Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

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Aus: klein & groß 2007, Jg. 60, Heft 12, S. 12-16, mit Genehmigung des Oldenbourg Schulbuchverlages, München (ungekürzte Erstfassung)

Raumgestaltung in Kitas - pädagogische Freiheit oder kindliche Einschränkung?

Katrin Kogel

 

Von A wie Außengelände über M wie Materialauswahl bis Z wie zweites Zuhause

Das Thema Raumgestaltung stellt nicht nur für den Elementarbereich ein breites Feld dar. Wie ist der Begriff also sinnvoll zu definieren? Thematisiert werden können sowohl die Gestaltung eines einzelnen Kita-Raumes - drinnen wie draußen - mit all seinen Möglichkeiten: die Farbgestaltung, die Bestuhlung wie auch die sinnvolle Nutzung von Nebenräumen, Fluren usw. Darüber hinaus hat die Raumgestaltung sicherlich auch etwas mit dem ausgewählten Spielmaterial zu tun; ebenso gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Raumgestaltung und Konzeption der Einrichtung.

Diese und weitere Aspekte werde ich im Folgenden diskutieren.

Räume und ihre Bedeutung für Kinder

Für Kinder sind die Räume unserer Tageseinrichtungen ein wichtiger Ort des täglichen Lebens, Lachens und Lernens, in denen sie mindestens drei Jahre lang eine nicht unerhebliche Zeit pro Tag verbringen. Oftmals zeitlich begrenzt, spielt insbesondere der Aufenthalt auf dem Außengelände für Kinder eine große Rolle. Die Bewegungsmöglichkeiten sind ganz andere als innerhalb der Kita-Räume; es gibt hier so unendlich viel zu entdecken. Gehen wir davon aus, dass das Außengelände bepflanzt ist, können die Kinder täglich neue Erfahrungen machen: Welche Pflanzen/ Sträucher wachsen wie schnell? Welche blühen zu welcher Jahreszeit? Wo kann ich mich am besten verstecken? usw.

Eine ansprechende Raumgestaltung ist meiner Ansicht nach ein ganz natürliches Bedürfnis jedes Menschen, ob klein oder groß. In einem chaotischen Raum werde ich automatisch unruhiger; ein aufgeräumter, großzügig gestalteter nicht zu voll gestellter Raum wird mir dementsprechend gut tun: Er wird mich beruhigen.

Jede Mutter, jedes Elternteil, die ganze Familie wird stets bestrebt sein, das Kinderzimmer zuhause so gemütlich und ansprechend wie möglich zu gestalten, damit sich der Nachwuchs bestmöglich geborgen und aufgehoben fühlt.

So haben insbesondere Kinder in Tageseinrichtungen - ganz besonders im Sinne von Betreuung, Erziehung und Bildung - ein Recht darauf, sich bestmöglich wohl zu fühlen; nicht zuletzt, weil ihre Eltern für die entsprechende Leistung bezahlen.

Die klassische Raumgestaltung - ein Widerspruch zu individuellen kindlichen Bedürfnissen?

Stellen wir uns nun den typischen bzw. klassischen Gruppenraum vor, halten sich hier 20 bis 25 Kinder in verschiedenen Bereichen auf: Puppenecke, Maltisch, Bauteppich, Frühstückstisch sind nach wie vor aktuelle Raumanteile - nicht jede Einrichtung hat aufgrund baulicher Einschränkungen das Glück, über Nebenräume zu verfügen.

Oftmals bieten auch im Jahr 2007 Kita-Räume Kindern noch genügend Sitzmöglichkeiten für genau 20 bis 25 Kinder - je nachdem, wie viele Kinder sich gerade in der Gruppe befinden.

Jedem Kind seinen festen Sitzplatz - dies scheint das Motto zu sein, wenn vielleicht auch nicht repräsentativ.

