Die hundert Sprachen der Kinder - Die Weiterbildung zur "Fachkraft für Reggio-Pädagogik"

Tassilo Knauf und Volker Fischer

 

Die Reggio-Pädagogik gilt international als der konsequenteste und zugleich als ein besonders kindorientierter Ansatz zur Umsetzung des Bildungsauftrags in Kindertageseinrichtungen. Sie wurde nach einer bemerkenswerten Vorgeschichte in den 1960er Jahren entwickelt und hat seither die elementarpädagogische "Landschaft" in vielen Ländern geprägt. Im Mittelpunkt stehen wahrnehmende, forschende und lernende Kinder, deren Erfahrungen und Ausdrucksvielfalt sich in 100 Sprachen äußern.

Die Reggio-Pädagogik betrachtet das Kind als Forscher, Entdecker, Künstler und aktiven Konstrukteur von Wissen, Können und seiner eigenen personalen Identität. Für seine Entwicklung braucht es aber auch sichere Netzwerke emotional positiver Beziehungen zu anderen Personen, Kindern wie Erwachsenen. Eltern werden als Experten ihrer Kinder verstanden, Erzieher/innen als Begleiter/innen und Forscher/innen der Kinder. Kinder setzen sich mit der gegenständlichen, sinnlich-ästhetischen Welt aktiv auseinander und geben ihr Sinn. Ihre Tätigkeiten verbinden oft Bewegung, Wahrnehmung, Gefühle, Kommunikation, Herstellen und Gestalten, Fantasie, Entwickeln, Hypothesen aufstellen und prüfen.

In der Reggio-Pädagogik münden diese Aktivitäten in Projekte, die gemeinsam mit den Kindern dokumentiert werden. Für die Entfaltung von Bildungsprozessen brauchen die Kinder eine herausfordernde, zugleich Konzentration ermöglichende Umgebung: entsprechend spricht man in der Reggio-Pädagogik vom Raum als "drittem Erzieher".

Die Reggio-Pädagogik ist kein übertragbares Modell, sondern eine unter verschiedenen Bedingungen realisierbare "Erziehungsphilosophie". Reggio-orientiert zu arbeiten, ist selber ein Projekt, das eines Teams als "lernende Organisation" bedarf.

Pädiko e.V. in Kiel bietet pädagogischen Fachkräften mit abgeschlossener Berufsausbildung und Kenntnissen und Erfahrung in der Reggio-Pädagogik eine qualifizierte Zertifikatsweiterbildung zur "Fachkraft Reggio-Pädagogik" an (unter bestimmten Voraussetzungen ist ein Vorgespräch mit der Ausbildungsleitung notwendig).

Die oben angesprochenen Themen werden in dem Zertifikatskurs systematisch bearbeitet und bilden die Inhalte der einzelnen Module. Dafür stehen Referent/innen aus ganz Deutschland zur Verfügung. Die Ausbildung ist in neun Ausbildungsmodule eingeteilt. Der gesamte Zeitraum erstreckt sich über 132 Ustd. in 10 Monaten.

Grundlagen und Ziele des Zertifikatskurses

Der Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen wurde schon mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) von 1991 gesetzlich verankert. Er wurde aber erst nach mehr als einem Jahrzehnt in den Bildungs- und Orientierungsplänen für den Elementarbereich der Bundesländer konkretisiert. Anstöße hierfür gaben die Diskussion der kritischen PISA-Ergebnisse ebenso wie die neueren Erkenntnisse der Neurobiologie: Bildung beginnt mit der Geburt, ist Selbstbildung. Sie geschieht aber in sozialen Netzwerken, die emotionale Bindung, kognitive Orientierung, Verhaltensmodelle, inhaltliche Impulse und Herausforderungen bieten.

Die Erzieherin gewinnt in den neu definierten bildungspolitischen und bildungswissenschaftlichen Zusammenhängen außerordentlich an Bedeutung als professionelle Moderatorin von Bildungsprozessen jüngerer Kinder. Parallel dazu steigen die Anforderungen an ihre fachlichen Kompetenzen.

Der veränderte Markt hat den Wettbewerb zwischen den Einrichtungen verschärft. Das 08/15-Programm von Tageseinrichtungen, bei dem Bastelarbeiten und Freispiel im Vordergrund stehen, deckt die gestiegenen Ansprüche von Eltern oft nicht mehr ab. Qualität ist gefragt. Und pädagogische Qualität muss erkennbar und nachvollziehbar sein.

