Sprachförderung von Migrantenkindern - Family Literacy in Hamburg

Gabriele Rabkin und Maren Elfert

 

Ausgangssituation

Die ersten Jahre im Leben eines Kindes setzen den Grundstein für seine Sprach- und Schriftkompetenz, für seine Einstellung und Offenheit zum Lernen und für seinen späteren Schul- und Bildungserfolg. Eltern nehmen in dieser Zeit entscheidend Einfluss auf die kindliche Entwicklung und sind gleichsam Multiplikatoren der (Sprach-) Förderung ihrer Kinder. Spätestens seit PISA und aus zahlreichen früheren Untersuchungen ist bekannt, dass die Erfahrung mit Schrift, das heißt die aktive Auseinandersetzung mit der schriftbezogenen Umwelt, grundlegende Voraussetzung für einen erfolgreichen Schriftspracherwerb ist. Unzureichende Erfahrungen mit Sprache und Schrift in der Kindheit gelten nach heutigem Erkenntnisstand als einer der wichtigsten Risikofaktoren für den Schriftspracherwerb.

Obwohl im Raum Schule in den letzten zehn Jahren verstärkt Lernarrangements geschaffen wurden, um Kinder mit besonderem Förderbedarf zu erreichen, ist die Schule allein nicht in der Lage, alle Entwicklungsrückstände aufzufangen. Eine Reihe von Studien hat belegt, dass die Mitwirkung der Eltern im Bereich der vorschulischen Förderung ein Schlüsselfaktor für den späteren Schulerfolg der Kinder darstellt (1). Eine enge Kooperation zwischen Elternhaus und Schule fördert die schulischen Leistungen der Kinder und ist wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Schulabschluss. Die Verbesserung der Beziehung zwischen Schule, Vorschule, Kindertagesstätten und Elternhaus gilt daher auch als zentrales Element einer interkulturellen Erziehung und Integration von Kindern aus Migrantenfamilien.

Genau an dieser Stelle setzt das Hamburger Projekt Family Literacy an. Der englische Begriff "Literacy" umfasst nicht nur die Grundfertigkeiten Lesen und Schreiben. Er bezieht Kompetenzen ein wie Textverständnis und Sinnverstehen, sprachliche Abstraktionsfähigkeit, Lesefreude, die Vertrautheit mit Büchern oder die Fähigkeit, sich schriftlich auszudrücken. Die Entwicklung all dieser Fähigkeiten beginnt nach übereinstimmender fachlicher Meinung schon lange vor dem Schuleintritt. Family Literacy zielt deshalb darauf ab, den Erfahrungsraum der Familie zu nutzen, möglichst früh und intensiv die Förderung von Sprache und Schriftkultur im vertrauten familiären Umfeld zu unterstützen und für den Bereich Schule nutzbar zu machen.

Der Ausdruck "Family Literacy" wurde in den 1980er Jahren in den USA von Denny Taylor (1983) geprägt. Taylor bezeichnete mit dem Begriff sprachliche und schriftliche Interaktionen in der Familie. Einige Jahre später wurden unter diesem Begriff Familienbildungsprogramme in den USA und in den 1990er Jahren in Großbritannien etabliert. Nach einer aktuellen Definition des europäischen von der EU geförderten QualiFLY-Projekts ist Family Literacy ein generationsübergreifender Lernansatz, der die Interaktion innerhalb der Familie und sozialen Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt und darauf abzielt, den Erwerb von Schriftsprachkompetenz und aller damit verbundenen "Life Skills" zu fördern.

Im Allgemeinen richten sich Family Literacy-Programme an Vor- und Grundschulkinder und ihre Eltern und sind in Schulen oder Stadtteilzentren situiert. Es werden Elemente aus den Bereichen Erwachsenenbildung, Elternarbeit und Vor- bzw. Grundschulpädagogik miteinander kombiniert, um Eltern wie Kinder gleichermaßen zu fördern und präventiv einer potentiellen Lernschwäche der Kinder entgegenzuwirken.

Family Literacy in Hamburg

Das UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen (UIL) und das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) haben in Hamburg zum Schuljahr 2004/05 das erste deutsche Pilotprojekt zu Family Literacy gestartet. Dieses Projekt ist Teil eines fünfjährigen Modellversuchsprogramms zur "Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund - FÖRMIG" der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK). In der Kooperation zwischen LI und UIL liegt die Chance, ausgehend von dem internationalen Expertenwissen des UNESCO-Institutes ein Projekt zu entwickeln, das innovative Beiträge aus anderen Ländern in die Hamburger Lehreraus- und -fortbildung einbringt und über das LI direkt in die Praxis transferiert werden kann.

