Die Bedeutung von Naturerleben für Kinder

Erika Brodbeck

 

Welche Farbe hat eigentlich eine Ente? Noch jeder zehnte Jugendliche beantwortet diese Frage mit gelb. Je jünger die Kinder werden, desto gelber wird die Ente. Der Marburger Soziologe Rainer Brämer hat in seinem Jugendreport Natur 2003 etwa 1.400 Schüler der Klassen 6 und 9 aller Schulzweige aus Nordrhein-Westfalen und Hessen befragt und kann von erschreckenden Ergebnissen zur schleichenden Naturentfremdung von Kindern und Jugendlichen berichten. Nun zeigt die Farbunsicherheit in Bezug auf die Ente vor allem unsere starke mediale Prägung. Erstaunlich sind die großen Wissenslücken heutiger Kinder: Was ist eine Linde? Welche Farbe hat Raps? Woraus werden Chips hergestellt? - All dies sind Fragen, mit denen heutige Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten haben.

Wesentlich folgenreicher allerdings ist der schleichende Prozess des fehlenden Naturumgangs. Wenn es für zwei Drittel der Jugendlichen eine äußerst unangenehme Vorstellung ist, einen Käfer über die Hand krabbeln zu lassen, so scheinen elementare Naturbegegnungen in der Kindheit nicht stattgefunden zu haben. Es stellt sich die Frage, welche Bedeutung der Umgang mit Natur für Kinder hat.

In der recht jungen Wissenschaftsdisziplin, der Naturpsychologie, wird der Frage nachgegangen, ob Menschen Natur brauchen. Die ersten Befunde weisen eindeutig in die Richtung, dass Natur dem Menschen gut tut. Schon allein die Begegnung mit schönen Naturszenerien hat eine stabilisierende, entspannende und beruhigende Wirkung für Körper und Geist. Offenbar ermüden wir in natürlichen Szenerien deutlich langsamer als in künstlichen Kulissen. Brämer spricht von der "anstrengungslosen Aufmerksamkeit".

"In der Natur ist die in der modernen Konsum- und Medienwelt unerlässliche Wahrnehmungsselektion und Reizabwehr überflüssig (…) Das fördert nicht nur realistischere Wahrnehmungen sondern auch die spontane Kreativität" (Rainer Brämer).

Der Psychologe Ulrich Gebhard hat sich eingehend mit der Frage beschäftigt, welche Bedeutung die Natur auf die kindliche Entwicklung hat. Er kommt zu dem Schluss, dass die Erfahrung von äußerer Natur bedeutsam ist für die Entwicklung der inneren Natur des Menschen. Naturerfahrungen können dabei einem grundlegenden menschlichen Wunsch nach Vertrautheit und gleichzeitig nach Neuem und Unbekanntem entsprechen.

"Der psychische Wert von Natur besteht u.a. in ihrem ambivalenten Doppelcharakter: sie vermittelt die Erfahrung von Kontinuität und damit Sicherheit und zugleich ist sie immer wieder neu" (Ulrich Gebhard).

Dabei betont Gebhard die Bedeutung von Brachflächen. Kinder schätzen vor allem die Flächen, die die Planer/innen vergessen haben. Denn ein wesentlicher Wert von Naturerfahrung besteht in der Freiheit, die sie vermitteln kann. Die Wirkung von Natur erfüllt sich nebenbei, beim selbständigen, unkontrollierten Spiel. "Der Naturraum wird als bedeutsam erlebt, in dem man eigene Bedürfnisse erfüllen, in dem man eigene Phantasien und Träume schweifen lassen kann, und der auf diese Weise eine persönliche Bedeutung bekommt" (Ulrich Gebhard).

In den 1970er Jahren stand im Rahmen der Umweltbewegung die damalige Entwicklung der Umwelterziehung unter ganz anderen Vorzeichen. Nicht das Kind und seine Bedürfnisse standen im Mittelpunkt, sondern die bedrohte und schützenswerte Natur. Viele gut gemeinte Ansätze wollten in erster Linie den Kindern Naturerfahrungen vermitteln, damit diese dann später die Natur schützen und erhalten sollten. Hierin liegt eine gefährliche Moralisierung, und die Auswirkungen sind gerade heute im Naturverständnis der Kinder und Jugendlichen spürbar.

