Warum nur schulisches Lernen als wahres Lernen gilt und wir es in Familie, Kindergarten und Homeschooling missachten!

Raimund Pousset

 

Wenn Sie den Satz hören: "Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!", woran denken Sie dann? An den Kindergarten sicher nicht, wohl eher an die Schule. Und was liegt dann vor jenem schulischen Ernst? Sicher das Gegenteil: der zweckfreie Spaß. Denn wo der Ernst beginnt, hört bekanntlich der Spaß auf. So ernst ist das! Gitta Egbers schreibt: "Die Neigung, eine verspielte, möglichst lang dauernde Kindlichkeit als Voraussetzung einer glücklichen Kindheit zu interpretieren, entspringt der Vorstellung, dass Schulen eine disziplinierende Belastung bringen und den Kindern möglichst lange erspart bleiben sollten." Mit der Schule hört also die kindliche Freude auf. Das pädagogische Lamm des kindlichen Schonraums ist bedroht vom bösen Wolf der Schule. Und obwohl diese Angst vor dem Wolf weit verbreitet ist, unternimmt die Gesellschaft kaum etwas dafür, dass der Wolf die rote Karte kriegt oder Kreide fressen lernt. Nicht das System wird an die Bedürfnisse der Kinder angepasst, sondern die Kinder ans traditionelle System. Der Klagen über böse Schule und skurille Lehrer sind Legion und füllen gar mache Bücher.

Und wieder andere sind eigentlich gut Freund mit dem Wolf, denn "Lernen muss wehtun!" Dieser Mythos beruht auf der Verinnerlichung und reflexionslosen Weitergabe des selbst Erlebten, des selbst Erlittenen. Lernen, das Freude macht, kann kein echtes Lernen oder gar Bildung sein. Mit dieser Einstellung einher gehen meist die Mythen: "Man muss Kinder schreien lassen!" und "Lass nachts dein Kind nicht ins Gräbele!" Kein gutes Rüstzeug, um sich nach Alternativen zur Bildung seiner Kinder umzuschauen.

Nun ist es sicher höchst umstritten, was wir unter Bildung verstehen. Ich möchte mich hier auf Pestalozzis anthropologische Triade stützen, die den sich selbst bildenden Menschen im Prozess der Personalisation und in einem zeitlichen Kontinuum vom Naturzustand über den gesellschaftlichen zum sittlichen Zustand wachsen sieht. Pestalozzis Verständnis deckt sich auch gut mit der konstruktivistischen Auffassung von Lernen als autopoetischem Prozess: Wir können lernen, aber wir können nicht gelernt werden.

"Schließlich sind wir hier nicht im Kindergarten!" ist ein tausendfach gedankenlos daher gesagter Einwurf, der auf die Oberflächlichkeit, Leichtigkeit und Bedeutungslosigkeit einer Ansicht oder Handlung abzielt. "Hier im Kindergarten" fehlt offensichtlich alle ernste Leistung, alles Wertvolle, hier werden Kinder aufbewahrt, von mehr oder weniger engagierten Kindertanten nett versorgt und bespielt. Leider trifft man immer wieder "Kindertanten" (jetzt passt der Ausdruck) strickend neben dem Sandkasten an, statt spielend im Sand. Die Feminisierung der Kindergärten, der Tagesmütter und nahezu der gesamten Grundschule ist perfekt.

Kinderonkel gehen hart gegen null und sind nur schwer mit dem Fernrohr zu entdecken. Wenn, dann sind es auch eher Fachschüler, die schleunigst in den unendlichen Weiten der Heim- oder Freizeitpädagogik versanden, da, wo "richtige" Erziehung gebraucht wird. Ich habe bei einem Kindergartenausflug noch nie einen männlichen Erzieher mit 20 Jahren Berufserfahrung gesehen. Auf so ein Fabelwesen warte ich noch. Allenfalls sieht man hie und da einen der gleichfalls äußerst seltenen männlichen Grundschullehrer unbeteiligt drei Meter hinter einer Klasse hertrotten. Das soll wahrscheinlich die mitleidigen Blicke der werktätigen Bevölkerung vermeiden helfen. Vorn aber führt die zuständige Kollegin, in der Mitte lacht eine Mutter oder eine Lehramtsanwärterin. In Städten wie Berlin oder Hamburg sollen immer wieder auch einmal Erzieherschüler (also richtig männliche) gesichtet worden sein.

