Aus: klein & groß 2003, Heft 6, S. 36-38 (aktualisierte Fassung)

Was dem einen sin Uhl ist, muss dem andern sin Nachtigall werden

Martin R. Textor

 

Da gibt es Lehrerinnen und Lehrer. Morgens arbeiten sie in der Schule, nachmittags haben sie in der Regel Zeit, um den Unterricht des nächsten Tages vorzubereiten oder Schulaufgaben zu korrigieren. Für Verwaltungsaufgaben sind sie meistens nicht zuständig. Sie unterrichten eine Jahrgangsklasse, also eine relativ homogene Schülergruppe. Beim Unterricht orientieren sie sich an einem landesweit geltenden Lehrplan, an Handreichungen, an dem vorgeschriebenen Schulbuch und zumeist noch an einem Lehrerbegleitbuch. Erweist sich ein Kind als (so) behindert oder verhaltensauffällig, dass es im Unterricht nicht mitkommt bzw. diesen zu sehr stört, kann es unter bestimmten Voraussetzungen in eine Förder- bzw. Sonderschule überwiesen werden. Eltern sind keine "Kunden" der Lehrer/innen; nur bei Problemen mit dem Kind werden sie zu einem Gespräch gebeten - ansonsten reichen wenige Elternabende im Schuljahr. Die Qualität des Unterrichts wird alle paar Jahre und bis zu einem bestimmten Lebensalter der Lehrer/innen von einem Schulrat überprüft.

Und da gibt es Erzieherinnen und Erzieher. Sie müssen erst einmal bestimmen, für wen ihr Kindergarten da ist (Altersgruppen), welche Bedürfnisse von Eltern und Kindern zu befriedigen sind, wie die Situation vor Ort ist, welche pädagogischen Ziele sie verfolgen, welche Methoden sie einsetzen und wie sie den Tagesablauf gestalten wollen (Situations- und Bedarfsanalyse, Konzeptionsentwicklung). Sie arbeiten zumeist ganztags mit den Kindern; die Verfügungszeit für die Vorbereitung auf den nächsten Tag oder für die anfallenden Büroarbeiten ist sehr knapp bemessen. In der Regel haben sie drei Jahrgänge in ihrer Gruppe - bei weiter Altersmischung können es aber auch durchaus acht und mehr Jahrgänge sein. So müssen sie höchst unterschiedliche (Entwicklungs-) Bedürfnisse befriedigen; ein pädagogisches Arbeiten mit der ganzen Gruppe ist eher selten möglich. Die Erzieher/innen müssen die Lerninhalte selbst aussuchen und zusammenstellen, indem sie z.B. für ihre Einrichtung bzw. Gruppe einen Jahres-, Monats- bzw. Wochenplan oder Konzepte für einzelne Projekte erarbeiten. Da es keinen Lehrplan gibt, müssen sie selbst darauf achten, dass alle Entwicklungsbereiche der Kinder angesprochen werden; und da keine Lehrbücher vorliegen, müssen sie die Lerninhalte und -methoden aus einer Vielzahl von Quellen zusammentragen. Selbst schwer behinderte Kinder sollen sie in ihren Gruppen integrieren. Verhaltensauffällige Kinder dürfen nicht ausgeschlossen werden; ihnen sind die notwendigen Hilfen zu erschließen. Eltern sind "Erziehungspartner"; die Elternarbeit einschließlich -beratung und -unterstützung hat eine große Bedeutung und zeigt sich in höchst unterschiedlichen Angeboten. Zunehmend müssen Erzieher/innen Qualitätsmanagement und -sicherung übernehmen, entwickeln sie hierzu sogar eigene Handbücher.

