Aus: Wehrfritz Wissenschaftlicher Dienst 1997, Nr. 64/65, S. 20-23

Neue Formen der Elternarbeit

Martin R. Textor

 

Eine Vielzahl von Gründen hat dazu geführt, dass in Deutschland, den USA und anderen Ländern seit einigen Jahren der Elternarbeit in Kindertageseinrichtungen und Schulen eine immer größere Bedeutung zugesprochen wird. Beispielsweise wurde in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt, dass der Einfluss der Familie auf die kindliche Entwicklung größer als derjenige der Schule ist. So können die Schulleistungen eines Kindes bis zu zwei Dritteln der Varianz durch Familienfaktoren und nur zu einem Drittel durch Bedingungen in der Schule erklärt werden (Krumm 1995). In diesem Zusammenhang sei nur an die Bedeutung der Hausaufgabenbetreuung durch die Eltern erinnert. Auch erwirbt das Kind in der Familie Dispositionen, die das Lernen begünstigen oder nicht - z.B. Anspruchsniveau, Leistungsmotivation, Selbstkontrolle oder Kooperationsfähigkeit. Hinzu kommt der Einfluss der Familie auf Sprachfertigkeiten, Interessen, Einstellungen, Wissenserwerb, Selbstbild, motorische Fertigkeiten usw.

Der starke Einfluss der Familie erklärt nicht nur die großen Unterschiede zwischen Schulanfängern, sondern auch, weshalb es Lehrern in der Regel nicht gelingt, diese Unterschiede zu verringern - vielmehr wird die "Leistungsschere" zwischen guten und schlechten Schülern immer größer. Professor Krumm (1995) fasst zusammen: "Während der Schulzeit bleibt der Einfluss der Eltern bestehen. Sie erziehen als 'Lehrer' sowie indirekt durch das, was sie dem Kind vorleben. Ihr Einfluss ist größer als der der Lehrer, da sie viel mehr 'Lehrzeit' zur Verfügung haben. Das Gewicht des informellen Lernens ist größer als das des formellen, weil außerhalb der Schule im Durchschnitt intensiver (z.B. während des Spielens) gelernt wird, sowie mehr und vielfältigere Interaktionen mit Personen und (Lern-) Situationen wahrscheinlich sind" (S. 6). Somit ist es außerordentlich wichtig für Lehrer und Erzieherinnen, die Familiensituation der Kinder zu kennen.

Kindertageseinrichtungen und Schulen gehen aber nicht nur aufgrund der großen Bedeutung der Familie für die kindliche Entwicklung auf Eltern zu, sondern auch aus anderen Gründen. Beispielsweise werden sie vermehrt mit kindlichen Verhaltensauffälligkeiten konfrontiert, deren Ursachen vielfach (auch) in der Familie liegen. Nur durch die Kontaktaufnahme mit den Eltern und die Abstimmung mit ihnen können erfolgreiche Erziehungsmaßnahmen in die Wege geleitet werden. Ferner gewinnt Elternarbeit an Bedeutung aufgrund des Familienwandels (verschiedene Familienformen, Erziehungsunsicherheit vieler Eltern usw.), der zunehmenden Konfrontation mit Familienproblemen (Trennung der Ehepartner, Arbeitslosigkeit, Gewalt usw.) sowie der Bedürfnisse vieler Eltern nach sozialen Kontakten, Gesprächsaustausch (über ihre Kinder, ihr Erziehungsverhalten, ihre Lebenssituation usw.) und Aktivitäten mit anderen Eltern, nach wechselseitiger Beratung und Unterstützung. Es wird immer deutlicher, dass mit einigen Elternabenden im Jahr und mit Tür-und-Angel-Gesprächen den Erwartungen und Bedürfnissen vieler Eltern nicht entsprochen werden kann.