Für das Hamburger Family Literacy-Projekt wurde festgelegt, dass es ein zweijähriges Programm beginnend mit der Zielgruppe der Fünfjährigen sein sollte, das Vorschulklasse und 1. Schuljahr als Eingangsphase begleitet. Das Projekt sollte sowohl in acht Schulen mit Vorschulklassen als auch punktuell in einer Kindertagesstätte umgesetzt werden. Zielgruppe sollten Familien mit geringer formaler Bildung sein; der Schwerpunkt sollte dabei auf Familien mit Migrationshintergrund liegen.

Die Standorte liegen in Wohngebieten, in denen viele Familien mit Migrationshintergrund leben (hauptsächlich aus der Türkei und Russland, aber auch aus Afghanistan, Osteuropa und anderen Ländern). Parallel dazu sollte eine Vernetzung von bereits laufenden Projekten zu ähnlichen Themen erfolgen.

Drei Säulen der Elternmitarbeit

Die Arbeit mit den Eltern findet in der Schule/Kita statt und basiert im Wesentlichen auf drei Säulen:

  1. aktive Mitarbeit der Eltern im Unterricht (mit Kindern)
  2. Elternarbeit (ohne Kinder) parallel zum Unterricht
  3. gemeinsame außerschulische Aktivitäten.

Die Family Literacy-Praxis an den neun Hamburger Standorten spielt sich im Rahmen dieser drei Formen ab, im Schnitt einmal pro Woche (zweistündig) über ca. 25 Wochen pro Schuljahr. Inzwischen haben sich auch andere Formen entwickelt wie z.B. Family-Literacy-Gruppen am Nachmittag oder Abend. Diese Ergänzung ist vor allem für berufstätige Eltern wichtig. Damit die mit den Eltern durchgeführten Aktivitäten anschließend auch zuhause fortgeführt werden können, sollen sie drei zentrale Kriterien erfüllen. Sie sollen

  1. niedrigschwellig sein, d.h. möglichst einfach strukturiert.
  2. handlungsorientiert sein und
  3. möglichst einen persönlichen Bezug haben.

Aktive Mitarbeit der Eltern im Unterricht (Säule 1)

Diese Form der Elternmitarbeit sieht vor, dass die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern in der Klasse bleiben. Bewährt hat sich die Einführung dieser Form im Anschluss an einen einführenden Elternabend. Die Eltern können über mehrere Wochen hinweg z.B. an einem bestimmten Wochentag in der Klasse bleiben, nachdem sie ihre Kinder zur Vorschule gebracht haben. Der Begriff "Elternschnupperstunde" nimmt Schwellenängste und gibt den Eltern die Möglichkeit, sich nach einer weiteren Annäherungsphase im Anschluss an den einführenden Elternabend für die Teilnahme an Family Literacy zu entscheiden.

Weiterhin bewährt hat sich ein einfaches Ritual in der offenen Anfangsphase (2). Es liegen auf mehreren Tischen Bücher aus, unter denen die Eltern gemeinsam mit ihrem Kind auswählen können. Dieses Buch betrachten sie dann mit ihrem Kind, lesen daraus vor und sprechen darüber. Andere Kinder können selbstverständlich hinzukommen. Auf diese Weise verteilen sich im ganzen Klassenraum kleine Bücher lesende Gruppen, die auch auf andere ankommende Eltern mit ihren Kindern eine einladende Wirkung haben. Im weiteren Verlauf des Family Literacy-Kurses wird dieses Ritual häufig beibehalten. Das Buchangebot wird durch einfache Spiele (z. B. Anlaut-Memory, Farbquartett) ergänzt.

Etwa nach einer halben Stunde - die Kinder sind inzwischen alle angekommen - sammeln sich die Kinder mit den Pädagog/innen im Stuhlkreis. Die Eltern sitzen dahinter und nehmen nun die Rolle von Beobachtern ein. Es werden zunächst gemeinsam Lieder gesungen, aktuelle Dinge besprochen oder ein Buch vorgelesen und anschließend besprochen. Danach wird ein bestimmtes Thema eingeführt, das anschließend von den Eltern mit den Kindern in der Klasse wiederum in Kleinstgruppen (zwei bis drei Kinder) weitergeführt wird. Es ist ganz natürlich, dass Eltern in erster Linie daran interessiert sind, mit dem eigenen Kind zu arbeiten. Es ist aber ebenso selbstverständlich Konsens, dass sie Kinder mit hinzunehmen, deren Eltern nicht mit dabei sein können. Im Anschluss an die Bearbeitung in den Kleingruppen kommt es meist noch zu einer kurzen Besprechung oder Präsentation der Ergebnisse.

