Aus: klein und groß 2005, Heft 5, S.11-14

Die Beziehung zur Natur ist eine Beziehung zu sich selbst. NaturSpielpädagogik: Naturwissenschaft und mehr...

Ute Schulte Ostermann und Sylva Brit Jürgensen

 

Nicht erst seit PISA wissen wir, dass in der Elementarpädagogik unseres Landes grundlegende Veränderungen anstehen. Der Focus liegt zur Zeit auf noch früherem Aufbau von kognitivem Wissen. Naturwissenschaft im Kindergarten liegt voll im Trend. Doch Bildung muss mehr sein, als im Labor zu experimentieren, sie darf die inneren Ressourcen der Kinder zur Förderung der geistigen, seelischen und körperlichen Natur weder vernachlässigen noch überfordern. Wie kann also eine zeit- und altersgemäße Elementarbildung gelingen?

Pädagog/innen, Entwicklungspsycholog/innen sowie Philosoph/innen füllen ganze Bibliotheken mit ihren Büchern über menschengemäße gesunde Erziehung und Bildung. Die Kernaussage ist ganz einfach: Der Mensch braucht zur Menschwerdung Menschen, die ihm Wertschätzung schenken und Zeit für Entwicklung lassen, Raum für körperliche Bewegung, das spielerische Beantworten seiner Fragen sowie Tätigkeiten in der Gemeinschaft mit anderen, die ihn zum planvollen selbstständigen Handeln führen.

Hier setzt das Konzept der NaturSpielpädagogik für nachhaltiges Lernen im Elementarbereich und in der Grundschule an. Das Innovative liegt in der Verbindung der Umweltbildung mit der Spiel- und Theaterpädagogik. Die zweijährige Weiterbildung für Pädagog/innen sowie Naturwissenschaftler/innen begann als vom Land Schleswig-Holstein gefördertes Modellprojekt. Mittlerweile findet NaturSpielpädagogik in Wochenendseminaren als berufsbegleitendes Studium am Institut für Weiterbildung der Fachhochschule Kiel statt. Eine mehrjährige Evaluation sowie eine Diplomarbeit bestätigen die Nachhaltigkeit dieser Weiterbildung. Die Teilnehmer/innen kommen inzwischen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Die in den Seminaren angewandten Methoden erfüllen den Anspruch der Ganzheitlichkeit. Die Weiterbildung basiert auf der Vernetzung von Ergebnissen so unterschiedlicher Disziplinen wie: Naturphilosophie, Naturwissenschaften, Entwicklungspsychologie, Neurobiologie, Gesundheitspsychologie, Kreativitätsforschung, Erlebnis - und Abenteuerpädagogik sowie Gestaltpädagogik.

Selbstbildungsprozesse für Kinder und Pädagog/innen

Im Mittelpunkt der NaturSpielpädagogik stehen die Selbstbildungsprozesse der Kinder, die im Dialog durch aufmerksame Pädagog/innen unterstützt werden. Im Vordergrund steht die zeitgemäße Qualifizierung von Pädagog/innen, die darauf begründet ist, zu erkennen, dass die Beziehung zur Natur auch gleichzeitig eine Beziehung zu sich selbst ist. Ein Schwerpunkt der Ausbildung liegt auf dem authentischen Vorbild des Erwachsenen für die Entwicklung der Kinder.

Das Ziel der NaturSpielpädagogik ist es, die Pädagog/innen durch Methodenvielfalt fortzubilden, dass bei ihnen kontinuierlich neue Selbstbildungsprozesse angeregt werden. Ihre eigenen Fantasiekräfte werden so belebt, dass sie Naturerlebnisse spielerisch umzusetzen lernen sowie mit Naturmaterialien handwerkliche Tätigkeiten durchführen. Es geht um einen kompetenten Umgang mit dem Medium Spiel, damit Bewusstheit des eigenen Erlebens, Kontakt und Interaktion gefördert werden. Spiel kann nur praktisch erprobt werden, folglich ist dem Spielen ein großer Teil der Weiterbildung vorbehalten, auch im Sinne der Erprobung unterschiedlicher Theaterformen.

Die verbindliche Theorie-Praxis-Vernetzung ist eine weitere Besonderheit. Das von den Pädagog/innen am Wochenende erarbeitete Konzept wird als Projekt innerhalb der nächsten sechs Wochen in ihren Praxisfeldern umgesetzt, dokumentiert und beim nächsten Seminar reflektiert.

