Zukunftsorientierte Pädagogik

Martin R. Textor

 

Erziehung und Bildung sind immer auf die Gegenwart bezogen: Kinder zeigen Verhaltensweisen, die Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen entweder positiv oder negativ verstärken (oder auch nur akzeptieren). Kinder bilden sukzessive Kompetenzen aus und werden dabei von Erwachsenen unterstützt. Kinder wollen etwas wissen und stellen Fragen, die von Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen beantwortet werden. In Familie, Kindertageseinrichtung und Schule erhalten sie immer wieder Aufgaben und (Spiel-) Materialien, mit deren Hilfe sie etwas lernen sollen. Oft bauen die Lernaufträge aufeinander auf.

Und damit sind Erziehung und Bildung auch vergangenheitsorientiert. Zum einen müssen sich Erwachsene immer wieder fragen: Hat sich das Kind schon einmal so verhalten? Wie habe ich darauf reagiert? Konnte es das bereits oder muss ich ihm dabei helfen? Hat das Kind diese Kenntnisse schon erworben oder muss ich mit ihm noch üben? Was habe ich gestern unterrichtet, worauf ich heute aufbauen kann? Zum anderen orientieren sich Erwachsene an eigenen Erfahrungen, an Fachwissen und an Vorgaben, die schon viele Jahre alt sind. Eltern reflektieren, wie sie selbst erzogen worden sind und ob sie ihre Kinder so oder anders erziehen wollen. Erzieher/innen und Lehrer/innen greifen auf Fachwissen zurück, das sie während ihrer Ausbildung bzw. ihres Studiums gelernt oder sich durch Fortbildungen angeeignet haben. Sie arbeiten mit (Fach-, Lehr-, Schul-) Büchern, die bereits einige Jahre alt sind, und befolgen Rechtsvorschriften, Vorgaben von Ministerien, Behörden und Trägerverbänden sowie landesspezifische Bildungs- bzw. Lehrpläne, die oft noch älter sind.

Viel zu wenig wird aber beachtet, dass Erziehung und Bildung vor allem zukunftsorientiert sein sollten: Kinder und Jugendliche sollen einmal so reif und mündig sein, dass sie nicht mehr einer Förderung und Unterstützung durch Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen bedürfen. Sie sollen dann die Kenntnisse und Kompetenzen besitzen, die sie für eine erfolgreiche Berufsausübung und ein glückliches Privatleben benötigen. Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen wollen sich letztendlich entbehrlich machen.

Aber was für Kenntnisse und Kompetenzen benötigen Kinder und Jugendliche, um in 10 oder 20 Jahren in der Arbeitswelt erfolgreich sein, positive Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen und ihr persönliches Glück finden zu können? Sonderbarerweise gehen nur wenige Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen dieser Frage nach - und noch weniger Erwachsene finden auf sie eine Antwort, auf der sie bei ihrer erzieherischen und bildenden Tätigkeit aufbauen können.

Und das ist kein Wunder! Zum einen ist die Zukunft, mit der sie sich befassen müssten, ein außerordentlich komplexes "Gebilde". So müssen Umweltveränderung und Klimawandel, der welt- und europapolitische Kontext, die Wissensexplosion und die sich immer weiter beschleunigende technologische Entwicklung, Veränderungen in der Wirtschaft, auf dem Arbeitsmarkt und im Berufsleben, der demographische und gesellschaftliche Wandel u.v.a.m. berücksichtigt werden. Zum anderen ist es nicht einfach, die Zukunft vorauszusagen. Manches kann einfach nicht vorhergesehen werden – z.B. Katastrophen wie ein neuer Weltkrieg, der Ausbruch eines Vulkans, ein Tsunami, Attacken von Terroristen auf Atomkraftwerke oder eine weltweite hochansteckende Seuche.

