Aus: Edith Ostermayer: Bildung durch Beziehung. Wie Erzieherinnen den Entwicklungs- und Lernprozess von Kindern fördern. Freiburg, Basel, Wien: Herder 2006, S. 45, 52-57

Bildung und Lernen braucht Beziehungen - für eine positive Entwicklung

Edith Ostermayer

 

Aspekte der Entwicklungspsychologie

In der Darstellung des Konzeptes der Ko-Konstruktion sowie in der Darstellung der unterschiedlichen pädagogischen Ansätze hinsichtlich des Bildes vom Kind wird bereits ersichtlich: Bildung, insbesondere die frühkindliche Bildung, beruht auf Beziehungen: Beziehungen zu Dingen, Gedanken und Personen. Indem sich das Kind mit diesen Elementen auseinander setzt, setzt es sich zu ihnen in Beziehung. Dabei spielen im frühen Entwicklungsalter Emotionen eine entscheidende Rolle. Gerade diese geben nämlich den Dingen, Personen und Gedanken eine Bedeutung. Das Kind braucht erwachsene Vorbilder und Partner, die auf seine Welt- und Selbsterfahrung reagieren, durch sprachliche und emotionale Äußerungen, durch Mimik, Gestik und Verhalten. Es muss eine interessierte Resonanz durch die Erwachsenen um sich herum erfahren, damit es Selbstbestätigung, Sicherheit und Vertrauen, auch Zutrauen erleben kann.

Das setzt voraus, dass das Kind in verlässliche Beziehungen und sichere Bindungen eingebettet ist. Nur so ist es möglich, sich als Subjekt zu erfahren, das Beziehungen zu seiner Umwelt knüpft und knüpfen kann. Auch hier ist die Rolle des Erwachsenen bedeutsam, der Spiel- und Freiräume zur Erforschung der kindlichen Lebenswelt und zur Ermöglichung eigener Erfahrungen bereitzustellen hat. Insbesondere sollte dieser bereit und in der Lage sein, sich innerlich von dem ansprechen zu lassen, was das Kind tut.

Sichere und unsichere Bindungen und ihre Folgen

Die sichere Bindung zu einer Bezugsperson ist die wichtigste Bedingung, damit sich das Kind mit gelöster Aufnahmebereitschaft der Welt zuwendet. Sicher gebundene Kinder besitzen eine hohe emotionale Stabilität. Dadurch sind sie in der Lage, altersangemessene Formen der Autonomie und des Sozialverhaltens zu entwickeln. Sie können ihre kognitiven und kreativen Potenziale entfalten und ihre Kompetenzen ideal einsetzen. So lösen sie z.B. selbstständig Konflikte. Sie entwickeln beim Spiel Fantasie und Ausdauer, sie spielen erfindungsreich und tolerant. Wenn sie verloren haben, strengen sie sich in der nächsten Runde stärker an und holen sich Hilfe, wenn sie alleine nicht weiter kommen. Dies nur als ein paar konkrete Beispiele, die bei sicher gebundenen Kindern zu beobachten sind.

In der Übergangsphase von der Familie in die Kindertageseinrichtung zeigen insbesondere jüngere Kinder, die sicher gebunden sind, in den Trennungssituationen Bindungsverhalten. Sie weinen, schreien und haben ganz eindeutig Kummer. Sie sind in diesen Situationen hohem Stress ausgesetzt, da sie große Unsicherheit und Angst haben, die Bindungsperson komme nicht wieder. An diesem Verhalten lässt sich sehr gut eine sichere Bindung zur ersten Bezugsperson festmachen.

Unsicher-vermeidend gebundene Kinder dagegen verhalten sich in Eingewöhnungssituationen häufig unauffällig und eher angepasst. Dabei erleben sie ebensolchen Stress wie das sicher gebundene Kind. Sie zeigen dies nur nicht. Sie erscheinen eher angepasst und in sich gekehrt. Häufig stellt sich bei unsicher gebundenen Kindern nach einiger Zeit der Eingewöhnung Krankheit ein. Das zeigt, dass sie durch den dauerhaften (meist unterdrückten) Stress sehr beeinträchtigt sind.

Unsicher gebundene Kinder reagieren in Konflikten eher aggressiv oder ängstlich. Sie gehen Konflikten ganz aus dem Weg oder holen die Erzieherin zur Hilfe.

