Aus: Theorie und Praxis der Sozialarbeit (TPS), Heft 3/2003

Mit dem Hammer durch die Wand - Erwachsenenmacht begrenzen

Lothar Klein

 

Während der Hospitation in einer Kindergartengruppe, in der die Kinder viele Freiheiten und ein sehr hohes Maß an Selbstbestimmung besitzen, musste ich mich mit folgender Situation auseinandersetzen: Zwei Kinder im Alter von etwa fünf Jahren begannen, mit einem spitzen Metallstück, einem Hammer und einem Loch in der Wand zu experimentieren. Zufällig hatten sie bemerkt, dass "die Wand verschiedene Töne macht", wenn man an unterschiedlichen Stellen darauf klopft. Einmal klingt sie eher dumpf und tief, einmal hell und flach. Nun wollten sie nachsehen, woran das liegt. Mit Hammer und Metallstück machten sie sich also daran, ein kleines, langsam aber größer werdendes Loch in die Wand zu hämmern. Ich stand daneben und war hin und her gerissen: Meine kindzentrierte Haltung sagte mir. "Warte ab, höre zu, schau hin - später können wir das Problem immer noch lösen und die Löcher mit Mörtel oder Gips wieder schließen. Die Kinder forschen, sie haben Fragen, sie machen gerade eine wichtige Entdeckung."

Andererseits ging mir durch den Kopf: "Was werden wohl andere (die Erzieherinnen der Gruppe, die Leiterin, die Eltern, die anderen Kinder) sagen, wenn ich die Kinder "einfach" Löcher in die Wand schlagen lasse? Und auch ich selbst war mir unsicher. Muss das unbedingt sein? Gibt es nicht andere Wege, um zu erkunden, was die Kinder wissen wollten? Was ist die Wand eigentlich wert? Wie "schlimm" wäre ein Loch in der Wand wirklich? Welches Signal gebe ich, wenn ich "dem Treiben" zuschaue?" usw. In dieser sehr kurzen Zeitspanne wurde mir wieder einmal klar, wie schwierig es ist, Grenzen "richtig" einzusetzen, zumal mit einer dezidiert kindzentrierten, wertschätzenden und dialogischen Haltung.

Der Augenblick des Abwartens

Zunächst einmal: Das Abwägen, das Abwarten, so lange es geht, der Blick auf die subjektive Bedeutung der Aktivität für die Kinder, das Reflektieren der eigenen Entscheidung, all dies sind für mich bereits Indizien für einen kindzentrierten Umgang mit Grenzen. Sie befreien nämlich von der Selbstverständlichkeit, mit der Erwachsene unreflektiert ihre eigene Sicht der Dinge zum allgemeingültigen Maßstab erheben. Die Bereitschaft zur Reflexion und damit auch zur Begrenzung von Grenzen sind aus meiner Sicht eine wichtige Grundhaltung im Umgang mit Grenzen. Hätte ich mir diesen "Zeit-Puffer" nicht zugestanden, wäre mir vielleicht ein vorwurfsvolles: "Was macht ihr denn da?" herausgerutscht. Dass man keine Löcher in die Wand schlägt, das weiß doch schließlich jeder! Oder? Eine mit Bestimmtheit vorgetragene Grenzziehung an dieser Stelle - die frei ist von Vorwürfen und Abwertung der Person, die Kinder nicht beschämen will und als Ich-Botschaft daher kommt -, halte ich an dieser Stelle durchaus für angebracht und keineswegs pädagogisch verwerflich. Worauf es mir ankommt, ist der Augenblick des Innehaltens, der Reflexion und schließlich der bewussten Entscheidung.

Dass ich selbst in dieser Situation den Weg eingeschlagen habe, nicht sofort zu begrenzen, entsprang der während des Abwartens zunehmenden Begeisterung für den Forschungseifer der Kinder. In der Zeit, in der ich innerlich am Abwägen war, entwickelten die Kinder eine ganze Reihe von Fragen und Hypothesen über den Klang der Wand: "Da muss was drin sein." - "Die Wand ist hier dicker und hier dünner." - "Ob man das Loch auch ganz durchmachen kann?"

Immerhin: In meinen eigenen vier Wänden hätte ich ganz bestimmt schneller begrenzend reagiert und finde es dort auch richtig, keine Löcher in Wände zu schlagen, "wenn es nicht sein muss". Das aber war der entscheidende Gedanke: "Wer legt eigentlich fest, ob es jetzt sein muss oder nicht?" Die Kinder hatten jedenfalls für sich entschieden, es müsse jetzt sein und haben durchaus sinnvoll gehandelt: Wie kann man sonst herausbekommen, was in der Wand ist, wenn man sie nicht öffnet?

