Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Mutter Julie (Regine) Jolberg

Manfred Berger

 

Nach längerer schwerer Krankheit starb Mutter Julie Jolberg am 5. März 1870 in Nonnenweier, gelegen im südlichen Schwarzwald. Viele Jahre später erinnerte sich eine ehemalige Schülerin und Mitschwester an die Verstorbene:

"Als ich später Leiterin der Kleinkinderschule in Thuningen war, visitierte mich Mutter Julie zu meiner großen Freude. Sie wurde mit den Kindern wieder Kind, saß auf den niedrigen Bänken zwischen den lieben Kleinen, spielte und teilte Freud und Leid mit ihnen ... Diese warmherzige edle Frau und unerschrockene Förderin der christlichen Kleinkinderschulen ist uns durch den Tod entrissen worden, aber ihre segensreiche Arbeit wird immer fortleben" (zit. n. Merkl 1996, S. 5).

Und in der Tat: "Mutter Jolbergs Werk ist zu einer Quelle des Segens für ein ganzes Land geworden" (Mohrmann 1929, S. 169). Sie war eine hochgebildete Frau, "die im Zwiespalt zwischen pietistischer Erweckungsbewegung und bürgerlicher Frauenbewegung einen eigenen Weg findet und einen hoch bedeutsamen Beitrag zur Entwicklung des Frauenberufs Erzieherin leistet" (Haug-Zapp 2000, S. 57).

In Frankfurt/Main erblickte Regine am 30. Juni 1800 als drittältestes von zehn Kindern des jüdischen Handelskaufmanns David Zimmern und seiner Frau Sara (geb. Flörsheim) das Licht der Welt. Sie war ein stilles, schüchternes Kind, "das in scheuer Zurückgezogenheit von den Menschen und den Verhältnissen, unter denen es lebte, sich gerne eine eigene verborgene Welt bildete" (Gmelin 1875, S. 423). Das begabte Mädchen wurde privat unterrichtet und besuchte zur Vervollkommnung ihrer Bildung ein christliches Mädchenpensionat.

Im Alter von 21 Jahren heiratete Regine Zimmern den Juristen Leopold Joseph Neustetel. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor. Nicht lange dauerte das Eheglück, denn Januar 1825 starb der Ehemann. Am 16. November 1826 vermählte sich die Witwe erneut (vgl. Hauff 2002, S. 36 ff.). Dem Ehepaar wurden zwei Kinder geboren, die jedoch bald nach ihrer Geburt verstorben sind. Mit ihrem zweiten Mann Salomon Jolberg trat sie zum evangelischen Glauben über und nahm den Namen Julie an. Mit 29 Jahren wurde sie erneut Witwe. Folgend widmete sich Julie Jolberg der Erziehung ihrer Töchter sowie der Pflege des alternden Vaters.

1840 übersiedelte Julie Jolberg von Heidelberg nach Leutesheim bei Kehl. Dort sammelt sie die Tagelöhnerkinder "zum Singen, Spielen, Basteln, Stricken und vor allem zum Erzählen biblischer Geschichten ... Sie lernen kleine Arbeiten, 'die ihre Sinne anregen und zugleich kleine Belohnungen sein sollen': Strohmatten, Bälle, Hauben werden gebastelt" (Brandt 1999, S. 32). Neben der Arbeitsschule für Mädchen und Knaben gründete sie 1844 ein "Mutterhaus für Kinderpflege". Nach Zeiten politischer Unruhen fand Mutter Julie, wie sie sich am liebsten nennen ließ, 1851 mit ihrer Anstalt eine neue Heimat in Nonnenweier, die dort schnell zum neuen Leben erblühte. Die Diakonissen "wurden überallhin, in die neu entstehenden Kinderpflegen in Baden selbst, nach der Pfalz, Schweiz, Württemberg, Hessen, selbst über das Meer begehrt. Um Neujahr 1854 sah Mutter Jolberg mehr als 100 Schwestern in der Arbeit stehen; 1866 waren 234 Kinderpflegen von Nonnenweier aus besetzt und bedient, und das Verzeichnis von 1871 weist deren 358 auf. Den in der Anstalt geweckten Geist suchte Mutter Jolberg durch ständigen brieflichen Verkehr mit den auswärtigen Schwestern ... wach zu erhalten" (Gmelin 1875, S. 425). Ihren Schwestern legte sie u.a. folgende erzieherische Unterweisungen nahe:

"Wenn wir mit Kindern umzugehen haben, die wir noch nicht kennen, so müssen wir ihnen etwas verbieten noch gebieten, sondern ihnen nur Liebe erzeigen. Und wollen wir etwas von ihnen, sie nur bitten. Dadurch werden sie angezogen und erfüllen aus Liebe mit Freuden unsere Wünsche. Ehe wir einem Kinde etwas versagen, müssen wir es kennen lernen. Auch schon das Kind hört ein Ja lieber als ein Nein. Darum ist ein ruhiges Beobachten ohne viele Worte so nötig. Allgemeine Worte, zum Beispiel: seid brav! folgt schön! seid nicht so unartig! helfen nichts. Sind sie unartig, so fesselt ihre Aufmerksamkeit durch ein schönes Lied, eine liebliche Erzählung, ein heiteres Spiel, die in ihre Seele die Stimmung hervorbringen, die ihr wünscht. Vor allem aber lasst einen Geist der Ruhe, der Ordnung, der Freundlichkeit von euch ausgehen, so wird er sich bald unter den Kindern verbreiten" (Brandt 1871, S. 89).