Spielen wir die Geschichte weiter durch: In jeder Gruppe gibt es die Puppenecke, den Maltisch, den Bauteppich, den Frühstückstisch und natürlich die entsprechende Anzahl an Tischen und Stühlen. Wunderbar - für jedes Kind ist gesorgt. Gehen wir von einer dreigruppigen Einrichtung aus, haben wir sogar drei Puppenecken, drei Maltische, drei Bauteppiche usw. Hier bleibt nichts dem Zufall überlassen - jedes Kind wird in seiner Gruppe die gleichen Bedingungen vorfinden.

Tägliche Belastung vs. kindlicher Anspruch?

Selbstverständlich können Sie entgegnen: "Das war schon immer so...", "Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht...", "Ich in meinem Alter soll mich noch umstellen..."

So antworte ich bedingungslos: Gute Erfahrungen dürfen gerne weiter entwickelt werden. Kinder erwarten, dass Sie - egal welchen Alters - mit Liebe und Aktivität jeden Tag mit ihnen genießen. Und sie haben - nicht nur gesetzlich - ein Recht darauf, die bestmögliche Förderung zu bekommen.

Gehen wir den Weg der Bequemlichkeit, geht dies meiner Ansicht nach zulasten unserer Kinder; und dies darf nicht sein. Egal wie viele Durchgänge Sie an Kindern in Ihrem beruflichen Dasein schon erfolgreich an die Grundschule abgegeben haben: Für jedes neue Kind bedeutet der Eintritt in den Kindergarten einen neuen Lebensabschnitt - das Kind als Individuum vergleicht sich nicht mit anderen Kindern; es vergleicht seine Kindergartenzeit nicht mit der früherer "Durchgänge". Ebenso wenig spielt es für das "neue" Kind eine Rolle, welch organisatorische und strukturelle Belastungen Sie immer stärker erleben. Das Kind weiß nicht, inwiefern Ihre täglichen Belastungen durch Gesetzesänderungen, Trägervorgaben etc. wachsen - und es darf ihm sogar egal sein.

Der zentrale Punkt lautet: Das Kind - jedes einzelne Kind - muss sich in der Einrichtung wohl fühlen, es soll jeden Tag - mindestens drei Jahre lang - voller Freude erleben und seine Kindergartenzeit in bestmöglicher Erinnerung behalten.

Wenn wir die Selbstbildungspotenziale des Kindes zugrunde legen, müssen sie - auch durch das Raumangebot - Möglichkeiten erhalten, die sie ansprechen und anregen. So sollten auch Räume entdeckendes Lernen ermöglichen, z.B. durch ein wechselndes Materialangebot. Dass das Basismaterial stets perfekt vorbereitet sein sollte, versteht sich hier von selbst. Dazu gehören meiner Ansicht nach: Buntstifte sind immer angespitzt; kaputte Bilderbücher werden gemeinsam mit den Kindern repariert bzw. ausgetauscht; der Akku der Kamera ist stets aufgeladen; unvollständige Puzzles werden ersetzt etc. Sollte dies nicht der Fall sein, lassen sich sicherlich Rückschlüsse auf die Grundhaltung des Teams ihren Kindern gegenüber ziehen. Was sind Ihnen Ihre Kinder wert? Wie viel Aktivität sind Sie alltäglich bereit aufzubringen?

Doch nun zurück zum wechselnden Materialangebot. Eine schöne Idee stellt z.B. Herbert Österreicher (2006, S. 9) vor: eine "Sammlung sonderbarer Objekte" - wozu ich Sie gerne ebenfalls ermutigen möchte. Gehen Sie mit Ihren Kindern auf die Suche; erlauben Sie ihnen, kleine Schätze von Spaziergängen und anderen Erlebnissen mit in die Einrichtung zu bringen, sie aufzubewahren, über sie zu philosophieren.

Oftmals sind es vielfältige Gegenstände bzw. Phänomene unserer Natur und Umwelt, die Kinder besonders faszinieren. Steine, Sand, alte Münzen der Großeltern, eine Baumrinde oder auch der Regenbogen, eine besondere Wolkenformation usw. All dies und noch viel mehr möchten Kinder entdecken, mitnehmen, als Schatz hüten oder zumindest bildlich festhalten.

