Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

Startseite



Wie groß ist der Bedarf an Kinderbetreuung in Tageseinrichtungen? Ergebnisse aus Elternbefragungen

Norbert Schreiber


Ausgangspunkt: das Tagesbetreuungsausbaugesetz

Mit dem Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG, 2004), das 2005 in Kraft getreten ist, will der Gesetzgeber das öffentliche Betreuungsangebot für unter 3-Jährige bei der Ganztagsbetreuung und bei der Tagespflege erweitern. Der Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung zielt vor allem darauf ab, dass Eltern und speziell Mütter Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren können bzw. dass Frauen mit Kindern wieder erwerbstätig werden können. Der Gesetzgeber fordert für die Kindergartenkinder ein "bedarfsgerechtes" Angebot an Ganztagsplätzen. Für die unter 3-Jährigen sollen wenigstens dann genügend Plätze in Tageseinrichtungen oder bei der Tagespflege zur Verfügung stehen, wenn die Erziehungsberechtigten erwerbstätig sind, sich in Ausbildung befinden oder wenn das Wohl des Kindes ohne öffentliche Betreuung gefährdet wäre.

Wann ist das Betreuungsangebot "bedarfsgerecht"?

Der Bedarf von Eltern an Ganztagsbetreuung oder an Plätzen für unter 3-Jährige kann letztlich nur vor Ort und für den Einzugsbereich der einzelnen Kindertageseinrichtungen geklärt werden. Große Elternbefragungen in den Bundesländern oder im gesamten Bundesgebiet bieten nur erste Anhaltspunkte für die Nachfrage der Eltern nach öffentlicher Kinderbetreuung, müssen aber bei der Planung des Betreuungsangebots vor Ort durch aktuelle Erhebungen ergänzt werden.

Betreuungsbedarf der Eltern für unter 3-Jährige

Nach der jüngsten Kinderbetreuungsstudie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) (Bien/ Rauschenbach/ Riedel 2007) wünschen sich im gesamten Bundesgebiet 36% der Eltern von unter 3-Jährigen, dass für ihr Kind ein Krippenplatz zur Verfügung steht (Tabelle 1). Die Erziehungsberechtigten möchten in erster Linie für die 2-Jährigen mehr öffentliche Kinderbetreuungsangebote, als dies bisher in den alten Bundesländern üblich war. Der elterliche Betreuungsbedarf für unter 3-Jährige ist allerdings regional sehr unterschiedlich und im Allgemeinen in den neuen Bundesländern größer als im früheren Bundesgebiet. So wünschen sich zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen 26% der Eltern Krippenplätze für unter 3-Jährige und in Sachsen 47%. Die DJI-Betreuungsstudie konnte allerdings die Frage noch nicht beantworten, ob alle Eltern, die Krippenplätze wünschen, diese auch nutzen würden, wenn sie angeboten werden.

Tabelle 1: Betreuungsbedarf für unter 3-Jährige in Kindertageseinrichtungen
Kinder unter 1 Jahr 13%
einjährige Kinder 31%
zweijährige Kinder 60%
unter 3-Jährige insgesamt 36%

Betreuungsbedarf der Eltern für 3- bis 6-Jährige

Bei einer Elternbefragung zur Qualität von Kindertageseinrichtungen im Auftrag des Bistums Trier (Honig/ Joos/ Schreiber 2004) wurden rund 3.600 Eltern von Kindergartenkindern nach ihrem Betreuungsbedarf gefragt. Rund ein Fünftel der befragten Mütter und Väter benötigt werktags eine Ganztagsbetreuung, die sich in den häufigsten Fällen auf einen Zeitraum von 8 Uhr bis 16 Uhr bezieht.

Die Nachfrage nach Ganztagsbetreuung hängt zum einen von der beruflichen Beanspruchung der Mütter ab (Tabelle 2). Familien, in denen der Vater Vollzeit und die Mutter nicht erwerbstätig ist ("Alleinverdienermodell"), kommen in der Regel mit einer Vormittagsbetreuung ihres Kindes im Kindergarten gut zurecht. Ein "Vollzeit-Vollzeit-Modell", bei dem beide Eltern beruflich stark beansprucht sind, ist demgegenüber meistens nur mit Hilfe von Ganztagsbetreuung in der Tageseinrichtung zu verwirklichen. Allerdings gibt es auch in diesem Fall noch einige Eltern, die für ihr Kind keine Ganztagsbetreuung nachfragen, weil ihnen andere private Betreuungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Großeltern oder Kinderfrauen zur Verfügung stehen.