Warum oder dass diese Kindergärtnerinnen ein ganz anderes Berufsbild haben und längst (meist seit 1972) Erzieher/innen heißen, weiß kaum jemand in der Bevölkerung. Und man darf natürlich auch schon kritisch nachfragen, warum diese Erzieherinnen an normalen Berufsfachschulen mit dem Etikettenschwindel "Fachschulen" oder hoch trabend gar "Fachakademien" ausgebildet werden. Dann entlassen diese sog. "Fachschulen für Sozialpädagogik" Erzieherinnen und keine Sozialpädagogen, wie entsprechend dem Schultitel zu erwarten wäre. Ob die Bezeichnung "Sozialpädagoge" allerdings das Elend der Kindergärten ändern würde, kann bezweifelt werden. Erst wenn die Bedeutung der elementaren Lernens (und nicht des vor-schulischen) wirklich von der Gesellschaft anerkannt wird, wird sich auch das Image der in jener Institution arbeitenden Menschen - egal wie sie heißen - ändern.

Die Kindergärtnerinnen jedenfalls haben aufgrund ihrer geringen Professionalisierung einen Mangelstatus. Ihr Tun gilt als Verlängerung der Frauen- und Mutterrolle und folglich nicht als bildungsrelevant. Die nächste Folge ist, dass die häufig seit Jahrzehnten geforderte Ausbildung der Erzieher an der Fachhochschule - anders als bei den Sozialarbeitern - verweigert wird. Auch eine deutliche Aufwertung der Ausbildung an den Fachschulen - z.B. durch ein viertes Jahr oder curriculare Aufwertung - unterbleibt weitgehend. Insbesondere mangelt es immer noch an der Vermittlung von diagnostischen Fähigkeiten, sprach- und schreiberzieherischer Kompetenz sowie einer soliden Weiterführung in mathematischen, technischen und anderen naturwissenschaftlichen Phänomenen. "Ein bisschen Liebe, ein bisschen Lego - aber null Logo" umschrieb der STERN im März 2003 etwas salopp diese Kindergartenmisere.

Auch den Eltern in den Familien mit Kindern gesteht man kaum Bildungspotenzen zu. Fingerspiele, Vorlesen, einen Drachen bauen, einen Kika-Beitrag besprechen, eine Ritterburg besuchen, Kaulquappen fangen oder eine Sternschnuppe beobachten gilt nicht als Bildung, wenn es in der Familie geschieht. Auch im Kindergarten ist dieses oft informelle Lernen nur Tandaradei, selbst wenn 40 Ordner aus dem Situationsansatz oder ähnliche Sammlungen dem Team leitend zur Verfügung stehen.

Doch informelles Lernen umfasst nach Schätzung der von der UNESCO eingesetzten Faure-Kommission etwa 70% allen menschlichen Lernens. Selbst später dringend eingeforderte Sozial- und Personal-Kompetenzen (Schlüsselqualifikationen) wie Teamarbeit, die Familie und Kindergarten vermitteln, gelten als nicht zum Bildungskanon gehörig. Die modernen Neurowissenschaften zeigen, dass zwar alle Lernprozesse durch Anwendung und Erfahrung von Wissen beschleunigt werden. Entwicklungspsychologische Studien beweisen aber auch, dass drei wichtige Faktoren, die in den Homeschooler-Familien sicher eher umfassend gefördert werden, das positive Aufwachsen von Kindern verursachen:

  • eine positive Eltern-Kind-Beziehung,
  • allgemeinen Lebensfertigkeiten,
  • Partizipation und Engagement.

Erst das Odium der Schule lässt aus allem Bildung sprießen. Die Schule gilt als Dünger der Bildung, nicht die Familie oder die Selbstverantwortung des Kindes.

In der Regel sahen und sehen sich die meisten Eltern nur als Erziehungsinstanz, ja, sie verschieben Bildungsprozesse auf die Schule, manchmal sogar mit dem Argument: "Sonst haben es die Lehrer in der ersten Klasse zu schwer." Dass Lehrer für dieses Problem der unterschiedlichen Leistungsstände von Kindern ihre eigenen Methoden (wie Binnendifferenzierung, Jena-Plan, Lern-Tandems oder Gruppenarbeiten) entwickeln können sollten, ging dabei unter.

