Aus: Kindergarten 1996, 86 (11), S. 18-20

Ungewohnte Elterntreffs

Martin R. Textor

 

Für immer mehr Kindergärtnerinnen und Eltern ist der Elternabend als "klassische" Form der Elternarbeit zu einem Angebot neben vielen geworden - ein unverzichtbares, aber schon lange nicht mehr das beliebteste Angebot. Beispielsweise ergab eine von mir durchgeführte Umfrage bei 258 Eltern, daß Elternabende für den ganzen Kindergarten oder für die eigene Gruppe - bei 26 Vorgaben - nur auf die Rangplätze 16 und 17 gewählt wurden (Textor 1995).

Nebenstehende Tabelle verdeutlicht die Vielzahl von Formen der Elternarbeit. Sie soll vor allem zum Experimentieren mit bisher unbekannten Angeboten motivieren: Warum soll nicht einmal ein Herbstmarkttag, ein Kartoffelfeuer, ein Zirkusfest oder eine Vernissage mit Kinderbildern das traditionelle Sommerfest ersetzen? Weshalb sollen nicht einmal Eltern im Gruppenraum kochen, mit den Kindern basteln oder Gemüsebeete bepflanzen? Warum kann nicht einmal eine Mutter mit ihrem Säugling einen Vormittag in der Gruppe verbringen, so daß die Kinder beim Wickeln und Füttern zuschauen oder assistieren können? Weshalb sollen Eltern nicht gemeinsam einen Basar gestalten und den Verkaufserlös dem Kindergarten spenden? Warum sollen sie nicht an ein oder zwei Tagen pro Jahr gebrauchte (Kinder-) Kleidung, zu kurze Skis oder Spielsachen an andere Kindergarteneltern oder Passanten verkaufen? Kann nicht ein Schwarzes Brett mit Informationen über Babysitterdienste und psychosoziale Einrichtungen Eltern Entlastungsmöglichkeiten erschließen? Hier sind der Kreativität und Phantasie von Kindergärtnerinnen und Eltern kaum Grenzen gesetzt.

Kategorie Formen der Elternarbeit
Angebote vor Aufnahme des Kindes
  • erster Kontakt zu Eltern
  • Anmeldegespräch
  • Vorbesuche in der Gruppe
  • regelmäßige Besuchsnachmittage
  • Einführungselternabend
  • Elterncafé zu Beginn des Kindergartenjahres
  • Hausbesuche oder Telefonanrufe vor Beginn des Kindergartenjahres
Angebote unter Beteiligung von Eltern und Kindergärtnerinnen
  • Elternabende
  • Gruppenelternabende
  • Elterngruppen (mit/ohne Kinderbetreuung)
  • themenspezifische Gesprächskreise
  • Treffpunkt für Alleinerziehende
  • Vätergruppe
  • Treffpunkt für Ausländer
  • Gartenarbeit
  • Kochen für Kinder
  • Spielplatzgestaltung
  • Renovieren/Reparieren
  • Büroarbeit, Buchhaltung
  • Elternbefragung
Angebote unter Beteiligung von Familien und Kindergärtnerinnen
  • Feste und Feiern
  • Basare, Märkte, Verkauf von Second-Hand-Kleidung
  • Freizeitangebote für Familien (z.B. Wanderungen, Ausflüge)
  • Bastelnachmittage
  • Spielnachmittage
  • Kurse (z.B. Töpfern)
  • Familiengottesdienste
  • Vater-Kind-Gruppe/-angebote
  • Familienfreizeiten
Eltern als Miterzieher
  • Mitwirkung von Eltern bei Gruppenaktivitäten, Beschäftigungen und Spielen
  • Begleitung der Gruppe bei Außenkontakten
  • Einbeziehung in die Entwicklung von Jahres- und Rahmenplänen, die Planung von Veranstaltungen und besonderen Aktivitäten, die Gestaltung von Spielecken usw.
  • Kindergartenprojekte unter Einbeziehung der Eltern (z.B. Besuche am Arbeitsplatz, Vorführung besonderer Fertigkeiten)
  • Kurse für Kinder oder Teilgruppen (z.B. Sprachunterricht, Schwimmkurs, Töpferkurs)
  • Einspringen von Eltern bei Abwesenheit von Fachkräften (z.B. wegen Erkrankung, Fortbildung)
Angebote nur für Eltern
  • Elternstammtisch
  • Elternsitzecke (auch im Garten)
  • Elterncafé
  • Treffpunktmöglichkeiten am Abend oder am Wochenende
  • Elterngruppe/-arbeitskreis (allgemein, themen-/ aktivitätenorientiert, Hobbygruppe)
  • Väter-/Müttergruppen
  • Angebote von Eltern für Eltern
  • Elternselbsthilfe (z.B. wechselseitige Kinderbetreuung)
Einzelkontakte
  • Tür- und Angelgespräche
  • Termingespräche
  • Telefonkontakte (regelmäßig oder nur bei Bedarf)
  • Mitgabe/Übersendung von Notizen über besondere Ereignisse
  • Tagebücher für jedes einzelne Kind
  • Beratungsgespräche (mit Mutter, Eltern, Familie; unter Einbeziehung von Dritten), Vermittlung von Hilfsangeboten
  • Hospitation
  • Hausbesuche
informative Angebote
  • schriftliche Konzeption des Kindergartens
  • Elternbriefe/Kindergartenzeitschrift
  • schwarzes Brett
  • Rahmenplanaushang
  • Tagesberichte
  • Fotowand
  • Buch- und Spieleausstellung
  • Ausleihmöglichkeit (Spiele, Bücher, Artikel, Musikkassetten)
  • Beratungsführer für Eltern
  • Auslegen von Informationsbroschüren
Elternvertretung
  • Einbeziehung in die Konzeptionsentwicklung
  • Besprechung der Ziele und Methoden der Kindergartenarbeit
  • Einbindung in Organisation und Verwaltungsaufgaben
  • gemeinsames Erstellen der Jahres- und Rahmenpläne
  • Einbeziehung in die Planung, Vorbereitung und Gestaltung besonderer Aktivitäten und Veranstaltungen
kommunalpolitisches Engagement
  • Eltern als Fürsprecher des Kindergartens
  • Eltern als Interessensvertreter für Kinder
  • Zusammenarbeit mit Elternvereinigungen, Initiativgruppen, Verbänden und Einrichtungen der Familienselbsthilfe