Setzen wir in derselben Situation Erwachsene an die Stelle der Fünfjährigen. Nehmen wir an, die Leiterin oder eine Kollegin hätten begonnen, ein Loch in die Wand zu schlagen, und ich wäre hinzugekommen. Ich hätte mich vielleicht erkundigt, was sie vorhabe, hätte mich eventuell gewundert, hätte es vielleicht sogar abgelehnt. Kaum aber wäre mir ein empörtes "Was machst du denn da?" über die Lippen gekommen und wohl auch kein selbstverständliches und augenblickliches "Ich möchte nicht, dass du ein Loch in die Wand schlägst..." In jedem Fall hätte ich wohl vermutet, dass die Kollegin irgendeinen Sinn mit ihrer Handlung verfolgt.

Erwachsene besitzen kein selbstverständliches Recht, Kindern Grenzen zu setzen

Was also eine kindzentrierte und wertschätzende Haltung verbietet, ist die Selbstverständlichkeit, Kinder daran zu hindern, ihre Absichten zu verfolgen, wenn sie erwachsenen Deutungen und Bewertungen nicht entsprechen. Eine solche einseitige Ableitung des Rechtes auf Grenzsetzung alleine aus der sozialen Stellung des Erwachsenen gegenüber dem Kind oder aus besserwisserischer erwachsener Weltsicht heraus, käme einem Machtmissbrauch gleich. Sie würde Kinder degradieren zu Befehlsempfängern und ihnen ein Handeln mit Eigen-Sinn absprechen. "Statt Anerkennung aufgrund einer überlegenen Position oder aufgrund von mehr Wissen und Erfahrung zu erwarten oder einzufordern, müssen Erwachsene Kinder als Subjekte ernst nehmen, die eine eigene Sicht einbringen, die genauso Beachtung verdient" (Hans Rudolf Leu). Das gilt auch im Bezug auf Grenzen. Das mindeste, was Erwachsene tun sollten, ist den Einsatz ihrer Macht zu reflektieren und den Kindern Zeit zu geben, deutlich zu machen, worum es ihnen geht. "Es kommt darauf an, welchen Spielraum Kinder haben, um ihre eigene Sicht einzubringen" (Hans Rudolf Leu).

Die Kinder hatten also weiterhin Gelegenheit, Löcher in die Wand zu schlagen, genauer gesagt, beim einem gingen sie daran, es zu vertiefen, und ein zweites sollte an anderer Stelle entstehen. Sie hatten inzwischen herausgefunden, dass "in der einen Wand was drin ist." Und wollten sehen, ob das an anderer Stelle ebenfalls der Fall ist. Ihr erstes Loch befand sich an einer Stelle mit Metallträger. Die Säule darum ist hohl, und innen befindet sich der Träger. An der anderen Stelle war die Wand hingegen stabil gemauert. Neue Fragen tauchten auf und neue Hypothesen. Circa 10 Minuten waren inzwischen vergangen.

An dieser Stelle entschloss ich mich zur Grenzziehung - im wahrsten Sinne des Wortes. Ich besorgte mir einen Stift und malte um jedes Loch einen Kreis auf die Wand, so groß, dass noch begrenzter Platz für weitere Experimente vorhanden war. Meine Grenzsetzung schränkte zwar ein, ließ jedoch begrenzten Handlungsspielraum, machte nicht völlig handlungsunfähig. Meine Aufforderung an die Kinder lautete: "Ich möchte, dass die Löcher nicht größer werden, als meine Kreise, weil wir sie sonst nur schwer wieder zumachen können. Und ich möchte, dass ihr keine weiteren Löcher mehr macht, ohne vorher darüber mit uns zu sprechen. Wir müssen dann neu überlegen, was wir tun." Die Kinder setzen ihre Experimente fort, leuchteten mit der Taschenlampe in die Löcher, um "genau nachzusehen", stocherten mit anderen Werkzeugen darum herum, benutzen dazu auch ihre Finger, hielten jedoch meine Grenzen ein.

Der Umgang mit Grenzen ist eine Beziehungsaufgabe

Bei der Reflexion des Geschehens mit den Erzieherinnen wurde mir klar, dass auch der Umgang mit Grenzen eine Beziehungsaufgabe ist. Wir Erwachsenen haben sehr genau abzuwägen, wo wir Grenzen setzen und wie. Die Art und Weise, wie ich etwas begrenze, wie ich diese Begrenzung begründe, wie ich ansonsten das Wechselspiel zwischen Dialog und Begrenzung gestalte, hat großen Einfluss auf die Beziehung zwischen den Kindern und mir.

In meinem Fall kamen die Kinder ins Reden. Sie wollten von mir erfahren, was denn passiert, wenn es mehr als zwei Löcher werden würden, wollten wissen, wie ihre eigenen Erzieherinnen das sehen, wollten ihnen ihre Untersuchungserfolge zeigen und wollten schließlich klären, was aus den Löchern werden wird. Trotz meiner Intervention und auch wegen ihr hatte sich ein in meiner Erinnerung harmonisches, von wechselseitiger Anerkennung und gegenseitiger Achtung geprägtes Gespräch entwickelt, in das nacheinander viele Kinder und Erwachsene einbezogen wurden. In der Interaktion mit den Kindern war ich einmal in der Rolle des zuhörenden, interessierten Begleiters und ein anderes Mal in der Rolle der sozial höher gestellten Person mit Erfahrungs-, Wissens- und Machtvorsprung.

