Elternarbeit mit Migrant/innen

Martin R. Textor

 

In Deutschland leben knapp 7,3 Mio. Migrant/innen (8,8% der Bevölkerung), ca. 260.000 im Alter von 1 bis 6 Jahren (Zahlen von Ende 2004). Rund 2,1 Mio. sind Staatsangehörige von EU-Staaten, 3,2 Mio. von anderen europäischen Staaten (darunter knapp 1,8 Mio. Türk/innen) und 1,3 Mio. von außereuropäischen Ländern. Circa 1,4 Mio. der Menschen mit einer anderen Staatsangehörigkeit wurden in Deutschland geboren. Nicht als Ausländer/innen zählen Aussiedler/innen und eingebürgerte Migrant/innen - im Jahr 2004 gab es rund 127.000 Einbürgerungen.

Schon diese Zahlen verdeutlichen, dass Migrant/innen keine homogene Gruppe bilden: Sie unterscheiden sich nach Herkunftsregion bzw. -land, Kultur, Religion, Werten, Aufenthaltsdauer, Schichtzugehörigkeit, Familienstruktur, Geschlechtsrollenleitbildern, Erziehungsstil, Integrationswillen usw. Die Deutschkenntnisse von Familienmitgliedern können höchst unterschiedlich sein: Ist nur der Mann erwerbstätig, spricht er die deutsche Sprache oft besser als seine Frau; so genannte Heiratsmigrant/innen mögen überhaupt kein Deutsch sprechen, während ihre Partner es fließend sprechen. Ältere, bereits in Deutschland aufgewachsene Kinder können häufig mehr Deutsch als ihre Eltern.

Für den Kindergarten bedeutet die Aufnahme von Migrantenkindern sowohl eine besondere Herausforderung (z.B. aufgrund der Verständigungsprobleme) als auch eine Bereicherung (z.B. neue Lernerfahrungen durch die kulturelle Vielfalt). Aufgrund der Heterogenität der Zielgruppe "Migrant/innen", die viel größer als bei Deutschen ist, sollten Erzieher/innen auf die jeweilige Familie offen und unvoreingenommen zugehen: Selbst wenn sie bereits viele Erfahrungen mit Familien aus dem jeweiligen Herkunftsland (z.B. Türkei) haben, können "die Neuen" ganz anders sein (z.B. von kurdischer oder armenischer Abstammung, nicht oder extrem religiös, integrationsbereit oder nicht, mit sehr konservativen oder sehr progressiven Erziehungsvorstellungen).

Erzieher/innen sollten davon ausgehen, dass Migrant/innen - insbesondere wenn sie nicht aus der EU kommen und erst seit kurzem in Deutschland leben - wenig über das deutsche Bildungssystem wissen. Beispielsweise mögen sie unklare Vorstellungen vom Kindergarten haben (wissen nicht, was dort mit ihren Kindern "geschieht"), seine Bedeutung falsch einschätzen (z.B. ihn nicht als Bildungseinrichtung sehen und dementsprechend ihre Kinder nicht so früh wie möglich anmelden), unrealistische Erwartungen haben (z.B. dass ihre Kinder im Kindergarten Deutsch lernen - selbst wenn sie in ihrer Familie nur in ihrer Herkunftssprache reden, den privaten Kontakt zu Deutschen scheuen und überhaupt keine deutschsprachigen Medien nutzen) oder nicht wissen, dass auch sie als Eltern "Zielgruppe" des Kindergartens sind.