Ganz wichtig ist zu sehen, daß die Zeit der meisten Eltern sehr knapp bemessen ist: So ergab die vorgenannte Umfrage, daß die Eltern im Durchschnitt nur ein- bis zweimal im Monat an Elternveranstaltungen teilnehmen konnten. In der Regel sollte also nicht die Zahl der Angebote für Eltern bzw. die Zahl verschiedener Formen erhöht werden, sondern vielmehr das bestehende Angebot so umstrukturiert werden, daß es mehr den örtlichen Gegebenheiten, dem Team, den Eltern und den Familienverhältnissen entspricht. Erst in einem "Aushandlungsprozeß", in dem die Bedürfnisse, Erwartungen, Wünsche und Beschränkungen sowohl von Eltern als auch von Kindergärtnerinnen geäußert werden, kann zu einer "kunden-" und mitarbeiterorientierten Elternarbeit gefunden werden. Aufgrund der Vielzahl von Formen der Elternarbeit ist es aber nicht nur sinnvoll, ein individuelles Konzept der Elternarbeit für den jeweiligen Kindergarten zu entwickeln, sondern auch eine Jahresplanung zu machen. Auf diese Weise kann verhindert werden, daß sich Veranstaltungen zu bestimmten Zeiten ballen. Im folgenden sollen eher unübliche Formen der Elternarbeit vorgestellt werden.

Wir alle wissen, wie stark der erste Eindruck eine Beziehung beeinflußt. Auch in der Beziehung zwischen Kindergarten und Familie ist diese Anfangszeit besonders prägend. Ausführliche Erstkontaktgespräche bilden deshalb eine gute Basis für die gesamte Kindergartenzeit. Sie lassen einen kontinuierlichen Dialog zwischen Eltern und Kindergärtnerinnen entstehen, der auch eventuell später auftretende Konflikt- und Problemgespräche erleichtert. Wichtig ist beim Erstkontaktgespräch, daß genügend Zeit zum Gesprächsaustausch über die Familiensituation und die Entwicklung des Kindes sowie über die pädagogische Arbeit des Kindergartens, über Ängste, Wünsche und Erwartungen zur Verfügung steht. Einen Einblick in den Kindergartenalltag vermitteln ferner Schnuppertage (einzelne Kinder kommen mit ihren Eltern in die Gruppe) oder Besuchsnachmittage (alle neu aufzunehmenden Kinder besuchen mit ihren Eltern die Einrichtung).