Dennoch, die Zukunft hat schon begonnen: Für viele Lebensbereiche gibt es bereits relativ verlässliche Erkenntnisse über Entwicklungstendenzen bis zum Jahr 2060. Sie werden von der Zukunftsforschung bereitgestellt, einer wissenschaftlichen Disziplin mit einer mehr als 50-jährigen Geschichte. Inzwischen liegt hier eine kaum noch überschaubare Menge von Publikationen vor. Sie wurden von Wissenschaftler/innen verfasst, die über ganz unterschiedliche Qualifikationen verfügen und in verschiedenen Arbeitsfeldern tätig sind, also zumeist Spezialwissen weitergeben und dabei die Terminologie der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin verwenden (z.B. der Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Klimaforschung, Volkswirtschaft, Soziologie, Bevölkerungswissenschaft, Politologie oder Medizin). So ist es nicht verwunderlich, dass diese Publikationen bisher erst ansatzweise hinsichtlich ihrer Relevanz für die Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen gesichtet wurden.

Dieses Ziel verfolgt die Zukunftsorientierte Pädagogik. In einem ersten Schritt werden anhand der Erkenntnisse von Zukunftsforscher/innen Entwicklungen analysiert, die voraussichtlich in den kommenden Jahrzehnten - bis ca. 2050 - eintreten werden. Daraus werden Kompetenzen abgeleitet, welche die Kinder von heute benötigen, um in der Welt von morgen beruflich erfolgreich zu sein, positive Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und ihr persönliches Glück zu finden. Dann wird erarbeitet, wie Familie, Kindertageseinrichtung und Schule Kinder "zukunftsfähig" machen könnten.

Die nachfolgende Tabelle zeigt in der linken Spalte eine Auswahl von Zukunftstrends und in der rechten Spalte die Kindern und Jugendlichen zu vermittelnden Kenntnisse und Kompetenzen.