Pädagogische Qualität wird insbesondere durch die Orientierung an pädagogischen Ansätzen sichtbar. Denn pädagogische Ansätze wirken sich konkret in der alltäglichen Rolleninterpretation der Erzieherin, in ihrer Konzeptionalisierung von Handlungs- und Interaktionsstrukturen mit den Kindern und vor allem auch in der Auswahl von Material und in der Raum- und Zeitgestaltung aus.

Die Reggio-Pädagogik ist der international am meisten anerkannte elementarpädagogische Ansatz, der nach der Reformpädagogik im 20. Jahrhundert entwickelt wurde. Er ist attraktiv, weil er ein optimistisches Menschenbild und ein positives Bild vom Kind zugrunde legt, aus der elementarpädagogischen Praxis stammt und zugleich theoretisch reflektiert ist, an einem modernen Bildungsverständnis orientiert ist, offen ist für neue Erfahrungen und Erkenntnisse, ganzheitlich fast alle Bereiche des Kita-Alltags umschließt und auch von Eltern verstanden werden kann.

Module des Zertifikatskurses

Reggio-Pädagogik: Was ist das?

Die Reggio-Pädagogik benennt sich programmatisch nach der norditalienischen Stadt Reggio Emilia. Diese gibt als Träger von rund 40 Tageseinrichtungen für Kinder zwischen 0 und 6 Jahren den finanziellen und konzeptionellen Rahmen für die Praxis der Reggio-Pädagogik ab.

Schon zwischen 1910 und 1920 kam es in Reggio zur Gründung kommunaler Kindergärten, während sonst die Kindergartenträgerschaft in Italien überwiegend in der Hand der Kirchengemeinden lag. Ende des Zweiten Weltkriegs organisierten sich Frauen, um das städtische Leben wieder zu beleben. Dabei kam es auch zur Gründung von Kindertagesstätten als Elterninitiativ- oder Betriebseinrichtungen.

Die eigentliche Phase der Entwicklung von Organisationsstruktur und pädagogischer Konzeption der reggianischen Kindereinrichtungen begann in den 1960er Jahren, als mehrere Kitas den Antrag auf Kommunalisierung stellten, damit die Kommune Verantwortung für die Zukunftsperspektive der Kinder in der Stadt übernähme. Die Teams übernahmen als Gegenleistung die Aufgabe einer in sich schlüssigen, aber für neue Erfahrungen und Erkenntnisse offenen Konzeptionsentwicklung für die städtischen Einrichtungen. Seit 1970 wurden sie dabei unterstützt von Loris Malaguzzi, der die Leitung des Koordinationsbüros der kommunalen Kindereinrichtungen übernahm.

Seit Beginn der 1980er Jahre kommen Besuchergruppen aus den verschiedensten europäischen und außereuropäischen Ländern nach Reggio, um dort in den städtischen Kindereinrichtungen zu hospitieren. 1981 wurde die (mehrfach überarbeitete) Wanderausstellung "Die 100 Sprachen der Kinder" konzipiert; sie ist seither in einer Reihe europäischer und außereuropäischer Ländern gezeigt worden. 1991 wurden die reggianischen Kindereinrichtungen von der amerikanischen Zeitschrift Newsweek als beste vorschulische Institution der Welt ausgezeichnet.

Die Reggio-Pädagogik ist kein ausgefeiltes Theoriemodell, aus dem sich bestimmte professionelle Handlungsweisen für die elementarpädagogische Praxis ableiten lassen. Sie lässt sich eher als eine Erziehungsphilosophie verstehen, die eine Reihe von Grundannahmen und flexibel handhabbaren Praxiselementen miteinander verbindet.

Das Bild vom Kind

In der Reggio-Pädagogik wird das Kind als Konstrukteur seiner Entwicklung und seines Wissens und Könnens betrachtet. Es weiß am besten, was es braucht, und verfolgt mit Energie und Neugierde die Entwicklung seiner Kompetenzen. Das Kind wird verstanden als "eifriger Forschers"; denn es will die Welt verstehen und in eine Beziehung zu sich bringen, und es will durch Experimente, durch Versuch und Irrtum seine alltagspraktische und soziale Handlungskompetenz erweitern. Das Kind wird wie der Erwachsene als vollständiger und zugleich als sich entwickelnder Mensch betrachtet. Identitätsaufbau ist Teil seines Entwicklungsprozesses. Dabei gelangt das Kind zu Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstkonzepten.

