Aus: Kindergarten heute 2005, Heft 8, S. 26-31

Wissen, wo's langgeht! Mit Kindern Karten und Stadtpläne erkunden

Herbert Österreicher

 

Seit grauer Vorzeit existieren Karten, mit deren Hilfe Menschen ihren Weg suchen und sich orientieren. Vermutlich enthielten sie Hinweise auf Berge und Küsten, Wasserstellen und günstige Wege, vielleicht auch Warnungen vor gefährlichen Orten. Eines ist allen Darstellungen gemeinsam: der Wunsch, mit Hilfe mehr oder weniger einfacher Mittel die flüchtigen Eindrücke einer unübersichtlich scheinenden Welt zu ordnen.

Heute sind Karten ein weit verbreitetes Hilfsmittel in allen Bereichen des Lebens. Ihr Reiz liegt in ihrer Mittlerstellung zwischen einer sinnlich erfahrbaren Welt und einem abstrakten Abbild unseres Gehirns. Rätselhafte Eintragungen vergrößern diesen Reiz und bieten Gelegenheit zu langen Erörterungen über die Bedeutung des Dargestellten.

Kinder entwickeln häufig schon früh ein lebhaftes Interesse an Landkarten und Skizzen von Wegen und Orten. Auch hier leitet sie der Forschergeist, etwas zu entdecken und zu verstehen, das zur Welt der Erwachsenen gehört und offenbar ein ganz besonderes Werkzeug darstellt.

Kindern solche Entdeckungen zu ermöglichen und sie darin gezielt zu unterstützen, ist das Ziel einer Pädagogik, die insbesondere auch naturwissenschaftliche Grundlagen schaffen will. Es geht dabei um Möglichkeiten und Techniken einer Disziplin, die im Vorschulbereich bislang eher selten zu finden ist: Geografie und Kartografie.

Wer einmal begonnen hat, mit Kindern dieses Thema aufzugreifen, wird von dessen Bandbreite und Vielseitigkeit fasziniert sein. Dabei werden die eigene Neugier und die der Kinder vermutlich rasch auch in die Beschäftigung mit älteren Techniken der Kartografie münden: Schon unter den ersten Zeichnungen, die Kinder anfertigen, befinden sich "Karten", mit deren Hilfe sie das, was ihnen wichtig ist, in den Vordergrund rücken und betonen. Und sie illustrieren eigene Karten gern mit zusätzlichen Hinweisen auf Vorstellungen und Erwartungen, die über die feststellbare Wirklichkeit hinausweisen. Vielleicht entsteht im Lauf der Zeit sogar eine kleine Sammlung verschiedener Karten, eine Art Zusammenstellung nach Interesse der Kinder: von der selbst gezeichneten "Schatzkarte" bis hin zu einem Satellitenbild über das örtliche Wettergeschehen.

Karten, Pläne, Skizzen

Beim Umgang mit Landkarten, Stadtplänen oder Lageskizzen sind Kinder meist neugierig darauf, was sich hinter den merkwürdigen Zeichen und Strukturen verbirgt. Es gibt immer wieder hervorragende Gelegenheiten, mit Kindern gemeinsam den Umgang mit Karten zu erproben und zu vertiefen, z.B.:

  • Ausflüge, bei denen ein Stadtplan oder eine Wanderkarte benutzt wird,
  • öffentliche Informationstafeln, auf denen in Form von Lageskizzen Wegverläufe und Einzelziele dargestellt sind,
  • Grundriss eines Hauses mit seinen Räumen, Wänden, Türen, Fenstern,
  • Brettspiele, bei denen stilisierte Landkarten die Grundlage des Spielverlaufs bilden.

Generell wird eine Karte als Orientierungshilfe vor allem bei Ausflügen in ein unbekanntes oder weniger vertrautes Gebiet benutzt. Hier kommen zur Kartennutzung noch zahlreiche andere Hilfsmittel hinzu, die zur Orientierung wichtig sind: konkrete Hilfen wie Hinweistafeln und Wegweiser, indirekte und oft unscheinbare Signale wie Fahrzeugspuren, liegengelassene Gegenstände, Spuren von Tieren, eigenartige Wuchsformen von Bäumen usw. Kinder zeigen insbesondere dann, wenn sie häufig im freien Gelände unterwegs sind, eine erstaunliche Vielfalt an Orientierungsmustern. Vermutlich helfen ihnen ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse an Unscheinbarem. Ein gutes Orientierungsvermögen hilft nicht nur dabei, einen bestimmten Weg (wieder) zu finden, sondern auch, sich in einer neuen Umgebung sicherer und entspannter zu bewegen.