Konsequenzen aus Zukunftsentwicklungen:
Welche Kompetenzen brauchen Kinder für die Welt von morgen?
Zukunftstrends Zukunftskompetenzen
Der internationale Kontext
  • Zunahme und Alterung der Weltbevölkerung
  • Urbanisierung
  • negative Folgen des Outsourcings
  • Finanz- und Eurokrisen
  • Staatsverschuldung
  • abnehmendes Vertrauen in die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die Politik
  • Ernährungskrise
  • Energie- und Rohstoffkrisen
  • Grenzen des Wachstums erreicht
  • Zukunftspessimismus
  • Erwerb von realistischem "Zukunftswissen"
  • lernen, mit Ungewissheiten zu leben
  • Akzeptanz der Grenzen des Wachstums
  • Bereitschaft zum Verzicht sowie zu einem energiesparenden und ressourcenschonenden Lebenswandel
  • Lebensqualität als wichtiger als mehr Konsum/ Besitz betrachten
  • sich mehr auf sich selbst und das eigene soziale Netzwerk verlassen
Die neue Weltordnung
  • Entstehen einer multipolaren Welt
  • weiterer Aufstieg von China, Indien und anderen Schwellenländern
  • Bedeutungsverlust der USA
  • politisch schwache Position der Wirtschaftsmacht EU
  • zunehmende Probleme von Entwicklungsländern
  • Wissen über Weltmächte, Schwellen- und Entwicklungsländer besitzen
  • globales Denken
  • Fremdsprachenkenntnisse (Chinesisch, Hindi, Spanisch - und natürlich Englisch)
  • interkulturelle Kompetenzen, Toleranz
  • Bereitschaft, Menschen in Entwicklungsländern zu unterstützen
Umweltveränderung und Klimawandel
  • Umweltzerstörung durch Urbanisierung, Monokulturen usw.
  • Erosion und Versteppung
  • Abholzung der Urwälder
  • Rückgang an Biodiversität
  • Umweltverschmutzung
  • Erderwärmung: mehr Naturkatastrophen, längere Trockenperioden, Wasserknappheit, Überschwemmung von Küstenregionen usw.
  • Wissen über die Bedeutung natürlicher Ressourcen und der Artenvielfalt, über Umweltverschmutzung und Klimawandel
  • Liebe zur Natur entwickeln, mehr Naturerfahrungen machen
  • Umweltbewusstsein und praktischer Umweltschutz, Verringerung des eigenen "ökologischen Fußabdrucks"
  • Unterstützung von Klimaflüchtlingen
Wissensexplosion und technologischer Wandel
  • exponentielle Zunahme des Wissens, Entwicklung hin zur Wissensgesellschaft
  • Informationsflut
  • Beschleunigung der technischen Entwicklung
  • künstliche Intelligenz
  • Roboter übernehmen auch Dienstleistungen, ersetzen immer mehr Arbeitskräfte
  • medizinische und medizintechnische Fortschritte
  • Koexistenz von intelligenten, autonomen Robotern und gentechnisch oder technologisch "verbesserten" Menschen
  • sich mit zukunftsträchtigen Disziplinen befassen: MINT-Fächer, Medizin, Hirnforschung usw.
  • mit Technik umgehen können
  • Neugier, Forschungsdrang, Experimentierfreude
  • Lern- und Leistungsmotivation, lernmethodische Kompetenz, effektive und effiziente Verarbeitung von Informationen
  • relevante Computerprogramme und das Internet nutzen können
  • Konzentrationsfähigkeit, Durchhaltevermögen
  • Team- und Kooperationsfähigkeiten
  • kritische Haltung gegenüber neuen technologischen Errungenschaften
Wirtschaft und Arbeitsmarkt
  • Zukunftstechnologien und -branchen (z.B. Bio- und Nanotechnologie, Robotik, Social Commerce, Produkte und Dienstleistungen für Senioren)
  • kürzere Produktzyklen
  • Fachkräftemangel
  • Alterung der Arbeitnehmerschaft
  • Feminisierung der Arbeitswelt, mehr Frauen in Führungspositionen
  • weniger Arbeiter, mehr Selbständige
  • große Einkommensunterschiede je nach Qualifikation und Beschäftigungsform
  • hohe Arbeitslosenquote
  • volks- und betriebswirtschaftliche Kenntnisse
  • Kreativität, Produktivität
  • unternehmerische und organisatorische Fähigkeiten, Zeitmanagement
  • angemessener (beruflicher) Umgang mit (viel) älteren und jüngeren Kollegen, Vorgesetzten und Untergebenen, mit solchen des anderen Geschlechts oder aus anderen Kulturkreisen, mit Fachleuten in anderen Ländern
  • auf eigene physische und psychische Gesundheit achten
  • Kompetenz der Selbstvermarktung
Das "abwechslungsreichere" Arbeitsleben
  • ein- oder mehrmaliges Umschulen
  • mehr Mobilität (und Wochenendbeziehungen)
  • mehr Schichtdienst, Abend-, Nacht- und Wochenendarbeit
  • ständige Erreichbarkeit, weitere Beschleunigung der Arbeit
  • lebenslanges Lernen: Expansion des Fort- und Weiterbildungsbereichs
  • mehr Spezialisierung – und mehr Teamarbeit
  • Arbeiten in zeitlich begrenzten Projekten – auch mit Mitarbeitern aus anderen Unternehmen, Freiberuflern, Wissenschaftlern usw.
  • Leistungsdruck: Zwang zu mehr Kreativität und Produktivität
  • Flexibilität, Mobilität