Jugendliche beschreiben Natur fast durchweg als etwas Gutes, Harmonisches. Allerdings gibt es einen ausgeprägten Hang, Natur zu verniedlichen. Natur ist "süß" und "schön", aber extrem gefährdet und "hilfsbedürftig". Experten sprechen seit Jahren von dem "Bambi-Syndrom". Der Mensch wird als der Hauptfeind der Natur betrachtet, und damit einher geht eine pauschale Verurteilung jeglicher Naturnutzung. "Fast die Hälfte der Befragten geht dabei so weit, das Betreten des Waldes und das Übernachten unter seinen Kronen für schädlich zu halten. Ohnehin schon immer mehr aus den schönsten und abenteuerlichsten Naturarealen per Verwaltungsakt ausgewiesen, hat die nächste Generation die Zeigefingermoral der forstlichen Interessengruppen schon so weit verinnerlicht, dass sie sich selbst auszusperren beginnt. Die Naturentfremdung verstärkt sich damit gewissermaßen selber - ein erschreckender Selbstläufer-Effekt" (Brämer, Jugendreport Natur 2003).

Viele Jugendliche verkennen damit die Tatsache, dass auch der moderne Mensch die Natur nutzen muss, um zu überleben. Der Hamburger kommt eben nicht von McDonald, sondern von geschlachteten Tieren. Der klassische Naturschutz ist an dieser Entwicklung nicht unschuldig und vermittelt noch heute häufig das Bild einer Natur, die den Menschen ausschließt, die betrachtet, aber nicht genutzt werden darf. Letztlich manifestiert diese Herangehensweise unsere völlige Naturentfremdung.

Viel weiter mögen da die Gedanken Ulrich Gebhards führen, der von der Möglichkeit der Naturerfahrung als der Möglichkeit eines guten Lebens spricht. Die Kinder brauchen die Natur, weil es ihnen gut tut. Sie brauchen keine Umwelterziehung, damit sie ein Bewusstsein anerzogen bekommen, mit dem sie die Fehler wieder wettmachen, die die ältere Generation mit verursacht hat. Der zentrale Aspekt am Naturerleben ist das Erleben von einerseits Freiheit und andererseits Eingebunden-Sein in natürliche Prozesse. Die Bewegung der Waldkindergärten und die Entstehung von naturnahen Erlebnisräumen sind wichtige Schritte in die richtige Richtung.

Ebenso sollte man auch das klassische Naturbild hinterfragen. Prof. Ganser, Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung IBA Emscher-Park a.D., öffnet den Blick auf Natur anderer Art: auf Industriebrachen, auf wilde, sich von selbst entwickelnde Flächen, auf die vom Menschen intensiv genutzten und nun in Vergessenheit geratene Flächen. In der Biologischen Station Östliches Ruhrgebiet wird genau dies versucht: Innerstädtische Brachflächen werden den Kindern als "wilde" Freiflächen zur Verfügung gestellt, damit sie unreglementiert und unbeobachtet spielen können.

"Was geschieht, wenn Kinder ausgiebig Gelegenheit bekommen, in naturnahe Landschaften einzutauchen, selbstvergessen, nur sich selbst genügend? Draußen sein, unbeobachtet, unreglementiert, in Baumwipfeln, an Bachufern, auf Wiesen oder Brachgeländen. Mit aller Zeit der Welt, so dass sich Ruhe und Geräusche, der Geruch der Erde, der Duft der Vegetation und die unendliche Vielfalt von Oberflächen, Formen und Konsistenzen, denen die Hände begegnen, einprägen können. Wo die schaurige Erscheinung einer Köcherfliegenlarve fasziniert, ohne wissen zu müssen, dass sie sich zu einem fliegenden Insekt entwickeln wird. Wo es unwichtig ist, dass die besten Kletterbäume Hainbuchen heißen" (Jürgen Heuser, Leiter der Biologischen Station Östliches Ruhrgebiet im Aufsatz "Wildnis für Kinder").

Literatur

Texte von Rainer Brämer zur Naturentfremdung und der Wirkung von Landschaften: www.staff.uni-marburg.de/~braemer/

Jugendreport Natur 2003. Studie im Auftrag der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, durchgeführt vom Team um Dr. Brämer

Gebhard, Ulrich: Kind und Natur. Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung. Opladen 2001

Industrie - Natur: Wildnis zwischen Rost und Schlacke. Die NRW-Stiftung, 1-2004 www.nrw-stiftung.de Biologische Station Östliches Ruhrgebiet, Herne, Jürgen Heuser, bs-ruhr-ost@gelsen.net

Autorin

Dipl. Ing. Erika Brodbeck, Spielraumplanung und -beratung, Leitung des Mobil-Teams "SpielRäume schaffen" bei SpielLandschaftStadt e.V.

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