So wurden insbesondere an Kindertageseinrichtungen viele neue Formen der Elternarbeit entwickelt. Einige eher unbekannte Angebote sollen in diesem Artikel vorgestellt werden. Zugleich soll beschrieben werden, wie "klassische" Angebote, z.B. Feste und Feiern, durch die Einbindung von Eltern einen neuen Charakter bekommen. Keineswegs soll durch diesen Artikel aber der Eindruck entstehen, dass jede Bildungseinrichtung nun möglichst viele neue Formen der Elternarbeit praktizieren soll. Dies ist nämlich falsch: In manchen Fällen ist es wohl sicherlich sinnvoll, den Zeitaufwand für Elternarbeit zu erhöhen und mehr Angebote zu machen. In vielen anderen Fällen soll nur eine Überprüfung bisheriger Aktivitäten angeregt werden: Genügen sie den Bedürfnissen und Erwartungen der Eltern? Werden mit ihnen alle "erreichbaren" Eltern erreicht? Werden die Ziele der Elternarbeit erfüllt? In diesen Fällen geht es also nicht um die quantitative Ausweitung der Angebote, sondern um die Verbesserung der Qualität.

Die ersten Kontakte mit Eltern

Zunehmend wird gesehen, dass Elternarbeit mit dem ersten Kontakt zu Familien beginnt. Ab diesem Zeitpunkt und in den ersten Wochen des ersten Kindergarten- bzw. Schuljahres werden die Erwartungen der meisten Eltern geprägt - in Richtung Teilnahmslosigkeit oder in Richtung aktiver Beteiligung. Deshalb sollten Eltern in der Anfangsphase ab dem frühestmöglichen Zeitpunkt und kontinuierlich von den Fachkräften über ihre Vorstellungen zur Elternarbeit informiert werden.

Damit beginnt zugleich die Öffnung des Kindergartens/ der Schule zur Familie hin. Sie kann noch dadurch verstärkt werden, dass dem zukünftigen Kindergarten-/ Schulkind und seinen Eltern Vorbesuche in einer Gruppe/ Klasse ermöglicht werden. Diese können aktiv oder beobachtend am Geschehen teilhaben und einen ersten Eindruck von dem Leben in der Einrichtung erhalten. Vorbesuche sollten so gestaffelt werden, dass nie mehr als eine Familie in der jeweiligen Gruppe/ Klasse anwesend ist, so dass die anderen Kinder nicht allzu sehr gestört werden.

Hausbesuche und Telefonkontakte

In Einzelfällen kommen Eltern nie in den Kindertageseinrichtung/ die Schule - z.B. weil Großeltern oder Nachbarn ihre Kinder bringen und abholen, weil sie in einem weiter entfernt liegenden Dorf wohnen ("Buskinder"), kein Auto haben und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu Elternveranstaltungen kommen können, weil sie alleinerziehend und vollerwerbstätig sind sowie an Elternabenden keine Kinderbetreuung organisieren bzw. finanzieren können oder weil sie aufgrund ihres Randgruppenstatus Angst vor der Institution haben und sie deshalb nicht betreten. In solchen Fällen bieten sich ebenfalls Hausbesuche an. Insbesondere sehr schüchterne und zurückhaltende Eltern oder Randgruppenangehörige sind in der gewohnten Umgebung ihres Heims offener und zugänglicher. Letztere sind aber sehr auf die Verschwiegenheit der Lehrer/ Erzieherinnen angewiesen, da sie nicht möchten, dass ihre sehr beschränkten Lebensverhältnisse bekannt werden.

Aber auch in anderen Fällen bzw. generell können Hausbesuche erfolgen. Nur sie ermöglichen einen Einblick in die Wohn- und Lebensverhältnisse des jeweiligen Kindes und seiner Familie. Zudem können oft nur bei dieser Gelegenheit Väter und Geschwister der Kinder kennensgelernt werden. Bei den Hausbesuchen wird vor allem über die Lebenssituation des Kindes, seine Entwicklung und Erziehung gesprochen. Es können aber auch Probleme der Gesprächsanlass sein. Jedoch sollte nicht der Eindruck entstehen, dass nur "Problemfälle" zu Hause aufgesucht werden. Ansonsten freuen sich die weitaus meisten Eltern - und alle Kinder - über solche Besuche.