Der kleine Mann bleibt an der Hand der Mutter stehen und ruft freudig: "Guck mal Mama, ein A!" Tatsächlich, die beiden Balken des Telefonmasts mit dem Querbalken bilden ein A! Die Mama wiegt bedenklich den Kopf: "Ja, aber das lernst Du noch früh genug in der Schule!" Und zieht ihr Kind weiter.

Die große Schwester bringt dem kleinen Bruder Zählen bei. Einmal bekommt die Mutter das mit und herrscht die Schwester an. "Hör auf, das lernt er noch in der Schule - sonst redet er noch der Lehrerin immer dazwischen."

Natürlich gibt es auch extrem leistungsorientierte Eltern, die schon mit ihren Kindern Schule spielen und hemmungslos pauken. Auf den Elterabenden treiben sie dann gern die Grundschullehrerinnen (manchmal aber auch schon Erzieherinnen) zu immer höheren Leistungen im kognitiven Bereich an (wegen des Abiturs!). Soziales, spielerisches oder altersgemäßes Lernen gilt bei ihnen nicht als Bildung, sondern nur echte Kopfgeburten. Für sie ist Wissen identisch mit Bildung.

Doch die Missachtung des Lernens nach unten hört nicht oben auf! Gymnasiales Lernen ist höherwertig, als das in der Grundschule (so sind die Gymnasiallehrer auch länger ausgebildet und höher bezahlt). Aber es kann auch die universitäre Ebene treffen. Seit Jahren kümmern sich Großforschungseinrichtungen, Universitäten und Organisationen um frühe naturwissenschaftliche Schülerförderung, z.B. in Kinder-Akademien oder -Unis. Ein Abteilungsleiter einer Großforschungseinrichtung wollte, wie er mir berichtete, ein Schülerlabor gründen. Doch wohlmeinende Kollegen rieten ihm dringend, doch mit solchem Kinderkram aufzuhören, er sei doch schließlich Wissenschaftler. Der Mann gab nicht auf; das Schülerlabor existiert heute schon seit Jahren - und außerhalb der Schule. Genau in dem Bereich, wo die Eltern wieder ran dürfen, wenn Schule als Institution zumindest großenteils versagt: beim Nachhilfeunterricht. Hier werden monatlich Beträge in Millionenhöhe aufgebracht, um zu retten was zu retten ist. Hier zahlen Eltern stilles Schulgeld für einen Bereich, der bilden darf und offensichtlich kann.

Nun könnte man also den Kindergarten ans Schulsystem ankoppeln, z.B. im 5. Lebensjahr der Kinder, und gleich die Kindergartenpflicht einführen. Das wird gefordert und diskutiert. Bei einer Einschulung mit 5 sieht Dollase z.B. keinen Vorteil, plädiert aber für gute Kindergärten mit altersgemischten Gruppen. Ich meine auch, dass wir weder eine Kindergarten- noch eine Schulpflicht brauchen, sondern ein attraktives Bildungsangebot, das Kinder einbezieht und auf ihre Lerntempi und -typen zugeschnitten ist. Es kann dabei durchaus geboten sein, Eltern, die ihre Kinder bilden - also ihrer Bildungspflicht nachkommen - zu belohnen.

Schon der "Strukturplan für das deutsche Bildungswesen" von 1972 kannte eine nie verwirklichte Eingangsstufe, bei dem das letzte Jahr des Elementarbereichs (Vorschule) mit dem ersten Grundschuljahr (Primarbereich) integriert war. Erzieher und Lehrer sollten in diesem Bereich gemeinsam unterrichten. Da, wo diese Modelle umgesetzt wurden, z.B. in NRW, zeigte es sich, dass die Vorschulpädagogen sofort den Lehrer samt Stundenplan spielten und die Lehrer endlich "spielen" durften. Es besteht also durchaus eine Gefahr der Verschulung der Vorschule. Doch der mögliche Missbrauch spricht nicht grundsätzlich gegen das Konzept, sondern für ein besseres Konzept.