Hier wird deutlich, dass die (Eltern-) Arbeit mit Migrant/innen nicht nur aufgrund der Verständigungsprobleme schwierig ist, sondern auch aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen und Erwartungen. Zudem haben viele Ausländer Diskriminierung - z.B. bei Behördenkontakten - erlebt und befürchten, dass sie ähnliche Erfahrungen in der "offiziellen" Institution "Kindergarten" machen werden. Bei den ersten Kontakten mit Erzieher/innen sind deshalb manche Migrant/innen misstrauisch und viel unsicherer als deutsche Eltern; sie halten sich dementsprechend zurück. Dies darf nicht als Desinteresse oder gar Ablehnung der Person der jeweiligen Fachkraft missverstanden werden. Vielmehr ergibt sich daraus die besondere Anforderung an Erzieher/innen, immer wieder von sich aus auf die Migrant/innen zuzugehen und letztlich mehr Zeit in den Aufbau einer tragfähigen Beziehung - einer Erziehungspartnerschaft - zu investieren, als dies bei deutschen Eltern nötig ist.

Das Anmeldegespräch

Besonders wichtig ist, dass Migrant/innen schon bei den ersten Kontakten mit Erzieher/innen erfahren, "was" ein Kindergarten ist, welche Ziele und Aufgaben er hat, wie mit Kindern pädagogisch gearbeitet wird und dass der Kooperation mit den Eltern eine große Bedeutung beigemessen wird. Schön ist es, wenn sie beim erstmaligen Betreten des Kindergartens im Vorraum ein Plakat mit Grußformeln in verschiedenen Sprachen - auch der ihrigen - sehen, an einer Elternecke vorbeikommen, in der Broschüren und Faltblätter in ihrer Herkunftssprache ausliegen, und auf eine Fotowand stoßen, wo die Bilder z.B. auch in Türkisch kommentiert werden. Wenn sie dann für das Anmeldegespräch das Kindergartenbüro betreten und in ihrer Herkunftssprache begrüßt werden, dann werden sie sich in der Einrichtung willkommen fühlen - selbst wenn die Erzieherin neben der Grußformel keine anderen Worte ihrer Sprache kennt.

Vor dem Anmeldegespräch sollten die Erzieher/innen geklärt haben, ob die Migrant/innen ausreichend Deutsch sprechen, ob sie eine/n Dolmetscher/in (z.B. einen Verwandten oder ein Schulkind mit guten Deutschkenntnissen) mitbringen oder ob der Kindergarten eine/n Dolmetscher/in (z.B. andere Eltern aus demselben Herkunftsland, Mitarbeiter/innen von Ausländerberatungsstellen oder Migrantenorganisationen) besorgen muss. Hilfreich ist, wenn zumindest einige Informationen in gängigen Herkunftssprachen vorliegen: So sind bei den zuständigen Ministerien - notfalls auch bei dem eines anderen Bundeslandes - z.B. Broschüren über Kindertagesbetreuung oder über die Bedeutung einer frühzeitigen Sprachförderung in verschiedenen Sprachen erhältlich. Betreuungsvertrag, Merkblätter und eine Liste, was das Kind am ersten Kindergartentag mitbringen muss, sollten möglichst in mehreren Sprachen vorliegen (evtl. beim Träger anregen, dass der jeweilige Wohlfahrtsverband oder die Kommune die Texte übersetzen lässt). In einem Kindergarten, der von vielen Migrant/innen aus einer bestimmte Region genutzt werden, sollte auch überlegt werden, ob nicht ein/e Mitarbeiter/in und ein/e Praktikant/in aus diesem Kulturraum eingestellt werden kann...

Beim Aufnahmegespräch sollten neben der Entwicklung und besonderen Bedürfnissen des jeweiligen Kindes auch die Lebensbedingungen der Familie und die Migrationserfahrungen der Eltern erfasst werden. Ferner können die wechselseitigen Erwartungen und Wünsche hinsichtlich der Erziehung des Kindes und der Zusammenarbeit von Eltern und Erzieher/innen diskutiert werden. Über die bei deutschen Eltern üblichen Themen hinaus muss beispielsweise geklärt werden, wie gemeinsam die Entwicklung der Mehrsprachigkeit beim jeweiligen Kind gefördert werden kann, was für seine Integration in die Kindergruppe (und in die deutsche Gesellschaft) hilfreich ist und wie sich seine Eltern als Fachpersonen für die Erstsprache einbringen können. Es sollte deutlich werden, dass eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft angestrebt wird und Elterngespräche deren Grundlage sind - also jederzeit geführt werden können.