Elternarbeit (ohne Kinder) parallel zum Unterricht (Säule 2)

Die Eltern gehen mit einer zweiten Pädagogin/ Kursleiterin in einen anderen Raum (d.h. Doppelbesetzung ist notwendig). Die Kursleiterin ist in der Regel eine Sprachförderlehrerin oder eine auf Honorarbasis arbeitende Fachkraft wie z.B. eine VHS-Kursleiterin.

Bei dieser Form der Elternmitarbeit werden von den Eltern Materialien vorbereitet, die sie für die FLY-Arbeit mit ihren Kindern zuhause benutzen können oder die sie bei der Arbeit mit den Kindern in der Klasse (Säule 1) verwenden.

An manchen Terminen werden den Eltern Informationen von der Pädagogin selbst oder von Experten (z.B. vom Verkehrspolizisten) zu bestimmten Themen vermittelt. Auch besondere Vorhaben (gemeinsame Feste, Ausflüge, "Eltern-Kind-Aktivitäten") werden hier geplant und vorbereitet. Weiterhin können Erziehungsprobleme thematisiert und unter Anleitung miteinander ausgetauscht werden. Eventuell vorhandene Sprachprobleme werden mithilfe anderer Eltern gelöst, d.h., Eltern, die gut deutsch sprechen, leisten Übersetzungshilfen.

Ein für die Anfangsphase geeignetes Thema ist die Gestaltung einer Mappe, in der - im Sinne der Portfolio-Idee - Informationen, Materialien und Arbeitsergebnisse, die im Prozess der FLY-Arbeit entstehen, zusammengetragen werden. So können die Eltern bei der ersten Sitzung den Deckel der Mappe gestalten. Die Leiterin der Elternsitzung hat hierfür entsprechendes Material besorgt (DIN A4-Mappen, Stifte, Folien etc.). In den vorangegangenen Eltern/Kind- Sitzungen hat sie eventuell Fotos von den Müttern mit ihren Kindern in der (Vor-) Schule gemacht, die nun auf die Mappe geklebt werden. Die Eltern gestalten großformatig den Namen ihres Kindes und "verzieren" die Mappe nach eigenem Geschmack. Wichtig ist hierbei, von vornherein symbolisch einen persönlichen Bezug zwischen Familie und Schule herzustellen und die Kreativität der Eltern herauszufordern. Die Mappen werden regelmäßig zu den FLY-Stunden mitgebracht und von den Pädagog/innen auf Vollständigkeit durchgeschaut.

Gemeinsame außerschulische Aktivitäten (Säule 3)

Diese Form der Elternmitarbeit findet in jedem Elternkurs nur einige Male statt. Die Aktivitäten sind häufig "Highlights", d.h. besondere Anlässe wie Ausflüge (Museumsbesuch, Besuch der Bibliothek), aber auch kleinere Unternehmungen wie das "Buchstaben-Sammeln" im Stadtteil oder der Besuch eines Gemüseladens/ Wochenmarktes in der schulischen Umgebung. Gemeinsame Feste gehören ebenfalls zu diesem Teil, auch wenn sie in den Räumlichkeiten der Schule stattfinden.

Organisatorischer Rahmen

Die durchführenden Lehrkräfte im FLY-Projekt sind die Klassenlehrer/innen der Vorschulklassen bzw. ersten Klassen sowie Lehrer/innen bzw. andere Fachkräfte. Idealtypisch arbeiten Vorschulleiter/innen bzw. Klassenlehrer/innen im Team mit einer Sprachförderlehrer/in, d.h. in Doppelbesetzung. Die Zusammenarbeit im Team während der FLY-Stunden ist unbedingt erforderlich bei der Elternarbeit parallel zum Unterricht.

Neben den hauptamtlich tätigen Pädagog/innen an den Schulen und der Kita arbeiten inzwischen an einigen Standorten zusätzliche Personen auf Honorarbasis im FLY-Projekt mit. Hierbei handelt es sich z.B. um eine israelische Pädagogin, die in Israel im HIPPY-Projekt (3) mitgearbeitet hat, um eine deutschstämmige Psychologin aus Kasachstan und eine Autorin, die an einem der Standorte bereits tätig war. Ein weiterer Elternkurs kann inzwischen von einer Mutter geleitet werden, die nach einem Jahr Teilnahme an FLY durch besondere Motivation hervorgetreten ist. Die Honorarmittel werden derzeit von Stiftungen finanziert.

Die an den FLY-Standorten beteiligten Kolleg/innen treffen sich alle vier Wochen in dem sogenannten Jahresseminar, einem Begleitseminar, das von der Projektleiterin am Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung koordiniert wird. In diesem Seminar tauschen sich die am Projekt beteiligten Kolleg/innen über ihre Erfahrungen aus. Weiterhin dient das Seminar der Vermittlung von Anregungen und Informationen und der Entwicklung eines Curriculums für das Projekt.

