|
- Online-Handbuch - Herausgeber: Martin R. Textor |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Aus: KinderTageseinrichtungen aktuell, KiTa spezial 2006, Nr. 4, S. 4-8. Mit Genehmigung des Verlages Wolters Kluwer Deutschland Armut von Mädchen und Jungen in Deutschland - Definition, Umfang, Wirkung und Handlungsansätze Gerda Holz
Wer ist von Armut betroffen und unterliegt besonderen Artmutsrisiken? Bereits in den 1990er Jahre wurde der Begriff der "Infantilisierung der Armut" geprägt. Heute, nach mehr als einer Dekade, muss von einer Verstetigung des Phänomens gesprochen werden: Kinder sind nach wie vor die am häufigsten von Armut betroffene Altersgruppe. Nach amtlicher Statistik lebten Ende 2004 rund 1,12 Millionen Minderjährige von Hilfe zum Lebensunterhalt (Sozialhilfe); dies entspricht 7,5% aller Mädchen und Jungen unter 18 Jahren in Deutschland. Dabei sind Nicht-Deutsche mehr als doppelt so häufig betroffen (6,5% deutsch vs. 16,1% nicht-deutsch). Mitte des Jahres 2006 bezogen rund 1,7 Millionen unter 15-Jährige Sozialgeld. Die Quote der von relativer Einkommensarmut gemäß EU-Definition betroffenen Mädchen und Jungen liegt je nach Operationalisierung zwischen 13% und 19% (1). Je nach Region und Ort variieren die Quoten mit Tendenz der Zunahme. In ostdeutschen Kommunen, aber auch in westdeutschen Großstädten und Ballungsräumen, ist je nach Altersgruppe jeder siebte bis dritte Minderjährige betroffen. Das höchste Risiko haben Kinder im Vor- und im Grundschulalter - in der Altersphase mit dem größten Potenzial zur Herausbildung individueller Ressourcen und Kompetenzen. Als Ursachen von Armut bei Erwachsenen gelten (Langzeit-) Erwerbslosigkeit und Erwerbstätigkeit auf niedrigem Zeitniveau und mit Niedriglohn. Zudem gewinnt "working poor" an Bedeutung. Weiterhin sind Trennung und Scheidung sowie Überschuldung zu nennen. Noch selten wird - und wenn dann mit Bezug zur Problematik "Frauenarmut" - die nicht oder nur gering entlohnte Haus-/ Pflege-/ Erziehungs-/ Sorgearbeit diskutiert. Ursachen für Armut bei Kindern ist die der Familie. Dem Risiko der Armutsbetroffenheit unterliegen die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen unterschiedlich. Bezogen auf Minderjährige sind überdurchschnittlich armutsgefährdet Kinder aus Familien mit einem der o.g. Erwerbstatus, mit Migrationshintergrund, aus Ein-Eltern-Familien sowie aus Familien mit drei und mehr Kindern. Ebenso sind Kinder in Großstädten gefährdeter als aus ländlichen Räumen und Kinder in sozial segregierten Quartieren. Auch hier einige Zahlen zum Umfang:
Die Zahlen belegen, die Problematik ist eine bundesweite. Gefordert sind alle allerorts, denn Armut gehört heute zur Normalität von Kindheit in Deutschland. Wie kann Armut bei Kindern definiert und gemessen werden? Armut wird zunächst als relative Einkommensarmut definiert. Als arm gilt entsprechend der allgemeinen EU-Definition, wer über weniger als 50% (Mittelwert) bzw. 60% (Median) des durchschnittlichen Nettoeinkommens (nach Haushaltsgröße gewichtet) im jeweiligen Land verfügt. In konkreten Zahlen: Die rechnerische Armutsgrenze bewegt sich je nach Berechnungsbasis für das Jahr 2003 zwischen 938 und 1.100 Euro für einen Haushalt mit einem erwachsenen Haushaltsmitglied. Kinder, die in einem solchen Familienhaushalt aufwachsen, sind arm. Armut lässt sich aber nicht auf die monetäre Ressourcenlage allein beschränken. Es gibt nachweislich einen Zusammenhang zwischen geringem Einkommen und erhöhtem Risiko relativer Benachteiligung und das spätestens ab Geburt. Armut stellt zugleich eine spezifische Lebenslage (2) dar, die sich in vielerlei Hinsicht durch materielle wie immaterielle Einschränkungen, soziale Ausgrenzung und erfahrene soziale Benachteiligungen kennzeichnet. Grundlegende theoretische und empirische Erkenntnisse zur kindspezifischen Ausformung von Armut liefern die AWO-ISS-Studien (3). Die nachfolgenden Ausführungen beruhen im Wesentlichen darauf. Die Studien machen durch den Vergleich der Lebenslage armer und nicht-armer Kinder sichtbar, wie stark die materielle Situation der Familie die kindliche Situation beeinflusst. Zur Bewertung der Entwicklungsbedingungen bzw. -möglichkeiten armer Mädchen und Jungen im Vergleich zu ökonomisch besser gestellten Kindern sind die vier zentralen Lebenslagedimensionen zu berücksichtigen:
Um einen umfassenden Blick auf die kindliche Lebenssituation zu erhalten, sind die vier Lebenslagedimensionen in einem Index zusammengefasst, der drei kindbezogene Lebenslagetypen "Wohlergehen", "Benachteiligung" und "multiple Deprivation" umfasst. Dergestalt abgeleitet, lässt sich Armut bei Kindern wie folgt definieren:
Wie zeigt sich das Kindergesicht der Armut im Vorschulalter? Arme Kinder sind bereits im Alter von sechs Jahren erkennbar belastet, wie die nachfolgenden Zahlen belegen.
