Aus: klein & groß 1998, Heft 2, S. 34-39

Öffnung des Kindergartens

Martin R. Textor


Nachdem in den neuen Bundesländern schon in den letzten Jahren ein Überangebot an Kindergartenplätzen bestand, zeichnet sich nun eine vergleichbare Entwicklung in den alten Bundesländern ab: Der Bedarf ist vielerorts gedeckt oder ist bereits niedriger als das Angebot. In den kommenden Jahren wird aufgrund des Geburtenrückgangs ein immer größerer Teil der Kindergartenplätze unbesetzt bleiben. Beispielsweise wird die Zahl der Fünfjährigen von 950.400 (1993) voraussichtlich auf 530.900 (2040) sinken. Somit wird in den alten Bundesländern eine ähnliche Situation entstehen wie in den neuen: Nachdem aufgrund der angespannten Finanzlage bei Land und Gemeinden nicht anzunehmen ist, dass die Gruppengrößen reduziert werden, werden Einrichtungen schließen oder die Zahl ihrer Gruppen reduzieren müssen. Diese Entwicklung hat mancherorts bereits begonnen. Die skizzierte Situation dürfte in größeren Orten zur Konkurrenz zwischen den von Schließung oder Verkleinerung bedrohten Kindergärten führen.

Eine solche Wettbewerbssituation wäre für Kindergärten neuartig, obwohl sie für unsere Leistungsgesellschaft charakteristisch ist. Zum einen werden Erzieherinnen untereinander um die verbleibenden Stellen konkurrieren, zum anderen werden Einrichtungen miteinander um die Kinder wetteifern. Ein solcher Wettbewerb wird führen zu:

  1. einer Profilierung der einzelnen Einrichtungen - nur wer ein einmaliges, unverkennbares Profil hat, wird sich aus der Menge der "Mitbewerber" hervorheben.
  2. mehr "Kundenorientierung" bzw. Elternorientierung - nur wer den Wünschen und Erwartungen von Eltern hinsichtlich der Öffnungszeiten, des Tagesprogramms, der Erziehungsschwerpunkte usw. entgegenkommt, wird den Wettbewerb für sich entscheiden.
  3. mehr Werbung und Öffentlichkeitsarbeit - nur wer vor Ort bekannt ist und seine Vorzüge anpreist, wird mehr Anmeldungen auf sich vereinen.
  4. mehr Leistung seitens der Mitarbeiterinnen - nur wenn jedes Teammitglied seinen Beitrag zur Profilierung, zu einer qualitativ hochwertigen, den Bedürfnissen entsprechende Kindergartenarbeit und zur Öffentlichkeitsarbeit leistet, kann die Einrichtung überleben.

Kunden- bzw. Elternorientierung und Werbung verdeutlichen schon als Begriffe, dass Kindergärten wohl Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungseinrichtungen bleiben, aber zusätzlich Charakteristika von "sozialen Dienstleistungsunternehmen" (Jansen 1995) entwickeln müssen. Als solche werden sie genau die Lebenslagen und die Bedürfnisse von Eltern und Kinder vor Ort analysieren und dann ihre Konzeption an den jeweiligen Bedarf anpassen müssen (Textor 1996b). Dabei wird es nicht ausreichen, nur dem Betreuungsbedarf von Kindern zu entsprechen, sondern auch die Wünsche der Eltern nach sozialen Kontakten, nach Gesprächsaustausch über Kindererziehung und Familienfragen, nach Freizeitangeboten und Beratung müssen dann Berücksichtigung finden. Nur wenn Eltern und Kinder zufrieden sind, wird sich ein Kindergarten auf dem "Markt" der Betreuungsangebote behaupten können.

Elternorientierung und Profilierung bedeuten zugleich, dass es zu einer Pluralisierung der Betreuungsangebote kommen wird. Sofern die bisherigen Gestaltungsfreiheiten vom Staat unangetastet bleiben, werden sich die Einrichtungen vor allem hinsichtlich ihrer Öffnungszeiten, der Raumkonzepte, der Zusammensetzung der Kindergruppe (z.B. nur türkische oder nur hochbegabte Kinder), der Altersmischung (z.B. altershomogene Gruppen, kleine oder große Altersmischung), der pädagogischen Ansätze, der Schwerpunktsetzung (z.B. musisch-kreativer Bereich, kognitive Förderung, Sozialerziehung, kompensatorische Förderung), besonderer Angebote (z.B. Sprachkurs, Integration Behinderter, Einsatz von Computern) sowie des Umfangs der Elternmitarbeit und -mitbestimmung unterscheiden.