Unsicher-ambivalent gebundene Kinder ähneln in ihren Reaktionen den unsicher-vermeidend gebundenen Kindern. Ihnen fehlt meist die elementare Erfahrung wirkungsvoller und gelingender Kommunikation, die sie die Welt als vertrauenswürdig erfahren lässt. Neues erscheint ihnen häufig bedrohlich, insbesondere dann, wenn der erste Versuch, sich mit dem Neuen auseinander zu setzen, nicht auf Anhieb befriedigend gelingt oder zum gewünschten Ergebnis führt. In Eingewöhnungssituationen - insbesondere der jüngeren Kinder - zeigen sie häufig heftiges Schreien und schlagen um sich. Sie lassen in ihrer Not und Verzweiflung weder Trost noch Nähe der Erzieherin zu.

Diese Kinder zeigen ebenso meist wenig Frustrationstoleranz. Sie reagieren eher impulsiv und aggressiv und ziehen sich enttäuscht und ängstlich zurück. Sie verweigern sich unbekannten Herausforderungen, und oftmals fehlt es an Durchhaltevermögen. Das wiederum wirkt sich häufig verhängnisvoll auf die Konzentration und die Lernmotivation aus. Unsicher gebundenen Kindern mangelt es demnach an dem grundlegenden Vertrauen zu sich selbst und zu ihren sozialen Beziehungen.

Eine sichere Bindung dagegen erweist sich als beste Grundlage für eine angemessene harmonische Persönlichkeitsentfaltung und Weltbewältigung. Sie ist somit die beste Basis für einen gelingenden Bildungsprozess.

So können Sie eine sichere Bindung von Kindern im Rahmen Ihrer pädagogischen Arbeit unterstützen:

Beobachten Sie das Kind vom ersten Kennen lernen über den Eintritt in Ihre Einrichtung und seine weitere Entwicklung:

  • Hat es die Anfänge der Selbst- und Objektkonstanz erworben?
  • Hat es ein gesundes Urvertrauen und ein altersangemessenes Selbstwertgefühl aufgebaut?

Beobachten Sie das Interaktionsverhalten zwischen den primären Bezugspersonen und dem Kind:

  • Versorgen diese Personen das Kind verlässlich?
  • Stehen sie authentisch zur Verfügung?
  • Nehmen sie das Kind so an, wie es ist?

Brauchen Eltern Hilfe und Unterstützung?

  • Können Sie diese selbst gewähren, z.B. durch Beratung?
  • Sollten Sie an eine andere Beratungsinstitution verweisen?
  • Brauchen die Eltern Begleitung beim Eintritt ihres Kindes in die Kindertageseinrichtung?
  • Gehen Sie selbst sorgsam mit der Trennungsangst der Bezugspersonen um?
  • Gelingt es Ihnen, Vertrauen zwischen Ihnen und den Eltern aufzubauen?

Ihre eigenen Bindungserfahrungen haben immer Einfluss auf Ihre Wahrnehmung, Beobachtung und Interpretation von Beobachtetem, ebenso auf Ihre Verhaltenstendenzen. Reflektieren Sie selbst:

  • Wie ist Ihre eigene Bindungsgeschichte?
  • Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen z.B. hinsichtlich gelingender Kommunikation und Konfliktlösung?

Während des Übergangs des Kindes von der Familie in den Kindergarten ist deutlich zu unterscheiden zwischen der Trennungsangst vonseiten der Mutter und der vonseiten des Kindes. Die mütterliche Angst darf das Kind in seiner Stabilität nicht beeinträchtigen. Bahnen Sie deshalb schon möglichst lange vor dem Eintritt des Kindes in den Kindergarten ein erstes Kennen lernen und Vertraut werden an - sowohl mit dem Kind als auch mit seiner(n) Bezugs- und Bindungsperson(en).

Lernen Sie in gemeinsamen Gesprächen die Einstellung dieser Personen zur Trennung und dem Übergang in die Einrichtung kennen. Begleiten Sie sie bei ihren Ängsten und Befürchtungen. Außerdem können Sie bereits hier schon wichtige Informationen über das Kind, seine Gewohnheiten und seinen Entwicklungsstand erfahren. Wenn es gelingt, bereits in dieser Phase Vertrauen zwischen Familie und Kindertageseinrichtung aufzubauen, hat das Kind gute Chancen für einen gelingenden Start.

Bei vermutlich unsicher gebundenen Kindern empfiehlt sich ein behutsamer Übergang von der Familie in die Kindertageseinrichtung, der ein allmähliches Lösen von der ersten Bezugsperson, meist die Mutter, ermöglicht. Diese sollte für das Kind anfangs auch räumlich noch bereit stehen dürfen und sollte vor allem emotional immer zur Verfügung stehen (Hier gibt das Berliner Eingewöhnungsmodell wertvolle Empfehlungen).

