Projektarbeit - Kombination von Bildungsbereichen und ganzheitliche Kompetenzentwicklung

Martin R. Textor

 

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte sind Kinder zunehmend aus der Erwachsenenwelt ausgegliedert worden und können - zumindest im Kleinkindalter - nur selten ihre natürliche und soziokulturelle Umwelt selbständig erkunden. Dies hat dazu geführt, dass sie immer weniger Natur- oder andere Primärerfahrungen machen, dass sie die sie umgebende Wirklichkeit immer häufiger als undurchschaubar erleben und dass sie immer weniger selbstbestimmt handeln oder ihre Kräfte erproben können. Hinzu kommt der große Medienkonsum, der zur "Entsinnlichung" beiträgt sowie soziale Kontakte und die Ausbildung kommunikativer Fertigkeiten behindert.

Auf diese Charakteristika heutiger Kindheit reagiert die Projektarbeit mit Prinzipien und pädagogischen Zielen wie Erfahrungslernen, Selbsttätigkeit, Lebensnähe und der Öffnung von Kindertageseinrichtungen zu ihrem Umfeld hin (Textor 2013). In einem längerfristigen Projekt können in der Regel alle in den Bildungs- und Erziehungsplänen der Bundesländer aufgelisteten Basiskompetenzen gefördert werden. Auch können die dort genannten Bildungsbereiche miteinander kombiniert werden, so dass sie in einem Projekt nicht so isoliert wie bei "klassischen" Beschäftigungen - z.B. "10.00-11.00 Uhr Malen" oder "13.00-13.30 Uhr Bilderbuchbetrachtung" - abgehandelt werden.

Prinzipien der Projektarbeit

Projekte zeichnen sich durch folgende Prinzipien aus:

  • ganzheitliches Lernen: In Projekten werden alle Lerntypen, alle Sinne, alle Fähigkeiten, alle Fertigkeiten berücksichtigt, können sich Kinder in ihrer Ganzheit einbringen. Es gibt hier keine Differenzierung nach Bildungs- oder Kompetenzbereichen.
  • Erfahrungslernen: Projekte ermöglichen Primärerfahrungen. Das Lernen zeichnet sich durch besondere Anschaulichkeit und Konkretheit aus. Die Kinder lernen via Sinneswahrnehmung - im Wechsel von Erfahrung und Reflexion.
  • Selbsttätigkeit: Die Kinder erarbeiten sich - motiviert durch Neugier und Interesse - aktiv und interaktiv neue Kenntnisse (Handlungsorientierung, entdeckendes Lernen); sie bilden sich selbst.
  • spiralförmiges Lernen: Der fortwährende Wechsel von Gruppendiskussionen, Besichtigungen, Experimenten, Rollenspielen, Mal- und Bastelaktivitäten etc. im Rahmen eines Projektes führt zu einem immer tiefer gehenden Eindringen in die jeweilige Thematik. Die Kinder lernen je nach verwendeter Methode andere Aspekte des Themas kennen; Beobachten, Erforschen, Erfahrung, Reflexion, Gesprächsaustausch, Handeln, Bewegung, Gesang und kreativer bzw. künstlerischer Ausdruck bauen aufeinander auf.
  • exemplarisches Lernen: Da Projekte relativ lang dauern, können im Verlauf eines Jahres nur wenige Projekte durchgeführt werden: das Einzelne ist Spiegel des Ganzen.
  • Mitbestimmung der Kinder: Sie wählen gemeinsam mit den Fachkräften das Projektthema aus, bestimmen durch ihre Ideen und Vorschläge Projektplanung und -verlauf mit (Wahlfreiheit, demokratische Entscheidungsfindung). So übernehmen sie Verantwortung für das Projekt und seinen Erfolg.
  • Kindorientierung: Es werden die Interessen, Bedürfnisse und Wünsche der Kinder berücksichtigt. Das Projekt dauert nur so lange, wie die Kinder intrinsisch motiviert sind.
  • verschiedene Schwierigkeitsstufen: In Projekten finden Kinder unterschiedlichen Alters oder mit anderen Begabungen und Fähigkeiten ihnen entsprechende Aktivitäten (z.B. durch Einzel-, Paar- und Kleingruppenarbeit). So haben alle Kinder - auch hochbegabte und behinderte - Erfolgserlebnisse.
  • Öffnung der Kindertageseinrichtung: Die Kinder gewinnen Erlebnis- und Lernfelder am Wohnort zurück. Sie entdecken ihre Umgebung, lernen Geschäfte, Betriebe, kulturelle Einrichtungen und viele andere Menschen kennen. So erreichen sie ein besseres Verständnis von der Natur und der Erwachsenenwelt.
  • Lebensnähe: Da die Kinder ihre Lebenswelt erkunden, hat das Gelernte eine hohe Relevanz für ihr alltägliches Leben und kann sofort in anderen Situationen angewendet werden. Durch den häufigen Kontakt mit fremden Menschen aus allen Altersgruppen und Lebenslagen erweitern die Kinder ihr Repertoire an sozialen und kommunikativen Fertigkeiten.
  • methodische Offenheit: In einem Projekt werden ganz unterschiedliche Methoden eingesetzt. Die Abwechslung und Vielfältigkeit der Aktivitäten erhöhen die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Kinder.
  • intensive Kooperation mit Eltern und anderen Erwachsenen: Insbesondere die Bildungspartnerschaft mit Eltern wird realisiert. In viele Projekte müssen auch andere Erwachsene eingebunden werden.