Die Auseinandersetzung mit Karten schon im Vorschulalter kann als Erwerb einer Schlüsselkompetenz bezeichnet werden: Es geht um nicht weniger als die Fähigkeit, das Wesentliche einer bestimmten Sache zu erkennen. Das erfordert Unterscheiden, Auswählen, Überprüfen - häufig in mehreren und zu wiederholenden Schritten. Es geht um das Erfassen enormer Größenunterschiede, also um Konzentration auch hier. Zudem spielt das Vorwissen eine entscheidende Rolle: Was weiß ich bereits? Woran kann ich mich erinnern? Wie ist dieses oder jenes einzuordnen? Dann die Vorstellungskraft: Fantasie und Kreativität braucht man auch beim Kartenlesen, denn hier geht es nicht zuletzt um Übersetzungsprozesse vom Sinnlich-Wahrnehmbaren ins Abstrakte - und umgekehrt.

Kartieren: Eine einfache Idee für viele Gelegenheiten

Am Anfang jeden Kartenlesens steht die Legende, die Sammlung der verwendeten Symbole und Zeichen. Erst ihr Verständnis erschließt den Sinn und die Aussagekraft einer Karte. Hat man diese notwendige Vorarbeit geleistet, ist es faszinierend und anregend zugleich festzustellen, wie komplex und facettenreich ein bestimmtes Gebiet mit Hilfe relativ weniger Signaturen dargestellt werden kann und wie viele Fragen in wenigen Quadratzentimetern beantwortet werden.

Kinder begegnen Kartenlegenden in der Regel völlig unvoreingenommen. Fremdartige Kürzel und Symbole machen sie neugierig und regen zu eigenen Kreationen an. Das ist beim Kartieren mit Kindern bewusst zu unterstützen: Die Rolle der Erzieherin sollte keinesfalls bedeuten, Kinder frühzeitig auf konventionelle Festschreibungen beim Erstellen von Karten festzulegen. Die eigenständige Entwicklung grafischer Zeichen und Farbstrukturen ist zumindest im Vorschulbereich viel wichtiger als ein regelgerechtes Kartenbild. Und sind bei einem Kind erst einmal die Lust und das Selbstvertrauen am Zeichnen, Lesen und Interpretieren von Karten geweckt, kommt die Annäherung an bestimmte wichtige Formalkriterien später von alleine.

Erstellen von Karten

Besonders intensiv werden die eingangs genannten Fähigkeiten und Techniken beim Erstellen eigener Karten benötigt. Denn da müssen wichtige Fragen beantwortet werden:

  • Was will ich zeigen, was ist mir wichtig? Wie gehe ich mit den natürlichen Größen und Größenverhältnissen um?
  • Wie viele Einzelheiten müssen mindestens berücksichtigt werden, um ein verständliches Kartenbild zu ergeben - und wann gefährdet ein Zuviel an Genauigkeit die Lesbarkeit einer Karte?
  • Welche Ziele verfolge ich beim Erfassen und Zeichnen der Strukturen und wofür könnte ich meine Karte später einsetzen? Genauer: Interessiert mich ein praktischer Zweck wie z.B. das Festhalten von Details für eine spätere Kontrolle von Veränderungen oder mag ich die Vielfalt und Originalität grafischer Zeichen, Muster und Formen?

Ein weiterer entscheidender Aspekt für das, was beim Kartieren passiert: Man wendet sich bewusst dem Einzelnen zu, sieht und unterscheidet zwischen Häufigem und Besonderem, vergleicht und interpretiert, sucht nach Begriffen und Erklärungen, nach Verbindungen und Zusammenhängen. Man verwandelt die Eindrücke der Wahrnehmung und übersetzt sie in eine Zeichensprache. Der Prozess des Kartografierens verändert auch die Qualität der Wahrnehmung und der Wahrnehmungsfähigkeit insgesamt: Wer gelernt hat, Karten selbst zu zeichnen, hat seine Aufmerksamkeit geschärft, achtet mehr auf Details und lässt sich weniger entgehen - eine zweifellos wertvolle Fähigkeit.

Das eigenständige Zeichnen einer Orientierungshilfe wie z.B. eines einfachen Lageplanes bedeutet also intensives Training in verschiedenen Bereichen. Gleichzeitig wird das vorhandene Wissen gebündelt und neu geordnet; es wird besser verfügbar. Es handelt sich hierbei um eine Kulturtechnik, die eine hohe Relevanz für zahlreiche Bildungsinhalte - für Jungen und Mädchen - aufweist und leider oft vernachlässigt wird.