Hausbesuche werden erst vereinzelt praktiziert, da sie recht zeitaufwendig sind und oft eine Hemmschwelle auf Seiten der Lehrer/ Erzieherinnen und Eltern besteht. So sind Telefonkontakte eine gute Alternative. Beispielsweise kann die Fachkraft die Eltern neuer Kinder kurz vor Beginn des Kindergarten-/ Schuljahres anrufen, letzte Informationen über das Kind einholen und den Wunsch nach einer guten Zusammenarbeit äußern. Auch kann sie den Eltern ankündigen, dass sie mehrmals im Jahr mit ihnen telefonieren wird, um sich mit ihnen über die Entwicklung des Kindes zu unterhalten. So werden Telefongespräche zu einem normalen Angebot der Elternarbeit. Sie machen vielfach zeitaufwendigere Gespräche im Büro unnötig und sind vielfach die einzige Möglichkeit, mit den Eltern in Kontakt zu kommen.

Um berufstätige und weiter entfernt lebende Eltern, die oftmals nur schwer erreichbar sind, über die Entwicklung ihrer Kinder zu informieren, können Kindern auch gelegentlich Notizen mit nach Hause gegeben werden. Diese enthalten z.B. Informationen über besondere Leistungen des jeweiligen Kindes, neue Entwicklungsschritte oder lustige Ereignisse. Ferner können Fotos beigefügt werden.

Hospitationen

Der Öffnung des Kindergartens/ der Schule zur Familie hin dient die Hospitation. Hier können Eltern - mit oder ohne Anmeldung - mehrere Stunden oder den ganzen Tag in der Einrichtung verbringen. Die Eltern gewinnen nicht nur einen Eindruck von der pädagogischen Arbeit, sondern auch vom Verhalten ihres Kindes in der Gruppe. Oftmals erhalten sie Anregungen für das Spiel im häuslichen Bereich oder verändern Aspekte ihres Erziehungsverhaltens durch Nachahmung der Fachkräfte.

Diese Rolle der Eltern lässt sich durchaus noch erweitern. Beispielsweise kann ihnen die Aufsicht über eine kleinere Gruppe von Kindern übertragen werden, die in einem Nebenraum spielen oder besondere Aufgaben zu lösen haben (Kleingruppenarbeit). Ferner kann bei einer Anmeldung zur Hospitation der Elternteil nach besonderen, für Kinder interessanten Fähigkeiten und Kenntnissen gefragt werden. Diese Kompetenzen lassen sich dann nutzen - beispielsweise können die Eltern während der Hospitation mit den Kindern über ihr Hobby sprechen, besondere Mal- oder Basteltechniken einführen oder ein Musikinstrument vorstellen. Auf diese Weise wird die pädagogische Arbeit der Einrichtung um neue Aspekte bereichert.

Bei Hospitationen gewinnen Eltern einen Eindruck vom Kindergarten-/ Schulalltag und viele Anregungen für daheim. Sie sehen, wie die Fachkräfte mit den Kindern z.B. in Konfliktsituationen umgehen, was eine modellhafte Wirkung für die Familienerziehung haben kann. Indem sie beobachten, wie anspruchsvoll und schwierig die Arbeit mit einer großen Kindergruppe ist, entwickeln sie ein neues Verständnis für die Rolle der Lehrerin/ Erzieherin und begegnen ihr mit mehr Respekt. Auch erleben sie ihr Kind in der Gruppe, erkennen ganz neue Seiten an ihm und können es mit gleichaltrigen Kindern hinsichtlich seines Entwicklungstandes vergleichen.

Elterntreffpunkte und Elterngruppen

Die Entwicklung von Beziehungen zwischen Eltern kann dadurch gefördert werden, dass "Räume" für Eltern im Kindergarten bereitgestellt werden. Dies können ein separates Zimmer, eine gemütliche Sofaecke (z.B. im Flur, im Eingangsbereich) oder eine Sitzgruppe im Außengelände sein. Eine weiter ausgestaltete Form sind das Elterncafé oder die Teestube, die durchaus von den Eltern selbst betrieben werden können.