  • immer spezieller werdende berufliche Kenntnisse besitzen
  • Bereitschaft zur Fort- und Weiterbildung, zum Umlernen und zur Umschulung
  • Reflexionsfähigkeit, Urteilsvermögen, Problemlösefertigkeiten
  • Fähigkeit, Stress und hohen Leistungsdruck ertragen und sich entspannen zu können
  • Kommunikationsfertigkeiten, Fremdsprachenkenntnisse, interkulturelle Kompetenzen
  • Team- und Kooperationsfähigkeiten, Durchsetzungsfähigkeit, Konfliktlösefertigkeiten
  • Führungskompetenzen (insb. zur Leitung ganz unterschiedlich zusammengesetzter Teams)
Demographische Entwicklung
  • Bevölkerungsrückgang in Deutschland
  • Auseinanderentwicklung von Stadtteilen je nach Bevölkerungsstruktur
  • Alterung der Gesellschaft
  • spätere Verrentung - niedrigere Renten
  • höhere Sozialversicherungsbeiträge
  • Gefahr eines Generationenkriegs
  • (mehr) Zuwanderung aus immer mehr Ländern und Kulturen
  • demographisches Wissen
  • Bereitschaft, die "Altenlast" mitzutragen und Benachteiligungen gegenüber früheren Generationen in Kauf zu nehmen
  • angemessener (privater) Umgang mit alten, behinderten und pflegebedürftigen Personen
  • Migranten mit ganz unterschiedlichen Werten, Religionen, Lebensstilen, Einstellungen usw. akzeptieren und mit ihnen interagieren können
Wandel der Gesellschaft
  • Zukunftsängste, z.B. Angst vor einer Wohlstandswende
  • zunehmende Spaltung der deutschen Gesellschaft
  • große Freiräume hinsichtlich der eigenen Wertorientierung und Lebensgestaltung
  • Selbstdefinition vieler Menschen über Besitz und Konsum
  • Wandel des Konsumverhaltens
  • gesündere Lebensführung
  • zunehmende Mediennutzung, noch größere Bedeutung des Internets und des sozialen Webs
  • abnehmende Verwendung der Schriftsprache, weniger Lesen von längeren Texten
  • "erworbene Aufmerksamkeitsstörungen", weniger Nachdenken
  • "multiple" und "E-Persönlichkeiten"
  • weniger Privatsphäre, "gläserne Kunden", ständige Überwachung
  • weniger/kürzere Gespräche mit anderen Menschen
  • juristisches, soziologisches und historisches Wissen erwerben
  • Bereitschaft, Wohlstandswende zu akzeptieren
  • Eintreten für mehr soziale Gerechtigkeit
  • Optimismus, Mut, Selbstvertrauen
  • individuelles Wertesystem entwickeln, sich einer (Sub-) Kultur zugehörig fühlen, diese weiterentwickeln können (kulturelle Kompetenzen)
  • ausgeprägte Persönlichkeit, Charakterstärken, positives Selbstbild
  • Resilienz, Bereitschaft zur Selbsthilfe, Durchhaltevermögen
  • Fähigkeit zum Aufbau eines funktionierenden sozialen Netzwerks
  • die eigenen Konsumbedürfnisse hinterfragen, bewusster einkaufen
  • gesunde Lebensführung, sportliche Betätigung, psychische Hygiene
  • sinnvolle Freizeitgestaltung, Hobbys
  • Medienkompetenz, Schutz der eigenen Daten bzw. der Privatsphäre
Familie und Kindheit
  • niedrige Geburtenrate und Kinderzahl
  • mit Hilfe der Reproduktionsmedizin gezeugte Kinder
  • weniger "klassische" Familien, mehr und unterschiedlichere Familienmilieus
  • steigende Zahl Vollzeit erwerbstätiger Mütter, Eltern zunehmend vom Beruf gestresst, weniger Zeit für die Pflege der Paarbeziehung
  • weniger Zeit für Kinder und deren Erziehung
  • längere Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen und (Ganztags-) Schulen
  • lockere Familienbeziehungen
  • abnehmende Bedeutung der Hausarbeit
  • hohe Erwartungen von Eltern an die Schulleistungen ihrer Kinder
  • mehr Erziehungsschwierigkeiten, mehr verhaltensauffällige und psychisch gestörte Kinder
  • (entwicklungs-) psychologisches und pädagogisches Grundwissen, Kenntnisse über Säuglingspflege und -ernährung besitzen
  • positive Einstellung zu Partnerschaft und Familie; Bereitschaft, auch in schwierigen Zeiten eine Familie zu gründen
  • Fähigkeit zur positiven Gestaltung von Paar- und Eltern-Kind-Beziehungen, erzieherische Kompetenzen
  • Bereitschaft, eigene Interessen zugunsten des Partners und der Kinder zurückzustellen
  • Fähigkeit, Familie und Beruf vereinbaren zu können
  • Auseinandersetzung mit der heutigen Kindheit, mit Erziehungszielen und den Leistungserwartungen an Kinder
  • durchdachte Vorstellungen, wie die Kindheit eigener Kinder gestaltet werden soll

In diesem Artikel kann nicht weiter ausgeführt werden, wie Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen solche Zukunftskompetenzen vermitteln können, da hierfür viel zu viel Platz nötig wäre. Eine ausführliche Darstellung finden Sie in meinem Buch "Zukunftsorientierte Pädagogik: Erziehen und Bilden für die Welt von morgen" (Norderstedt: Books on Demand 2012) bzw. auf www.zukunftsorientierte-paedagogik.de.