Wenn die Familie einer nicht christlichen Religionsgemeinschaft angehört, sollte auch auf die religiöse Erziehung im Kindergarten eingegangen werden - und das nicht nur, wenn die Einrichtung einen kirchlichen Träger hat: In allen Bildungsplänen der Bundesländer ist dieser Erziehungs- und Bildungsbereich ausgewiesen. Es sollte den Eltern verdeutlicht werden, dass nicht nur christliche Feste im Kindergarten gefeiert werden, sondern auch in den "normalen" Kita-Alltag immer wieder christliche Elemente einfließen. Ist dies den Eltern klar, können sie nicht später fordern, dass ihr Kind von derartigen Aktivitäten ausgeschlossen wird. Konfliktvermeidend kann sein, wenn beim Aufnahmegespräch in diesem Kontext darauf hingewiesen wird, dass z.B. muslimische Feste im Kindergarten gefeiert werden (s.u.). Das geht natürlich nur, falls dies im Rahmen der interkulturellen Erziehung auch vorgesehen ist...

Da viele Migrant/innen noch nie einen Kindergarten gesehen haben, kommt beim Anmeldegespräch dem Rundgang durch die Einrichtung eine besondere Bedeutung zu. Die Eltern sollten sich die Räume in Ruhe anschauen können und ausreichend Zeit für Fragen haben. Aber auch Vorbesuche der Eltern und ihres Kindes in einer Gruppe ("Schnuppertage") sind sinnvoll, da sie dann einen Eindruck von den Abläufen in dem Kindergarten und von der pädagogischen Arbeit bekommen. Den - oft überbehüteten - Kindern wird so der Übergang von der Familie in den Kindergarten erleichtert. Wenn der Vorbesuch in den Randzeiten stattfindet (wenn also nur wenige Kinder in der Gruppe sind), kann sich eine Fachkraft um die Eltern kümmern (etwas zu trinken anbieten, den Sinn von Angeboten erklären, Fragen beantworten usw.), während die andere versucht, das jeweilige Kind in die Gruppenaktivitäten einzubeziehen.

Zum Wohlbefinden der Migrant/innen trägt bei, wenn die Eltern während der Eingewöhnungszeit ihres Kindes im Kindergarten bleiben dürfen und dort z.B. in einem Elterncafé von "alten" Kindergarteneltern betreut werden, wenn der Kontakt zu anderen Migrant/innen seitens der Erzieher/innen gefördert wird oder wenn sie in der Kindergruppe hospitieren können. Zum einen wird die Hospitation von den Eltern als eine Art "Vertrauensbeweis" verstanden. Zum anderen macht die Erzieherin ihre pädagogische Arbeit transparent, ohne sie verbal beschreiben zu müssen - was ja bei Migrant/innen mit schlechten Deutschkenntnissen nur schwer möglich oder mit einem hohen Aufwand verbunden ist.

Tür- und Angel-/ Termingespräche

Bei Migrant/innen ist es oft schwieriger als bei deutschen Eltern, eine Vertrauensbasis aufzubauen (s.o.). Hierzu sollte ganz bewusst die Bring- und Abholzeit genutzt werden: Werden die Migrant/innen freundlich begrüßt und verabschiedet, wird immer wieder versucht, mit ihnen einige Worte zu wechseln, oder wird - bei sehr schlechten Deutschkenntnissen - zumindest nonverbal mit ihnen kommuniziert (indem ihnen z.B. Bilder oder Bastelarbeiten ihres Kindes gezeigt werden), dann wird langsam eine Erziehungspartnerschaft entstehen. Da manche Migrant/innen schüchtern sind, sich ihrer schlechten Sprachbeherrschung schämen oder nicht wissen, ob sie sich mit bestimmten Problemen (z.B. "unverständliche" Schreiben von Behörden, auszufüllende Formulare, finanzielle Belastungen) an die Erzieher/innen wenden "dürfen", sollten die Fachkräfte vor allem dann auf die Eltern zugehen, wenn diese zögerlich sind bzw. so schauen, als ob sie etwas sagen oder fragen wollen. Wenn dann Tür- und Angel-Gespräche (oder die Deutschkenntnisse) nicht ausreichen, sollte ein Besprechungstermin vereinbart werden (zu dem dann ein/e Dolmetscher/in besorgt werden kann).

