Aus: Entdeckungskiste 2000, Heft 1, S. 6-7

Zukunftsforschung - das Wissens- und das Bildungsdelphi

Martin R. Textor

 

Zukunftsvorstellungen prägen unser Leben. Wir planen in den nächsten Monaten zu tätigende Anschaffungen, wollen bis zu einem bestimmten Zeitraum ein berufliches Ziel erreichen, entscheiden im Voraus über den Zeitpunkt der Familiengründung, treffen Maßnahmen für unsere Alterssicherung. Zumeist beziehen sich aber unsere Gedanken auf die nächsten Wochen und Monate, beschränken sie sich auf unsere persönliche Zukunft.

Weshalb denken wir aber nur so selten an die Zukunft der uns anvertrauten Kinder? Schließlich sollen wir sie nicht für die Welt von heute, sondern für die Welt von morgen erziehen! Unsere Aufgabe ist es, ihnen diejenigen Kompetenzen mitzugeben, die sie benötigen, um im Jahr 2020 oder 2030 beruflich und privat erfolgreich zu sein. Und damit entscheiden wir auch über die Zukunft unserer Gesellschaft: Gelingt es uns, durch Bildung und Erziehung eine neue Generation heranzubilden, die sich im verschärfenden globalen Wettbewerb bewähren, den Wohlstand unserer Gesellschaft mehren und die Umwelt schützen kann?

So sollten wir als Erzieherinnen und Erzieher eigentlich intensiv darüber nachdenken, wie die Welt von morgen aussehen könnte und welche Kompetenzen wir deshalb den uns anvertrauten Kindern vermitteln sollten. Jedoch ist die Zukunft letztlich nicht voraussagbar - diese Erfahrung haben alle Menschen gemacht. Deshalb finden wir nahezu keine wissenschaftlich fundierten Publikationen über die Welt im Jahr 2020 oder 2050. Auch werden wir Lehrstühle für "Zukunftsforschung" an unseren Universitäten vergeblich suchen.

Umso mehr ist es zu begrüßen, dass das Bundesbildungsministerium zwei Studien über die Entwicklung der Gesellschaft in den nächsten beiden Jahrzehnten und die daraus zu ziehenden Konsequenzen für das Bildungswesen von heute in Auftrag gab: das Wissens-Delphi von 1996 und das Bildungs-Delphi von 1998 (Prognos AG/ Infratest Burke Sozialforschung 1998). Hier wurde das Erfahrungswissen von mehr als 1.000 Wissenschaftlern und Bildungsexperten in mehrstufigen Befragungen und Workshops erfasst, um daraus Aussagen über zukünftige Entwicklungen bis zum Jahr 2020 abzuleiten.

Das zentrale Ergebnis des Wissens-Delphi ist, dass wir uns derzeit in einer Übergangsphase von der Industrie- zur Wissensgesellschaft befinden. Das Wissen wird zur wichtigsten Produktivkraft werden; die Wissenschaften werden immer mehr Wissen produzieren; Forschung und Entwicklung werden eine immer größere Bedeutung erlangen. In den kommenden zwei Jahrzehnten werden sich Wissensgebiete besonders dynamisch entwickeln, bei denen ein enger Zusammenhang zu drängenden Problemen besteht oder von denen ein Beitrag zur Steigerung der wirtschaftlich-technischen Leistungsfähigkeit erwartet wird. Dazu gehören z.B. Informationstechnik, Medien, neue Technologien, Medizin, Umweltschutztechnik, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Aber auch das Wissensmanagement wird an Bedeutung gewinnen, da die Informationsflut bewältigt und aufbereitet werden muss. Hingegen wird die "Wissensproduktion" in den Geisteswissenschaften, in Kunst und Musik sowie in der Grundlagenforschung von Mathematik, Chemie und Physik eher zurückgehen.

In der Gesellschaft von morgen wird nur derjenige eine Zukunft hat, der sich aus der exponentiell wachsenden Menge an Informationen Wissen - eine Sammlung in sich geordneter Fakten oder Ideen - erarbeiten kann. Dazu muss er z.B. die modernen Informationstechnologien beherrschen. Da Wissen immer schneller veraltet, ist lebenslanges Lernen angesagt: Der Mensch muss sich immer wieder neues Wissen aneignen, umlernen und neulernen. Außerdem muss er eigene soziale Strukturen aufbauen sowie individuelle Wertvorstellungen und Denkweisen entwickeln ("Individualisierung"), da tradierte Lebensformen oder in der Jugend übernommene Denk- und Orientierungsmuster nicht mehr zeitgemäß sein werden. Schließlich muss er sich mit folgender Entwicklung auseinander setzen: "Früher getrennte Kulturkreise und gesellschaftliche Lebensformen überschneiden sich. Durch den weltweiten Informations- und Warenaustausch werden historisch unterschiedlich gewachsene Wert- und Denkmuster miteinander konfrontiert. Bisher deutlich abgegrenzte Lebens- und Wirtschaftsformen stoßen aufeinander, weltweite Wanderungsströme werden leichter. Die Risiken kulturbedingter Auseinandersetzungen steigen" (Prognos AG/ Infratest Burke Sozialforschung 1998, S. 107).