Da die Eingewöhnungsphase mit der (ersten längeren) Trennung von Mutter und Kind besonders belastend ist, können Kindergärtnerinnen den Eltern in dieser Zeit die Anwesenheit in der Gruppe ermöglichen. Um den Kontakt zwischen "alten" und "neuen" Eltern in den ersten zwei, drei Wochen des Kindergartenjahres zu fördern, kann zur Bring- oder Abholzeit ein Stehcafé eingerichtet werden. Engagierte Eltern übernehmen die Organisation und stehen als Gesprächspartner zur Verfügung.

In manchen Kindergärten ist das Elterncafé zum Regelangebot geworden. Zu bestimmten Zeiten (z.B. an jedem zweiten Dienstag im Monat) treffen sich Eltern, um miteinander über die Erfahrungen ihrer Kinder im Kindergarten, deren Entwicklung und Erziehung, Frauenfragen und Familienprobleme zu reden. Da Berufstätige in der Regel an Nachmittagsveranstaltungen nicht teilnehmen können, organisieren Eltern (oder Kindergärtnerinnen) Elternstammtische in Gaststätten oder im Kindergarten, die denselben Zweck erfüllen. Informeller ist das Angebot an Eltern, sich nach der Bring- oder vor der Abholzeit zu einem kurzen Gesprächsaustausch in der Elternsitzecke des Kindergartens zu treffen. Befindet sich diese im Eingangsbereich des Kindergartens (ausgestattet mit Sofa, Sesseln und Tisch) oder handelt es sich um eine Sitzgruppe im Außengelände, ist der Aufforderungscharakter größer, als wenn es sich um einen separaten Raum handelt. Die Attraktivität kann noch erhöht werden, indem z.B. Elternzeitschriften und relevante Broschüren ausgelegt (und immer wieder aktualisiert) werden, so daß sich Eltern auch "zur eigenen Fortbildung" dort niederlassen können. Ein separater Raum hat hingegen den Vorteil, daß die Eltern dort ungestört sind. Ferner kann er gemütlicher eingerichtet werden.

Einige Kindergärten haben auch positive Erfahrungen mit Nähgruppen, Kochkursen, Töpfern oder Aerobicgruppen gesammelt, die von Eltern geleitet wurden. Da diese Veranstaltungen weder intellektuell anspruchsvoll sind noch gute Sprachkenntnisse voraussetzen, werden durch sie auch Mütter aus unteren Gesellschaftsschichten und Ausländerinnen erreicht - die die meisten anderen Formen der Elternarbeit nicht nutzen.

Eher dem informellen Kennenlernen und der Geselligkeit dienen z.B. Kegelabende. Müssen die Verlierer einen kleinen Obulus entrichten und wird das auf diese Weise gesammelte Geld dem Kindergarten zur Verfügung gestellt, können davon besondere Anschaffungen getätigt werden. Überhaupt sollte man die Bedeutung geselliger Aktivitäten nicht unterschätzen. Von den Eltern organisierte Ausflüge und Wanderungen, aber z.B. auch Drachensteigen, Herbstmarkt oder Kartoffelfest, fördern die Kontaktaufnahme und Kommunikation der Eltern miteinander. Die Kindergärtnerinnen lernen die ganze Familie kennen und können interessante Beobachtungen über die Familienverhältnisse und das erzieherische Verhalten der Eltern sammeln. Zugleich sind informelle Gespräche über die Kinder und deren Erziehung möglich.

In Elterngruppen wird entweder ein bestimmtes Thema (z.B. Erziehungsfragen, Mutterrolle) während einer vorab festgelegten Anzahl von Treffen intensiv diskutiert oder am Ende eines Treffens das Thema für das nächste festgelegt. Elterngruppen können am Abend oder am Nachmittag zusammenkommen - im erstgenannten Fall erreicht man auch Berufstätige, im anderen mehr Teilnehmerinnen, insbesondere wenn ihre Kinder (auch Kleinst- und Schulkinder) während der Treffen betreut werden. Der Arbeitsaufwand seitens der Kindergärtnerinnen kann z.B. dadurch reduziert werden, daß sie nach dem Impulsreferat einem Elternteil die Gesprächsführung übertragen oder Eltern bitten, die Treffen vorzubereiten und zu leiten. Positive Erfahrungen wurden auch mit Elterngruppen gesammelt, die von Erziehungsberaterinnen durchgeführt wurden.