Zentrale Vorgaben vs. kindliche Bedürfnislage?

Zurück zur oft üblichen Situation der Gruppenräume, frage ich mich, wie sich 20 bis 25 individuelle Kinder mit individuellen Hintergründen und individuellen Bedürfnissen in Räumen, wie ich sie eingangs dargestellt habe, gleichermaßen wohlfühlen sollen. Meiner Ansicht nach liegt hier der Fehler im System. Seltenst werden Kinder z.B. an der Farbwahl ihrer Räume beteiligt - in der Regel geben die Träger mittlerweile zentralisiert Farben vor, die dann oftmals möglichst neutral ausfallen. Hier gibt es deutliche Unterschiede zu Elterninitiativen.

Vor einiger Zeit betreute ich eine Berufspraktikantin, die in dem Kindergarten arbeitete, den sie selbst als Kind besucht hatte, und sie bestätigte, dass sich in der Raumgestaltung im Laufe der Jahre wenig geändert hätte. Dies empfinde ich als sehr schade, denn so wie sich die Kinder im Laufe der letzten rund 15 Jahre verändert haben, sollten sich auch die Bedingungen der Einrichtungen ändern. Nicht umsonst öffnen sich immer mehr Institutionen und arbeiten (zumindest) gruppenübergreifend oder führen zentrale Treffpunkte für alle Kinder der Einrichtung ein.

Die offene Arbeit als positive Möglichkeit im Sinne der Raumgestaltung?

So erscheint es mir schon allein sehr sachlogisch, drei Gruppenräume nicht 1:1 jeweils deckungsgleich zu gestalten, sondern - insbesondere bei Raummangel - diese individuell auf ganz unterschiedliche kindliche Bedürfnisse abzustimmen. Was spricht dagegen, den einen Raum zur Bewegung zu nutzen, den anderen zur Kreativität und den dritten zum Forschen, Experimentieren und Auseinandernehmen? Dies bedeutet für mich die optimale Ausnutzung bestehender Ressourcen. Unsere Raumgestaltung zuhause sieht auch nicht so aus, dass wir jeden Raum in deckungsgleiche Bereiche aufteilen und somit jeden Raum gleichermaßen gestalten, sondern es gibt die Küche, den Wohnraum, den Schlafraum, den Arbeitsraum usw.

In der Regel berichten Teams, die sich auf den Weg zur offenen Arbeit begeben haben, hier durchaus von positiven Erfolgen, nicht nur im kindlichen Verhalten. Meine Erfahrungen zeigen, dass sich Teams, die sich konzeptionell geöffnet haben, gerne weiterentwickeln - trotz Widrigkeiten, trotz Auseinandersetzungen, die entsprechende Prozesse nun einmal mit sich bringen.

Insbesondere im Sinne der Selbstbildung von Kindern ist es möglicherweise nicht mehr zeitgemäß, sie in ihren Räumen, in ihrer Spiel- und Materialauswahl zu begrenzen. Dürfen sie sich in ihrer Kita - drinnen wie draußen - auf Entdeckertour begeben? Dürfen sie Freunde in anderen (Stamm-) Gruppen besuchen? Dürfen sie gruppenübergreifend frühstücken oder sich einfach einmal unterhalten? Ich antworte bedingungslos: Ja, es steht ihnen zu.

Kleine Schritte - große Wirkung

Ich bin nicht der Ansicht, ein Team kann von heute auf morgen - mit allem, was dazugehört - seine konzeptionelle Arbeit ad hoc umkrempeln. Hier sollten realistische Schritte vorgenommen werden; nicht zuletzt, damit unsere Kinder entsprechende Prozesse nachvollziehen können. Sie sollten sogar an der Veränderung aktiv beteiligt sein.