Einführender Elternabend

Über das Projekt "Family Literacy" wird vor Beginn mit einem Elternabend informiert. Alle Eltern werden hierfür angeschrieben und eingeladen, natürlich auch die deutschen Eltern.

Der Elternabend liegt - bezogen auf das Schuljahr - einige Wochen nach Schulbeginn und ist speziell auf das Thema "Family Literacy" bezogen. Diese Form hat sich bewährt und wird inzwischen auch klassenübergreifend praktiziert. So werden die Eltern aller am Projekt teilnehmenden Klassen (Vorschulklasse, Kl. 1) eines Standortes eingeladen.

Den Anfang bildet ein gemeinsamer Informationsteil für alle anwesenden Eltern, danach gehen die beteiligten Pädagog/innen mit "ihren" Eltern in die eigene Klasse. Hier kann mit der konkreten gemeinsamen Programmplanung begonnen und weitere Fragen besprochen werden. Im ersten Teil können auch Eltern, die in der Vorschulklasse schon ein Jahr Erfahrung mit "Family Literacy" gesammelt haben, aktiv eingebunden werden, indem sie z.B. über ihre Erfahrungen berichten.

Ein besonders geeignetes Thema im Einführungsteil ist die Verdeutlichung der Wichtigkeit des Vorlesens in der Familie. Es kann den Eltern hierzu eine Auswahl geeigneter Bilderbücher (auch mehrsprachig) in einer kleinen Ausstellung präsentiert werden. Wichtig ist, auf die Regelmäßigkeit des Vorlesens und die Einführung von familialen Vorleseritualen hinzuweisen (z.B. jeden Abend vor dem Schlafengehen zehn Minuten lang vorlesen). Die Information, dass solche familialen Rituale zum Aufbau einer häuslichen Schriftkultur beitragen und entscheidend Einfluss auf den späteren Schulerfolg haben, ist für viele Eltern neu. Der Verweis auf große wissenschaftliche Untersuchungen (z.B. PISA) leistet in diesem Kontext zusätzliche Überzeugungsarbeit.

Häufig sind Eltern mit Migrationshintergrund auch darüber verunsichert, in welcher Sprache sie ihren Kindern vorlesen sollen. Der Hinweis, in der Sprache (in den Sprachen) vorzulesen, die zu Hause üblich sind, und dass es am Wichtigsten ist, den Kindern überhaupt regelmäßig vorzulesen und somit die emotionale Verknüpfung des Beziehungsdreiecks "Eltern-Kind-Buch" herzustellen, ist für das Verständnis der Eltern bedeutsam. Wichtig ist auch der Hinweis an die Eltern, mit den Kindern anschließend über den Inhalt des Buches zu sprechen, sie zu ermuntern, Fragen zu stellen etc.

Aus der Praxiserfahrung der ersten beiden Projektjahre sollte auch berücksichtigt werden, dass einige Eltern nicht lesen können, aus welchen lernbiografischen Gründen auch immer. Es sollte in allgemeiner Form angesprochen werden, dass es für das Kind auch wertvoll ist, über die Bilder in Büchern zu sprechen.

Der einführende Elternabend kann durch ein anschließendes Fest, an dem auch die Kinder beteiligt sind, ergänzt werden. Willkommen sind Elternbeiträge zum Fest in verschiedenster Form: etwas Essbares für ein Buffet, musikalische Einlagen, Kinderspiele aus der eigenen Kultur und Kindheit, mit kleinen Kindergruppen spielen, gemeinsam auf dem Schulhof tanzen etc.

Planungskonferenzen

Es ist sinnvoll, an jeder Schule/ jeder Kita etwa im Abstand von zwei Monaten Planungskonferenzen abzuhalten, an denen alle FLY-Mitarbeitenden sich untereinander austauschen können. Hier werden gemeinsame, klassenübergreifende Projekte geplant, Inhalte abgestimmt, Arbeitsmaterialien ausgetauscht und auftauchende Probleme besprochen.

Verbindliche Anmeldung

Die ersten drei Projektjahre zeigen, dass eine verbindliche Anmeldung der Eltern zu jedem der Termine sinnvoll ist. Die Verbindlichkeit erhöht den Wert der Teilnahme für die Eltern (vergleichbar mit einem Arzttermin oder einem Termin beim Schulleiter) und gibt den Pädagog/innen Planungssicherheit, die sie für die professionelle FLY-Arbeit brauchen. Hierzu gehört auch das Führen von Teilnehmerlisten, in die sich die Eltern selbst mit Datum und Unterschrift eintragen. Eventuell ist es notwendig, kleinere Geschwisterkinder während der FLY-Stunden getrennt betreuen zu lassen (z.B. von einer Praktikantin oder einer Mutter).