Stellen Sie sich einmal vor, irgendein unvoreingenommener "Arbeitswissenschaftler" liest diese beiden Absätze. Welche Tätigkeit würde er wohl als anspruchsvoller bewerten? Für welche würde er den höheren Bildungsabschluss voraussetzen? Welche müsste seines Erachtens tariflich besser eingestuft werden? Natürlich die der Erzieher/innen. Jedoch ist das Gegenteil der Fall: hier die verschulte Fachschulausbildung nach mittlerem Bildungsabschluss, dort das Universitätsstudium nach Abitur, hier kündbare Angestellte, dort Beamt/innen, hier mittlerer Dienst, dort höherer Dienst - mit den entsprechenden Einkommensunterschieden.

An Erzieher/innen werden also mehr und vielfältigere Anforderungen gestellt als an Lehrer/innen - trotz schlechterer Qualifikation. Besonders schlimm ist aber, dass erstere für viele dieser zusätzlichen Aufgaben überhaupt nicht qualifiziert sind: Welche Erzieher/innen haben in ihrer Ausbildung etwas über das Verfassen von Konzeptionen gelernt? Über Curriculumentwicklung? Also über die Zusammenstellung von Erziehungs- und Bildungszielen sowie -inhalten nach didaktischen und methodischen Prinzipien? Über Öffentlichkeitsarbeit oder das Layouten einer Kindergartenzeitschrift am Computer? Über Qualitätsmanagement und -sicherung? Über Elternberatung, Gesprächsführung mit Erwachsenen und neue Formen der Elternarbeit? Über den Umgang mit schwer behinderten oder stark verhaltensauffälligen Kindern? Über das pädagogische Arbeiten in einer Gruppe von Ein- bis Achtjährigen?

Kein Wunder, dass diese zusätzlichen Anforderungen viel Zeit, Energie und Kraft kosten. Da die Verfügungszeit knapp ist, sind sie oft nur zu schaffen, wenn Erzieher/innen stundenlang ihre "Zweitkräfte" mit den Kindern alleine lassen und sich in ihr Büro zurückziehen, um Schreibtischarbeiten zu erledigen, mit Eltern zu sprechen oder Maßnahmen für behinderte bzw. hilfebedürftige Kinder zu organisieren. Diese Zeit fehlt den Kindern - außerdem erleben sie ihre Erzieher/innen zunehmend als gestresst, überfordert und gedanklich abwesend (bei deren anderen Aufgaben). Und wenn dann noch das pädagogische Arbeiten aufgrund von weiter Altersmischung oder der Anwesenheit vieler verhaltensauffälliger oder von behinderten Kindern schwieriger wird, können sich Erzieher/innen oft nur noch "durchwursteln", kommt es zum oft beklagten "laissez faire".

Und wer bekommt die Konsequenzen zu spüren? Zum einen natürlich die Kinder: Sie werden in ihrer Entwicklung weniger gefördert; viele Bedürfnisse bleiben unbefriedigt, manche Begabungen unentdeckt, Neugier und Leistungsmotivation unterentwickelt. Zum anderen die Erzieher/innen selbst - und immer häufiger: In den letzten fünf Jahren ging zunächst die Untersuchung des Berliner Professors Tietze durch die Presse, der nur einem Drittel der deutschen Kindergärten eine gute Qualität bescheinigte; viele wurden sehr schlecht bewertet. Dann wurde die Nationale Qualitätsinitiative gegründet (gefördert vom Bundesfamilienministerium), die Qualitätskriterien für alle Bereiche der Kindertagesbetreuung festlegen, Instrumente zur internen und externen Evaluation entwickeln und Qualitätsverbesserungen erreichen soll. Kurz darauf wurde das Buch von Frau Elschenbroich über das, was Siebenjährige an Weltwissen haben sollten, zum Bestseller - und verdeutlichte der Öffentlichkeit, wie wenig davon Kinder im Kindergarten lernen. Und schließlich kam die PISA-Studie, in deren Gefolge die "Bildungskatastrophe" zu einem großen Teil an den "schlechten" Kindertageseinrichtungen festgemacht wurde: In ihnen würde zu wenig für die Sprachförderung, für die kognitive Stimulierung ("Lernen des Lernens") und die mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung getan.