Die NaturSpielpädagogik unterteilt den Jahreskreislauf in acht Naturprozesse. Bei der Beobachtung der Flora und Fauna fallen Naturprozesse auf, die eine Zeitspanne von ungefähr sechs Wochen umfassen. Einige der Naturprozesse sind jedem bekannt, beispielsweise Blühen und Reifen, andere dagegen bedürfen zusätzlicher Kenntnisse der biologischen Vorgänge, zum Beispiel Entfalten und Fruchten.

Erlebnis, Spiel und Handwerk

Ausgangspunkt eines jeden Projekts ist immer ein Naturerlebnis. Damit ist eine aus der Alltagswirklichkeit herausragende Situation oder ein Ereignis gemeint, das durch die sinnliche Wahrnehmung zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Umwelt führt. Wichtig ist die Aufmerksamkeit der professionellen Pädagogin, die eine spontane kindliche Naturbegegnung aufgreift und sie thematisch durch Spiel und Handwerk vertieft.

An das Erlebnis schließt sich die Dimension des Spiels in der Umformung des Erlebten durch Fantasiekräfte an. In der Dimension Handwerk findet im jahreszeitlich sinnvollen Tätigsein die Begegnung mit der Kultur statt. Durch die Verknüpfung der sinnlich erlebten Eindrücke, deren Umformung im eigenen künstlerischen Ausdruck durch Spiel, Bewegung, Malerei, Plastizieren sowie das selbsttätige Handeln in handwerklich-kulturellen Tätigkeiten findet ein ganzheitlicher Lernprozess statt, da sich im Gehirn die unterschiedlichen sensorischen Eindrücke und deren motorische Ausdrucksformen in vielen Assoziationsfeldern verknüpfen können.

Diese Weiterbildung gliedert sich in vier Semester und schließt nach einem einwöchigen Abschlusskolloquium mit einem Fachhochschulzertifikat zur NaturSpielpädagogIn ab. Das erste Studienjahr gilt vorrangig dem Hineinfinden in die Dimensionen Erlebnis, Spiel und Handwerk anhand ausgewählter Kernthemen der Botanik, Zoologie und Mineralogie. Die Teilnehmer/innen erarbeiten im Seminar ihre persönlichen Zielvorstellungen für sich und ihre Institutionen. Sie erproben sich in unterschiedlichen Spiel- und Ausdrucksmethoden, erüben sich in der wissenschaftlichen Recherche ihrer Themen und verfeinern ihre handwerklichen Kompetenzen.

Im zweiten Jahr vertiefen sie ihre Kenntnisse und Fertigkeiten. Hinzu kommt der Schwerpunkt Spielleiterkompetenz. Durch Schauspielbasistraining werden die Teilnehmer/innen geschult, sich selbst in Eigen- und Fremdwahrnehmung differenziert wahrzunehmen und zu reflektieren. Hinzu kommt ein biologischer Forschungsauftrag, der durch fortwährende Recherche und spielerische Präsentation die ganzheitliche Herangehensweise an naturwissenschaftliche Themen verdeutlicht.

Gelernt - getan: drei Beispiele aus der Praxis

Die "Faulen Untertanen"

In der Waldkindergartengruppe WAKITA der evangelischen Kindertagesstätte Rickling arbeiten Scotty Andresen und Rita Siefke-Fröhlich. Die Vision einer Waldgruppe kam Scotty Andresen 1999 zu Beginn seines Studiums NaturSpielpädagogik. Er erarbeitete seine persönliche Zielvorstellungen im Hinblick auf die Umsetzung von NaturSpielpädagogik im Ricklinger Kindergarten und fasste den Entschluss, eine Waldkindergartengruppe ins Leben zu rufen.

Die Vision aus dem Seminar wurde Wirklichkeit. Heute dürfen 18 Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren auf einem traumhaften Gelände im Ricklinger Forst Naturprozesse ganzheitlich erleben, erspielen und im Handwerk erarbeiten. Von seiner Begeisterung angesteckt, studiert zur Zeit seine Kollegin Rita Siefke-Fröhlich im vierten Semester NaturSpielpädagogik. Interessierte können unter www.wakita.de Einblick in ihre Arbeit erhalten.

Im vergangenen Herbst entwickelte Rita Siefke-Fröhlich zum Naturprozess "Verwandeln" mit den Kindern das Projekt der "Faulen Untertanen". Die WAKITAs waren mit dem Entsaften von Äpfeln beschäftigt, als einigen Kindern die vielen faulen Äpfel unter den Bäumen auffielen, und sie fragten sich, was dort mit den Äpfeln vorging. Dies war allerdings auch schon König Boskop aufgefallen, einer Stabpuppe, die die Apfelprojekte bisher begleitete. Er beschwerte sich über seine "faulen Untertanen" bei den Kindern und bat sie um Hilfe, denn die "Faulen" waren für den Saft nicht zu gebrauchen.