Es ist sinnvoll, immer wieder zu überprüfen, ob man nicht einige Migranteneltern meidet, weil man sich z.B. mit ihnen kaum verständigen kann. Besonders wichtig ist die Selbstbeobachtung: Wie gehe ich mit Migrant/innen im Vergleich zu deutschen Eltern um? Kann ich mich in ihre Lebenslage und in ihren Erfahrungshintergrund hineinversetzen? Gehe ich auf ihre Gefühlssituation ein? Kann ich ganz andere Werte, Normen, Geschlechtsrollenleitbilder und Erziehungsstile akzeptieren? Oft ist es sinnvoll, solche Fragen offen im Team zu diskutieren. Manchmal nehmen die Kolleg/innen etwas wahr, was einem selbst gar nicht bewusst ist...

Vor allem bei Entwicklungs-, Beratungs- und Konfliktgesprächen (Textor 2005) ist der unterschiedliche kulturelle Hintergrund zu berücksichtigen, der ansonsten leicht zu Missverständnissen führen kann. So sind Migrant/innen oft nicht bereit, sofort irgendwelche Entscheidungen (z.B. hinsichtlich einer besonderen Förderung ihres Kindes oder des Besuchs einer Beratungsstelle) zu fällen, sondern wollen das Problem erst ausführlich in der (erweiterten) Familie diskutieren. Mütter, die alleine zu einer Besprechung gekommen sind, haben zudem häufig keine Entscheidungskompetenz.

Auch die Frage, wer bei Beratungs- und Konfliktgesprächen dolmetscht, muss sensibel geklärt werden. Oft möchten die betroffenen Eltern nicht, dass wie sonst andere Kindergarteneltern übersetzen, weil diese nicht von ihren Problemen erfahren sollen. Außerdem ist zu beachten, dass zumeist eine "freie" Übersetzung erfolgt und insbesondere dann Missverständnisse auftreten können, wenn auch der Dolmetscher nur über geringe Deutschkenntnisse verfügt.

Generell werden die Eltern Anregungen der Erzieherin hinsichtlich der Erziehung und Bildung ihres Kindes oder bezüglich besonderer Förderangebote eher aufgreifen, wenn sie merken, dass diese ein positives Bild von ihrem Kind hat - also nicht auf Defiziten (z.B. mangelnde Deutschkenntnisse) fokussiert, sondern auf Kompetenzen (z.B. Mehrsprachigkeit, Leben in zwei Kulturen, Bewältigung der Migration und den damit verbundenen Transitionen).

Ist eine durch Vertrauen und Offenheit gekennzeichnete Erziehungspartnerschaft entstanden, bitten Migrant/innen gelegentlich auch von sich aus um Termine für Beratungsgespräche. Neben Erziehungsschwierigkeiten werden dann häufig Integrationsprobleme thematisiert. Die Erzieher/innen können jedoch nur begrenzt Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und Unterstützung bieten. In vielen Fällen werden sie die Eltern an zuständige Behörden, Beratungsstellen und andere psychosoziale Dienste weitervermitteln müssen, wobei nicht der Eindruck entstehen darf, dass sie die Familien "abschieben" möchten. Insbesondere bei einem hohen Ausländeranteil in der Einrichtung sollte sich der Kindergarten mit Ausländeramt, Migrationsdiensten, Kulturvereinen, Ausländerbeirat usw. vernetzen, um schnell und unbürokratisch auf ihre Dienste zurückgreifen zu können. Manchmal lassen sich deren Angebote - z.B. Sprachkurs, Sprechstunde, Beratung - auch in den Kindergarten hineinholen.