Abschlusszertifikate

Die regelmäßige Teilnahme an einem Family Literacy-Kurs wird den Eltern am Schluss des Kurses zertifiziert. Die Anzahl der Termine, an denen die betreffende Mutter/ der betreffende Vater an Family Literacy teilgenommen hat, wird in dem Zertifikat notiert. Das Zertifikat sollte von den Pädagog/innen und der Schulleitung/ Kitaleitung unterschrieben werden. Nach Möglichkeit sollte das Zertifikat so gestaltet werden, dass das Logo der jeweiligen Institution bzw. der offizielle Briefkopf eingearbeitet ist.

Alle genannten Aspekte tragen zu einer größeren Würdigung der Mitarbeit der Eltern bei, erhöhen entsprechend die Verbindlichkeit und Kontinuität und motivieren somit auch langfristig zu einer intensiven Zusammenarbeit.

Entwicklung eines FLY-Curriculums

Gemeinsam mit den am Projekt beteiligten Kolleg/innen wird ein Curriculum entwickelt, das für die Zeitspanne von Beginn der Vorschulzeit bis Ende der ersten Klasse praktische Anregungen für den Bereich "Literacy" geben soll. Hierzu gehören insbesondere die Bereiche Sprachförderung, Zuhörenlernen und Motivation zur Lese- und Schreibfrühförderung. Eine Fülle von Best-Practice-Beispielen, die im Laufe der Zeit von den beteiligten Kolleg/innen gesammelt, ausgetauscht und in der Praxis erprobt wurden, hat im Laufe der ersten drei Projektjahre in kleinen Schritten zur Entwicklung eines solchen Curriculums beigetragen. Die Entwicklung ist jedoch noch nicht abgeschlossen.

Im Rahmen des fortlaufenden Projekt-Begleitseminars für die beteiligten Kolleg/innen werden Anregungen für folgende inhaltliche Module gesammelt: Sprechen und Zuhören, Lesen, Schreiben und phonologische Bewusstheit. Darüber hinaus werden den Kolleg/innen - durch die Einbeziehung von Expert/innen von außen - Kenntnisse aus dem Bereich der Erwachsenenbildung vermittelt, denn alle am Projekt beteiligten Kolleg/innen sind Grundschulpädagog/innen und haben keine Erfahrungen mit der Arbeit mit Erwachsenen. So haben die Kolleg/innen bereits eine kleine Fortbildung zum Thema "Interkulturelle Kommunikation" und über "Biografiearbeit" erhalten. Die Arbeit mit biografischen Ansätzen eignet sich besonders, da "Family Literacy" das generationsübergreifende Lernen und die Kommunikation über familienbezogene Themen fördert.

Die Förderung literaler Kompetenzen bildet insgesamt einen zentralen Punkt bei der Gestaltung der Hauptinhalte des Curriculums. Umgang mit Schriftkultur als Voraussetzung für die spätere Alphabetisierung, die Bedeutung des (Vor-) Lesens ab dem frühen Kindesalter und darauf aufbauende Förderkonzepte sollen Eltern in diesem Zusammenhang vermittelt werden. Es gilt, vor allem Eltern stärker dafür zu sensibilisieren, dass sprachliches Handeln neben den sprachlichen Kenntnissen stets auch in das bereits erworbene Wissen der Kinder eingebunden ist. Hierzu gehört das Wissen um die Bedeutung von Vorerfahrungen mit Schriftlichkeit für die Entwicklung ihrer Kinder.

Best Practice - Beispiele

Einige Beispiele aus dem FLY-Curriculum sollen verdeutlichen, wie Eltern durch niedrigschwellige Impulse dazu angeregt werden können, gemeinsam mit ihren Kindern am Aufbau einer häuslichen Schriftkultur zu arbeiten und über handlungs- und persönlichkeitsorientierte Impulse spielerisch Zugänge zum Bereich Literacy zu erwerben.

Arbeit mit "Story-Telling-Bags"

Die Auseinandersetzung mit Bilderbüchern bildet einen der zentralen Aspekte des FLY-Curriculums. Immer wieder sollen lustvolle Situationen geschaffen werden, in denen Eltern und Kinder sich gemeinsam mit Büchern beschäftigen.

Bei dem Ansatz, mit Story-Telling-Bags zu Bilderbüchern zu arbeiten, geht es um den weiteren Umgang mit einem Bilderbuch im Anschluss an das Vorlesen. Diese - im angloamerikanischen Bereich beheimatete - Methode zur vertiefenden Arbeit mit Bilderbüchern zielt im Wesentlichen darauf ab, unter Verwendung von ergänzenden Materialien (die in einem Story-Telling-Bag aufbewahrt werden) handlungsorientiert und kreativ zum Thema des jeweiligen Bilderbuches weiterzuarbeiten. Über vielkanalige Wege sollen individuelle Zugänge zum Inhalt des Buches gefunden werden und Möglichkeiten gegeben werden, das im Buch Erfahrene zu vertiefen.