In Berlin legte der Senator für Schulwesen (!) 1969 einen "Vorläufigen Rahmenplan für die Vorklasse" (also für die Fünfjährigen) vor. Hier waren die o.g. mathematischen, technischen und weiteren naturwissenschaftlichen Phänomene bereits deutlich formuliert. Auch "Hören und Sprechen" waren genannt, aber noch war die Bedeutung der Sprache für den Bildungserwerb (z.B. bei Ausländerkindern) weniger stark herausgebildet, als es heute nötig wäre. Diagnostischen Fähigkeiten wurden noch nicht gefordert.

Diesen Plan konnte der Senator für Schulwesen, der damit die Vorklasse durchaus schon als "Bildung" verstanden hatte, Mitte der Siebziger wieder einpacken. Das sei die verfrühte Verkopfung und Zurichtung unschuldiger Kinder auf ein fremd bestimmtes Leben durch Leistungsterror, so etwa lauteten die links-emanzipatorischen Stimmen. Sie meldeten ihre Ansprüche auf Kindergarten als Freiraum von Leistungszwang an, bei gleichzeitiger Betrachtung der Familie als Zwangsinstrument. Von eher konservativer Seite kam wenig Gegenwehr, denn dort hing man der unbedingten Familienideologie an und sah den Kindergarten mehr als nützliches Übel, als Bewahranstalt und Schonraum. Die Familie war ähnlich wie die Gesamtschule zum ideologischen Streitthema geworden: von beiden Seiten eine naive Verherrlichung bzw. Verdammung der Familie. Ich kann mich noch gut an die heftigen und langen Diskussionen in den Erzieherschulen nicht nur mit Schüler/innen, sondern auch unter Kolleg/innen erinnern; ich bin mir nicht sicher, ob ich mich hier heftig und deutlich genug gewehrt habe.

All die alten Argumente feiern in neuem Gewand gerade wieder fröhliche Urständ. Doch diesmal müssten wir weiter kommen, im Interesse der Kinder, die ganz unideologisch ihre Zukunft gestalten möchten. Mir scheint es mit dem Vorschuljahr wie bei Beton. Es kommt drauf an, was man draus macht!

PISA legte ab 2001 die Mängel im deutschen Bildungswesen schmerzhaft offen. Allerdings wurden ja nur einige - allerdings wesentliche - kognitive Bereiche der Literacy und der Naturwissenschaften getestet. Die Studie betonte dabei die Phase und die Bedeutung des frühkindlichen Lernens. Bis dahin hatten wir - trotz früherer Studien durch die "International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA)" (TIMMS, 1998; FIS, 1970) - nicht einmal den Hauch einer Chance, kindgemäßes, also hirngerechtes Lernen in einer lernintensiven Phase, im Kindergarten als wichtig oder gar als Bildung verstanden zu sehen. Kultusminister überließen die Randgruppe der Kindergärten oder Tagesmütter meist ihrer Kollegin vom Sozialministerium. Auch in der DDR unterstand mindestens die Krippe noch dem Gesundheitsministerium; der Kindergarten war Bildungseinrichtung.

Familien, die über Jahre hinweg den Grundstein der Bildung legen (können), kamen nie in den Geruch der Bildungsinstitution. Dietrich Schwanitz z.B. wurde bis zu seinem 12. Lebensjahr auf einem Schweizer Bergbauernhof - gebildet, nicht nur erzogen. Es hat ihn deswegen/ trotzdem auf einen Universitäts-Lehrstuhl gebracht. Als ich ihn vor Jahren auf der Frankfurter Buchmesse fragte, was er von der Abschaffung der Schulpflicht und der Möglichkeit des Homeschoolings halte, antwortete er mit einem kleinen Kopfdreher: "Ja, kann man machen!" Ja, er hat Recht, sollte man machen!

Bei der Betrachtung, was Bildung ist, wann sie beginnt und wer sie produziert, scheint sehr langsam ein Wandel im Gange zu sein. Allerdings wohl weniger, weil wir Bildung als Menschenrecht und ganz individuellen Ausdruck unseres Wertes als Menschen begreifen, sondern weil langsam klar wird, dass die Mängel im Bildungswesen auf unseren ökonomischen Niedergang in einer globalisierten Welt verweisen. So tut sich ein Wandel nicht aus humanitärem Streben auf, sondern aus Einsicht in die ökonomische Notwendigkeit. Vielleicht ist die eine Chance, den Weg zur Bildungsfreiheit zu beginnen.