Aus dieser Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten können in diesem Artikel natürlich nur einige wenige behandelt werden. Ich werde mich im Folgenden auf diejenigen beschränken, die man unter dem Oberbegriff "Öffnung von Kindergärten" zusammenfassen kann (zur Vertiefung siehe Becker-Textor/Textor 1998).

Bedarfsgerechte Öffnungszeiten

Nachdem ich gerade von Dienstleistungshaltung und Elternorientierung von Kindergärten gesprochen habe, ist in diesem Kontext zunächst einmal an flexible Öffnungszeiten zu denken. Wenn heute z.B. in Bayern etwa 55 % aller Frauen mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren berufstätig sind und weitere 12 % dies sein möchten (Schmidt 1996), müssen Kindergärten auf den daraus resultierenden veränderten Betreuungsbedarf reagieren. Dabei ist zu beachten, ob Eltern ganztags oder halbtags berufstätig sind, wann ihr Arbeitstag beginnt, ob sie Schichtarbeit leisten müssen usw. Auch aus den ab November 1996 verlängerten Öffnungszeiten von Geschäften ergibt sich oft ein besonderer Betreuungsbedarf. Und wer passt z.B. auf Kleinkinder von allein erziehenden Frauen auf, die nun an Samstagen bis 16.00 Uhr arbeiten müssen? Bei Teilfamilien und solchen mit zwei erwerbstätigen Eltern ist außerdem zu bedenken, dass Berufstätige nur einen begrenzten Urlaubsanspruch haben und diesen oft nicht nehmen können, wenn der Kindergarten schließt. Viele Eltern mit Kleinkindern möchten auch gerne in der Vorsaison oder Nachsaison Urlaub machen, weil dies weniger kostspielig ist. Besonders problematisch ist die Situation, wenn die Einrichtung im Verlauf eines Jahres für mehr als 25 Arbeitstage schließt.

So gilt es, die Lebenslagen von Eltern vor Ort zu erfassen, zu verstehen und entsprechend zu reagieren. So könnten z.B. Elternbefragungen hinsichtlich der gewünschten Öffnungszeiten zur Regel werden. Dies bedeutet natürlich nicht, allen Wünschen von Eltern entgegenzukommen und damit alle pädagogischen Überzeugungen "über Bord zu werfen". Keinesfalls soll dafür plädiert werden, nun alle Kindergärten bis 20.00 Uhr und auch noch am Samstag zu öffnen. Vielmehr geht es darum, den Bedarf vor Ort zu erfassen und darauf differenziert zu reagieren. Das kann dann wie z.B. im Kinderzentrum München-Lincolnstraße dazu führen, dass jede Gruppe zu ganz unterschiedlichen Zeiten öffnet und schließt, dass sie sich hinsichtlich der Betreuungsdauer unterscheiden und dass sie zu verschiedenen Zeiten Ferien machen. Dies ist natürlich bei einer sechsgruppigen Einrichtung leichter als bei einer zweigruppigen. Das spricht aber nicht dagegen, dass sich in einem Ort oder Stadtteil mehrere Kindergärten hinsichtlich der Öffnungszeiten absprechen und dadurch fast alle Eltern vor Ort ein ihrem Bedarf entsprechendes Angebot vorfinden - wenn auch nicht immer im nächsten Kindergarten. Machen die Einrichtungen im Ort oder Stadtteil zu unterschiedlichen Zeiten Ferien, sodass unversorgte Kinder in anderen Kindertagesstätten mitbetreut werden können, oder richten sie Notgruppen ein, gewinnen Eltern ihre Freiheit hinsichtlich der Urlaubsgestaltung zurück.