Zunehmend häufiger werden Elterngruppen, -stammtische oder -gesprächskreise angeboten. Elternstammtische werden an Abenden und in der Regel außerhalb der Einrichtungen zumeist von den Eltern selbst organisiert; Lehrer/ Erzieherinnen können, müssen aber nicht teilnehmen. Auch gibt es kein festes Programm; im Vordergrund stehen Erfahrungsaustausch und "lockere" Gespräche. Elterngruppen treffen sich hingegen zumeist in der Kindertagesstätte/ Schule. Sie können von Lehrern/ Erzieherinnen, Eltern oder von außen kommenden Fachleuten (z.B. Erziehungsberatern) geleitet werden, am Nachmittag oder Abend stattfinden, mit oder ohne parallele Kinderbetreuung erfolgen. Zumeist werden für die einzelnen Treffen unterschiedliche Themen vereinbart. Im Gegensatz dazu stehen Gesprächskreise in der Regel unter einem bestimmten Thema; alle Teilnehmer/innen sind an dieser besonderen Fragestellung (z.B. "Vereinbarkeit von Familie und Beruf", "Kindererziehung") interessiert.

Seltener sind besondere Angebote für Teilgruppen der Elternschaft, also nur für Alleinerziehende, Ausländerfamilien oder Väter und ihre Kinder. Beispielsweise kann im Kindergarten am Freitagnachmittag oder Samstag eine Vater-Kind-Gruppe angeboten werden, in der Väter und Kinder miteinander für ein oder zwei Stunden spielen und erstere ihre Kompetenz im Umgang mit Kleinkindern erweitern sowie die Beziehung zu ihnen intensivieren. Neben dem Freispiel sind auch Aktivitäten in der ganzen Gruppe gewinnbringend. Wichtige Nebeneffekte sind, dass die Väter einen Eindruck von der pädagogischen Arbeit des Kindergartens erhalten und die Erzieherin sich ein Bild von der Vater-Kind-Beziehung machen kann. Eine den Aufwand lohnende Teilnehmerzahl kann aber nur erreicht werden, wenn Väter direkt angesprochen werden (z.B. via Telefonanrufe).

Feste und Feiern

Ein Angebot der Elternarbeit, durch das fast alle Eltern erreicht werden, sind Feste und Feiern. Zu besonders großen Festen können auch die Nachbarschaft, das ganze Dorf bzw. der Stadtteil oder bestimmte Gruppen (z.B. Seniorenclub, Behinderte) eingeladen werden. Dies wäre dann Teil der Öffnung der Bildungseinrichtung zum Gemeinwesen hin. Feste dienen dem gegenseitigen Kennenlernen von Eltern, fördern Beziehungen zwischen Eltern und Fachkräften, stärken das Wir-Gefühl, machen Spaß und schaffen damit positive Voreinstellungen gegenüber der Einrichtung. Da bei Festen die Wahrscheinlichkeit besonders groß ist, dass Eltern kommen, die durch andere Angebote der Elternarbeit kaum erreicht werden können (z.B. Ausländer, sozial schwache Familien), fördern sie auch deren Integration.

An der Planung, Vorbereitung und Durchführung von Festen können alle Eltern mitwirken. Sie steuern ihre Ideen und Vorschläge bei, stellen (Tisch-) Dekorationen her, gestalten die Räume, kochen und backen (eventuell auch zu Hause), geben Essen und Getränke aus. Noch besser ist es, wenn Eltern darüber hinaus an der Programmgestaltung teilnehmen. Sie können z.B. Sketche bzw. kleine Theaterstücke vorspielen, Vorführungen mit Marionetten oder Handpuppen machen, Spiele und Beschäftigungen für Kinder anbieten. Außerdem ist es durchaus möglich, dass einzelne Feiern nur von den Eltern ausgerichtet und somit die Lehrer/ Erzieherinnen weitgehend entlastet werden. Bei Festen, die überwiegend von dem Personal und den Kindern gestaltet werden, sollte beachtet werden, dass sie zu keiner "Leistungsschau" des Kindergartens/ der Schule verkommen. Auch den Eltern macht es mehr Spaß, wenn sie in Aktivitäten einbezogen werden, also z.B. von den Kindern als Spielpartner für Wettspiele zwischen Erwachsener-Kind-Teams ausgewählt werden.