Um unser Land und seine Kinder fit machen zu können für die Anforderungen der Globalisierung, Individualisierung und Flexibilität im neuen Jahrtausend, brauchen wir ein neues leistungsstarkes System von Bildung, Erziehung und Schule. Der Ruck durch Bildungs-Deutschland, den Bundespräsident Herzog einst forderte, lässt noch auf sich warten. Eine große Chance läge darin, Bildungsfreiheit zu gewähren, d.h. die Fesseln der Schulpflicht zugunsten einer Bildungspflicht abzuschaffen. Eine umfassende Bildungsfreiheit bedeutet - unabhängig von den Leistungen und Anstrengungen vieler Lehrer in allen Schultypen - das Selbstbestimmungsrecht der Kinder auf Bildung (Bildungsrecht) und die Pflicht der Eltern zur Bildung ihrer Kinder (Bildungspflicht) in Lernkonstellationen ihrer Wahl: Vermehrt würden Homeschooling und freie Schulen (Privatschulen) entstehen, insbesondere wenn man sie wie in den Niederlanden mit den staatlichen finanziell gleichstellen würde. Im Augenblick spart Deutschland laut einer Berechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft vom März 2007 jährlich 870 Mio. EUR an den freien Schulen.

In der Menschenrechtsdeklaration der UNO von 1948, von der BRD ratifiziert, heißt es in Artikel 26 (3): "Eltern haben das vorrangige Recht, die Art der Bildung und Erziehung, die ihre Kinder erhalten sollen, zu wählen." Und im ebenfalls von Deutschland ratifizierten Zusatzprotokoll Nr. 1, Art. 2 (2) der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten heißt es: "Der Staat hat bei der Ausübung der von ihm auf dem Gebiet der Erziehung und des Unterrichts übernommenen Aufgaben das Recht der Eltern zu achten, die Erziehung und den Unterricht entsprechend ihren eigenen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen sicherzustellen."

In Art. 6 (2) des GG heißt es: "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft." Und in Artikel 7 (1) "Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates." Aus Tradition und mit dem Segen des BVG wird aus dem einstmals sinnvollen Konzept der Schulpflicht in den Ländergesetzen nun die Schulbesuchspflicht bzw. sogar der Schulzwang abgeleitet. Der Schulzwang ist aber ein Kind des Absolutismus und wurde wohl erstmals 1619 in Weimar formuliert. Deutschlandweit wurde mit Gründung der Bundesrepublik (BRD) und den Länderverfassungen nun nicht radikal mit den Gesetzen des Nationalsozialismus gebrochen, sondern der Geist aus der Flasche, hier das Reichsschulpflichtgesetz vom 6. Juli 1938, findet sich wieder in den Ländergesetzen. Nach diesem auf der Welt einmaligen und schändlichen Relikt der Hitler-Diktatur werden Kinder, Eltern, Psychiater und Polizisten vom Gesetzgeber heute immer wieder in entwürdigende und groteske Situationen gestellt.

In den Verfassungen der Bundesländer wird häufig vom "natürlichen Recht der Eltern" (NRW) oder dem "christlichen Sittengesetz" (Saarland) gesprochen, dass Eltern die "Erziehung und Bildung der Kinder zu bestimmen" hätten. In den Landesverfassungen wird die Schulpflicht zunächst allgemein formuliert. Erst die Gleichstellung der Schulpflicht mit der Schulbesuchspflicht in den jeweiligen Schulgesetzen konstruiert das Problem. Eine Verfassungsänderung in den Bundesländern wäre also zunächst nicht vonnöten, sondern eine neue gesetzliche Regelung ausreichend. In Niedersachsen könnte Homeschooling nach § 63 (5) des Schulgesetzes in der Grundschule sogar sofort und großzügig gestattet werden, weil es dort heißt: "Schulpflichtigen der ersten sechs Schuljahrgänge darf Privatunterricht an Stelle des Schulbesuchs nur ausnahmsweise gestattet werden." Homeschooler wären also diese Ausnahme (wert).

Alle Bundesländer (außer Berlin) kennen in ihren Schulgesetzen im Extremfall den dauerhaften Ausschluss eines Schülers von allen Schulen eines Landes. Damit ist die Schulpflicht durch die Hintertür aufgehoben. Aus ethischen Gründen kam man selbst verzweifelten Homeschoolern diesen Weg leider nicht empfehlen.