Und so gibt es wieder neue Anforderungen an den Kindergarten - zum Teil in der Planung, zum Teil in Vorbereitung, zum Teil schon in der Umsetzung: Akkreditierungsverfahren für Kindertageseinrichtungen, verbindliche Bildungspläne für Kindergärten, Sprachförderung in Deutsch für Kleinkinder mit einer anderen Muttersprache, Erlernen einer Fremdsprache im Kindergarten, Anbahnung von "Literacy", mathematisch-naturwissenschaftliche Bildungsangebote, bessere Nutzung des Computers usw. usf.

Und so wird die Situation verschärft: Die Anforderungen an Erzieher/innen werden noch vielfältiger und noch größer, ihre Qualifizierung und die Verfügungszeit bleiben aber auf niedrigem Niveau. Schon jetzt ist abzusehen, dass die neuen Aufgaben zumeist allgemein und eher theoretisch formuliert werden - dass also die Erzieher/innen wieder ihre Gruppen in Stich lassen müssen, um zu überlegen und zu besprechen: Wie setze ich die Vorgaben des neuen Bildungsplans in der Praxis um? Welche Materialien, Spiele, Methoden, Aktivitäten sind geeignet? Wie organisiere ich die Sprachförderung für Kinder, die schlecht Deutsch sprechen? Wo finde ich jemanden, der kindgemäß Englisch oder Französisch vermitteln kann, da meine Fremdsprachenkenntnisse zu schlecht und mein Akzent "schrecklich" ist? Was soll ich an Projekten zu mathematisch-naturwissenschaftlichen Themen anbieten? Wo bekomme ich das nötige Wissen und wo die Materialien her? Muss ich die Experimente nicht erst für mich ausprobieren, damit es später keine Pannen gibt? Und die Lernprogramme für den Computer? Die muss ich doch auch erst einmal testen! Und wo soll ich noch die Zeit für die Qualitätssicherung hernehmen?

Es kann so nicht weiter gehen! Die Ausbildung von Erzieher/innen muss umgehend verbessert werden. Für die Aufgaben neben der pädagogischen Arbeit in der Gruppe muss genügend Verfügungszeit her. Vor allem aber brauchen wir ein System zur Unterstützung von Erzieher/innen. Es kann nicht weiter so sein, dass nur Lehrer/innen ein solches vorfinden!

Hier sind in erster Linie Trägerverbände (Caritas, Diakonisches Werk, Landkreistag, Städtetag etc.) und Landesregierungen angesprochen:

  • Weshalb können sie nicht ein Curriculum für Kindertageseinrichtungen erstellen, an dem sich diese orientieren können?
  • Warum können sie nicht ein Handbuch bzw. eine Loseblattsammlung herausbringen, in der besonders entwicklungsfördernde Aktivitäten mit Kindern aufgeführt sind?
  • Weshalb können sie nicht eine Rahmenkonzeption erstellen, die Kindergärten nur noch an die Verhältnisse vor Ort anpassen müssen?
  • Weshalb können sie nicht Beobachtungsskalen entwickeln, damit Erzieher/innen Kinder mit besonderen Bedürfnissen (und Begabungen) leichter ausfindig machen können?
  • Warum können sie nicht eine qualitativ hochwertige Kita-Zeitschrift voll elternbildender Informationen herausgeben, die Erzieher/innen um Texte aus der eigenen Einrichtung ergänzen können?
  • Warum können sie nicht ein Qualitätshandbuch verfassen, das von allen Kindertagesstätten übernommen werden kann?
  • Warum können sie keine Liste ausgewählter Computerprogramme zum Einsatz in Kindergärten und Horten veröffentlichen und regelmäßig aktualisieren?
  • Warum können sie für bestimmte Aktionen - z.B. zur Intensivierung mathematisch-naturwissenschaftlicher Bildung im Kindergarten, zur Förderung der deutschen Sprache oder zum Erlernen einer Fremdsprache - nicht besondere Programme entwickeln (einschließlich von Lernmaterialien, Videos, Kassetten, Handbüchern usw.)?

