Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Louise Scheppler

Manfred Berger

 

In ihren Grabstein ritzte man folgende Worte (hier übersetzt): "Hier ruhen die sterblichen Gebeine der Luise Scheppler, geboren zu Bellefosse den 4. November 1763, gestorben zu Waldbach den 25. Juli 1837. Die treue Magd und Gehülfin des Papa Oberlin. Eine christlich-demütige Erzieherin der Jugend seit dem Jahre 1779" (zit. n. Müller 1897, S. 16).

1767 übernahm Pfarrer Johann Friedrich Oberlin das Pfarramt in Waldersbach (auch Waldbach) im Steintal (Vogesen). Zur Gemeinde gehörten noch weitere fünf Filialdörfer und drei Weiler. Im Filialdorf Belmont errichtete der Pfarrer bereits 1770 eine sog. "Strickschule" (der bald weitere folgten), um die Kinder vor den Gefahren der Verwahrlosung zu schützen. Zur Leiterin der "zarten Jugend" konnte der Pfarrer das junge Mädchen Sara Banzet gewinnen:

"Hier entsteht die Idee der 'Führerin der zarten Jugend', hier ist auch die Geburtsstätte der evangelischen Kinderschule, der ècole d' enfants'. Diese Einrichtung wird auch 'poêle à trictor' genannt, Küche, Wohnstube, in der man strickt. Die größeren Kinder lernen das Stricken, die kleinen spielen dabei. Wir finden hier im Wesen eine Kombination von Kindergarten und Hort" (Psczolla o. J., S. 10).

Am 16. Juni 1779 trat Louise Scheppler in Waldersbach in den Dienst der "ersten ordentlichen Kleinkinderschule" (Müller 1897, S. 6). Sie war aber bereits schon seit 1778 im Pfarrhaus tätig, die Pfarrfrau in all ihren Pflichten für das Hauswesen und die Gemeinde unterstützend. Irrtümlicherweise wird der 16. Juni 1779 auch heute noch als Beginn der evangelischen Kleinkinderpflege gesehen. Die Anfänge lagen jedoch, wie schon erwähnt, bei Sara Banzet, für die Pfarrer Oberlin "2 Louisdor" jährlich zahlte, "um sie als Stricklehrerin ... anzustellen" (Gehring 1929, S. 219).

Bald hatte sich Louise Schepplers Wirken in der Waldersbacher Kleinkinderschule über die Pfarrgemeinde ausgedehnt; "nach nicht allzu langer Zeit war die Kleinkinderschule nach England verpflanzt, wurde nach Frankreich zurückgeführt und hielt ihren Segenszug in Deutschland. Eine sechzehnjährige Pfarrmagd, eine arme Bauerntochter, hatte den Anstoß zu der Bewegung gegeben, aus der einer der Hauptthätigkeiten der inneren Mission geworden ist" (Müller 1897, S. 6).

Die Kleinkinderschule fand zweimal wöchentlich statt, getrennt nach Geschlecht. Die anderen Wochentage mussten die Kinder in den Webereien, dem hauptsächlichsten Industriezweig des Steintals, unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Während ihres Besuches der Kleinkinderschule wurden die Kinder nicht nur aufbewahrt und beaufsichtigt, sondern auch in Sitte, Glauben und häuslichen Arbeiten u.a.m. unterrichtet. Diesbezüglich schrieb Louise Scheppler in einem undatierten handschriftlichen Bericht nieder:

"Die Leiterinnen unterrichten die Kinder in den verschiedenen Fächern wie folgt:

    1. Das Stricken, gilt für Buben wie für Mädchen.
    2. Man berichtet ihnen die Geschichten der Heiligen Schrift.
    3. Man läßt sie auswendig lernen, Gesangbuchlieder und geistliche Lieder, die sie dann stets auch gleich singen werden, man erklärt ihnen den Sinn dieser Lieder.
    4. Man bringt ihnen schon die Anfangsgründe von Geographie und Naturgeschichte bei.
    5. Man erzählt ihnen verschiedene erbauliche Geschichten, ihrem Alter und Auffassungsvermögen entsprechend.
    6. Man versucht, ihnen die Gegenwart Gottes deutlich zu machen, zu jeder Zeit und an jedem Ort, und überall, wo sie sich befinden, und in allem, was sie tun, spornt man sie an, sich dessen zu erinnern.

Man hält sie dazu an (muntert sie auf), nur ja all das zu tun, was Gott, dem Allgegenwärtigen, Freude machen kann. Im Gegensatz dazu zeigt man ihnen auch, was Gott missfällt; man versucht ihnen zu zeigen, wie hässlich es ist, sich dem Lügen und Schwören hinzugeben, ebenso wie der Respektlosigkeit den Eltern gegenüber, der Unsauberkeit, der Faulheit und anderem mehr. Und endlich versucht man, ihnen das Gebet des Herzens nahezubringen, indem man mit ihnen knieend betet, und man betet in einer Art und Weise, wie sie es verstehen" (zit. n. Psczolla 1988, S. 102 f).

