http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/gez/15042.html

http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/pan/19702.html

http://www.diplom.de/db/diplomarbeiten3209.html

http://www.didymos.de/neu/html/historisches.htm

http://lexikon.izynews.de/de/lexw.aspx?doc=Johanna_Haarer

http://www.taz.de/pt/2005/05/07/a0308.nf/text

Archive

Ida Seele Archiv, 894071 Dillingen; Akte: Johanna Haarer, Nr. 1/2/3;

Universitätsarchiv der Ludwig-Maximilians-Universität München, 80539 München; Signatur: Std.-Kart. (Weese, Johanna); Bundesarchiv, 12175 Berlin