Wenn die Gesellschaft wirklich Konsequenzen aus PISA ziehen und die Betreuung, Erziehung und Bildung in Kindertageseinrichtungen verbessern will, muss sie solche Maßnahmen in die Wege leiten und die nötigen Mittel dafür bereit stellen. Diese Aufgaben können nicht von Fachberater/innen mit ihrer Breitbandausbildung übernommen werden. Hier sind Teams gefragt, die aus Praktiker/innen, Wissenschaftler/innen, Fachschullehrer/innen und Fachberater/innen bestehen sollten - und zumindest die Wissenschaftlerstellen müssten neu geschaffen werden. Außerdem sollten sich nicht nur zwei Bundesländer den "Luxus" eines Instituts für Frühpädagogik "gönnen", sondern alle! Aber auch die Sachkosten für die flächendeckende Verbreitung von Materialien müssten abgedeckt werden. Allerdings könnte hier häufig vom Internet Gebrauch gemacht werden, was zudem einige Vorteile hat: Beispielsweise könnten Rahmenkonzeption, Kita-Zeitschrift oder Qualitätshandbuch als WORD-Dateien abgespeichert werden, sodass sie von den einzelnen Kindergärten heruntergeladen und bearbeitet, also an die eigene Situation vor Ort angepasst werden können.

Und damit wird schon einer möglichen Kritik entgegnet: Natürlich bedeuten die angesprochenen Maßnahmen einen gewissen Verlust an Freiheit und Selbstständigkeit - es kann eben nicht mehr jeder Kindergarten das machen, was er will. Aber wie viele Lehrer/innen haben sich schon darüber beklagt, dass sie einen Lehrplan befolgen oder bestimmte Schulbücher verwenden müssen? Schließlich bleiben ihnen viele Freiräume. Und Erzieher/innen hätten noch mehr Freiräume, da ihre Einrichtungen in der Regel nicht dem jeweiligen Verband und schon gar nicht der Landesregierung unterstellt sind - sie müssen sich nichts sagen lassen. Außerdem plädiere ich für ein System des Wettbewerbs: Die zuvor aufgelisteten Maßnahmen sollten nicht in einer landesweit gültigen Form erfolgen, sondern die großen Trägerverbände sollten auf Landesebene, die kleineren zumindest auf Bundesebene solche Angebote für die ihnen angeschlossenen Kindertageseinrichtungen machen. Sie sollten miteinander konkurrieren, wer die besseren Materialien für Erzieher/innen erstellt - und diese sollten auch die Möglichkeit haben, ein Angebot eines anderen Verbandes zu nutzen. Die Landesregierungen könnten bestimmte Vorgaben machen (z.B. für ein Akkreditierungsverfahren), Maßnahmen finanziell fördern und bestimmte Programme (z.B. zur Förderung mathematisch-naturwissenschaftlicher Bildung) ausschreiben.

Nur ein Traum? Ich glaube, wir haben schon die ersten Schritte getan. Es ist schon zu etwas Wettbewerb zwischen Bundesländern und zwischen den Trägerverbänden in Sachen Kindertagesbetreuung gekommen. Treten Sie Ihrem Verband auf die Füße bzw. lassen Sie Ihren Träger dies tun, wenn er zu wenig Unterstützung bietet. Ach, Ihr Kindergarten ist kommunal, und da gibt es keinen Verband? Dann sind Sie schlecht informiert: Je nach Größe der Kommune kommen Deutscher Städtetag, Deutscher Landkreistag oder Deutscher Städte- und Gemeindebund bzw. deren Länderverbände in Frage. Und wieso soll z.B. eine Stadt ab 500.000 oder 1 Million Einwohner nicht selbst die angesprochenen Maßnahmen angehen?