Nebeneffekte von Projekten sind die Intensivierung der Elternarbeit, mehr Achtung und Respekt gegenüber Erzieher/innen sowie ein positiveres Bild von der Kita-Arbeit in der Öffentlichkeit.

Ganzheitliche Kompetenzförderung

Durch die verschiedenen Methoden, die im Rahmen von Projekten eingesetzt werden, erfolgt eine ganzheitliche Förderung der Kinder - ihrer kognitiven, sozialen, kreativen, motorischen und Persönlichkeitsentwicklung. In der Praxis durchgeführte Projekte verdeutlichen, dass u.a. die folgenden Kompetenzen geschult werden:

kognitiver Bereich

  • Sinnesschulung: klare und reflektierte Wahrnehmung
  • Erlernen von Beobachtungstechniken und Untersuchungsmethoden, des Sammelns von Daten (Messen, Zählen usw.), der Durchführung von Experimenten, der Bildung und Überprüfung von Hypothesen, des Anlegens von Sammlungen
  • Erwerb von Problemlösungstechniken, Abstraktionsfähigkeit, Urteilsvermögen, Kritikfähigkeit
  • Gedächtnis: Erwerb von Wissen, Begriffen, Kategorien; Merkfähigkeit
  • Einsicht in Ursache-Wirkungs-Abfolgen, Strukturen und Prozesse
  • Lernen des Lernens, lernmethodische Kompetenz

sozialer Bereich

  • Gesprächsfertigkeiten: Mitteilen von Bedürfnissen, Interessen und Wünschen; Vortrag und Diskussion von Beobachtungen/ Erfahrungen; Zuhören, Wiedergeben der Aussagen anderer; Interviewtechniken
  • Erlernen von Gesprächs- und Verhaltensregeln, von Normen und Werten
  • demokratisches Verhalten: Mitbestimmung, Solidarität, Toleranz
  • Erlernen von Verhandlungsgeschick, Konfliktlösungsfähigkeiten, Kompromissbereitschaft
  • Kooperationsfähigkeit: Koordination von Aktivitäten mit Peers, Hilfsbereitschaft

Persönlichkeitsbildung

  • Selbständigkeit, Selbstbestimmung, Mündigkeit
  • Selbstvertrauen, Gefühl von Kompetenz, Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit, positives Selbstbild
  • Erwerb von Dispositionen wie Forschungsdrang, Neugier, Lernmotivation, Durchhaltevermögen, intrinsischer Motivation
  • Freude an der Tätigkeit/am Erfolg, Enthusiasmus, Selbstwirksamkeit
  • Verantwortungsbereitschaft
  • Sensibilität, Empathie

physische Entwicklung

  • Entwicklung von Psychomotorik, Grob- und Feinmotorik
  • Förderung der körperlichen Gesundheit und Leistungsfähigkeit
  • Ausleben des Bewegungsdrangs, Regulierung von körperlicher Anspannung, Erlernen des Umgangs mit Muskelkraft
  • handwerkliche Fertigkeiten, Erlernen des Umgangs mit Werkzeugen

kreativer Bereich

  • sinnliche Wahrnehmungen und Erfahrungen
  • Fantasie (Rollenspiel, Theater, Erzählen von Geschichten)
  • künstlerische und gestalterische Fähigkeiten
  • ästhetisches Empfinden
  • Erlernen der Umsetzung von Erlebten in Bilder, Collagen, Musik, Tanz, Reime usw.
  • Gestaltungstechniken, Erproben verschiedener Materialien und Hilfsmittel
  • Erlernen des Umgangs mit Musikinstrumenten

Projektthemen

Es gibt Tausende verschiedener Themen, die in Projekten behandelt werden können. In Fachzeitschriften und relevanten Websites sowie in dem von mir verfassten Buch "Projektarbeit im Kindergarten: Planung, Durchführung, Nachbereitung" (Textor 2013) wurde bereits eine Vielzahl von Projekten vorgestellt.

Die Projektthemen können einem der in den Bildungs- und Erziehungsplänen der Bundesländer genannten Förderschwerpunkte entnommen werden. In der Regel fließen aber Inhalte aus mehreren oder gar allen Bildungsbereichen in ein Projekt ein. Bei Projekten werden - trotz unterschiedlicher Themen - aber ähnliche Fähigkeiten und Fertigkeiten gelernt (s.o.). Nur die erworbenen Kenntnisse hängen vom Projektthema ab; hier gilt das Prinzip des exemplarischen Lernens.

