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- Online-Handbuch - Herausgeber: Martin R. Textor |
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| Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Anna Borchers
Manfred Berger
In ihrer "Festschrift 150 Jahre evangelische Kinderpflege" vermerkte folgerichtig Schwester Auguste Mohrmann, dass Anna Borchers zu dem Kreis bedeutender Frauen und Männer zählt, "die mitbestimmend waren ... für den Aufbau" der "evangelischen Kinderpflege" (Mohrmann 1929, S. 3). Und Johannes Gehring konstatierte in seiner "Denkschrift" zum 150-jährigen Jubiläum evangelischer Kinderpflege über Anna Borchers Wirken: "Sie entfaltete auch eine reiche literarische Tätigkeit. Außer für die 'Christliche Kinderpflege' (heute: "Theorie und Praxis der Sozialpädagogik"; M.B.) schrieb sie zahlreiche Aufsätze für Tageszeitungen und Zeitschriften und gab verschiedene Handbücher für den Unterricht im Seminar und die Arbeit im Kindergarten heraus. Nicht weniger segensreich wirkte Anna Borchers als Vorsitzende der Gruppe 'Kinderpflege' des...1905 gegründeten 'Verbandes der Berufsarbeiterinnen der Inneren Mission' (dieser wurde 1939 verboten, nach 1945 wieder reorganisiert; M.B.) ... Die Vertiefung der beruflichen Ausbildung, die soziale Hebung und wirtschaftliche Sicherstellung der Kindergärtnerinnen lag ihr besonders am Herzen" (Gehring 1929, S. 177 f). Den Beruf der Kindergärtnerin interpretierte Anna Borchers ganz im Sinne des Prinzips der "Geistigen Mütterlichkeit", der zentralen Sichtweise bürgerlich-konservativer (nicht nur kirchlicher) Kreise: "Für die Frau darf der Beruf nicht nur das Mittel zur Lebenserhaltung sein, er muss die Quelle der Lebensbefriedigung werden. Ein Beruf, der leider noch vielfach unterwertet wird, ist der Beruf der Kindergärtnerin. Die Pflege und Erziehung der kleinen Kinder ist eine Aufgabe, die so herrliche Gelegenheit gibt, die Gaben der Frau, Hingabe, echte Mütterlichkeit zu entfalten. Darum wird eine warmherzige Frau in diesem Beruf immer volle Befriedigung finden. Ich möchte es beinahe als ein Kennzeichen der Kindergärtnerin bezeichnen, dass sie immer frisch und fröhlich bleibt, wenn auch die Jahre der Jugend vorüber sind. Das bringt die stete Berührung mit der fröhlichen, vertrauensvollen Kindheit ... Was den Besuch eines Kindergärtnerinnenseminars so wertvoll macht ist, dass diese Ausbildung nicht brach liegt, wenn eine Schülerin in die Ehe tritt. Dann erst recht kann die Ausbildung ihre besten Früchte tragen" (Borchers 1916, S. 151 f). Anna Borchers wurde am 11. Juni 1870 als zweitjüngstes Kind einfacher Bergmannsleute in Königshütte (heute: Chorzów), Oberschlesien, geboren. Obwohl die kinderreiche Familie keineswegs begütert war, erhielten die Kinder eine gute Erziehung und Bildung. Anna, die musisch sehr begabt war, bekam von früher Kindheit an Klavier- und Gesangsunterricht bei einem Privatlehrer. Früh verlor sie zuerst die Mutter, dann den Vater. Ein weiterer schwerer Schicksalsschlag kam bald hinzu, Anna Borchers erblindete. Trotzdem absolvierte sie in Breslau eine Ausbildung zur Lehrerin. Über sieben Jahre unterrichtete sie als Schwesternlehrerin im "Adalbert-Diakonissenmutterhaus" zu Kraschnitz (heute: Krosnice), um die Diakonissinnen für ihre spätere Arbeit in Kleinkinderschulen vorzubereiten. Nach einem längeren Aufenthalt in Frankreich, dort studierte Anna Borchers die sozialen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, folgte sie einem Ruf an das Diakonissenmutterhaus in Grünberg (heute: Góra). Hier übernahm sie wiederum die Schulung der jungen Diakonissinnen. Um diesen eine praxisnahe Ausbildung zu ermöglichen, gründete Anna Borchers 1905 einen Volkskindergarten: "Der Name erregte manches Erstaunen. Doch das Wort 'Volk' war nicht in dem damals meist noch üblichen geringschätzenden Sinne gemeint, sondern in dem heute allgemein verstandenen der Volksgemeinschaft. Die Bezeichnung 