Selbstverständlich ist m.E., dass sehr lange Öffnungszeiten einer besonderen finanziellen Förderung bedürfen. Allerdings ist zu beachten, dass auch durch eine flexiblere Dienstplangestaltung längere Öffnungszeiten gewährleistet werden können. Beispielsweise kann während der Bring- und Abholzeiten nur eine Kraft pro Gruppe anwesend sein oder können dann Mitarbeiterinnen gruppenübergreifend eingesetzt werden. Überstunden können zu belegungsarmen Zeiten (um Feiertage herum, während der Schulferien) eingebracht werden, sodass weniger zusätzliche Schließtage zwecks Überstundenausgleich zustande kommen.

Weite Altersmischung

Im Zusammenhang mit den zurückgehenden Kinderzahlen oder den mancherorts bereits vorhandenen Überkapazitäten ist auch die vielerorts erfolgende Mitbetreuung von Kleinst- und Schulkindern in Kindergärten zu sehen. Auf diese Weise wird nicht nur manche Ganztagsgruppe "überleben" und Erzieherinnen vor Änderungskündigungen bewahrt bleiben, sondern auch der generell bestehende Bedarf an Betreuungsangeboten für Kleinstkinder und junge Schulkinder gemildert werden. Neben diesen eher pragmatischen Motiven für die neue Regelung sind auch pädagogische erwähnenswert. Beispielsweise kann die Mitbetreuung von Schulkindern im Kindergarten folgende positive Folgen haben:

  1. Die Anwesenheit von Schulkindern führt zu neuen Entwicklungsanreizen für die älteren Kindergartenkinder, bei denen oft schon eine gewisse "Kindergartenmüdigkeit" auftritt. Es werden anspruchsvollere (Rollen-)Spiele, Bastelarbeiten und Bilder gemacht, Gespräche auf einem höheren Niveau geführt. Dies dürfte sich vor allem auf die kognitive und Sprachentwicklung der älteren Kindergartenkinder positiv auswirken.
  2. Schulkinder sind für Kindergartenkinder Vorbilder und Rollenmodelle. Dies dürfte von Bedeutung für die soziale Entwicklung, das Regelverständnis, die Lernmotivation, das Erlernen von Konflikt- und Problemlösetechniken etc. sein.
  3. Durch Schulkinder ist das Schulleben kontinuierlich im Kindergarten präsent. Auf diese Weise wird der als schwierig geltende Übergang vom Kindergarten in die Schule erleichtert. Zudem finden Schulanfänger in der Grundschule ihnen bekannte Kinder vor, was die Eingewöhnung erleichtern dürfte.
  4. Die Schulkinder profitieren von der Anwesenheit in der Kindergartengruppe, wenn sie z.B. aus Bilderbüchern vorlesen und dadurch das Lesen üben, wenn sie Jüngeren etwas erklären und auf diese Weise ihr Wissen vertiefen, wenn sie Schwächeren helfen und so ein positives Sozialverhalten entwickeln. Zugleich wird ihr Selbstwertgefühl gestärkt.
  5. Die Schulkinder erfahren eine intensivere Förderung als im Hort, da die Kindergartenerzieherin individuell auf die wenigen Schulkinder und deren Lernprobleme eingehen kann.
  6. Die Schulkinder finden im Spiel mit Kindergartenkinder Entspannung und einen Ausgleich zu schulischen Leistungsanforderungen.

Da die Schulkinder in der Regel schon zuvor in dem jeweiligen Kindergarten betreut wurden, verbleiben sie in der ihr vertrauten Umgebung und müssen sich nicht neuen Betreuungsarrangements wie z.B. im Hort anpassen. Die daraus resultierende Sicherheit und Geborgenheit dürfte auch die Eingewöhnung von Erstklässlern in der Schule erleichtern. Allerdings darf nicht ignoriert werden, dass die Betreuung einiger weniger Schulkinder im Kindergarten für diese zu einer Stigmatisierung in der Klassengemeinschaft führen könnte ("Der geht ja noch in den Kindergarten!"). Die Betroffenen könnten dann u.U. durch aggressives Verhalten versuchen, ihre Identität als Schulkinder zu sichern. Zudem sind ältere Kinder generell nicht nur positive Verhaltensmodelle. Sie können auch immer wieder ihre Überlegenheit und Stärke ausspielen oder jüngere Kinder durch abwertende Kommentare über deren Fähigkeiten entmutigen. Hinzu kommt, dass Schulkinder mit einem hohen Betreuungsbedarf oftmals "Problemkinder" sind. Aber auch aufgrund der nun größeren Altersstreuung steigen die Anforderungen an die Fachkräfte. Schließlich ist eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Erzieher/innen und Lehrer/innen unabdingbar.