Zu einem Bilderbuch werden die Hauptfiguren und -gegenstände hergestellt bzw. aus Spielzeugbeständen etc. zusammengestellt und in dem Story-Telling-Bag ebenso aufbewahrt wie Bücher und Materialien, die zu dem Thema des Buches passen. Nachdem das Bilderbuch einmal vorgelesen wurde (oder bereits während des ersten Vorlesens), werden jeweils die betreffenden Gegenstände, die in dem Buch eine wichtige Rolle spielen, aus der Tasche geholt und gezeigt. Sie können von den Kindern angefasst werden, miteinander in Interaktion treten (szenisches Rollenspiel) oder auch mit anderen Sinnen wahrgenommen werden (riechen, schmecken, hören), je nach Inhalt des Buches.

So bietet z.B. der Klassiker "Die kleine Raupe Nimmersatt" eine Fülle von Anregungen, weiter zu forschen:

  • Auf der sachunterrichtlichen Ebene kann über die Entwicklung zum Schmetterling gearbeitet werden.
  • Auf der linguistischen Ebene können Fachbegriffe erarbeitet werden (das Ei, die Raupe, der Schmetterling, Wochentage, Verben, etc.).
  • Auf der mathematischen Ebene kommt es zu einer elementaren Erarbeitung des Zahlenbegriffes.
  • Es kann ein Lied zur kleinen Raupe Nimmersatt gesungen werden.
  • Mithilfe von Spielzeugfiguren kann die Entwicklungsgeschichte der Hauptfigur szenisch nachgespielt (und variiert) werden.
  • Eventuell können einige der Dinge, die die kleine Raupe Nimmersatt frisst, ebenfalls als Naturalien probiert werden...

Im Rahmen von FLY stellen die Eltern in der Elterngruppe entweder einen Story-Telling-Bag für ihr Kind selbst her (z.B. zu dem Lieblingsbuch ihres eigenen Kindes) oder sie gestalten gemeinsam mit den Kindern der Klasse einen Story-Telling-Bag. Das Buch kann dann mithilfe der verschiedenen Utensilien in der Klassen gemeinsam szenisch umgesetzt und anschließend feierlich präsentiert werden.

"Ein Buch für Diagui..." Eltern schreiben zu Familienfotos ganz persönliche Geschichten für ihr Kind

Familienfotos bieten vielfältige Anlässe, individuelle und persönlich bedeutsame Situationen darzustellen. Durch kleine Geschichten und Kommentare, die von den Müttern hinzugefügt sind, werden biografisch bedeutsame Hintergründe und Zusammenhänge für das Kind deutlich. Gleichzeitig erlebt das Kind seine Eltern als Schreibende - und sie selbst sind nicht nur die Adressaten, sondern stehen auch im Mittelpunkt des (Schreib-) Geschehens!

Die Eltern verfassen die Geschichten auf Deutsch, in ihrer Muttersprache oder auch zweisprachig. Hierbei greifen insbesondere einige Väter auch gern zur Gestaltung mit dem Computer. Ideen zur individuellen und kreativen Gestaltung liegen in der Hand der Eltern. Materialien werden von der Schule bereitgestellt (festes Kartonpapier - farbig für die Titelseite, Klarsichtfolie als Deckblatt, Klemmschiene zum Zusammenhalten sowie Buntstifte, Klebstift, Schere etc.). Die erste Buchseite bildet ein "Familienbaum", in den Eltern kleine Fotos des Kindes, der Eltern und Großeltern kleben.

Die Eltern werden hier gleichzeitig (gewissermaßen en passant) für den hohen Stellenwert des freien Schreibens in den ersten Schuljahren ihrer Kinder sensibilisiert. Sie erfahren über das eigene Handeln, dass es gar nicht so einfach ist, etwas Persönliches schriftlich zum Ausdruck zu bringen.

Die so entstandenen - liebevoll gestalteten - Bücher werden den Kindern zur Einschulung in die erste Klasse geschenkt, gewissermaßen gleichsam als Grundstock für das Lesenlernen. Einige der Geschichten wurden auf einem klassenübergreifenden Schulfest von den Müttern selbst vorgelesen (4).