Das BVG hat zunächst 1972 im sog. "Förderstufenurteil" das Erziehungsrecht von Eltern und Staat auf eine Stufe gestellt, dann aber trotzdem dem Staat den Vorrang gegeben. So hat das BVG aus Art. 7 (1) die das Elternrecht beschränkende Schulpflicht abgeleitet und auch daraus, dass in 7 (2) den Eltern ausdrücklich das Recht einräumt, (nur) über den Besuch des Religionsunterrichts bestimmen zu können - und damit offensichtlich nicht über den gesamten anderen Unterricht. Es hat jedoch noch nicht zu prüfen gehabt, in wie weit unsere Verfassung mit den ratifizierten Konventionen übereinstimmt. Auch der Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission, Vernor Muñoz, kritisierte 2007 in seinem Report das derzeitige deutsche Schulwesen wegen Menschenrechtsverletzungen; u.a. fordert er die Möglichkeit des Homeschooling zuzulassen.

Homeschooling hat sich überall auf der Welt als kleine, legale und Ernst zu nehmende Alternative zum Schulsystem entwickelt. Fast alle europäischen Länder bilden ihre Kinder ohne Schulpflicht - so Dänemark seit über 150 Jahren! In der dänischen Verfassung ist das in Art. 76 ausdrücklich geregelt. Da, wo es formal noch Schulpflicht gibt (wie z.B. in Spanien oder Griechenland), wird sie sehr großzügig im Sinne der Kinder und der Freiheit der Bildung gehandhabt. In den Niederlanden herrscht erst ab der 5. Klasse Schulpflicht, aber auch von dort sind danach beim Homeschooling keine Fälle von Schulzwang bekannt. In England treffen wir mit - trotz unterschiedlicher Zahlen - von 1,5% - 3% - die meisten europäischen Schüler im Homeschooling an. In den USA sind rund 2 Mio. Kinder erfolgreiche Homeschooler, wie es zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre belegen. In Kanada sind es 3% - 4%. In Italien - obwohl erlaubt - kennt man Homeschooling nahezu nicht.

Manche Eltern wollen ihre Kinder auch aus religiösen Gründen nicht schulischen Unterrichtsinhalten aussetzen, die ihrer familiären Überzeugung und Wertehaltung diametral zuwiderlaufen (Sexualkunde, Evolutionslehre). Der Hinweis auf Aufklärung, Pluralismus und Toleranz hilft diesen Eltern aber nicht weiter, weil sie die Harmonie der Familie, ihre Geborgenheit und emotionale Sicherheit, die grundlegende Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen sind, von außen unzulässig gestört sehen. In diesem Konflikt zwischen staatlichem und familiärem Interesse könnte die Möglichkeit des kritischen Vermittelns von solchen Inhalten im Homeschooling durch die Eltern einerseits und der Überprüfung der gelehrten Inhalte durch den Staat ein gangbarer Weg sein.

Auch Befürchtungen betreffs einer gestörten Sozialisation, Abschottung von der Altersgruppe, Bildung von sektiererischen Parallelgesellschaften oder die Kinder vereinnahmenden religiösen Gruppierungen haben sich überwiegend nicht bestätigt. Statt "Klasse" heißt die Bezugsgruppe der Homeschool-Kinder Verein, Musikgruppe oder "Straße/ Hof".

Es gibt in der Tat extrem-religiöse Eltern, die das Recht ihrer Kinder auf Selbstbestimmung verletzen dürften, wenn sie sie z.B. zu Gebet und Homeschooling zwingen oder gar prügeln und sie auch keine christliche Privatschule besuchen lassen. Solche wenig akzeptablen Zwänge oder Prügel finden wir allerdings genauso bei verwahrlosenden Familien, Leistungsterror oder machtkranken Eltern. Dies ist kein spezielles Problem von Homeschoolern. Aber wenn ein Leistungsterror ausübender Vater dies wirkungsvoll tun will, kann ihn auch die Zeit, in der sein Kind in der Schule ist, nicht daran hindern.

Es gibt radikale Moslems (wie Christen), die ihre Kinder in einer Parallelgesellschaft aufwachsen lassen wollen. Es gibt diese Familien - mit oder ohne Schulpflicht - die einen mental-moralischen Panzer um ihre Kinder legen - mit oder ohne Schulpflicht! Wollten wir das verhindern, müssten wir einem 1984-Staat das Wort reden.