Neben dieser oftmals eher "informellen" Mitbetreuung von Kleinst- und Schulkindern haben sich viele Kindergärten auch zu Einrichtungen mit einer weiten Altersmischung entwickelt. Die "kleine Altersmischung" von Kindern zwischen null und sechs Jahren ist inzwischen in Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen weit verbreitet, aber auch in skandinavischen Ländern wie Dänemark und Schweden. In den so genannten Kinderhäusern bzw. Familiengruppen wird zumeist die "große Altersmischung" von Kindern ab null oder drei Jahren bis hin zu zehn oder 12 Jahren praktiziert. Berichte über solche Betreuungsformen in Büchern und Fachzeitschriften waren bisher überwiegend positiv und wurden meines Wissens noch nicht durch Gegenstellungnahmen entkräftet (siehe z.B. Erath 1992; Klein/Vogt 1995; Krappmann/Peukert 1995). Es werden aber auch einzelne Nachteile und Probleme genannt, die an dieser Stelle nicht dargestellt werden können (siehe hierzu: Textor 1997). Nur wenn bewusst durch die Erzieherinnen die potentiellen Nachteile der kleinen bzw. großen Altersmischung verhindert werden, kann eine qualitativ hochwertige pädagogische Arbeit gewährleistet werden.

Elternarbeit und -mitwirkung

Die Stichworte "Elternorientierung" und "Öffnung nach außen" verweisen natürlich auch auf eine intensivierte Elternarbeit. Da dieses Thema von mir schon vielfach behandelt wurde (siehe z.B.: Textor 1994), möchte ich mich auf folgende Thesen beschränken:

  1. Aus vielen Untersuchungen ist bekannt, dass in der Kleinkindheit die Familie diejenige Sozialisationsinstanz ist, die am stärksten die kindliche Entwicklung prägt. Aufgrund der abnehmenden Kinderzahl und der zunehmenden Anforderungen an ihre Erziehung und Bildung ist der "Wert" jedes einzelnen Kindes gestiegen. Viele Eltern widmen seiner Erziehung viel Zeit und Kraft. Sie sind aber auch immer mehr daran interessiert, wie ihre Kinder in Tageseinrichtungen erzogen werden und welche Lernerfahrungen sie dort machen.
  2. Kindergartenarbeit kann ohne eine intensive Zusammenarbeit mit Eltern nicht erfolgreich sein. Es gilt, auf dem Wege einer wechselseitigen Öffnung und des Informationsaustausches zur dialogischen Erziehungspartnerschaft zu kommen. Beide Seiten erfahren, wie sich das Kind in der jeweils anderen Lebenswelt verhält. Der wechselseitige Austausch über Erziehungsziele und -stile führt zur Kontinuität privater und öffentlicher Erziehung.
  3. Konzeptionelle Veränderungen, z.B. hin zum Situationsansatz, verlangen verstärkt mehr Transparenz der Kindergartenarbeit, damit die Neuerungen auch von den Eltern mitgetragen werden kann. Mangelndes Wissen der Eltern kann zu Konflikten und Missverständnissen führen, da die Zielsetzungen scheinbar auseinanderlaufen. Vordergründig scheinen z.B. das Arbeiten nach dem Situationsansatz und die Hinführung zur Schulreife einen gewissen Widerspruch zu beinhalten.
  4. Durch Elternbildung in Gesprächskreisen, Interessengruppen und Einzelgesprächen oder bei Elternabenden werden Informationen über die kindliche Entwicklung, ein positiv wirkendes Erziehungsverhalten und Förderungsmöglichkeiten vermittelt. Erziehungsunsicherheit (aufgrund geringer Erfahrung mit Kindern und der Konfrontation mit widersprüchlichen Ratschlägen) kann reduziert und der Umgang der Eltern mit ihrem Kind verbessert werden. So wird ein positiver Einfluss auf die Familienerziehung ausgeübt.
  5. Da Kindergärten häufig mit kindlichen Verhaltensauffälligkeiten und Familienproblemen konfrontiert werden, dürfen sie sich nicht nur als familienergänzende, sondern müssen sich auch als familienunterstützende Jugendhilfeeinrichtungen verstehen. Das setzt z.B. eine Verbesserung von Beratungskompetenzen voraus.
  6. Es gibt eine Vielzahl von Formen der Elternmitarbeit - in einer von mir mitverfassten Broschüre wurden rund 70 Formen genannt (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit 1996). Deshalb gilt, nicht möglichst viele verschiedene Angebote zu machen (Gefahr sinkender Teilnehmerzahlen), sondern sich auf einige Formen zu beschränken, die den Bedürfnissen der Familien und Erzieherinnen entsprechen - qualitative Verbesserungen sind wichtiger als eine quantitative Ausweitung. Das setzt eine Situations- und Bedarfsanalyse, die darauf aufbauende Entwicklung eines individuellen Konzepts der Elternarbeit des jeweiligen Kindergartens und eine gewisse Experimentierfreudigkeit voraus. Jeder Kindergarten muss seine eigene Elternarbeit entwickeln, die sich an den örtlichen Gegebenheiten, dem Team, den Eltern und Kindern und deren Lebenswirklichkeit orientiert.
  7. Viele junge Familien haben heute relativ wenig Verwandtschafts- und Freundschaftskontakte vor Ort. Elternarbeit im Kindergarten kann einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung sozialer Netzwerke und zur Förderung von Familienselbsthilfe leisten.
  8. Mitwirkung von Eltern im Rahmen der pädagogischen Arbeit des Kindergartens, bei Projekten, Veranstaltungen und besonderen Aktivitäten entlastet nicht nur das Personal, sondern lässt Kinder auch neue Lernerfahrungen machen. Diesem Bereich der Elternarbeit sollte eine größere Bedeutung zukommen. Manche Eltern wollen ferner bei der institutionellen Erziehung ihrer Kinder mitbestimmen (vgl. die zunehmende Verbreitung von Elterninitiativen, Mütterzentren oder Einrichtungen im "Netz für Kinder").