Aber auch "klassische" Feste wie das St. Martins-Fest und die Weihnachtsfeier lassen sich durch die Einbindung der Eltern andersartig gestalten. Für ersteres könnten einmal die Eltern die Laternen basteln - nahezu jede Familie wird an dem "Bastelabend" vertreten sein. Das ist eine gute Gelegenheit, um mit den Eltern ein oder zwei Martinslieder einzuüben, die dann bei dem Fest den Kindern vorgesungen werden. Außerdem kann mit ihnen besprochen werden, wie die Adventszeit in der Kindertageseinrichtung gestaltet wird - und wie sie in der Familie verbracht werden könnte. Die Kinder können statt Laternen Tischlichter basteln und bei einem Besuch im nächsten Altersheim den Senioren schenken. Dann haben auch die alten Menschen etwas vom St. Martins-Fest.

Der "Laternen-Bastelabend" kann zur Gründung einer Arbeitsgruppe zur Gestaltung der Weihnachtsfeier genutzt werden. Diese übt dann beispielsweise ein Krippenspiel ein (auch als Schattentheater möglich). Oder die Gruppenmitglieder besprechen mit dem Pfarrer, wie gemeinsam ein "Familiengottesdienst" durchgeführt werden kann und ob hierbei nicht andere "Teile" der Gemeinde einbezogen werden könnten (z.B. Mutter-Kind-Gruppen, Seniorenkreis).

Elternmitarbeit

Viele Erzieher/innen und einige Lehrer/innen sind bereits dazu übergegangen, Eltern nicht nur bei Festen und Feiern einzubinden, sondern auch bei anderen Angeboten für Kinder und Eltern. Beispielsweise werden Eltern bei der Gestaltung der Außenflächen, bei Renovierungsarbeiten, zur Reparatur von Spielsachen, für Büroarbeiten oder bei der Erstellung der Elternbriefe eingesetzt. Manche organisieren Wanderungen und Ausflüge oder gestalten Familiengottesdienste. Haben sie außergewöhnliche Fähigkeiten, beherrschen sie also beispielsweise eine Fremdsprache oder ein bestimmtes Musikinstrument, so können sie interessierten Kindern Sprachunterricht geben oder ihr Instrument in der Gruppe vorstellen. Genauso gut lassen sich ihre Kompetenzen für andere Eltern nutzbar machen - so kann z.B. eine Sportlehrerin Aerobic-Stunden, eine türkische Mutter einen Kochkurs "Andalusische Speisen" oder eine im Schneidern versierte Mutter einen Nähkurs anbieten. Ferner können Eltern den Kindern von ihrem Beruf erzählen oder sie an ihren Arbeitsplatz einladen.

Deutlich wird, dass die Mitarbeit der Eltern nicht nur das Personal entlastet, sondern auch zu vielen neuen Angeboten für Kinder und Eltern und damit zu neuen Lernerfahrungen führen kann. Zudem können im Rahmen von Projekten den Kindern leichter die Erwachsenenwelt und ihr Wohnort erschlossen werden. Zugleich wird deutlich, dass jeder einzelne Elternteil über individuelle Kompetenzen verfügt, die in die pädagogische Arbeit eingebracht werden können - der Gärtner, die Bürokraft, der Buchhalter, die Graphikerin, der Handwerker, die Musiklehrerin, der Koch usw. Gerade Eltern, die aus was für Gründen auch immer an Elternabenden, Gesprächskreisen oder Elterngruppen nicht teilnehmen wollen, können oftmals durch ein auf ihre speziellen Fähigkeiten zugeschnittenes Angebot für eine Mitarbeit in der Gruppe/ Klasse gewonnen werden.