Schlösser (2004) hält auch Hausbesuche für sinnvoll, da sie die Beziehung zu den Migrant/innen verbessern und zu Verständnis für deren Lebensbedingungen führen. Die Autorin schreibt: "Hausbesuche können dem Kennenlernen, der Kontaktpflege, der Entwicklung eines nahen Gefühls der PädagogInnen zur Lebenswelt des Kindes und als Zeichen des Kulturrespekts dienen. Sie erfolgen entweder durch die PädagogInnen - allein oder zu zweit - oder mit einer Kindergruppe" (S. 51). Werden (deutsche) Kinder mitgenommen, sind Hausbesuche auch ein Beitrag zur interkulturellen Erziehung, insbesondere wenn sie im Rahmen eines Projekts (z.B. "Andere Länder - andere Sitten") durchgeführt werden.

Lehnen Migrant/innen einen Hausbesuch ab, sollten Erzieher/innen sensibel reagieren und sich keinesfalls verärgert zeigen. Oft schämen sich diese Familien ihrer Lebensverhältnisse, insbesondere wenn sie aufgrund der Migration einen markanten sozialen Abstieg erfahren haben (z.B. jetzt arbeitslos sind, während sie in ihrem Heimatland als Akademiker der oberen Mittelschicht angehörten) oder wenn sie in Sammelunterkünften wohnen.

Sprachförderung als gemeinsame Aufgabe

Migrant/innen haben oft hohe Erwartungen hinsichtlich ihrer Kinder (z.B. dass diese später studieren werden), kennen aber nicht das deutsche Bildungssystem - und sind sich nicht bewusst, wie wichtig die perfekte Beherrschung der deutschen Sprache für den Schulerfolg ist. Erzieher/innen müssen deshalb zum einen relevante Informationen über das Bildungswesen vermitteln und zum anderen die Eltern motivieren, ihre Kinder so früh wie möglich die deutsche Sprache lernen zu lassen. In diesem Zusammenhang sollte ihnen auch verdeutlicht werden, wie wichtig eine gute Schulbildung ist und dass die Voraussetzungen dafür in Familie und Kindergarten gelegt werden. So wird das Interesse der Eltern am pädagogischen Angebot der Einrichtung gefördert.

Hinsichtlich des Deutschlernens sollten Erzieher/innen

  • die Eltern auf Programme wie "HIPPY", "Opstapje" oder "Rucksack" aufmerksam machen, falls es diese Angebote vor Ort gibt. Es handelt sich hier um Hausbesuchsprogramme, bei denen Migrant/innen mit bestimmten Spiel- und Unterrichtsmaterialien vertraut gemacht werden und diese dann jeden Tag bei ihren Kindern einsetzen. Die Materialien dienen nicht nur der Sprachförderung (bei Eltern und Kind!), sondern auch der Förderung weiterer Kompetenzen und der Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung.
  • die Eltern motivieren, selbst besser Deutsch zu lernen. Viele Migrant/innen kennen nicht die Angebote vor Ort, wie z.B. Sprachkurse der Volkshochschulen oder Programme wie "Mama lernt Deutsch". Manchmal ist es auch sinnvoll, einen Sprachkurs nur für Mütter im Kindergarten oder in den Kulturräumen einer Moschee anzusiedeln. Muslimische Frauen aus streng religiösen Familien erhalten eher die Erlaubnis, an solchen Kursen als z.B. an Angeboten der Volkshochschule teilzunehmen, da ein Kontakt zu Männern ausgeschlossen werden kann. Besonders positiv wirkt sich aus, wenn z.B. der Imam der örtlichen Moschee oder ein Migrantenverein zum Besuch von Sprachkursen motiviert. Migrant/innen, die Analphabeten sind, sollten auch auf Alphabetisierungskurse aufmerksam gemacht werden.
  • die Eltern anhalten, ihr Kind zu Hause mit der deutschen Sprache zu konfrontieren, indem z.B. gemeinsam deutsche Kindersendungen im Fernsehen angeschaut, CDs mit deutschsprachigen Märchen, Liedern und Geschichten angehört oder deutsche Bilderbücher betrachtet werden. Der Kindergarten kann die Migrantenfamilien finanziell entlasten, indem er Medien aus dem eigenen Bestand zur Ausleihe anbietet. In manchen Familien gibt es überhaupt keine Bücher; hier muss den Eltern oft erst gezeigt werden, wie man z.B. Bilderbücher sinnvoll einsetzt.