Ein erster Schritt wäre für mich, die Kinder zu befragen, was sie an ihren Räumen gut finden, was ihnen nicht gefällt und was sie somit verändern würden. Es kann sehr interessant sein, einmal auf ihre Stimmen zu hören, ohne uns Erwachsene als absoluten Maßstab zugrunde zu legen. Kinder sehen nun einmal mit anderen Augen - und dies sollten wir nicht vergessen. Ihre Neugierde ist es, die uns tagtäglich erfreut, die uns an unserer Arbeit als Beruf(ung) glauben lässt. So bin ich fest davon überzeugt, dass ihnen z.B. die Masse an Tischen und Stühlen wie auch der Lärmpegel in ihrer Gruppe nicht gefällt. Dies widerspricht nicht nur ihrem Bewegungsdrang, sondern auch ihrem natürlichen Bedürfnis nach Ruhe und Konzentration.

Ein zweiter Schritt wäre für mich, mit ihnen gemeinsam zu überlegen, welche Veränderungen kurz-, mittel- und langfristig möglich und sinnvoll sind, um diese anschließend entsprechend umzusetzen. Dies kann neben räumlichen Veränderungen sicherlich auch Regelveränderungen nach sich ziehen:

  • In welcher Zeit wird wo gefrühstückt?
  • Zu welchen Zeiten dürfen Kinder gebracht und abgeholt werden?
  • Wann werden die Möglichkeiten des Außengeländes wie genutzt?
  • Werden Begrenzungen in einzelnen Spielbereichen noch benötigt?
  • "Auf dem Bauteppich dürfen maximal 5 Kinder spielen!" Hier frage ich mich: Ist eine solche Regel notwendig, wenn 8 Kinder wunderbar miteinander bauen? Sind Regularien bzw. Maßregelungen der Kinder untereinander wirklich notwendig? Was bedeuten diese im Hinblick auf soziales Miteinander als wichtige vorschulische Kompetenz?
  • usw.

Ein dritter Schritt wäre für mich die Bestandsaufnahme durch das Team. Inwiefern fühlen sich die einzelnen Mitglieder wohl? Welche Veränderungen wünschen sie sich (weil es Störfaktoren unterschiedlichster Natur gibt)? Auch hier sollten Sie sich nicht zuviel vornehmen, sondern einen realistischen Arbeitsplan entsprechend Ihrer individuellen Ressourcen entwickeln. Möglicherweise können Ihnen die Eltern und Partner der Umgebung eine gute Hilfe im Sinne Ihrer konzeptionellen Weiterentwicklung sein.

Ungewöhnliche Wege gehen - Beispiele aus der Praxis

Nicht nur ausgehend von den Bildungsplänen unserer Bundesländer ermöglichen uns die Aussagen unserer Kinder täglich das Aufgreifen neuer Ideen, kreativer Wege, ungewöhnlicher Denkstrukturen. Es ist unsere Aufgabe, diese aufzugreifen, nicht wahr?

Folgende Beispiele bieten Ihnen möglicherweise einen kleinen Vorgeschmack auf das, was grundsätzlich möglich ist:

Einen Stuhl an der Decke einer Tageseinrichtung aufzuhängen, ist sicherlich ungewöhnlich. Dennoch wurde diese Idee in der Städtischen Tageseinrichtung für Kinder, Regenkamp 70, in Herne umgesetzt. Im Rahmen eines kreativen Projekts wurden Stühle aufgearbeitet, gestaltet etc.; die Ergebnisse sollten nicht verborgen bleiben.

Nun können wir folgendermaßen bewerten:

  • "Die Idee ist ja total verrückt. Ein Stuhl gehört nicht an die Decke, sondern auf den Boden."
  • "Die Idee ist ja total verrückt. Ich finde sie sehr interessant, wäre aber niemals darauf gekommen."
  • "Die Idee ist ja total verrückt. Sie inspiriert mich, und ich möchte gerne erfahren, wie es dazu gekommen ist und wie die Kinder darauf reagierten."