Das Kind im Netzwerk sozialer Beziehungen

Die Reggio-Pädagogik sieht das Kind als von Geburt an in soziale Beziehungen eingebettet. Für seine Entwicklung sind die Interaktionsprozesse zwischen dem Kind, anderen Kindern und Erwachsenen daher von besonderer Bedeutung. Kinder, Eltern und Erzieher/innen bilden ein Wirkungsgefüge, in dem alle versuchen sollten, für eine optimistische Grundstimmung und eine positive emotionale Beziehung untereinander zu sorgen.

Eltern werden als Experten ihrer Kinder verstanden, die über besonderes Wissen verfügen im Hinblick auf die Lebensgeschichte ihres Kindes, seine Gewohnheiten, besonderen Interessen, Vorlieben und Aversionen, seine Stärken und unterstützungsbedürftigen Bereiche.

Die Rolle der Erzieherin

Der Erzieherin werden in der Reggio-Pädagogik drei wesentliche Rollen zugeschrieben, die als Begleiterin, Forscherin und Zeugin.

Der Terminus der Begleiterin wird in der Reggio-Pädagogik gewählt, um sich von der traditionell anleitenden Erzieherinnenrolle abzugrenzen. Das Kind wird als der eigentliche Akteur und Konstrukteur seiner Entwicklung gesehen. Dabei braucht es jedoch eine Wegbegleiterin, die es in seinen Selbst-Lern-Prozessen bestärkt.

So wird die Erzieherin zur Forscherin. Das forschende Begleiten hat kommunikative, reflexive und pragmatische Anteile. Es umschließt das Aufnehmen, Verarbeiten und (kollegiale) Interpretieren der vielfältigen Äußerungen und Ausdrucksformen der Kinder und das Bereitstellen verschiedenartiger Ressourcen für die Entwicklung von Kindern.

Das pädagogische Planen wird Teil dieses Begleitprozesses, in dem Beobachtungen dokumentiert und im Hinblick auf die Frage interpretiert werden: Was braucht das einzelne Kind für seine Entwicklung und wie können wir seinen Bedürfnissen gerecht werden? So wird die Erzieherin zur "Zeugin".

Bildungs- und Lernprozesse in Projekten

In der Reggio-Pädagogik spielen Projekte als Handlungsform zur Gewinnung von alltagsbezogenen Fertigkeiten und vor allem von Selbst- und Weltverständnis eine zentrale Rolle.

Die Prozess-Struktur reggianischer Projekte lebt insgesamt von der variationsreichen Wiederholung der Momente Wahrnehmung - Reflektion - Aktion - Kommunikation.

Projekte entwickeln sich aus Spielhandlungen, Gesprächen oder Beobachtungen der Kinder. In der Morgenversammlung kann über mögliche Projektthemen diskutiert und entschieden werden, auch Erzieher/innen können verbal oder über mitgebrachte Gegenstände Impulse für Projekte vermitteln. Projekte basieren auf dem authentischen Interesse und oft auf konkreten Erlebnissen der Kinder. Die Zahl der Projektteilnehmer hängt daher allein von der Interessenbindung der Beteiligten ab.

Durch gegenständliche oder verbale Impulse (Fragen, Schilderung eigener Erlebnisse, mitgebrachte Bilder) können Erzieher/innen dem Interessen- und Handlungsspektrum der Kinder neue Akzente vermitteln.

Dokumentation

Ein zentrales Element der Reggio-Pädagogik ist die Dokumentation der Handlungsprozesse und Kompetenzzuwächse der Kinder. Es lassen sich drei Arten der Dokumentation unterscheiden:

  1. die Dokumentation von Projekten,
  2. die Dokumentation des Tagesverlaufs in der Gruppe,
  3. die Dokumentation der Entwicklungsschritte des einzelnen Kindes.

Charakteristisch sind insbesondere die Wanddokumentationen ("sprechende Wände") und Heftdokumentationen von Projekten. Ihre Bestandteile sind Kinderarbeiten, Kinderäußerungen, Fotos, Überschriften und kurze Kommentierungen. Vielfach werden die Kinder an der Dokumentationserstellung beteiligt. Gestärkt werden dadurch ihre Eigenverantwortlichkeit, Selbstständigkeit und Identifikation mit Prozess und Ergebnis der Dokumentation. Die Projektdokumentation verleiht dem Handlungsprozess der Kinder Struktur, vermittelt den Kindern Wertschätzung, Rückmeldung, Anlässe zum sich Erinnern und Material zur selektiven Imitation. Auch für die Erzieher/innen und Eltern stellen die Projektdokumentationen eine wichtige Informationsquelle über das Denken, Fühlen, Können der Kinder und deren Entwicklung dar.