Deswegen darf der türkische Vater, der seine bekopftuchte Tochter zu Hause behält und sie das Börök für die Kebab-Bude backen lässt, kein ernsthaftes Argument gegen Homeschooling sein. Auch die radikal-evangelikalen Eltern, die ihren Kindern die Klassengruppe, die Evolutionslehre und die Sexualkunde vorenthalten wollen, sind kein tragfähiges Argument, sondern Anlass, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen (hier die Überprüfung der Lerninhalte aus dem Bildungskanon).

Auf ganz spezielle Bedürfnisse von Kindern (z.B. bei Hochbegabung oder ADHS) und Familien in besonderen Situationen (z.B. bei Zirkuseltern oder international berufstätige Eltern) kann insbesondere durch selbst gestaltetes, häusliches oder Kleingruppen-Lernen - manchmal auch nur für einen bestimmten Zeitraum - besser und gezielter eingegangen werden.

Für Kinder im Ausland gelten die gleichen Regeln, wie ich sie hier für Homeschooler fordere. Sie lernen oft informell Daheim, von und mit den Eltern, mit Hilfe der Fernschule - und das offensichtlich normal und erfolgreich. Warum darf es dort sein - und nicht hier? Wir können vermuten, dass es um Machtverlust geht und die Vorstellung des überholten Untertanenstaates, der Militär, Finanzen und Schule als staatliche Aufgabe sah. Nicht umsonst sind Lehrer Staatsbeamte.

Die Staaten üben unterschiedliche Modelle der Kontrolle von Homeschooling aus. Österreich kennt z.B. Unterrichtspflicht und überprüft an der gemeldeten Schule jährlich per Test den entsprechenden Jahrgangsstoff. Im liberalen England müssen dagegen die Kinder nirgendwo gemeldet sei, und es wird auch nichts kontrolliert, sondern das Schulamt verschafft sich durch Besuche einen Gesamtüberblick. In Frankreich überprüft man regelmäßig, um zu einer individualisierten Gesamtbeurteilung zu gelangen.

Studien (z.B. Brian D. Ray, USA, 1997 und 2003; Amanda J. Petrie, GB, 2000; Basham Patrick, Kanada, 2001; Paula Rothermel, GB, 2005) zeigen, dass Homeschooling durchaus erfolgreich ist. Wir lesen von durchweg überdurchschnittlichen Lernerfolgen und hohem gesellschaftlichen Engagement. Auf den Websites amerikanischer Universitäten und Colleges findet man direkte Ansprache von Homeschoolern. Dazu haben ehemaliger Homeschooler meist gute Ausbildungs- und Berufschancen.

Wir müssen auch in unserem jetzigen Schulsystem mit vielleicht 5% in diesem System langfristig nicht beschulbaren Kindern rechnen, wenn wir die Zahlen des BKA von 2003 zu "Aggression und Delinquenz unter Jugendlichen" zugrunde legen. Diese Schüler wären in einem einzurichtenden "sozialpädagogischer Block" neben der Schule von sozialpädagogischen Experten in kleinen Gruppen z.B. erlebnispädagogisch oder auf geschützten Arbeitplätzen in der Wirtschaft zu betreuen, Abschluss orientiert zu bilden und ggf. in die Schule zurückzuführen. Auch Kinder mit Lernschwierigkeiten (z.B. ADHS, Legasthenie, Langzeitkranke u.a.) sollten Homeschooling machen oder sich in kleinen Lerngruppen (Minischulen) organisieren können.

Bildungsstreben sollte sich lohnen. Deshalb sollte die Auszahlung des Kindergeldes und ggf. die Ansetzung des steuerlichen Kinderfreibetrags von der Teilnahme an Bildungsmaßnahmen in Schule, Familie, Lerngruppe oder einem "sozialpädagogischen Block" abhängig gemacht werden. Nur Familien, die hier ihrer Pflicht nicht nachkommen und ihre Kinder - wie heute schon Tausende von Trebegängern - verwahrlosen lassen, als billige Arbeitskraft ausbeuten oder (z.B. muslimischen) Mädchen das Recht auf Bildung verweigern wollen, müssten dann mit der Anwendung des Jugendschutzgesetzes rechnen, das um den Tatbestand der "Bildungsentzug durch die Erziehungsberechtigen" erweitert werden müsste. Hier würden auch die entsprechenden Sanktionen des Gesetzes gelt.