Insbesondere die Chancen, die sich aus der Mitarbeit von Eltern im Kindergarten ergeben, werden von den Fachkräften noch zu wenig gesehen. So kann die Einbindung von Eltern in den Kinderalltag zu einer Bereicherung für die Kinder und damit zu einem qualitativ besseren Angebot führen: Eltern können beispielsweise ihre Berufe vorstellen, die Gruppe an ihre Arbeitsplätze einladen, Kontakte zu Kultureinrichtungen, Verbänden und Institutionen für Behinderte vermitteln, ihre besonderen Hobbys und Fähigkeiten einbringen, Kindergeburtstage mitgestalten, an Projekten mitwirken usw. Außerdem können sie das Fachpersonal entlasten, wenn sie z.B. kurzfristig bei Erkrankung einer Mitarbeiterin einspringen, mit einer kleinen Gruppe von Kindern während einer Hospitation spielen oder Aufgaben wie Gartenneugestaltung, Herstellen von Spielsachen und kleinere Reparaturen übernehmen. Eltern können durchaus auch Angebote der Elternarbeit in Eigenregie gestalten, wie Elterncafé, Elternstammtisch, Hobbygruppe, Gesprächskreis, Elternfasching, Weihnachtsfeier usw. Diese Beispiele verdeutlichen, dass eine derartige Elterneinbindung und -mitarbeit auch für Väter interessant sein dürften und vielleicht zu einer höheren Präsenz von Männern im Kindergarten führen würden - durchaus positiv für die Kinder. Erzieherinnen müssen nicht befürchten, dass sie bei einer derartigen Elternmitarbeit entbehrlich und ersetzbar werden. Sie müssen dann aber ihre Angst vor einer Zusammenarbeit mit Eltern abbauen, das Verhältnis zwischen Professionellen und Laien neu konzipieren und den Eltern mehr Rechte und Freiräume zugestehen.