Darüber hinaus ist genau in dieser Kita eine Bibliothek für Kinder entstanden. Hier lassen sich große Unterschiede im Vergleich zur regulären Leseecke ausmachen, die im Sinne des Bildungsbereiches "Sprache(n)/ Medien" nicht zu unterschätzen sind: Es ist ein großer Raum, in dem Kinder sich zurückziehen können, um Bücher anzuschauen, zu lesen, um sie einfach wirken zu lassen. Ein großer Raum, der genügend Möglichkeiten der Stille in sich birgt und Gemütlichkeit vermittelt. Ist es nicht weitaus bequemer, sich in einem solchen Raum zurückzuziehen als sich in einer Leseecke - neben der Hektik und Lautstärke der Gruppe - auf ein interessantes Buch zu konzentrieren? Leseecke und Bauteppich nebeneinander, vereint in einem Gruppenraum - dies schließt sich schon allein aus der Logik heraus von vornherein aus!

Darüber hinaus birgt eine Bibliothek in der Kita weitere, durchaus natürliche Begebenheiten mit sich: Gemeinsam mit den Kindern kann über sinnvolle Ordnungssysteme und Ausleihmöglichkeiten philosophiert und entschieden werden; gemeinsam können Ausweise entworfen und erstellt werden. Vielfältige Projektideen können aus dem Alltag der Kinder heraus, aus ihren alltäglichen Fragen, die sie voller Neugier stellen, entwickelt werden.

Die Bedeutung des Außengeländes

In der Regel verfügen Kindergärten - je nach Region oder auch finanziellen Ressourcen - über mehr oder weniger ansprechend gestaltetes Außengelände. Doch selbst wenn diese "einfach nur" einen weiteren Raum für Kinder darstellen, sich selbst zu erfahren und ihren natürlichen Bewegungsdrang auszuleben, spielt dieser eine große Rolle für ihre Entwicklung. Nicht immer müssen besondere Spielgeräte vorhanden sein, damit Kinder in freier Natur glücklich sind.

Es sind nicht die konstruierten, TÜV-geprüften Spielgeräte, die Kinder erfreuen, sondern die Ecken und Nischen - die Rückzugsmöglichkeiten durch Hecken und Büsche - wie auch natürlichen Erkundungsmöglichkeiten - je nach Wind und Wetter.

Was tun Ameisen, wenn es regnet? Welche Blumen öffnen ihre Kelche wann? Warum verlassen Regenwürmer das Erdreich, wenn es regnet? Was passiert in einem Kompost, und wie lege ich ihn richtig an?

Was spricht dagegen, mit den Kindern ein Biotop anzulegen, einen Naturteich, der ihnen die Fülle an Lebewesen, die sich wie selbstverständlich ansiedeln werden, deutlich vor Augen führt?

Was spricht dagegen, mit Kindern Kräuter und Gemüse anzubauen, um zu sehen, wie sie wachsen und gedeihen?

Was spricht dagegen, mit Kindern Wind und Wetter, Sonne und Regen zu erleben, und bewusst den sich wie von allein einstellenden Regenbogen zu beobachten und seine Wirkung zu erkunden?

Selbstverständlich - Sie sind in der Pflicht, Ihrer Aufsicht - insbesondere auf dem Außengelände - nachzukommen. Aufsichtspflicht ist durchaus sinnvoll und wichtig. Doch dürfen wir Kindern ihre Erfahrungen nehmen? Erinnern Sie sich an Ihre eigene Kindheit: Wir alle liebten es, den Regen zu spüren, in Pfützen herumzutollen, ganz natürliche Phänomene zu betrachten.

Die Beispiele sind hier grenzenlos; es gibt so viele Möglichkeiten, Kindern - nicht nur im Sinne der Bildungsbereiche - zahlreiche Erfahrungen zu ermöglichen. So empfinde ich es als sehr schade, wenn bei hervorragendem Wetter die Kinder in Gruppenräumen fest gehalten werden; wenn aus Angst vor eventuellen Gefahren oder auch aus mangelndem Engagement Kinder nicht das sein dürfen, was sie eigentlich sind.