Lesehilfe: 40% der armen und "nur" 14,5% der nicht-armen Kinder weisen Mängel in der Grundversorgung auf.
Zum kulturellen Bereich: Mehr als die Hälfte der armen Mädchen und Jungen waren im Hinblick auf ihr Spiel- und Sprachverhalten auffällig, knapp die Hälfte hinsichtlich ihres Arbeitsverhaltens. Arme Kinder wurden nicht nur insgesamt häufiger als nicht-arme Kinder vom Schulbesuch zurückgestellt, sondern auch bei vergleichbarer Ausgangslage bzw. dem gleichen Maß an "Auffälligkeiten" hatten sie geringere Chancen für einen regulären Übertritt in die Regelschule als nicht-arme Kinder. So wurden "nur" 69% der armen, aber rund 88% der nicht-armen Kinder regulär eingeschult. Zum sozialen Bereich: Die armen Kinder suchten zum Beispiel weniger häufig den Kontakt zu anderen Kindern in der KiTa, nahmen weniger aktiv am Gruppengeschehen teil, äußerten seltener ihre Wünsche und waren weniger wissbegierig als nicht-arme Kinder. Zugleich war eine beginnende Ausgrenzung zu beobachten: So wurden arme Kinder häufiger als nicht-arme Kinder von den anderen Kindern in der KiTa gemieden. Zur gesundheitlichen Lage: Auch hier wiesen die armen Kinder häufiger Einschränkungen bzw. Auffälligkeiten als die nicht-armen Kinder auf; der Unterschied ist aber im Vergleich zu den anderen drei Lebenslagedimensionen am geringsten ausgeprägt. Arme Kinder hatten häufiger als nicht-arme Kinder gesundheitliche Probleme bzw. waren in ihrer körperlichen Entwicklung zurückgeblieben.Die Lebenssituation und die Möglichkeiten der Kinder sind bereits im Vorschulalter deutlich unterschiedlich. Arme Mädchen und Jungen wachsen weitaus weniger im Wohlergehen und weitaus häufiger in multipler Deprivation auf. Gleichwohl zeigt sich auch, dass Armut nicht zwangsläufig zu Beeinträchtigungen führt: Etwa ein Viertel der untersuchten armen Kinder lebte im Wohlergehen (23,6%), war also in keinem der zentralen Lebenslagedimensionen eingeschränkt. Jedoch zählten prozentual doppelt so viele nicht-arme wie arme Kinder zum Typ "Wohlergehen".
Lesehilfe: 23,6% der armen Kinder und 46,4% der nicht-armen Kindern wachsen im Wohlergehen, d.h. ohne Mängel auf.
Welche Langzeitwirkung wird bis zum Ende der Grundschulzeit sichtbar? Je gefestigter die finanzielle Situation der Familie, desto sicherer sind die Lebens- und Entwicklungsbedingungen für die Mädchen und Jungen (vgl. Tab. 2). Während hier mehr als jedes zweite arme Kind Einschränkungen erfährt, ist davon kein Kind in "gesichertem Wohlstand" (> 100% des Durchschnittsäquivalenzeinkommens) betroffen. Umgekehrt gilt, je früher, je schutzloser und je länger Kinder einer Armutssituation ausgesetzt sind, desto gravierender sind die Auswirkungen, denn die sich im Vorschulalter herausbildenden Einschränkungen verfestigen sich massiv in der Grundschulzeit.