In der einschlägigen Fachliteratur zur Geschichte des Kindergartens ist bis heute ungeklärt, inwieweit Mutter Julie die "Fröbel'sche Methode" in den von ihren Schwestern geleiteten Kleinkinderschulen einführte. Dazu beispielsweise Johannes Hübener:

"Die Fröbelsche Bewegung ging an ihr spurlos vorüber, nicht weil sie in ihrem klaren Verstand schnell durchschaut hatte, dass darin ein ganz anderer Geist herrschte. Deshalb konnte sie sich Fröbels Ideen nicht aneignen"(Hübener 1888, S. 51).

Sicher ist, dass Mutter Julie über die Fröbelepigonin Bertha von Marenholtz-Bülow Fröbels Pädagogik näher kennen lernte. Wie aus Briefen an die Baronin hervorgeht, vermisste die Diakonissenhausvorsteherin bei Fröbel die "christlichen Principien". Darum übernahm sie auch nicht die Titulierung "Kindergarten", sondern nannte ihre Anstalten "Christliche Kleinkinderschulen", wobei sie alles "schulmäßige für die frühkindliche Erziehung strikt ablehnte" (Merkl 1996, S. 98).Dazu sagte sie selbst: "Die Kinderschule soll mehr familienmäßig als schulmäßig sein. Alles, was eigentliches Lernen ist, gehört nicht in sie hinein" (zit. n. Gehring 1929, S. 135).

Trotzdem für Mutter Julie der "Fröbelschen Lehre die gemüthvolle christliche Auffassung vom Kinde fehlte" (zit. n. Merkl 1996, S. 102), stand sie den von dem Pädagogen entwickelten "Spielgaben" und "Beschäftigungsmitteln" positiv gegenüber. Für ihre Kleinkinderschulen forderte sie:

"Spielsachen sollen in hinreichender Anzahl vorhanden sein, für Knaben vornehmlich Bauhölzchen (Baukästen) nach Fröbelschen (3., 4., 5., 6. Gabe) und Fölsingschen (Johannes Fölsing war ein bekannter evangelischer Kleinkinderpädagoge; M. B.) Mustern ... Für beide Geschlechter Bälle, Stäbchen zu Legespielen nach Fröbelschen Mustern. Das Spiel mit den Fröbelschen Mitteln ist sehr vielfältig. Fröbel unterschiedet verschiedene Bau- und Legeformen, Lebensformen, d.h. Darstellung von Häusern, Kirchen, Treppen ... usw. Schönheitsformen, Zusammenlegen der Klötzchen oder Stäbchen (Muscheln, Steinchen, Perlen usw.) in symmetrische Figuren. Erkenntnißformen, d.h. Darstellung von geometrischen Figuren, waagrechten, senkrechten, schrägen Linien, Dreiecken, Rechtecken, Quadraten, Kreisen usw. ... Christliche Principien sind im Fröbelschen Werk nicht zu finden" (zit. n. Merkl 1996, S. 102).

Mutter Julie war vergönnt, die 25-Jahrfeier ihrer Diakonissinnenanstalt zu erleben. Noch heute fühlt sich das "Evangelische Diakonissenhaus Nonnenweier" dem Vermächtnis seiner Gründerin verpflichtet.

Literatur

Berger, M.: Führende Frauen in sozialer Verantwortung: Mutter Jolberg, in: Christ und Bildung 1997/H. 7

Brandt, M. G. W.: Mutter Jolberg. Gründerin und Vorsteherin des Mutterhauses in Nonnenweier. 2 Bde., Barmen 1871

Brandt, K.: Regine Jolberg. Ein Leben zu Gottes Verfügung, Holzgerlingen 1999

Gmelin, M.: Regine (Julie) Jolberg, geb. Zimmern, in: Weech, F. v.: Badische Biograhieen, Heidelberg 1875

Gehring, J.: Die evangelische Kinderpflege. Denkschrift zu ihrem 150jährigen Jubiläum, Berlin/Leipzig 1929

Hauff, A.M. v.: Regine Jolberg (1800-1870). Leben, Werk und Pädagogik, Heidelberg 2000

Haug-Zapp, E.: Zwischen Frauenbewegung und Erweckungsbewegung. Erinnerungen an Regine Jolberg, in: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 2000/H. 6

Merkl, A.: Mutter Julie Jolberg und ihr sozial-caritatives Werk, München 1996 (unveröffentl. Diplomarbeit)

Mohrmann, A.: 150 Jahre evangelische Kinderpflege, Grünberg 1929 (Sonderdruck)

Hübener, J.: Die christliche Kleinkinderschule, ihre Geschichte und ihr gegenwärtiger Stand, Gotha 1888