Günstig wäre für Homeschooling - aber auch für alle Schultypen - ein knapper prüfungsrelevanter Bildungskanon (etwa vom Umfang des norwegischen oder finnischen). Homeschooler sollten zum Abschluss eines Schulabschnitts extern überprüft werden und die Abschlüsse anerkannt bekommen.

Die Einführung von Homeschooling bedeutet automatisch auch die Entwicklung eines Marktes von geeignetem Unterrichtsmaterial, siehe das Beispiel der USA. Solange Homeschooling in Deutschland mehr im Verborgenen blüht, kann sich dieser Markt kaum entwickeln und orientiert sich teilweise an amerikanischem Material. Das knappe Angebot von deutschem Material kann also nicht den Homeschoolern angelastet werden. Für viele Homeschooler wird das Internet bzw. das E-Learning eine zunehmende Rolle spielen.

Um Schule demokratisch steuern und finanzieren zu können, wäre es sinnvoll, wenn Eltern "Bildungsgutscheine" erhielten, um diese für die Bildungseinrichtung ihrer Wahl (z.B. auch für eine Minischule) einsetzen zu können.

Wir können also sehen, dass kindliches Lernen zunächst einmal wenig gilt, sonst gäbe es auch im Kindergarten eine Kindergartenpflicht, Erzieher wären Lehrer und in den Grundschulen drängelten sich die männlichen Lehrkräfte. Eltern sind dagegen überhaupt nicht als Bildner von Kindern gedacht oder denkbar. Diese Missachtung von Eltern und Erzieher setzt sich fort in der marginalen Bedeutung der schulischen Elternmitbestimmung. Hier ist der demokratische Faktor immer noch erschreckend gering. Schule ist nur sehr bedingt ein Ort, an dem sich Demokratie einüben ließe.

Die Schulpflicht hatte einmal die Aufgabe, einerseits Untertanen, andererseits Bildung und Arbeitsfähigkeit herzustellen. Wenn es Methoden außerhalb von Schule gibt, die Bildung und Arbeitsfähigkeit garantieren, dann kann es keinen vernünftigen Grund geben, Homeschooling zu verweigern, es sei denn, es ginge in Wahrheit immer noch um Macht und die Vorstellung des überholten Untertanenstaates.

Nur schulisches Lernen zählt also und zwar das am meisten, das sich im gesellschaftlichen Prozess am höchsten ökonomisch verwerten lässt. Deshalb ist es in Deutschland wohl auch zwangsbewehrt. Der Staat traut seinen Kindern nicht. Er wehrt sich aber nicht nur mit Polizeigewalt und dem Einsatz von Psychiatern gegen die etwa 500 Kinder im deutschen Homeschooling, sondern verwehrt schon eine breite Diskussion zu dem Thema. Erst langsam öffnen sich Medien und einzelne Bürger oder Wissenschaftler - die wie ich auch, selbst keine Homeschooler sind oder sein wollen - dem Thema mit größerer Offenheit.

Literatur

Ralph Fischer und Volker Ladenthin: Homeschooling - Tradition und Perspektive. Ergon-Verlag, Würzburg 2006

Ulrich Klemm: Lernen ohne Schule. Argumente gegen Verschulung und Verstaatlichung von Bildung. SPAK-Bücher, München 2001

Basham Patrick: Homeschooling: From the extreme to the mainstream. The Fraser Institute, Canada 2001

Amanda J. Petrie: Home educators and the law within Europe. Unveröffentlichtes Manuskript, GB, 2000

Georg Pflüger: Lernen als Lebensstil. Verlag deutsche Fernschule, Wetzlar 2004

Raimund Pousset: Schafft die Schulpflicht ab! Eichborn, Frankfurt 2000

Brian D. Ray: Home educated and now adults: Their community and civic involvement. Views about homeschooling and other traits. NHERI 2003 (siehe auch: http://www.nheri.org/)

Paula Rothermel: Home education - comparison of home- and school-educated children on PIPS baseline assessments. University of Durham 2005

Thomas Schirrmacher: Bildungspflicht statt Schulzwang - Staatsrecht und Elternrecht angesichts der Diskussion um den Hausunterricht. VKW, Bonn 2005, und VTR, Nürnberg 2005