Der Ablauf von Projekten

Abschließend soll noch kurz dargestellt werden, wie Projekte ablaufen (ausführlicher z.B. in Textor 2013): Die Initiative zu einem Projekt geht entweder von den Erzieher/innen oder den Kindern aus; sie ergibt sich aus einer Situation, ist spontan oder geplant. Im Sinne der in den Bildungs- und Erziehungsplänen geforderten Beteiligung von Kindern sollten diesen viele Mitbestimmungsmöglichkeiten eingeräumt werden. So sollten sie den Projektablauf durch ihre Ideen und Vorschläge prägen - was auch zu mehr Interesse und mehr intrinsisches Motivation führt.

Zu Beginn eines Projektes sollten zunächst in Gruppendiskussionen der Kenntnisstand der Kinder und ihre bisherigen Erfahrungen bezüglich der jeweiligen Thematik erfasst werden. Diese Gespräche bringen die Kinder auf einen vergleichbaren Wissensstand, der als gemeinsame Grund- bzw. Ausgangslage für das Projekt dient. Daran schließen sich zumeist praktische Aktivitäten wie Malen, Basteln oder Rollenspiele an.

Spätestens an dieser Stelle sollten die Eltern durch Elternbriefe, Anschläge oder einen Elternabend über das Projekt informiert und so weit wie möglich oder gewollt in die pädagogische Arbeit eingebunden werden. Auch können die Kinder z.B. mit Aufträgen nach Hause geschickt werden. Dies führt dazu, dass Eltern zu Hause mit ihren Kindern über die Projektaktivitäten sprechen oder mit ihnen bestimmte Aktivitäten ausführen. Durch das Interesse der Eltern wird nicht nur die Motivation der Kinder aufrechterhalten, sondern diese haben auch die Gelegenheit, daheim neue Begriffe zu üben, ihre Erfahrungen zu reflektieren und ergänzende Kenntnisse zu erwerben. Oft geben die Eltern den Kindern Bücher, Broschüren, Fotos oder andere Materialien in die Kindertageseinrichtung mit, die Diskussionen, Aktivitäten und Rollenspiele bereichern.

Projekte können ganz unterschiedlich ablaufen. Immer aber wird beobachtet, experimentiert, diskutiert, gebastelt, gemalt, gesungen, getanzt usw. Phasen der Kleingruppenarbeit wechseln mit Einzel- und Paararbeit ab. Oft kommt es zu Rollenspielen, die mit der Zeit immer komplexer werden. Außenaktivitäten, Besichtigungen und Ausflüge werden geplant und durchgeführt, Fachleute in die Kindertageseinrichtung eingeladen und interviewt. Die Erzieher/innen beobachten, stimulieren zum Hinterfragen von Erfahrungen und Vorstellungen, führen neue Begriffe ein, stellen in der Gruppe relevante Objekte vor, konsultieren, gestalten die Umwelt, bringen ergänzende Informationen durch Fotos, Dias, Bücher und Geschichten ein.

Wichtig ist es, während der Durchführung des Projekts immer wieder kurze Reflexionsphasen einzuschieben. Dann können neue Vorschläge und Ideen der Kinder besprochen und diejenigen von Eltern und Fachkräften eingebracht werden. Zugleich sollte geklärt werden, wie groß das Interesse der Kinder noch an dem jeweiligen Thema ist und ob ihren Bedürfnissen und Wünschen entsprochen wird. Schließlich können die Lernerfahrungen der Kinder, die Qualität ihrer Zusammenarbeit, ihr Verhalten gegenüber außen stehenden Gesprächspartnern u. Ä. reflektiert werden.

Wenn das Interesse der Kinder am Projektthema abnimmt, ist es an der Zeit, das Projekt zu beenden. Sinnvoll ist ein besonderer Abschluss, der mit einer Präsentation der Projektergebnisse in der Öffentlichkeit verbunden sein kann. Die Darstellung der Projektergebnisse ist nicht nur für die Kinder wichtig, sondern verdeutlicht auch die pädagogische Arbeit des Kindergartens gegenüber Eltern, Träger und anderen Personen. Es kommen beispielsweise folgende Aktivitäten in Frage:

  • Die Kinder zeigen die von ihnen angelegten Sammlungen oder selbst gebastelte Modelle den Eltern oder einer anderen Kindergartengruppe.
  • Die Kinder stellen ihre besten Bilder, Plakate und Collagen aus oder fassen sie zu einem "Buch" zusammen.
  • Es wird ein Fest geplant und veranstaltet, das thematisch im Bezug zum Projekt steht.
  • Den Eltern und Kindern werden die während des Projekts aufgenommenen Dias oder Videofilme vorgeführt, die dessen Verlauf und die gemachten Erfahrungen verdeutlichen.

Ein Auswertungsgespräch - zumindest im Team, aber möglichst auch mit den Kindern (und Eltern) - darf keinesfalls fehlen. Es wird z.B. reflektiert, was für Lernerfahrungen gemacht wurden, welche Projektphasen gut und welche weniger gut verliefen, wie das Klima in der Gruppe war, wie das Projekt bei Eltern und Außenstehenden ankam usw. Auch können Kritikpunkte erörtert und Konsequenzen für zukünftige Projekte gezogen werden.

Literatur

Textor, M.R.: Projektarbeit im Kindergarten: Planung, Durchführung, Nachbereitung. Norderstedt: BoD, 2., überarb. und erg. Auflage 2013