Mehrsprachige Minibücher

Viele dieser Familiengeschichten, die während des FLY-Kurses von den Eltern für ihre Kinder aufgeschrieben wurden, waren so authentisch und interessant, dass die Überlegung aufkam, sie auch für andere Eltern einem größeren Kreis zugänglich zu machen und als Minibuch zu veröffentlichen. Die Texte wurden daraufhin in die für die Autorenfamilien relevanten Sprachen übersetzt, in einem Fall etwa in die Sprachen Wolof, Mandinka, Französisch und Deutsch, da die schreibende Mutter aus dem Senegal stammt (5).

Sprachförderkoffer für Eltern

Die Konzeptidee eines "Sprachförderkoffers für Eltern" besteht darin, eine ausleihbare Materialsammlung für Eltern zusammenzustellen. Die Eltern können über einen bestimmten Zeitraum Sprachfördermaterialien mit spielerischem Akzent zu Hause gemeinsam mit der Familie erproben (6). Kofferinhalt:

  • Sprachfördermaterialien wie z.B. einfache Sprachspiele,
  • Kinderbücher (auch mehrsprachig),
  • Sprachkassetten und CDs (Märchen, Lieder, Reime),
  • Ratgeber, für Eltern herausgegeben von der Behörde für Bildung und Sport, Hamburg (mehrsprachig),
  • Kochbuch für Kinder und Eltern.

Im Rahmen des Jahresseminars Family Literacy, an dem Kolleg/innen aus allen Standorten beteiligt sind, wurde das Kofferprojekt vorgestellt. Die Kolleg/innen erhielten einen Evaluationsfragebogen, mit dem sie die einzelnen Materialien in Bezug auf ihren Einsatz für die Elternarbeit auf einer fünfstufigen Skala einschätzen sollten (Expertinnenbeurteilung). Entsprechend dieser Einschätzungen wurden die Materialien anschließend ergänzt bzw. ausgetauscht.

Der Koffer soll über ein Ausleihsystem im Laufe der Zeit möglichst vielen Eltern zugänglich gemacht werden. Die Ausleihe kann jeweils von eingearbeiteten Personen betreut werden, die am Projekt mitarbeiten. Um angesichts der Fülle des Gesamtmaterials jede Form von Reizüberflutung zu Hause zu vermeiden, erscheint es sinnvoll, nur einen Teil des Kofferinhaltes auszuleihen. Der Einsatz des Koffers kann so von Anfang an vielen an Family Literacy beteiligten Eltern der Schule zugute kommen und die Idee eines Elternkoffers hat längerfristig die Chance, sich über die Projektzeit hinaus an vielen Schulen und Kindertagesstätten zu etablieren.

Die aufgeführten Beispiele sowie eine Fülle weiterer praktischer Anregungen sind in den unten angeführten Publikationen beschrieben (7).

Einrichtung einer "Elternwerkstatt"/ eines Family Literacy-Raumes in der Schule

Für Schulen, an denen die Family Literacy-Arbeit erfolgreich etabliert werden konnte, ist es wünschenswert, eine "Elternwerkstatt" einzurichten. Hierunter ist ein Raum zu verstehen, der speziell für die Elternkurse im Rahmen von Family Literacy und hierüber hinaus auch als Treffpunkt für Eltern in der Schule genutzt wird.

In der Elternwerkstatt befinden sich in Schränken Materialien für die Elternarbeit und natürlich die Elternkoffer, d.h. anregende (Sprach-) Fördermittel im Sinne der Literacy-Konzeption sowie weiterführende Informationsmaterialien. Hier besteht die Möglichkeit, von den Experten vorgestellte Materialien - möglichst unter fachkundiger Anleitung - selbst auszuprobieren. Fördermaterial kann in diesem Raum auch von den Eltern selbst für ihre Kinder hergestellt werden.

An einigen Standorten wurden inzwischen entsprechende Räumlichkeiten gemeinsam mit den Eltern gestaltet. Hierbei gab es natürlich auch Raum für Kulturspezifisches wie eine "türkische Sitzecke" mit Kissen auf dem Boden, mit Wandbemalungen, die z.B. die bekannte türkische Figur Nasrettin Hoca darstellen, mit einem Samowar...

Perspektiven und Fazit

In Family Literacy-Projekten zeigt sich, dass die Eltern durch ihre Teilnahme in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden. Diesen Effekt kann man sich zunutze machen, indem man Eltern stärker als aktive Partner in das Projekt einbezieht. Zur FLY-"Grundphilosophie" gehört, Eltern grundsätzlich als Partner zu verstehen. Family Literacy-Programme sind Lernprogramme für alle Beteiligten, nicht nur für die Eltern und Kinder, sondern auch für die Lehrer/innen bzw. Pädagog/innen. Eltern haben das Potential, eigene Ideen in einen Family Literacy-Kurs einzubringen und einander sowie den Lehrer/innen neue Anregungen zu geben. Family Literacy fördert die Schrift- und Sprachkompetenz und die Freude am Lernen bei den Kindern, aber auch bei den Eltern.