Vernetzung

Wie schon erwähnt, sollte der Kindergarten sich auch als eine familienunterstützende Jugendhilfeeinrichtung verstehen (vgl. § 22 in Verb. mit § 1 Abs. 3 SGB VIII). Heute sind zwischen 13 % und 20 % der Kindergartenkinder verhaltensauffällig. Allgemein bekannt ist, dass bei dieser Altersgruppe die Ursachen überwiegend in den Familien liegen und dass letztlich Verhaltensauffälligkeiten nur bei Einbeziehung der Eltern abgebaut werden können. Neben den Problemen der Kinder werden die Erzieherinnen aber auch mit den Konflikten, Belastungen und Krisen von Eltern konfrontiert. Wie eine Umfrage im Rahmen des Modellversuchs "Familienunterstützende Maßnahmen im Kontext des Kindergartens" zeigte, wird das Beratungsangebot der Fachkräfte in solchen Fällen nicht nur angenommen, sondern auch positiv bewertet (Textor 1992). Außerdem wird dem Vorschlag, eine Beratungsstelle oder einen Psychosozialen Dienst aufzusuchen, zumeist von den Eltern entsprochen.

Eine Form der Öffnung von Kindergärten zielt somit auf die Vernetzung mit Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe bzw. psychosozialen Diensten ab. Viele Erzieherinnen nehmen Kontakt mit relevanten Institutionen auf, informieren sich über deren Arbeit und besprechen Kooperationsmöglichkeiten. Vereinzelt geht die Initiative aber auch von Beratungsstellen, dem ASD, einer Frühförderstelle oder einer anderen Einrichtung aus. Ein Vorteil dieser Einbindung des Kindergartens in das Netzwerk von Jugendhilfeeinrichtungen ist die gezieltere Vermittlung hilfsbedürftiger Kinder und Familien. Aber auch die Erzieherinnen profitieren: Beispielsweise können aus der Zusammenarbeit mit einer Erziehungsberatungsstelle Fallbesprechungen, Einzel-, Team- oder Fallsupervision, Sprechstunden der Erziehungsberaterin im Kindergarten, Elterngruppen unter deren Leitung u.a. resultieren (siehe hierzu: Textor 1996a). Positive Folgen sind auch für die Jugendhilfeeinrichtungen festzustellen, da sie durch die Kooperation mit Kindertageseinrichtungen frühzeitig intervenieren können - bevor sich kindliche Störungen oder Familienprobleme verfestigt haben.

Öffnung nach außen

Analysiert man die Lebenssituation von (Klein-)Kindern, so kann man eine ganze Reihe von Defiziten feststellen, auf die eine zeitgemäße Kindergartenpädagogik reagieren muss:

Tabelle 1: Ziele einer zeitgemäßen Frühpädagogik

Charakteristika von Kindheit pädagogische Ziele
Ausgliederung aus der Erwachsenenwelt, Verinselung, Leben in Sonderumwelten

pädagogische Besetzung, Fremdbestimmung

Verlust von Erfahrung, Entsinnlichung, Prägung durch (Medien-)Konsum


mangelnde Naturerfahrung

Komplexität und Undurchschaubarkeit der Wirklichkeit

fehlende Sozialkontakte zu Andersaltrigen


Verlust an Fantasie und Kreativität, zu geringe Förderung der Artikulationsfähigkeit und der Motorik

Lebensnähe, Öffnung der Kindertageseinrichtung zu ihrem Umfeld hin, Regionalisierung

Selbsttätigkeit, Mitbestimmung, Kindorientierung

Erfahrungslernen, Handlungsorientierung, Selbsttätigkeit, entdeckendes Lernen

Erfahrungslernen in/mit Natur

exemplarisches Lernen


Förderung von Kontakten mit Gleichaltrigen und Menschen verschiedenen Alters

ganzheitliche Kompetenzförderung

Die sich daraus ergebenden Ziele lassen sich in der Regel nur erreichen, wenn sich der Kindergarten zu seinem natürlichen, sozialen und kulturellen Umfeld hin öffnet. Dies kann auch im Rahmen von Projekten erfolgen (Textor 2009). Insbesondere sollte den Kindern Folgendes ermöglicht werden:

  1. Naturerfahrungen in Wald und Flur, auf dem Bauernhof, durch Gartenarbeit, beim Halten von Tieren, beim Anlegen von Sammlungen usw.
  2. Erkundung der Umgebung der Kindertagesstätte, also der Wohnsituation der Kinder, der Baustile von Häusern, der Gestaltung von Gärten, der Infrastruktur usw.
  3. Kennenlernen der Arbeitswelt durch Besuche in Geschäften, Handwerksbetrieben, Behörden und kommunalen Einrichtungen, bei Eltern an ihrem Arbeitsplatz usw. sowie durch Erkunden und Nachspielen wirtschaftlicher Abläufe
  4. Erkundung kultureller Einrichtungen wie Theater, Museen, Orchester, Zeitungsredaktionen, Kirchen, Schulen usw. sowie entsprechende Aktivitäten in der Einrichtung
  5. Einblick in die Geschichte durch Gespräche mit Senioren, Sammlung alter Bilder und Gegenstände, Gestaltung von Ausstellungen, Besuche im Heimatmuseum, Projekte wie "Leben in der Steinzeit" usw.
  6. Kontakte zu Senioren und Menschen anderer Kulturen durch Besuche im Altenheim, Veranstaltungen mit Seniorenclubs, Kontakte zu Behinderteneinrichtungen, Aktivitäten mit Eltern ausländischer Kinder, "Reisen in ferne Länder" usw.

Viele dieser Erfahrungsräume konnten früher von Kleinkindern selbständig erkundet werden. Da dies heute nur noch ansatzweise möglich ist, müssen Kindergärten sie den Kindern "eröffnen". Nur durch eine Natur-, Umfeld- und Gemeinwesenorientierung können letztlich auch eine ganzheitliche Bildung und Erziehung sichergestellt werden. Insbesondere bei Kindergärten mit einem kirchlichen Träger darf auch die Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde nicht zu kurz kommen.

Innere Öffnung

Abschließend soll noch auf "offene Gruppen" als einer weiteren Form der Öffnung von Kindergärten eingegangen werden. Manche der hier auftretenden potentiellen Vor- und Nachteile werden in der Tabelle 2 zusammengefasst. Den hier exemplarisch genannten Gefahren kann z.B. dadurch begegnet werden, dass eine Öffnung nur ein- oder zweimal pro Woche erfolgt, dass sich immer nur zwei Gruppen füreinander öffnen oder dass nur von Zeit zu Zeit gruppenübergreifende Angebote gemacht werden.

Tabelle 2: Vor- und Nachteile "offener" Gruppen

Kategorie Vorteile/Chancen Nachteile/Probleme/Gefahren
Kinder
  • Kind hat mehr Wahlmöglichkeiten bezüglich Freundschaften: lernt mehr Kinder kennen
  • Kind hat mehr Wahlmöglichkeiten entsprechend seiner Bedürfnisse, Interessen und Wünsche: mehr Angebote, Aktivitäten, Projekte. Mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, weniger Langeweile
  • kleinere Kinder haben mehr Verhaltensmodelle
  • kleinere Kinder mögen eine konstante Bezugsperson und Zuwendung vermissen
  • kleinere Kinder können durch große Gruppe verunsichert werden
  • fehlender Gruppenzusammenhalt, weniger Solidarität
  • eventuell erschwerte Sozialentwicklung: weniger enge Beziehungen zu anderen Kindern aufgrund der fortwährenden Fluktuation in der Zusammensetzung von Spielgruppen, weniger feste Freundschaften, Rückzug schüchterner Kinder usw.
  • besucht ein Kind immer nur bestimmte Angebotszonen oder Beschäftigungen, ist eine allseitige, ganzheitliche Förderung nicht gegeben
Erzieherinnen
  • kennen alle Kinder und Eltern. Ausfall einer Fachkraft ist leichter zu kompensieren
  • schaffen den Kindern ein reichhaltigeres Anregungs- und Erfahrungsfeld
  • mehr Individualisierung bzw. Arbeit in Klein- und Interessengruppen möglich
  • können sich entsprechend ihrer Fähigkeiten und Interessen auf bestimmte Angebote, Beschäftigungen und Projekte spezialisieren: vielfältigere, interessantere Tätigkeit
  • bei großen Einrichtungen mit vielen Gruppen nur schwer zu realisieren
  • weniger Kontinuität in der Förderung eines Kindes
  • Probleme mit der Aufsichtspflicht, wenn Fachkräfte nicht alle benutzten Spielräume überwachen können
  • kennen die einzelnen Kinder und Eltern weniger gut: z.B. erschwertes Erkennen von "Problemkindern", geringer ausgeprägte Vertrauensbasis bei Elterngesprächen
  • müssen mit Widerständen rechnen: offene Gruppen seien chaotisch, zu wenig Förderung
  • mehr Zeit für Planung, Abstimmung, Informationsaustausch usw. notwendig