Das war ganz klar ein Fall für die Naturdetektive. Es wurde in den nächsten Tagen ein Freilandlabor aufgebaut. Ein großer Korb mit unterschiedlichen Äpfeln wurde geholt und die Äpfel sortiert. Sie wurden über mehrere Tage genauestens beobachtet. Die Kinder entdeckten torkelnde Fliegen (durch den Gärungsprozess) und fortlaufende Veränderungen (durch die Verfallsprozesse) an den Äpfeln.

Durch die Ausbildung in NaturSpielpädagogik in Schauspiel geübt, erschienen die Erzieher/innen an einem Tag als Professoren in weißen Kitteln mit Mikroskopen, Pinzetten, Pipetten und Lupen. Alle Äpfel wurden geordnet und nach Kategorien, die die Kinder benannten, beschriftet. Die Naturdetektive berichteten über ihre Beobachtungen und erzählten aus kindlicher Sicht ihre Theorien.

Die beiden Wissenschaftler klärten mit den Kindern zusammen die Fäulnisprozesse: Bakterien und Pilze zersetzen die Äpfel (organische Substanzen) in Mineralien (anorganische Substanzen) wie Schwefel oder Phosphor. Die Kinder konnten durch die Lupen den lebendigen Zersetzungsprozess sehen. Es sieht aus wie sprudelndes Brausepulver mit kleinen Explosionen. Es entstehen bei der Zersetzung auch Nebenprodukte, deshalb riechen faulige Äpfel gegoren, und Fliegen, die von ihnen kosten, können betrunken werden und dann nicht mehr fliegen.

Die Kinder erkannten, wie sich die Äpfel mit der Zeit verwandelten und so der Mutter Erde beim Stoffkreislauf wieder zugeführt werden konnten. "Toll, dann sind ja die faulen Pilze hier im Wald gut für die Erde!" (Lea, 4 Jahre)

Die Ergebnisse wurden in Schaubildern festgehalten und von den Kindern dem König Boskop erklärt. Dieser war begeistert und lud die Kinder zur Verspeisung von "guten Bratuntertanen" mit Vanillesoße aus dem Lehmofen ein.

Rita Siefke-Fröhlich sagt: "Meiner festen Überzeugung nach spricht NaturSpielpädagogik die Kinder ganzheitlich und mit allen Sinnen an, sodass eine Nachhaltigkeit des Erlebten und Gelernten gesichert ist."

Wespeninvasion im Kindergarten

Anette Klingberg fand ihr Praxisfeld in einem Gemeindekindergarten in Köhn, wo sie in einer Elementargruppe einmal in der Woche ehrenamtlich eine NaturSpielwerkstatt anbietet. Nach einem Jahr ehrenamtlicher Arbeit sind die Eltern und die Mitarbeiter/innen des Kindergartens vom Erfolg der NaturSpielpädagogik überzeugt: Ab sofort wird die Tätigkeit der angehenden NaturSpielpädagogin auch finanziell honoriert.

Ende August 2004 im Naturprozess "Reifen" wurde Anette Klingberg von den Erzieher/innen des Kindergartens informiert, dass die NaturSpielwerkstatt nicht wie geplant mit dem Ausflug zur Apfelwiese stattfinden kann. Drei Kinder im Kindergarten wurden von Wespen gestochen, und in der Gruppe herrschte Panik. Kurzerhand modifizierte die Pädagogin ihr Konzept und erschien als Königin Vespasiana Wespe verkleidet im Kindergarten. Sie verwandelte alle Kinder in junge Wespen und spielte mit ihnen ein Mitmachtheaterstück über die Entwicklung von Wespen. Dabei setzten die Kinder Schlafbrillen auf und verkleideten sich mit Tüchern.

Die Wespenkönigin Vespasiana erzählte anhand von Bildern aus ihrem Leben. Sie hatte Wespenleibspeisen wie Früchte, Marmelade und Saft mitgebracht. Diese mussten mit allen Sinnen erraten werden. Eine weitere Attraktion war das Wespenhotel, ein großes Glas mit etwa 20 Wespen, durch das die Kinder die Tiere beobachten und sich gefahrlos an sie herantrauen konnten.