Lesehilfe: 51,5% der armen Zehnjährigen haben Mängel in der Grundversorgung, dagegen "nur" noch 5,3% der Kinder, die in einer nicht-armen Familien mit einem Einkommen knapp unter dem durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen aufwachsen
Insgesamt finden sich stark divergierende Lebens- und Entwicklungsverläufe: Unter den armen Mädchen und Jungen überwiegen negative Verläufe, d.h. Zunahme von Auffälligkeiten in den Lebenslagen und Wechsel des Lebenslagentyps, z.B. von Benachteiligung nach multipler Deprivation. Bei den nicht-armen Kindern dominiert eine gefestigte positive Entwicklung, also z.B. Verbleib im Wohlergehen. Gleichzeitig ist eine hohe Dynamik zu konstatieren: Mehr als die Hälfte der Mädchen und Jungen wechselte zwischen 1999 und 2003/04 den Lebenslagetyp. Genauso wenig wie "einmal arm - immer arm" gilt, gilt aber auch nicht "einmal multipel depriviert - immer multipel depriviert". Die Chancen und Risken sind aber klar verteilt. Können Armutsfolgen vermieden oder begrenzt werden? Armut ist der größte Risikofaktor für die kindlichen Lebenschancen. Über welche individuellen, sozialen und kulturellen Ressourcen zur Bewältigung ihrer Auswirkungen ein Kind verfügt und welche Handlungsstrategien respektive welches Bewältigungshandeln es bei Belastungen entwickelt, hängt entscheidend von der Lebenslage ab und baut auf einer Vielzahl von intervenierenden Variablen (persönlicher, familiärer und außerfamiliärer Art) auf. Ebenso sind außerfamiliäre Angebote und Sozialisationsinstanzen wie KiTas und der unmittelbare Lebensraum entscheidende Einflussfaktoren. Dort kann sowohl Einfluss auf die Entwicklung von Resilienz wie auch auf die Entstehung und Unterstützung eines förderlichen Umfelds genommen werden. Die AWO-ISS-Studien belegen ebenso die Existenz von Schutzfaktoren - in beachtlicher Zahl und wirkungsvoll. Dazu zählen u.a. das (Alltags-) Bewältigungshandeln von Eltern, das Erlernen von positiven Handlungsstrategien und eine gelingende, weil geförderte, soziale Integration in Peergroups sowie das soziale und schulische Umfeld [Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Gesamtzahl von Schutzfaktoren und dem Lebenslagetyp. Im Wohlergehen aufwachsende Kinder weisen mehr Schutzfaktoren (13,7) auf als multiple deprivierte (11,3 Faktoren) (4). Es besteht weiterhin ein Zusammenhang zwischen der Zahl der verfügbaren Schutzfaktoren und dem kindlichen Entwicklungsverlauf: Kinder, die eine gefestigte positive Entwicklung zwischen 1999 und 2003/04 erfuhren, unterliegen mehr Schutzfaktoren als Kinder, die im selben Zeitraum konstant multipel depriviert waren (13,6 vs. 10)]. Das lässt bei Veränderung von Rahmenbedingungen des Aufwachsens eine unmittelbare Wirkung auf die Lebenslage und das Bewältigungsverhalten von Minderjährigen erkennen. Es sind weder allein individuell erworbene Kompetenzen, noch Selbst"heilungs"kräfte (der Familie), sondern soziale Förderung, Ausgleich und Umverteilung, die den Kindern eine wirkliche Zukunft eröffnen. Das Wissen wiederum eröffnet mannigfache Chancen zum gesellschaftlichen und staatlichen Handeln im Sinne einer kindbezogenen (Armuts-) Prävention. Was braucht es - einer sozialen Gegensteuerung? Grundsätzlich gilt, Armut ist ein gesellschaftliches Phänomen und hat strukturelle Ursachen mit individuellen Folgen. Vermeidung oder Begrenzung von (Armuts-) Folgen erfordert ebenso grundsätzlich einer gesellschaftlichen Gegensteuerung durch Bereitstellung entsprechender sozialer Ressourcen und Förderung präventiver Prozesse. Gegensteuerungen können durch Stärkung des Individuums, d.h. Förderung seiner Resilienz, oder durch Veränderung von Lebensbedingungen, d.h. Förderung struktureller Rahmenbedingungen zur Begrenzung des Problems, erfolgen. Akteure