Die Bedeutung von Wald und Natur

Nicht umsonst gehen einzelne Einrichtungen mittlerweile immer mehr dazu über, z.B. einen fest installierten Waldtag o.ä. einzuführen, um den Umgang mit der Natur zu forcieren. Die Erfahrungen in der Natur sind - insbesondere für Kinder - unumstritten. Neben dem Vorteil, ihr Immunsystem auszubilden, bietet die Natur zahlreiche Erfahrungen, die Kindern niemand mehr nehmen kann: Es ist sehr bedeutsam,

  • den Bäumen und ihrem Rauschen im Wind zu lauschen,
  • die Baumrinde einzelner Baumarten zu vergleichen,
  • mit nackten Füßen auf dem Waldboden zu laufen,
  • einen Baumstumpf in die Einrichtung zu transportieren und ihn zum vielfältigen Spiel oder zur Dekoration eines Raumes zu nutzen,
  • mit Lupen verschiedene Waldbewohner zu betrachten,
  • zu sehen, wie ein Spinnennetz entsteht,
  • einen (leeren) Fuchsbau zu untersuchen,
  • Kräuter auszusäen und zu sehen, wie sie wachsen,
  • einen (kranken) Baum zu fällen und sein Innenleben zu betrachten,
  • Patenschaften für einen einzelnen Baum zu übernehmen,
  • verschiedene Baumarten aktiv kennen zu lernen und voneinander zu unterscheiden,
  • giftige von ungiftigen Pilzen unterscheiden zu lernen und ggf. zu pflücken/ sammeln und ihren Geschmack - unbehandelt - zu erleben,
  • Kräuter und Gemüse zu ziehen, ihr Wachstum zu beobachten und zu dokumentieren; diese zu gegebener Zeit gemeinsam zu verarbeiten und zu verzehren.

Fazit

Räume müssen leben, Räume müssen sich kindlichen Bedürfnissen anpassen. Somit sind sie veränderbar, wie auch wir das eine oder andere Mal in unseren privaten Räumlichkeiten nach Veränderungen streben und einfach einmal die Möbel verrücken. Kinder in Tageseinrichtungen haben diese Möglichkeit in der Regel nicht - es sei denn, die Erzieherin selbst strebt danach.

So ermuntere ich Sie, die Kinder Ihrer Gruppe aufzufordern, Ihnen eine Rückmeldung in Sachen Raumgestaltung zu geben und ihre Vorschläge einbringen und umsetzen zu dürfen.

Nicht umsonst hat die tägliche Beobachtung ganz alltäglicher Gegebenheiten einen hohen Stellenwert für Ihre qualitative Arbeit. Wer sich für Kinder ernsthaft interessiert, wird insbesondere die Feinheiten wahrnehmen, mit denen sich einzelne Kinder gerade beschäftigen. So werden Sie niemals etwas übersehen, so werden Sie Ihren Blick für die individuelle Neugier täglich schulen und intensivieren.

Literatur

Österreicher, Herbert: Natur- und Umweltpädagogik für sozialpädagogische Berufe. Troisdorf: Bildungsverlag EINS 2006

Literaturtipps

  • Franz, Margit, u.a.: Raumgestaltung in der Kita. In diesen Räumen fühlen sich Kinder wohl, München: Don Bosco Verlag 2005
  • Van Dieken, Christel: Lernwerkstätten und Forscherräume in Kindertagesstätte und Kindergarten. Freiburg: Herder Verlag 2004
  • Von der Beek, Angelika: Bildungsräume für Kinder von Null bis Drei. Kiliansroda: Verlag das Netz 2006
  • Von der Beek, Angelika u.a.: Hundert Welten entdeckt das Kind: Kinderräume bilden. Ein Ideenbuch für Raumgestaltung in Kitas. Berlin: Cornelsen Scriptor 2007
  • Wagner, Richard: Naturspielräume gestalten und erleben. Münster: Ökotopia Verlag 2001

Internettipps

Autorin

Katrin Kogel ist Studienrätin für die berufliche Fachrichtung Sozialpädagogik, Deutsch am Alice-Salomon-Berufskolleg, Bochum.