Erst vereinzelt werden Veranstaltungen für bestimmte Zielgruppen unter den Eltern eines Kindergartens angeboten. Beispielsweise können bei einem Alleinerziehendentreff (mit paralleler Kinderbetreuung) geschiedene oder ledige Mütter miteinander über ihre besondere Lebenssituation und darüber, wie ihre Kinder reagieren, sprechen. Bei besonderen Fragestellungen können Fachleute wie Scheidungs- und Erziehungsberater hinzugezogen werden. Erste Erfahrungen zeigen, daß oft nur wenige Mütter zu den ersten zwei, drei Treffen kommen. Später können aber sehr enge Kontakte entstehen, die z.B. wechselseitige Kinderbetreuung und gemeinsame Freizeitaktivitäten umfassen.

Da Männer nur selten durch Veranstaltungen für Eltern erreicht werden, entwickeln manche Kindergärten besondere Angebote für Väter. Am erfolgreichsten waren bisher Aktivitäten, bei denen deren physische Kraft und handwerklichen Fertigkeiten genutzt wurden. Väter halfen bei Holzeinbauten in Kindergartenräumen, reparierten Spielzeug oder -geräte, legten einen flachen Teich (Biotop) im Außengelände an, schütteten einen Hügel auf oder pflanzten Bäume. Zusammen mit den Kindern bastelten sie Nistkästen, Windspiele, Zauberkästen und andere Gegenstände. In einigen Einrichtungen entsprachen Väter auch der Einladung, an Samstagvormittagen mit ihren Kindern im Kindergarten zu spielen. Wichtige Nebeneffekte solcher Veranstaltungen sind, daß auf der einen Seite die Väter einen Eindruck von der pädagogischen Arbeit des Kindergartens erhalten und auf der anderen Seite die Kindergärtnerinnen sich ein Bild von der Vater-Kind-Beziehung machen können. Schließlich lassen sich Väter durch Feste, Feiern, Ausflüge, Wanderungen u.ä. erreichen.

Manche Kindergärten stellen zu Beginn der Adventszeit empfehlenswerte Kinderbücher, Spielsachen und Kassetten aus, so daß sich Eltern vor ihren Weihnachtseinkäufen entsprechend informieren können. Eine Alternative ist eine (eintägige) Verkaufsausstellung, die z.B. von einer Buchhandlung organisiert werden kann - wobei durch ein Vorgespräch sichergestellt werden sollte, daß nur qualitativ hochwertige Medien ausgelegt werden. Einige Kindergärten haben auch eine Elternbibliothek eingerichtet. Durch die Auswahl pädagogisch wertvoller Materialien und das Einstellen guter Elternratgeber soll indirekt Einfluß auf die Familienerziehung ausgeübt werden. Der Bestand kann durch (Buch-)Spenden oder mit Hilfe von Ausleihgebühren ergänzt werden. Die Ausleihe erfolgt zumeist einmal pro Woche während der Bring- und Abholzeit und kann von den Eltern selbst organisiert werden.

Zum Schluß soll noch kurz auf Elternbriefe eingegangen werden. Hier kann die pädagogische Arbeit des Kindergartens durch kurze, prägnant geschriebene Artikel verdeutlicht werden, die durchaus als Serie konzipiert werden können. Auch können allgemeine Erziehungsfragen angeschnitten werden, mit denen sich Eltern beschäftigen (z.B. "Wie gehe ich mit einem trotzigen Kind um"). Schließlich können Aktivitäten vorgeschlagen werden, die Eltern mit ihren Kindern zu Hause durchführen und damit die pädagogische Arbeit des Kindergartens ergänzen können (z.B. Vorlesen bestimmter Bücher, Besuch im Museum). Die Eltern können durchaus in die Erstellung der Elternbriefe eingebunden werden, also selbst Beiträge verfassen oder Layout und Druck übernehmen.

Es gibt viele Möglichkeiten, wie diese und andere Formen der Elternarbeit miteinander kombiniert werden können. Vielleicht hat dieser Artikel nicht nur zum Experimentieren mit neuen Angeboten motiviert, sondern auch verdeutlicht, daß viele Veranstaltungen von Eltern selbst (oder mit minimaler Unterstützung) organisiert werden können und somit den Kindergärtnerinnen wenig Arbeit machen.

Literatur

Textor, Martin R. (Hg.): Elternarbeit mit neuen Akzenten: Reflexion und Praxis. Verlag Herder, 2. Aufl. 1995