Tabelle 2: Ganztagsbetreuungsbedarf für 3- bis 6-Jährige in Kindertageseinrichtungen
Vater und Mutter sind nicht erwerbstätig 31%
Vater ist Vollzeit erwerbstätig, Mutter ist nicht erwerbstätig 11%
Vater ist Vollzeit erwerbstätig, Mutter ist Teilzeit erwerbstätig 18%
Vater und Mutter sind Vollzeit erwerbstätig 59%
Allein erziehende Mutter: nicht erwerbstätig 20%
Allein erziehende Mutter: Teilzeit erwerbstätig 40%
Allein erziehende Mutter: Vollzeit erwerbstätig 65%
Vater und/ oder Mutter mit Migrationshintergrund 30%

Der Bedarf an Ganztagsbetreuung hängt offensichtlich nicht nur von der Erwerbstätigkeit der Mütter, sondern auch von der Lebenslage der Familien ab. Allein erziehende Mütter sind überdurchschnittlich häufig auf Ganztagsbetreuung angewiesen, und zwar auch dann, wenn sie gar nicht erwerbstätig sind. Sie brauchen mehr öffentliche Kinderbetreuung, weil sie sich die private Kinderbetreuung nicht mit einem zweiten Erwachsenen im Haushalt teilen können.

Ganztagsbetreuung wird außerdem besonders oft von sozial benachteiligten Familien nachgefragt, in denen beispielsweise beide Eltern erwerbslos sind oder einen Migrationshintergrund besitzen. Gerade diese Eltern machen auf die sozialpädagogische Aufgabe der Kindertageseinrichtungen aufmerksam. Die Trierer Elternbefragungen von Honig und anderen erbrachten, dass Familien aus benachteiligten Milieus besonders oft erwarten, dass ihre Kinder durch ganztägige Betreuung in den Einrichtungen und durch professionelle pädagogische Fachkräfte besser gefördert werden. Eltern mit höheren Schulabschlüssen entscheiden sich demgegenüber mehr aus dem Grund für Ganztagsbetreuung, um "Betreuungslücken" zu schließen, die ihnen durch ihr großes berufliches Engagement entstehen.

Folgerungen für die Kindergartenbedarfsplanung

Ist der Betreuungsbedarf der Eltern festgestellt, lässt sich für jede Einrichtung in etwa abschätzen, wie sie im Tagesverlauf "ausgelastet" ist und zu welchen Zeiten wie viele pädagogische Fachkräfte zur Verfügung stehen sollten. Kindergärten mit sehr vielen Eltern, die beide Vollzeit erwerbstätig sind, müssen damit rechnen, dass ihre Mütter und Väter ziemlich lange Öffnungszeiten und eine durchgängige Betreuung über die Mittagszeit, einschließlich Mittagessen für die Kinder, benötigen.

Weil sich das Vollzeit-Vollzeit-Erwerbsmodell zumindest in den alten Bundesländern zur Zeit noch nicht als Standard bei Familien mit Vorschulkindern durchgesetzt hat, wird sich die Nachfrage nach Ganztagsbetreuung für 3- bis 6-Jährige voraussichtlich in zahlreichen Einrichtungen in Grenzen halten. Bei Kindergärten in "sozialen Brennpunkten" ist nach den vorliegenden Daten mit einer erhöhten Nachfrage nach Ganztagsbetreuung zu rechnen, die sich im Allgemeinen aber nicht aus der besonderen beruflichen Beanspruchung der Eltern, sondern aus belasteten Familiensituationen ergibt.

Ob mehr öffentliche Ganztagsbetreuungsangebote dazu führen, dass demnächst mehr Mütter Vollzeit erwerbstätig sein werden, lässt sich heute noch nicht abschätzen. Die Auswirkungen des Tagesbetreuungsausbaugesetzes hängen zum einen davon ab, für welches Erwerbsmodell sich Väter und Mütter mit Vorschulkindern entscheiden. Zum anderen sind die Effekte des Gesetzes an den Arbeitsmarkt gekoppelt und eng mit der Frage verbunden, inwieweit sich Vollzeit-Erwerbswünsche speziell von Müttern in räumlicher Nähe des Familienwohnsitzes verwirklichen lassen. Es ist jedenfalls ziemlich unwahrscheinlich, dass Mütter mit Vorschulkindern lange Fahrtzeiten zu ihren Arbeitsplätzen in Kauf nehmen, um Vollzeit erwerbstätig sein zu können.

Literatur

Bien, W./ Rauschenbach, T./ Riedel, B. (Hrsg.) (2007). Wer betreut Deutschlands Kinder? DJI-Kinderbetreuungsstudie. Berlin: Cornelsen.

Gesetz zum qualitätsorientierten und bedarfsgerechten Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder (Tagesbetreuungsausbaugesetz - TAG) (2004). Bundesgesetzblatt Jg. 2004, Teil I, Nr. 76 vom 31.12.2004. Bonn.

Honig, M.-S./ Joos, M./ Schreiber, N. (2004). Was ist ein guter Kindergarten? Theoretische und empirische Analysen zum Qualitätsbegriff in der Pädagogik. Weinheim, München: Juventa.

Autor

Dr. Norbert Schreiber
Kirchweg 27
88367 Hohentengen
Tel.: 07572/6410
Email: dr.norbert.schreiber@t-online.de