Auf beides konnten sich die Kinder gut einlassen, weil von ihnen kein bedingungsloser Gehorsam verlangt wurde, keine einseitige Anerkennung der Machtposition des Erwachsenen und seiner Maßstäbe, sondern auch in der Zurückhaltung und Angemessenheit des Grenzen Ziehens jederzeit mein Interesse an der Aufrechterhaltung der Beziehung spürbar war.

Im Gespräch entschieden sich die Kinder, die Löcher erst später wieder zu schließen, denn "die anderen sollen das auch mal sehen". Das Abenteuer herauszubekommen, wie man vorgehen muss, um den alten Zustand wieder herzustellen, steht also noch aus. Aber: "die Wand soll wieder so aussehen wie vorher."

Grenzüberschreitungen auch als Dialogangebot begreifen!

Grenzüberschreitungen und Regelverletzungen von Kindern - in meinem Beispiel kamen sie nicht vor, in vielen anderen Alltagssituationen treten sie aber auf - sind in gewisser Weise auch als Dialogangebot zu werten. Erwachsene müssen sich dann jeweils neu entscheiden, ob sie den Weg der (erneuten) Anweisung gehen wollen oder den des gegenseitigen Aushandelns. Diese Entscheidungsbürde kann ihnen keiner abnehmen, und in diese Entscheidungssituation werden sie immer wieder kommen.

Regeln und Grenzen sind nämlich nur dort notwendig, wo etwas nicht von selbst klappt. Sie sind in gewisser Weise die Ausnahme der Regel. Regelbruch gehört zur Regel, sonst bräuchte es sie gar nicht geben. Diesen Zusammenhang brachte der sechsjährige Kevin mit den Worten auf den Punkt: "Wenn man Regeln ganz gut halten kann, kann man sie auch weg tun."

Deshalb sind weder moralisierende Empörung angebracht, wenn Kinder Grenzen übertreten, noch unbedingt Selbstzweifel ob der eigenen Fähigkeit, Grenzen zu setzen, und schon gar keine ärgerlichen Reaktionen. Sie sind einfach als Signal zu bewerten. Grenzüberschreitungen können uns signalisieren, dass die Grenzen selbst zu eng, nicht verstanden, nicht deutlich genug ausgesprochen oder auch nur vergessen sind. Insofern sind sie auch ein Dialogangebot an uns Erwachsene.

Ob wir es aufgreifen und statt die Grenze zu erneuern uns auf einen Aushandlungsprozess einlassen oder nicht, das eben ist die Entscheidung, die wir immer wieder neu zu treffen haben. Ein wertschätzender Umgang mit Grenzen verlangt, nicht mit "aller Gewalt" auf die strikte und rigorose Einhaltung von Anordnungen in jedem Fall zu pochen, sondern flexibel, aufmerksam und zugewandt mit den Signalen der Kinder umzugehen. Grenzen sind notwendig und nützlich, aber sie dürfen den Dialog nicht ersetzen! Letztendlich ist der Dialog in vielen Situationen sowieso wirksamer und nachhaltiger, wie es in einem meiner Lieblingsgedichte so wunderbar zum Ausdruck gebracht wird: "Als deine Türen und Fenster verschlossen waren, plante mein Herz ständig zu fliehen. Jetzt, da du Türen und Fenster geöffnet hast, bleibe ich. Mit meiner Freiheit hast du mich gebunden" (Rabindranath Tagore).

Zusammenfassend möchte ich noch einmal hervorheben:

  • Jedes Handeln von Kindern hat subjektiven Sinn. Wer Grenzen setzt, muss sich zumindest bemühen, diesen Sinn zu entschlüsseln. Daher ist ein zeitlicher Puffer zwischen Wahrnehmung, Bewertung und Handlung notwendig.
  • Grenzen zu setzen und Dialog zu führen, sind zwei Handlungsebenen, die immer wieder von neuem und in schnellem Rhythmus auf einander folgen können. Grenzen brauchen also selbst Begrenzung und die Ergänzung durch eine von Dialog geprägte Beziehung.
  • Erwachsene brauchen so etwas wie Machtbewusstheit. Sie müssen in der Lage sein, mit ihrer Macht reflektiert und eigenverantwortlich umzugehen.
  • Grenzen müssen Kindern weiterhin zumindest minimalen Handlungsspielraum lassen, um keine Gefühle von Ohnmacht und Erniedrigung aufkommen zu lassen.
  • Erwachsene müssen auch "würdevoll", also vorwurfsfrei und ohne moralische Vorhaltungen "verlieren" und wieder Abstand von der eigenen Anordnung nehmen zu können. Sie brauchen so etwas wie eine innere Bereitschaft, sich auch von Kindern und ihrer Wirklichkeit beeinflussen zu lassen.

Autor

Lothar Klein
balance pädagogik & management
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