Deshalb sollten Schule, Hochschule und berufliche Bildung laut dem Bildungs-Delphi vor allem folgende Kompetenzen vermitteln:

  • spezifische Fachkompetenzen: Diese sollen vor allem an Hochschulen und in der beruflichen Bildung vermittelt werden, wobei in diesem Kontext auch die anderen Fähigkeiten trainiert werden könnten.
  • lerntechnische/lernmethodische Kompetenz: Sie erleichtert es dem Einzelnen, benötigte Informationen zu finden, hinsichtlich ihrer Komplexität zu reduzieren, sie zu sortieren, zu bewerten und auszuwählen.
  • psychosoziale Kompetenz: Diese ermöglicht es Menschen, sich in unterschiedlichen sozialen Bezugssystemen zurechtzufinden, Transitionen zu bewältigen, eigene Orientierungen zu überprüfen, mit anderen sinnvoll zu kommunizieren, Toleranz für Andersdenkende zu entwickeln, die Gesellschaft mitzugestalten usw.
  • Fremdsprachenkompetenz: Insbesondere Englischkenntnisse sind unerlässlich, da Englisch die Sprache der Wissenschaften, der Weltwirtschaft und des Internets ist.
  • interkulturelle Kompetenz: In einer immer kleiner werdenden Welt müssen Heranwachsende lernen, mit Menschen aus anderen Kulturkreisen auf positive Weise zu interagieren.
  • Medienkompetenz: Hier geht es vor allem um den Umgang mit neuen Medien.

Auf Kindertageseinrichtungen wird im Bildungs-Delphi leider kaum eingegangen. Jedoch spielen sie meines Erachtens eine große Rolle, da (Klein-) Kinder schon hier wichtige Einstellungen, Kompetenzen und Persönlichkeitscharakteristika entwickeln können, die für ihre Zukunft in der Wissensgesellschaft entscheidend sind: Forschergeist, Neugier, Eigeninitiative, Selbstverantwortung, Eigenständigkeit, Reflexionsfähigkeit, Urteilsvermögen, Problemlösefertigkeiten, Leistungsmotivation, Teamfähigkeit, Selbstbewusstsein usw.

Erzieher/innen sollten für Kinder viele Möglichkeiten schaffen, alleine oder in der Gruppe zu experimentieren, neue Erfahrungen (möglichst in Echtsituationen) zu machen, Natur, Wirtschaft und Kultur zu erkunden, ihre Sinne zu schulen, sich naturwissenschaftliches Wissen anzueignen, Technikverständnis zu entwickeln, mit Computern umzugehen, erste Fremdsprachenkenntnisse zu erwerben usw. Das Lernen sollte möglichst immer ganzheitlich sein. Es ist wichtig, dass sich die Kinder mit anregungsreichen, komplexen und vielseitigen Lerninhalten auseinander setzen, die einen Bezug zu ihrem Leben und zu ihrem Umfeld haben, aber auch gesellschaftlich relevant sind (Zukunftsorientierung). Für spielerisches Lernen, für Kreativität und Intuition, für Selbsttätigkeit und Selbststeuerung sollte viel Raum gelassen werden. Auf diese Weise können Kinder schon früh das Lernen lernen. Durch das Arbeiten in Teams oder Projektgruppen können sie außerdem kommunikative und soziale Kompetenzen wie Ausdrucksfähigkeit, Konfliktlösungsfertigkeiten, Verantwortungsbereitschaft, den Umgang mit Gefühlen, Toleranz, Rücksichtnahme und Solidarität entwickeln. Auf diese Weise werden sie gut auf das Leben in der Wissensgesellschaft vorbereitet.

Literatur

Prognos AG/ Infratest Burke Sozialforschung: Delphi-Befragung 1996/1998 "Potentiale und Dimensionen der Wissensgesellschaft - Auswirkungen auf Bildungsprozesse und Bildungsstrukturen". Integrierter Abschlussbericht. München/Basel: Selbstverlag 1998