Wichtig ist aber auch, dass die Muttersprache der Migrant/innen nicht entwertet wird. Da sich das Beherrschen der Herkunftssprache positiv auf den Erwerb der Zeitsprache Deutsch auswirkt, sollte auch erstere aktiv gefördert werden: "Dazu brauchen Erzieherinnen die Hilfe der Eltern. Wenn sie Eltern ansprechen und bitten, im Kindergarten Bilderbücher in ihrer vertrauten Sprache vorzulesen oder Geschichten zu erzählen, fühlen sich auch die Eltern angenommen und akzeptiert. Sie können ein Stück 'Heimat' in den Kindergarten- oder Hortalltag einbringen und eigene sprachliche Kompetenzen einsetzen" (Knisel-Scheuring 2002, S. 23). So sollten in der Einrichtung Bilderbücher und andere Medien in der jeweiligen Herkunftssprache vorhanden und möglichst auch ausleihbar sein. Die Eltern gewinnen so den Eindruck, dass Bilingualität seitens des Kindergartens positiv gesehen und gefördert wird.

Interkulturelle Erziehung

Migrant/innen sollten wie deutsche Eltern gelegentlich in die pädagogische Arbeit des Kindergartens einbezogen werden: So können sie eingeladen werden, in die Gruppe zu kommen, um den Kindern Grußformeln, Reime oder Lieder in ihrer Herkunftssprache zu lehren oder die gleiche Geschichte, die von der Erzieherin auf Deutsch präsentiert wird, in ihrer Sprache vorzulesen. Die Einbindung der Migrant/innen stärkt ihr Selbstbewusstsein und führt zu einem größeren Engagement im Kindergarten; sie lesen auch mehr zu Hause vor. Für die Entwicklung der deutschen Kinder ist wichtig, dass sie sich in diesen Situationen immer wieder in der Rolle der Nichtverstehenden erleben. Dies fördert ihr Verständnis für die Situation von Migranten (-kindern).

Migrant/innen können im Kindergarten auch auf regelmäßiger Basis ihre Herkunftssprache lehren, wie Schlösser (2004) am Beispiel der Elternaktion "Sprachecke" verdeutlicht, die regelmäßig mit einer Dauer von 45 bis 60 Minuten erfolgt: "Es geht um angeleitetes Spielen in einer anderen Sprache als Deutsch mit einer Kindergruppe von sechs bis acht Kindern. Die Kinder lernen einfache kultur- und sprachbezogene Spiele, Lieder, Reime etc. kennen" (S. 142). Für die Planung und Durchführung des Angebots sind Migrant/innen zuständig. Die Erzieher/innen unterstützen sie durch den Erwerb von Bilderbüchern, Spielen, Liedtexten usw. in ihrer Herkunftssprache.