Welche Möglichkeiten haben nun Erzieherinnen im Bezug auf Bindungsgestaltung in Kindertageseinrichtungen?

Was für die sichere Bindung zur Mutter gilt, ist natürlich ebenso auf die Beziehung zur Erzieherin übertragbar. Diese sollte zum einen vor allem verlässlich sein. Das Kind muss sicher sein, dass es bei der Erzieherin in jeder Notsituation, bei Bedrohung, Angst oder Mangel Schutz, Verständnis und Hilfe erfährt. Auch sollte die Erzieherin in der Lage sein, den Kindern gegenüber konstante Reaktions- und Verhaltendtendenzen zu zeigen. Zum anderen sollte sie - und das ist von hoher Bedeutung - emotional verfügbar sein. Sie sollte in der Lage sein, das kindliche Verhalten sowie seine Befindlichkeit wahrzunehmen, diese richtig zu interpretieren und möglichst zeitnah zu reagieren. Manche Kinder mögen es z.B. nicht, auf den Arm genommen zu werden oder immer wieder im Gesicht oder auf sonstige Weise körperlich berührt zu werden.

Alle hier genannten Aspekte sind insbesondere in der Übergangsphase des Kindes aus der Familie in die Einrichtung zu bedenken. Meiner Erfahrung nach kann immer wieder nur betont werden: Wird die Eingewöhnungsphase sensibel, bewusst und verantwortungsvoll gestaltet, ist der beste Start für die Anbahnung von Beziehung und/oder Bindung gelegt - und damit die Chance für eine weitere positive Entwicklung des Kindes. Diese ersten Erfahrungen von Trennung und Übergangsbewältigung haben Einfluss auf alle folgenden - wie z.B. auf den Übergang von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule, von der Grundschule in die weiterführende Schule, sogar auf den Übergang von der Schule in den Beruf. Der in neuen Bildungskonzepten auftauchende Aspekt der Transitionen beschreibt schlussendlich genau das. Er fordert für die bewusste und verantwortungsvolle Gestaltung von Übergängen insbesondere die Stärkung von Grund- und Selbstvertrauen.

Welche Voraussetzungen für gelingende Bildung können Erzieherinnen im pädagogischen Alltag schaffen?

Eine wesentliche Voraussetzung für Bildung ist - wie bisher deutlich wurde - eine offene Haltung vonseiten des Kindes. Nur wenn ein Kind bereit ist, der Welt zu begegnen und sich mit ihr auseinander zu setzen, wird Bildung für das Kind möglich. Erst wenn es offen ist für die Herausforderung, die vielen Aspekte seiner Lebensumwelt intensiv aufzunehmen, kann Bildung gelingen.

Dies erfordert vom Kind gelöste Aufmerksamkeit und Aufnahmebereitschaft. Sie ist dann möglich, wenn ein Kind ruhig bei sich ist und sich gleichzeitig wach seiner Umgebung widmet.

Das Kind wiederum kann nur dann offen sein, wenn es nicht aufgrund von Bedrohung seine Grenzen schließen und bewachen muss, sondern wenn Vertrauen und Angstfreiheit herrschen. Dann kann es seine Neugierde entfalten.

Die gesteigerte Form von Wachheit ist Konzentration. Konzentration wiederum erfordert entspannte, ruhige Zentriertheit und die Möglichkeit für das Kind, dass es seinen Wahrnehmungen und Erfahrungen Raum und Zeit geben darf. Erst unter diesen Voraussetzungen kann es das Gelernte integrieren, indem es bei sich bleiben und ankommen kann.

Angstfreie Offenheit, Neugierde und entspannte, ruhige Konzentration bilden die psychischen Ausgangsbedingungen für gelingendes Lernen - und das in jedem Lebensalter. Das bedeutet für den Erwachsenen, der kindliche Bildungsvorgänge unterstützen möchte, dass er stets ein Augenmerk auf die psychische Verfasstheit des Kindes richtet. Vor allem sollte er Sorge dafür tragen, dem Kind zur notwendigen emotionalen Balance und Sicherheit zu verhelfen.

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Edith Ostermayer: Bildung durch Beziehung. Wie Erzieherinnen den Entwicklungs- und Lernprozess von Kindern fördern. Freiburg, Basel, Wien: Herder 2006

Autorin

Edith Ostermayer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Fortbildungsinstitut und in der Fortbildung von Erzieherinnen tätig. Sie arbeitete langjährig als Erzieherin und Leiterin in mehreren Kindertageseinrichtungen. Kontakt: edith.ostermayer@web.de