Informationsvermittlung

Bei der Öffnung von Kindergarten/ Schule zur Familie hin spielen Elternbriefe eine wichtige Rolle. Hier muss man allerdings bedenken, dass es sich um "Einwegkommunikation" handelt: Es entsteht in der Regel kein Dialog zwischen Lehrer/ Erzieherinnen und Eltern. Hinzu kommt, dass Elternbriefe mit Zeitungen, Zeitschriften und Büchern um die knappe Lesezeit von Eltern konkurrieren müssen - und diese anderen Medien sind professionell aufgemacht und somit attraktiver. Allerdings kann das Interesse der Eltern vergrößert werden, indem

  • die pädagogische Arbeit der Einrichtung durch kurze, prägnant geschriebene Artikel verdeutlicht wird, die durchaus als Serie konzipiert werden können.
  • Berichte über besondere Aktivitäten wie Projekte, Ausflüge oder Feste abgedruckt werden.
  • allgemeine Erziehungsfragen angeschnitten werden, mit denen sich Eltern beschäftigen (z.B. "Wie gehe ich mit einem trotzigen Kind um").
  • auf aktuelle Ereignisse (z.B. Krieg in ...) eingegangen wird, bei denen unklar ist, wie Kinder auf sie reagieren oder inwieweit sie Verarbeitungshilfen benötigen.
  • Aktivitäten vorgeschlagen werden, die Eltern mit ihren Kindern zu Hause durchführen und damit die pädagogische Arbeit ergänzen können (z.B. Vorlesen bestimmter Bücher, Besuch im Museum).
  • durch Anekdoten, kurze Erlebnisberichte u.ä. Zugang zu den Gedanken und Gefühlen von (Klein-) Kindern eröffnet wird.
  • die Eltern in die Erstellung der Elternbriefe eingebunden werden, also selbst Beiträge verfassen oder Layout und Druck übernehmen, und auf diese Weise sich mit "ihrem" Produkt identifizieren.

Natürlich dürfen in den Elternbriefen auch Ankündigungen von Veranstaltungen und andere Hinweise nicht fehlen. Alle Beiträge sollten gut verständlich sein. Auch können in einzelnen Elternbriefen Fragen an die Eltern gestellt werden. Der Rücklauf der Antwortbögen vermittelt einen - allerdings nicht verlässlichen - Eindruck davon, inwieweit die Elternbriefe gelesen wurden.

Jahrespläne, Einladungen zu Veranstaltungen, Hinweise auf mitzubringende Gegenstände, Bitten um die "Spende" bestimmter Materialien u.ä. können am "schwarzen Brett" des Kindergartens/ der Schule angebracht werden, das im Eingangsbereich oder bei der Elternsitzecke (sofern alle Eltern dort beim Bringen und Abholen der Kinder vorbeikommen) einen guten Platz hat. Ein Teil des "schwarzen Bretts" oder eine separate Pinnwand kann auch von den Eltern bzw. der Elternvertretung gestaltet werden. Ferner bietet es sich an, hier Zeitungsartikel, Hinweise auf Bücher und Broschüren, Veranstaltungstermine, Listen von Beratungsstellen und psychosozialen Diensten u.a. auszuhängen - also Informationen, die für (manche) Eltern interessant sind, aber nicht direkt die Arbeit der Einrichtung betreffen. Nicht unterschätzt werden sollte die familienunterstützende Funktion von Aushängen über familienpolitische (finanzielle) Leistungen oder von Beratungsangeboten. Eltern in besonderen Lebenslagen können sich dann ungestört - und ohne Fragen stellen zu müssen - informieren.