'Kindergarten' aber war von dem großen Volkserzieher Fröbel übernommen. Es war das Bestreben von Fräulein Borchers, die Fröbelschen Gedanken mit den Weisungen des größten Kinderfreundes, unseres Heilands, zu vereinen" (zit. n. Berger 1992, S. 23). Auf ihr Engagement hin konnte am 15. Oktober 1905 noch eine Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen seiner Bestimmung übergeben werden: "Im evangelischen Kindergärtnerinnen-Seminar des Diakonissen-Mutterhauses Bethesda zu Grünberg i. Schl., staatlich konzessioniert, sollen evangelische Jungfrauen zu Erzieherinnen für die christliche Familie und die Anstalten der christlichen Volkserziehung herangebildet werden. Der Kursus ist einjährig und umfasst theoretische Unterweisung und praktische Übungen ... Die Vorbildung der Frauen für die Erziehungsarbeit, wie sie Comenius, Pestalozzi und Fröbel erstrebten, ist das Ziel unserer Tätigkeit. Der Grundsatz für unsere Arbeit lautet: Durch Anschauung und Selbsttätigkeit zur Selbständigkeit" (zit. n. Berger 1992, S. 25). Neben der Gründung weiterer sozialer Einrichtungen (Hort, Kinderpflegerinnenschule, Säuglingsheim, Kinderheim und Hortnerinnenseminar) und ihrem Einsatz in unterschiedlichen Gremien der "Kinderfürsorge" war Anna Borchers noch rege schriftstellerisch tätig. Sie hatte u.a. mehrere "Wegweiser für die praktische Arbeit in Kindergarten und Kleinschule" veröffentlicht, dabei stets die Aufgaben der Kindergärtnerin angemahnt, die da lauteten:
Besonderen Wert legte Anna Borchers darauf, den Kindergarten nicht als Bewahranstalt oder "bloße Wohltätigkeitsanstalt" zu sehen, sondern als eine "Erziehungsanstalt": "Die Kindergärtnerin halte immer fest den Zweck des Kindergartens im Auge. Der Kindergarten soll eine Erziehungsanstalt sein, er darf nicht zur bloßen Wohltätigkeitsanstalt herabgedrückt werden. 'Bete und arbeite' sei das tägliche Losungswort für die Kindergärtnerin und die ihr anvertrauten Kinder" (Borchers 1912, S. 50). Anna Borchers ist aber auch ein Beispiel für die Anpassung der Pädagogik an politische Systeme, für die verstärkte politische Infiltrierung der öffentlichen Kleinkindererziehung. Beispielsweise empfahl sie in ihrer seinerzeit weitverbreiteten Broschüre "Feststunden mit unseren Kleinen" folgendes Lied für "Patriotische Feiern" in Kleinkinderschulen und Horte einzusetzen: Ich bin ein kleiner Kriegersmann Jetzt exerzieren wir eins und zwei, Ist auch mein Helm jetzt von Papier, Wir rufen laut mit Mund und Hand, Und wenn es zur Parade geht, Kommt erst Kaiser Wilhelm noch, Anna Borchers starb plötzlich und unerwartet an den Folgen eines Gehirnschlages am 6. Oktober 1918 in Grünberg. Literatur Berger, M.: Vergessene Frauen der Sozialpädagogik, Bielefeld 1992 ders.: Revolutionär, aber auch umstritten. Anna Borchers - eine bedeutende Sozialpädagogin, in: Spielmittel 1994/Nr. 2 ders.: Der Hort - eine Institution und seine Geschichte, in: Schüttler-Janikulla, K. (Hrsg.): Handbuch für Erzieherinnen in Krippe, Kindergarten, Vorschule und Hort, Landsberg 1995 ders.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt 1995 ders.: Borchers, Anna, in: Maier, H. (Hrsg.): Who is who in der Sozialen Arbeit, Freiburg 1998 Borchers, A.: Feststunden mit unseren Kleinen. Gedichte und Lieder für Kleinkinderschulen und Horte, Dresden 1905 dies.: Handreichung für die Erziehungsarbeit in Familie und Anstalt, Dresden 1907 dies.: Aus der Kinderstube in die Welt. Wege, die man mit den Kleinen gehen kann, Dresden 1910 dies.: Wegweiser für die praktische Arbeit in Kindergarten und Kleinkinderstube, Dresden 1912 dies.: Ein echter Frauenberuf, in: Umland. Ein Blatt für die gebildete weibliche Jugend 1916/Nr. 18 Gehring, J.: Die evangelische Kinderpflege. Denkschrift zu ihrem 150jährigen Jubiläum, Langensalza 1929 Mohrmann, A.: 150 Jahre evangelische Kinderpflege, Grünberg 1929 (Sonderdruck) Ernst, J.: Anna Borchers. Erinnerungen aus ihrem Leben, Grünberg 1919 |