Die Wespenkönigin erklärte den kleinen verzauberten Wespen auch die Tricks der Menschen, damit diese nicht von ihnen gestochen werden: zum Beispiel ganz ruhig atmen, wie eingefroren stehen bleiben und anderes. Auch was die Menschen tun, wenn eine Wespe gestochen hat, wird von den Kindern und Vespasiana besprochen. Nach einem gemeinsamen Wespentanz wird die Werkstatt mit dem Naschen der Wespenleibspeisen beendet.

Anette Klingberg war begeistert, mit welcher Spannung die Kinder beim Theaterstück mitmachten. Das Glas mit den lebenden Wespen war ebenfalls ein aufregendes, aber auch Mut machendes Erlebnis. Durch die naturspielpädagogische Umsetzung des Themas konnte die Angst vor Wespen bei vielen Kindern tatsächlich gemindert werden.

In der nächsten Woche besuchte die Kindergartengruppe die Apfelwiese, und die Kinder hielten sich an die Ratschläge, die sie als kleine Wespen mit der Wespenkönigin gesammelt hatten, und zeigten an den Früchten die Spuren, wo die Wespen genascht hatten.

Von Druidendüften und Zaubertränken

Rosa Halbig kommt alle sechs Wochen aus Nürnberg zum Seminar nach Kiel. Die Seminarinhalte setzt sie im Kinderhaus "KISTE" in einer Gruppe mit 17 Kindern im Alter von 2 bis 10 Jahren um. Im letzten Jahr war das Jahresthema ihrer Einrichtung das "Leben in früheren Zeiten".

Während des Naturprozesses "Blühen" befand sich die Pädagogin mit ihrer Gruppe in der Zeit der Kelten. Da die Kelten alte Pflanzenkundler waren, verwandelten die Kinder ihr Haus in eine Blühmanufaktur. Bei Spaziergängen sammelten die Kinder Blüten von Johanniskraut, Schafgarbe, Holunder, Rose, Dost, Lavendel, wilde Möhre und weitere Pflanzen. Jeden Tag erlebten die Kinder eines dieser Zauberkräuter mit einer Druidenfingerpuppe in einem Märchen, einem Lied oder einem Spiel. In der Manufaktur wurden anschließend die jeweils gesammelten Heilpflanzen bearbeitet, zu Ölen, Tees, Gelees, Seifen, Essig, Sirup und Badesalz... In einer Künstlerwerkstatt entstanden unter anderem Bilderrahmenherbarien und gefilzte und aquarellierte Blüten. Die Produkte aus der Blühmanufaktur wurden in einem zum Betrachten und Verkaufen ausgestellt. So verdienten sich die Kinder ihre Urlaubsreise ins Allgäu.

Rosa Halbigs Fazit nach diesem Projekt: Durch die Druiden waren die Kinder mit großem Interesse dabei, die verschiedenen Heilpflanzen für die unterschiedlichen Rezepte zu sammeln. Das Pressen der Pflanzen und Gestalten der Bilderrahmen begeisterten alle. Das Herstellen des Johanniskrautöls und des Holundersirups war auch für die Kleinen eine gut zu bewältigende Aufgabe. Der Gedanke, leckere, heilvolle und schöne Blüten in unserer Manufaktur herzustellen und für unseren Urlaub zu verkaufen, motivierte die Kinder zusätzlich.

Dieser Einblick in drei Projekte von insgesamt 336, die während der zweijährigen Weiterbildung in den 25 unterschiedlichen Institutionen durchgeführt werden, lässt erahnen, mit welcher Begeisterung Kindern die Natur nahe gebracht werden kann.

Info und Kontakt

Im September 2005 beginnt NaturSpielpädagogik zum vierten Mal. Interessierte können sich beim Institut für Weiterbildung der Fachhochschule Kiel unter www.weiterbildung.fh-kiel.de/7_02.php oder unter 0431/2101820 oder -18/21 über dieses berufsbegleitende Studium für Pädagog/innen im Elementar- und Grundschulbereich informieren und eine Broschüre anfordern. www.naturspielpaedagogik.net bietet einen Überblick über die Weiterbildung.

Die Leitung der NaturSpielpädagogik haben:

  • Ute Schulte Ostermann, Dipl. Sozialpädagogin, Spiel- und Theaterpädagogin, Umweltpädagogin, Email: ute@schulteostermann.de
  • Sylva Brit Jürgensen, Sonderschullehrerin, Spiel- und Theaterpädagogin, Erlebnispädagogin, Email: sylva.juergensen@email.de