sind sowohl die einzelne Fachkraft in ihren jeweiligen Arbeitszusammenhängen, die Institutionen und Organisationen als auch die politisch Verantwortlichen auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene und vereint in sich politische, soziale, pädagogische und planerische Elemente. Erforderlich wird die Entwicklung spezifischer Konzepte einer kindbezogenen Armutsprävention (d.h. spätestens ab Geburt bis zum längsten zu einem erfolgreichen Berufseinstieg). Welche Handlungsmöglichkeiten ergeben sich für Pädagog/innen in KiTas und Schulen? Die bisherigen Ausführungen lassen die Vielzahl von Armutsfolgen während der Kindheit und Jugend sowie die Komplexität des Problems erkennen. Genauso eröffnet sich das breite Spektrum an Möglichkeiten des Handelns im Sinne persönlichen Engagements und professionellen Umgangs. Was braucht es dazu? Zunächst ist eine kritische (Selbst-) Reflexion notwendig über Auftrag, Organisiertheit und Strukturen sowie über Alltagsgestaltung und erzielte Ergebnisse des Bildungssystems. Diese sollte sowohl die eigene Einrichtung als auch den persönlichen Beitrag im Fokus haben. Es muss ein Klärungsprozess in der Einrichtung stattfinden, der Armut und Benachteiligung als soziales Problem mit individuellen Folgen beim Minderjährigen und nicht als individuelles Versagen versteht:
Das kann nicht alleine durch eine Person und isoliert in der eigenen Einrichtung geschehen, sondern erfordert die Öffnung gegenüber anderen Professionen, anderen Institutionen und vor allem dem Sozialraum. Ohne das geht es nicht. Die Einbindung anderer, die Festlegung von gemeinsamen Zielen, die Erarbeitung eines gemeinsamen Konzeptes und dessen Umsetzung mit anderen sind Ausdruck eines komplexen Problemverständnisses, eines hohen Verantwortungsbewusstseins und eines angemessenen professionellen Handelns. Das wiederum setzt ein Vorgehen auf der Grundlage überprüfbarer Teilziele bzw. Meilensteine voraus - wodurch in hervorragender Weise die selektiven wie integrativen Wirkungen des eigenen Handelns und der eigenen Einrichtung erkennbar werden. Ziel- und wirkungsorientiertes Arbeiten ist zum einen ein allgemeiner Qualitätsstandard und zum anderen eine unermesslich wertvolle Orientierungshilfe auf dem Weg, allen jungen Menschen tatsächliche Zukunftschancen zu eröffnen. Fazit Konkrete Maßnahmen und Instrumente, die gerade armen und/oder sozial benachteiligten Kinder zugute kommen, sind u.a. folgende:
Bereits diese kurze und grobschnittige Aufzählung von Handlungsansätzen macht deutlich: Es ist viel zu tun, es kann viel getan und vor allem erreicht werden. Endnoten
Literatur Bundesagentur für Arbeit (2006): Grundsicherung für Arbeitssuchende. Entwicklung bis Juli 2006. Nürnberg. Chassé, K.A./ Zander, M./ Rasch, K. (2003): Meine Familie ist arm: Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. Opladen. Ekrowski, B. (2006): Eltern erreichen, die sonst nicht erreichbar sind - aber wie? Jugendhilfe aktuell 3, S. 20-23. Hock, B./ Holz, G./ Wüstendörfer, W. (2000): "Frühe Folgen - Langfristige Konsequenzen?" Armut und Benachteiligung im Vorschulalter. Frankfurt am Main. Holz, G./ Skoluda, S. (2003): Armut im frühen Grundschulalter". Lebenssituation, Ressourcen und Bewältigungshandeln von Kindern. Frankfurt am Main. Holz, G./ Richter, A./ Wüstendörfer, W./ Giering, D. (2006): Zukunftschancen für Kinder!? - Wirkung von Armut bis zum Ende der Grundschulzeit. Frankfurt am Main. Konsortiums Bildungsberichterstattung (2006): Bildung in Deutschland. Gütersloh. Statistisches Bundesamt (Hg.) (2006): Kinder in der Sozialhilfe 2004. Wiesbaden. Autorin Gerda HolzWeberstr. 33 60318 Frankfurt a.M. Tel.: 069/592874 Email: gerdaholz@t-online.de |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||