Mindmap - Auswahl des Besonderen

Jede Karte enthält eine Vielzahl an Informationen aus unterschiedlichen Wissensgebieten: Geländeform, Wasserläufe, Landwirtschaft, Besiedlungsstruktur usw. Beim Lesen solcher Karten richtet man seine Aufmerksamkeit stets nur auf ganz bestimmte, gerade interessierende Details.

Wenn man umgekehrt selbst ein Gelände kartografisch erfassen möchte, kann man ebenfalls nur einzelne ausgewählte Informationen verwenden. Das Ziel kann nun darin bestehen, diese Informationen gut unterscheidbar und originell zu gestalten. Ein solches Vorhaben lässt sich mit Kindern hervorragend durchführen, weil die individuell unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen letztlich ein gemeinsames Ganzes ergeben.

Je nach Umgebung, in der die Kartierung durchgeführt wird, werden zunächst die relevanten Bereiche abgesteckt, für die dann "Experten" gesucht werden: Einige Kinder übernehmen Auswahl bestimmter Pflanzen, andere suchen nach Kleintieren, wieder andere widmen sich den Spuren menschlicher Aktivität im betreffenden Gelände, die sie jeweils in kleinen Skizzen festhalten. Diese grafischen Elemente dürfen nicht zu groß sein, denn sie sollen anschließend an den jeweils aufgesuchten und untersuchten Stellen eines vergrößerten Kartenausschnitts eingeklebt werden.

Eine solche Kartierung erfordert organisatorisches Geschick. Die fachlich zweifelsfreie Bestimmung von Pflanzen, Steinen und Tieren spielt eine geringere Rolle als eine gute Auswahl und Aufteilung der einzelnen Aufgaben - je nach Alter, Fähigkeiten, Vorwissen und Interesse der Kinder. Eine allgemeine Regel, welche Dinge oder Strukturen kartiert werden sollten, ist nicht sinnvoll, denn jedes Gelände hat seine Besonderheiten. Zudem spielen das persönliche Interesse der begleitenden Erzieher/innen sowie die Verfügbarkeit technischer Hilfsmittel (z.B. Fotoapparat) eine große Rolle. In jedem Fall aber lässt sich mit dieser Mischtechnik ein beeindruckendes Wandbild erstellen, das auf Grund der intensiven Beschäftigung mit einzelnen Schwerpunktthemen Kindern vieles "nebenbei" vermittelt.

Fazit

Wenn man selbst eine Karte zeichnet, geht es um den Blick auf das Einzelne, die Hinwendung zum Besonderen, um das Festhalten einer Beobachtung oder Messung. Karten versprechen Klarheit, Deutlichkeit, Gewissheit. Aber ein Kartenwerk vermittelt auch noch etwas anderes: eine Sehnsucht nach dem Unbekannten. Vielleicht spüren Kinder das deutlicher als Erwachsene. Ihre Auseinandersetzung mit Karten führt zu zahllosen Fragen, die über das Dargestellte hinausgehen und die Fantasie beflügeln. Und sie nähern sich spielerisch einer Welt, deren unerreichbares Ziel im Grunde darin besteht, eine unfassbare Wirklichkeit auf einem Bogen Papier zu beschreiben.

Warum also nicht (wieder) einmal mit Kindern an Karten arbeiten? Kleine Ausflüge oder Exkursionen bieten gute Gelegenheiten, sich mit diesem Thema intensiver zu beschäftigen, aber auch das Außengelände der Einrichtung könnte zum Ausgangspunkt einer "Bestandplanung" werden. Anhand von Wander- oder Tourenkarten lassen sich viele Vergleiche anstellen, für eigene Eintragungen bieten sich - wie beschrieben - vergrößerte Kopien einer bestehenden Geländekarte an. Und die nötigen Zeichen und Symbole können sowohl von Vorlagen übernommen als auch frei erfunden werden.

Das Thema insgesamt ist jedenfalls ungeheuer vielfältig und lässt in Zielsetzung, Technik, Gestaltung und inhaltlicher Weiterentwicklung jede Menge Variationen zu - vielleicht eine Anregung für einen Jahresschwerpunkt an Ihrer Einrichtung?

Autor

Herbert Österreicher, Dipl. Ing. (FH), München, www.kinderfreiland.de; Durchführung von Seminaren und Exkursionen zur Umweltbildung, Beratung, Planung und Gestaltung von Spielgärten für Kinder, Autor für verschiedene Fachzeitschriften und Verlage.

Buchpublikationen: "Kinder wollen draußen sein" (Kallmeyer-Verlag, 2006; Co-Autorin: Edeltraud Prokop) und "Natur- und Umweltpädagogik für sozialpädagogische Berufe" (Bildungsverlag Eins, 2006; Lehrbuch).