Trotz aller Disziplinierung der Kinder, wurde das kindliche Spiel in seiner Bedeutung (zumindest in Ansätzen) erkannt, wie aus einer der ersten Oberlin-Biografien hervorgeht:

"Unterricht und das Spiel gingen in diesen Schulen Hand in Hand; während die gehörige Strenge und Einflößung des Gehorsams eingeführt war, wurde doch ein Grad der Freiheit gestattet, der dem kindlichen Gemüthe alle Macht der Entfaltung ließ, und der Unterricht auf eine Art beigebracht, die im späteren Leben von größtem Nutzen war" (Psczolla 1988, S. 99).

Louise Scheppler entstammte einer äußerst armen Bauernfamilie. Über ihre Kinder- und Jugendzeit ist wenig bekannt. So werden beispielsweise sehr unterschiedliche Angaben hinsichtlich ihrer Geschwister angegeben. Der Oberlin-Forscher schlechthin, Erich Psczolla, spricht von noch "drei jüngeren Geschwistern" (Psczolla 1988, S. 54). Demgegenüber meint Johannes Gehring, dass Louise das "3. von 8 Kindern" (Gehring 1929, S. 25) war. Im Alter von 11 Jahren starb die Mutter, "und Louise kümmerte sich um ihre jüngeren Geschwister - eine gute Vorbereitung für ihre späteren Aufgaben. Die eigene Familie wurde ihr zum Übungsraum für pädagogische Erfahrungen" (Psczolla 1988, S. 54).

58 Jahre stand Louise Scheppler im Dienste der Jugend. Für ihr philanthropisches Wirken erhielt sie 1829 von der "Akademie der Wissenschaften zu Paris" den Tugendpreis ("prix de vertu"), den 1782 der Baron de Monthyon "zur Beurteilung an solche Personen gestiftet hatte, die sich durch eine Tat von allgemeiner Bedeutung ausgezeichnet haben" (Wienstein 1904, S. 83). In einem Bericht schrieb Baron de Cuvier über die gute Zusammenarbeit der Preisträgerin mit Pfarrer Oberlin:

"Sie wurde sein Gehilfe, sein Bote und der Schutzengel der Armen, denen sie in ihren Hütten mit unermüdlichem Eifer Trost aller Art spendete. Bei keiner Gelegenheit konnte man besser bemerken, in welchem Grad das Gefühl die Geisteskraft steigern kann: Dieses schlichte Landmädchen hatte ihren Herrn (Oberlin) selbst in seinen erhabensten Ideen begriffen und setzte ihn sogar öfters in Erstaunen durch glückliche Ideen, an die er nie gedacht hatte und die er in der Verfolgung seiner Pläne als möglich benutzte" (zit. n. Psczolla 1965, S. 19).

Das Preisgeld von 5000 Frcs. stiftete Louise Scheppler für die Gründung von weiteren fünf neuen Kleinkinderschulen.

Louise Scheppler starb im Alter von 74 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Sie wurde neben "Papa Oberlin" auf den Friedhof zu Fouday begraben.

Anlässlich zum historisch ungenauen Fest "150 Jahre evangelische Kinderpflege" - am 16. Juni 1929 - würdigte Schwester Auguste Mohrmann eingehend Louise Schepplers Vorbild für die Frauen, die nachfolgend in der evangelischen Kinderpflege wirkten:

"Die energische, organisatorisch begabte Fürstin Pauline von Lippe-Detmold, die Diakonisse Minna Reichelt, die feinsinnige, kluge Regina Julie Jolberg, die praktische Henriette Frieckenhaus und Anna Borchers, die erzieherisch besonders begabte Frau, sie alle fanden ihren Lebensberuf in dem Dienst an den Kindern, den ihnen Luise Scheppler erschloß" (Mohrmann 1929, S. 3).

Literatur

Gehring, J.: Die evangelische Kinderpflege. Denkschrift zu ihrem 150jährigen Jubiläum, Langensalza 1929

Mohrmann, A.: 150 Jahre evangelische Kinderpflege, Grünberg 1929 (Sonderdruck)

Müller, K. P.: Luise Scheppler, eine Magd des Herrn, Berlin 1897

Psczolla, E.: Aus der Geschichte der Evangelischen Kinderpflege, in: Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Kinderpflege (Hrg.): Unser Dienst an den Kindern, Witten, o. J.

Ders.: Das Bild eines Menschen. Louise Scheppler (1763-1837), in: Sozialpädagogik 1965/H. 1

ders.: Johann Friedrich Oberlin 1740-1826, Gütersloh 1979

ders.: Louise Scheppler starb vor 150 Jahren, in: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 1987/H. 4

ders.: Louise Scheppler und andere Frauen in der Gemeinde Oberlins, Lahr-Dinglingen 1988

Wienstein, F.: Frauenbilder aus der Erziehungsgeschichte, Arnsberg 1904