Die Elternbibliothek

Broschüren über familienpolitische Leistungen oder Beratungsführer, aber auch Elternzeitschriften, können in der Elternsitzecke ausgelegt werden. Eine Alternative hierzu ist, eine "Bücherei" einzurichten und dort solche Publikationen einzustellen. Natürlich sollten in dieser "Bibliothek" Bilder- und Kinderbücher, Musikkassetten und Spiele nicht fehlen. Durch die Auswahl pädagogisch wertvoller Materialien und das Einstellen guter Elternratgeber kann indirekt Einfluss auf die Familienerziehung ausgeübt werden. Eltern und andere Personen können um (Buch-) Spenden für die Bibliothek gebeten werden. Auch kann in der Einrichtung eine Liste oder ein Plakat mit Kurzbeschreibungen von Medien ausgehängt werden, die die Fachkräfte gerne für die Bücherei anschaffen möchten. Die Eltern haben dann die Möglichkeit, eine dieser Bitten zu erfüllen und das Buch, die Kassette oder das Spiel - eventuell mit einer Widmung versehen - der Einrichtung zu schenken. Natürlich kann auch ein Ausleihgebühr verlangt werden und aus diesen Mitteln der Bestand ergänzt werden. Die Ausleihe selbst sollte einmal pro Woche während der Bring- und Abholzeit erfolgen und von den Eltern selbst organisiert werden.

Ansonsten kann in der Bücherei, aber auch z.B. bei der Elternsitzecke, eine "Artikelbox" aufgestellt werden. Dies kann ein Gestell mit Hängemappen sein, in die Kopien von Zeitschriftartikeln über Kindererziehung, Familienleben, Beschäftigungen mit Kindern usw. (nach Themenbereichen geordnet) eingelegt werden. Die Eltern können die Artikel vor Ort überfliegen, ausleihen oder bei großem Interesse behalten (für den letzten Fall sollten immer mehrere Kopien gemacht werden). Auch auf diese Weise kann Einfluss auf die Familienerziehung ausgeübt werden. Anzumerken ist noch, dass die Materialien in der "Artikelbox" - wie auch Anschläge am "schwarzen Brett" oder ausgelegte Broschüren - immer wieder ausgetauscht, ergänzt und aktualisiert werden müssen. Nur so bleibt das Interesse auf Seiten der Eltern erhalten, werden sie immer wieder nach etwas Neuem Ausschau halten.

Schlussbemerkung

Alle Angebote der Elternarbeit haben ähnliche Ziele, erreichen aber unterschiedliche Teilgruppen der Elternschaft. Dies macht deutlich, dass ein auf wenige Formen beschränktes "Standardangebot" der Elternarbeit wenig sinnvoll ist. Es sind auch zielgruppenspezifische Maßnahmen notwendig, die oft nur einmal im Jahr angeboten werden - es sollte ja immer der Grundsatz beachtet werden, dass bei zu vielen Veranstaltungen die Teilnehmerzahlen so klein werden, dass die Elternarbeit ineffizient wird. Weder zu viele noch zu wenige Formen der Elternarbeit sollten praktiziert werden. Ein "kundenorientiertes", abwechslungsreiches und vielseitiges Programm entspricht am besten den Erwartungen und Bedürfnissen der Eltern, aktiviert sie am leichtesten zur Mitarbeit und erreicht am ehesten eine Erziehungspartnerschaft zwischen Kindergarten/ Schule und Familie - zum Wohle der Kinder.

Literatur

Krumm, V.: Über die Vernachlässigung der Eltern durch Lehrer und Erziehungswissenschaft. Plädoyer für eine veränderte Rolle der Lehrer bei der Erziehung der Kinder. Manuskript. Salzburg: Universität Salzburg 1995 (später erschienen in: Zeitschrift für Pädagogik 1996, Sonderheft 34, S. 119-140)

Textor, M.R. (Hg.): Elternarbeit mit neuen Akzenten. Reflexion und Praxis. Freiburg: Herder 1994

Textor, M.R.: Projektarbeit im Kindergarten. Planung, Durchführung, Nachbereitung. Norderstedt: Books on Demand, 2. Aufl. 2009