Als Beitrag zur interkulturellen Erziehung können Migrant/innen auch von ihrem Herkunftsland und den dortigen Lebensverhältnissen, Sitten und Bräuchen berichten, Fotos oder Dias zeigen, den Kindern Spiele aus ihrer Heimat beibringen, mit ihnen typische Landesgerichte kochen oder mit ihnen handwerkliche Tätigkeiten wie Flechten oder Knüpfen üben. Ferner können (religiöse) Feste gemeinsam gefeiert werden, wobei Migrant/innen die Festgestaltung übernehmen und über die Entstehung, den Sinn und die Bedeutung des jeweiligen Festes informieren. Die Anschaffung eines interkulturellen Kalenders durch den Kindergarten kann für die Planung solcher Angebote sehr hilfreich sein. Solche Feiern sind eher zu empfehlen als so genannte "multikulturelle Feste", bei denen Migrant/innen auf die Rolle derjenigen festgelegt werden, die exotisches Essen kochen und Folklore darbieten. Hier werden Stereotype und Vorurteile eher verfestigt als abgebaut.

Hier wird deutlich, dass Migrant/innen durchaus einen Beitrag zur Bildung der (deutschen) Kindergartenkinder leisten können. Werden sie gezielt und relativ häufig in die pädagogische Arbeit einbezogen, erweitert sich die Erziehungspartnerschaft mit ihnen zu einer Bildungspartnerschaft.

Veranstaltungen für Eltern

Migrant/innen mit schlechten Deutschkenntnissen können an Elternabenden oder Gesprächskreisen nur teilnehmen, wenn für sie gedolmetscht wird (z.B. in so genannten "Murmelgruppen"). Es ist sinnvoll, wenn die Erzieher/innen dann möglichst langsam sprechen und die übersetzende Person vorab über die zentralen Inhalte der Veranstaltung informieren.

Schlösser (2004) empfiehlt, in Kindergärten mit vielen zugewanderten Eltern eine Informationsveranstaltung "Interkulturelle Pädagogik - eine Chance für mein Kind" durchzuführen, bei der die relevanten Erziehungsziele und deren Umsetzung diskutiert werden. Hier kann auch den deutschen Eltern die Angst genommen werden, dass ihre Kinder benachteiligt würden. Ähnliches gilt für einen Elternabend zum Thema "Förderung der Mehrsprachigkeit im Kindergarten": Diskutiert wird, wie Erzieher/innen im Kindergarten die Sprachkompetenz aller Kinder fördern, wie sie Migrantenkindern die deutsche Sprache vermitteln und auf welche Weise deutsche Kinder eine Zweitsprache erlernen - nämlich auf spielerische und ganzheitliche Weise.

Andere Elternabende können der Intensivierung des Kontakts zwischen deutschen und Migranteneltern dienen. Schlösser (a.a.O.) schlägt z.B. eine Veranstaltung zum Thema "Spiele und Lieder meiner Kindheit" vor. Diese könnte mit Paarinterviews beginnen, bei denen jeweils zwei Eltern einander anhand eines Fragebogens über ihre Kindheit interviewen. Danach stellen sie ihre/n Partner/in der Gesamtgruppe vor. In der Diskussion kann dann herausgearbeitet werden, wie unterschiedlich Kindheit in verschiedenen Kulturen ist und wie sich die eigene Kindheit vor der heutigen unterscheidet. Anschließend stellen die Eltern einander Lieder und Spiele aus ihrer Kindheit vor; die Lieder können auch in der Herkunftssprache vorgesungen werden. Zum Schluss werden sie von den Erzieher/innen aufgefordert, an einem Tag in den Kindergarten zu kommen und die Lieder und Spiele den Kindern beizubringen oder sie zu Hause bei den eigenen Kindern einzusetzen.

Ein umfassenderes Angebot für deutsche und zugewanderte Eltern ist z.B. das von Schlösser (a.a.O.) beschriebene Projekt "Literatur der Heimatländer", bei dem es zu einem besonders intensiven, anregenden und bereichernden kulturellen Austausch zwischen deutschen und zugewanderten Eltern kommt. Hier stellen Migrant/innen Literatur aus ihrem Herkunftsland vor, wobei sie den jeweiligen Text zunächst in ihrer Erstsprache vorlesen. Die deutschen Eltern "revanchieren" sich, indem sie ihre Lieblingstexte vorstellen. Jeder Person stehen rund 15 Minuten für ihre Präsentation zur Verfügung, wobei sie auch begründen sollte, weshalb sie den jeweiligen Text ausgesucht hat.