Dieser Beitrag sollte die vielfältigen positiven Wirkungen auf Kinder, Eltern, Lehrkräfte und Institutionen als Potential aufzeigen. Die Einbeziehung von Eltern ist notwendig, damit Kinder - insbesondere Kinder mit erhöhtem Förderbedarf - wirksam gefördert werden können.

Es ist zu hoffen, dass diese Art von Elternarbeit zukünftig ein fester Bestandteil des Schulalltags wird. Um das zu erreichen, ist die Einleitung eines kulturellen Wandels auf breiter Ebene nötig. Hierzu gehört, dass Schulen, Kitas und Pädagog/innen sich öffnen und in ganzheitlichen Bezügen arbeiten. Dementsprechende Ressourcen müssen verstärkt investiert werden. Die Investition wird sich lohnen!

Anmerkungen

  1. Nickel, S.: Family Literacy in Deutschland - Stand der Entwicklung und Gedanken zur konzeptionellen Weiterentwicklung. In: Gemeinsam in der Sprache baden: Family Literacy. Internationale Konzepte zur familienorientierten Schriftsprachförderung. Stuttgart 2007, S. 65-84.
  2. In Hamburg gibt es in vielen Vor- und Grundschulklassen eine sog. offene Eingangsphase, in denen Kinder in der ersten Schulstunde nach und nach ankommen dürfen.
  3. HIPPY steht für Home Instruction for Parents of Preschool Youngsters und bedeutet frei übersetzt ein Hausbesuchsprogramm für Eltern mit Vorschulkindern.
  4. Idee: Schule Chemnitzstr. (Gabriele Rabkin)
  5. Auf ein weiteres mehrsprachiges Buch mit Fantasiegeschichten von Kindern aus aller Welt sei an dieser Stelle verwiesen: Rabkin, Gabriele et al. (Hg.): Children’s Fantasies from around the World, 1998.
  6. Der Koffer wird derzeit im Rahmen des BLK-Modellversuches Family Literacy von Sponsoren finanziert (BürgerStiftung Hamburg in Kooperation mit dem Verlagshaus Gruner + Jahr).
  7. Rabkin, G.: Gemeinsam in der Sprache baden: Family Literacy. Materialheft. Aus der Praxis - für die Praxis. Stuttgart 2007. Elfert, M./ Rabkin, G. (Hrsg.): Gemeinsam in der Sprache baden: Family Literacy. Internationale Konzepte zur familienorientierten Schriftsprachförderung. Stuttgart 2007.

Literatur

Brooks, G./ Gorman, T./ Harman, D./ Wilkin, A.: Family literacy works: the NFER evaluation of the Basic Skills Agency’s family literacy demonstration programmes. London 1996.

Elfert, M./ Rabkin, G. (Hrsg.): Gemeinsam in der Sprache baden: Family Literacy. Internationale Konzepte zur familienorientierten Schriftsprachförderung. Stuttgart 2007.

Heathcote, V./ Brooks, G.: Evaluating Skills for Families in Autumn 2004, especially the role of local Skills for Families consultants. A report to the Basic Skills Agency. http://www.basic-skills.co.uk/site/page.php?p=847, 2005

KoÇak, A.: Evaluation report of the Father Support Program, verfügbar auf der Website von AÇEV unter www.acev.org, 2004

Nickel, S.: Family Literacy in Deutschland - Stand der Entwicklung und Gedanken zur konzeptionellen Weiterentwicklung. In: Gemeinsam in der Sprache baden: Family Literacy. Internationale Konzepte zur familienorientierten Schriftsprachförderung. Stuttgart 2007, S. 65-84.

Rabkin, G.: Gemeinsam in der Sprache baden: Family Literacy. Materialheft. Aus der Praxis - für die Praxis. Stuttgart 2007.

Speck-Hamdan, A.: Nahtstelle Übergang vom Elementar- zum Primarbereich. In: Bartnitzky, H./ Speck-Hamdan, A. (Hg.): Deutsch als Zweitsprache lernen. Frankfurt a.M. 2005, S. 110-120.

Taylor, D.: Family literacy: young children learning to read and write. Exeter 1983.

Wolfendale, S.: Report on the Evaluation of the Nwar Programme. Foundation for Educational Services (FES). Unveröffentlichter Bericht 2004.

Autorinnen

Frau Dr. Gabriele Rabkin arbeitet am Landesinstitut für Lehrerbildung Hamburg und Frau Maren Elfert am UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen Hamburg.

Adresse

Dr. Gabriele Rabkin
Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung
Abteilung Sprachen/Deutsch
Felix-Dahn-Straße 3
20357 Hamburg
Website: www.li-hamburg.de