Ausblick

In diesem Artikel habe ich mehrere Formen der Öffnung von Kindertagesstätten vorgestellt. Sie erlauben auf der Grundlage bestehender Gesetze und Verordnungen eine individuelle Akzentsetzung. Dadurch tragen sie zur Pluralisierung der Betreuungsangebote bei. Eine Einrichtung sollte jedoch neue Entwicklungen nicht willkürlich und ungeplant einleiten. Wichtig ist, dass diese ausführlich im Team diskutiert und von möglichst allen Mitarbeiterinnen mitgetragen werden. Am sinnvollsten ist es, wenn eventuelle Veränderungen wie die Einführung einer Form der Öffnung des Kindergartens im Kontext der Konzeptentwicklung oder -fortschreibung (Textor 1996b) diskutiert wird. Dann kann im Rahmen der Situations- und Bedarfsanalyse geprüft werden, ob sie den Lebenslagen, Bedürfnissen und Wünschen der Eltern und Kleinkinder vor Ort entspricht. Auch kann sichergestellt werden, dass sie sich harmonisch in das Ganze der Konzeption einfügt. Unabdingbar ist ferner, dass die Eltern und der Träger die Einführung von Formen der Öffnung des Kindergartens befürworten und unterstützen.

Literatur

Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit (Hg.): Elternmitarbeit: Auf dem Wege zur Erziehungspartnerschaft. München: Selbstverlag 1996

Becker-Textor, I./Textor, M.R.: Der offene Kindergarten - Vielfalt der Formen. Freiburg, Basel, Wien: Herder, 2. Aufl. 1998

Erath, P.: Abschied von der Kinderkrippe. Plädoyer für altersgemischte Gruppen in Tageseinrichtungen für Kinder. Freiburg: Lambertus 1992

Jansen, F.: Eltern als Kunden? Erziehung als gemeinsame Aufgabe von Familien und Einrichtungen. Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 1995, 103, S. 313-317

Klein, L./Vogt, H.: Leben in der Familiengruppe. Ein Praxisbuch über die große Altersmischung. Freiburg: Lambertus 1995

Krappmann, L./Peukert, U. (Hg.): Altersgemischte Gruppen in Kindertagesstätten. Reflexionen und Praxisberichte zu einer neuen Betreuungsform. Freiburg: Lambertus 1995

Schmidt, G.: Frauen in Familie und Beruf. Teil 2: Erwerbsbeteiligung von Frauen - Ergebnisse des Mikrozensus. Bayern in Zahlen 1996, 127, S. 235-239

Textor, M.R. (Red.): Familienunterstützende Maßnahmen im Kontext des Kindergartens. Bericht über einen Modellversuch in Passau. München: Bayerisches Staatsministerium für Arbeit, Familie und Sozialordnung 1992

Textor. M.R. (Hg.): Elternarbeit mit neuen Akzenten: Reflexion und Praxis. Freiburg, Basel, Wien: Herder 1994

Textor, M.R. (Hg.): Problemkinder? Verhaltensauffällige Kinder in Kindergarten und Hort. Weinheim, Basel: Beltz 1996a

Textor, M.R.: Konzeptionsentwicklung in Kindertageseinrichtungen. In: Klaus Schüttler-Janikulla (Hg.): Handbuch für ErzieherInnen in Krippe, Kindergarten, Vorschule und Hort. Neuausgabe. München: mvg-verlag 1996b

Textor, M.R.: Vor- und Nachteile einer weiten Altersmischung in Kindertageseinrichtungen. In: Klaus Schüttler-Janikulla (Hg.): Handbuch für ErzieherInnen in Krippe, Kindergarten, Vorschule und Hort. Neuausgabe. München: mvg-verlag 1997, 21. Lieferung

Textor, M.R.: Projektarbeit im Kindergarten. Planung, Durchführung, Nachbereitung. Norderstedt: Books on Demand, 2. Aufl. 2009

Tietze, W./Roßbach, H.-G.: Die Betreuung von Kindern im vorschulischen Alter. Zeitschrift für Pädagogik 1991, 37, S. 555-579