Aber auch ein Elternabend nur für Migrant/innen kann angeboten werden. Schlösser (a.a.O.) schlägt hierfür z.B. das Thema "Integration leben - Erfahrungen, Vorstellungen und Wünsche" vor: So können die Eltern zunächst ein Bild darüber malen, wie sie sich in Deutschland fühlen. Dann zeichnen jeweils zwei Elternteile ein "Integrationshaus" und ordnen dessen Bestandteilen vorgegebene Begriffe zu, die alle mit Integration zu tun haben (z.B. Toleranz, Kirche, Geld, Rechte). Danach stellt jedes Team die drei Bilder vor. Es ergibt sich "automatisch" eine Diskussion darüber, was die Eltern unter Integration verstehen, wie weit sie sich in Deutschland als integriert erleben und was sie nun unter "Heimat" verstehen. Auch kann besprochen werden, wie Migrant/innen besser im Kindergarten, in der Elternschaft und im Gemeinwesen integriert werden können.

Manchmal ist es auch sinnvoll, Gesprächskreise nur für Migrant/innen anzubieten. Hier können zugewanderte Eltern miteinander und mit den Erzieher/innen über die Erziehung der Kinder in Familie und Kindergarten diskutieren, wobei sich auch Probleme wie ungesunde Ernährung oder Missachtung der Autorität der Fachkräfte durch manche Buben (die Frauen nicht achten, weil diese in ihrer Herkunftskultur einen geringen Stellenwert haben) ansprechen lassen. Ferner können z.B. die individuelle Migrationsgeschichte, die Lebenssituation in Deutschland und die eigene Identitätsentwicklung reflektiert werden. Oder es werden Informationen über das deutsche Bildungssystem, psychosoziale Dienste, Sozialleistungen, das Ausländerrecht u.Ä. vermittelt - was oft externe Fachleute übernehmen können. Ferner können die Teilnehmer/innen miteinander kochen oder backen, Handarbeiten machen, einen Ausflug unternehmen usw. Leben viele Mütter in traditionell muslimischen Familien, sollte der Gesprächskreis auf Frauen begrenzt werden, damit diese Mütter teilnehmen können.

Schlusswort

Wie generell in der Elternarbeit sollten Erzieher/innen zunächst per Situations- und Bedarfsanalyse herausfinden, welche Bedürfnisse und Wünsche Migranteneltern haben. Dann können verschiedene Formen der Elternarbeit ausprobiert werden - wobei Enttäuschungen nicht ausbleiben werden: Beispielsweise können manche Migranteneltern trotz aller Bemühungen nicht erreicht werden oder einzelnen Eltern vermittelte Angebote und Termine (z.B. ein Sprachkurs, ein Gespräch in der Frühförderstelle) werden nicht genutzt. Aber solche Frustrationen erleben Erzieher/innen auch mit deutschen Eltern - und trotzdem trachten sie weiterhin nach einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft. Man darf nur nicht den Mut verlieren...

Literatur

Knisel-Scheuring, G.: Interkulturelle Elterngespräche. Gesprächshilfen für Erzieherinnen in Kindergarten und Hort. Lahr: Kaufmann 2002

Schlösser, E.: Zusammenarbeit mit Eltern - interkulturell. Informationen und Methoden zur Kooperation mit deutschen und zugewanderten Eltern in Kindergarten, Grundschule und Familienbildung. Münster: Ökotopia 2004

Textor, M.R.: Elternarbeit im Kindergarten. Ziele, Formen, Methoden. Norderstedt: BoD 2005