Bilder und ästhetisches Handeln

Bilder sind in der Reggio-Pädagogik Ausdruck der Handlungserfahrungen von Kindern, Dokument ihrer Interessen, Wünsche, Ängste und Fantasien, aber auch ihrer sinnlichen Darstellungsfähigkeiten und Gestaltungsbedürfnisse. Sie sind zugleich ihre Werke, in denen sie sich als Person und als Träger von Fähigkeiten ausdrücken. Bilder sind darüber hinaus Medien, mit denen Kinder Erwachsenen und anderen Kindern etwas mitteilen wollen. In dieser Eigenschaft werden sie ausgestellt und gesammelt, z.B. als Bilder der Woche oder als Teile von Projektdokumentationen.

Die Bilder der Kinder erfahren in der Reggio-Pädagogik eine besondere Wertschätzung. Dies fördert die Sorgfalt beim Erstellen der Bilder. Die meisten Bilder werden, thematisch und ästhetisch geordnet, an den Wänden ausgestellt. Diese werden zu "sprechenden Wänden", an denen vor allem das von Kindern Geschaffene zu sehen ist. Die Kinder machen damit Kita-Räume zu ihren Räumen, in denen sie sich "spiegeln".

Der Raum als "dritter Erzieher"

Wie die erwachsenen Erzieher erfüllt der Raum für Kinder zwei Hauptaufgaben: Er gibt Kindern Geborgenheit und zum anderen Herausforderung. Zum pädagogischen Raum gehört auch das von den Kindern erschließbare Umfeld: die Straßen, Plätze, öffentlichen Gebäude ebenso wie die Reste von Natur in der Stadt und an ihrem Rand. Drinnen wie draußen entwickelt sich ein interaktives Verhältnis zwischen den Kindern und dem räumlichen Ambiente. Räume übernehmen dabei verschiedene pädagogische "Rollen". Sie sollen eine Atmosphäre des Wohlbefindens schaffen, die Kommunikation in der Einrichtung stimulieren, gegenständliche Ressourcen für Spiel- und Projektaktivitäten bereitstellen sowie Impulse geben für Wahl und Bereicherung von Kinderaktivitäten.

Das Team als lernende Organisation

Die Reggio-Pädagogik ist kein übertragbares Modell, sondern eine unter verschiedenen Bedingungen realisierbare "Erziehungsphilosophie". Reggio-orientiert zu arbeiten, ist selber ein Projekt, das eines Teams als "lernender Organisation" bedarf. Der Erfolg der Reggio-Pädagogik in der elementarpädagogischen Praxis basiert u.a. darauf, dass Teams sich jeweils auf eine gemeinsame Grundlage pädagogischer Überzeugungen und konkreter Handlungselemente verständigen und sich bereit finden, ihre Handlungserfahrungen zu kommunizieren, zu evaluieren und für die Weiterentwicklung der eigenen Praxis zu nutzen. Damit nutzen Teams das Methodenmodell der Organisationsentwicklung, das wiederkehrende Prozesse der Situationsanalyse, Neudefinition von Zielen, Handlungsplanung und -umsetzung erwartet. Dokumentiert werden die Ergebnisse solcher Prozesse in der Neugestaltung der Konzeption der Einrichtung.

Den Abschluss der Weiterbildung zur Fachkraft in Reggio-Pädagogik bildet das Projektseminar, in dem die Teilnehmenden ihre während der Weiterbildung bearbeiteten Projektschwerpunkte vorstellen und evaluieren. Nach erfolgreicher Absolvierung des gesamten Weiterbildungszyklus winkt ein Zertifikat als "Fachkraft für Reggio-Pädagogik". Das Zertifikat wird von der Universität Duisburg/Essen und der Ruhr Campus Academy (RCA) in Verbindung mit Dialog Reggio - Vereinigung zur Förderung der Reggio-Pädagogik in Deutschland e.V. und Pädiko e.V. verliehen.

Autoren

Prof. Dr. Tassilo Knauf, Promotion in Kunstgeschichte, Lehrtätigkeit in den Grenzbereichen Pädagogik und Kulturarbeit, seit 1981 Professor für Elementarerziehung und Primarstufenpädagogik an der Universität Essen, Vorsitzender von Dialog-Reggio e.V.

Volker Fischer organisiert Fort- und Weiterbildungen für Erzieher/innen (jährliches Fortbildungsprogramm unter www.paediko.de).