Aus: KiTa BW aktuell 1998, 7. Jahrgang, Dezember-Heft (mit freundlicher Genehmigung der Fachzeitschrift für Leiter/innen der Kindergärten, Horte und Krippen, Ausgabe Baden-Württemberg)

Ökologische Pädagogik

Margarete Blank-Mathieu

 

Ökologischer Anbau, Umweltprobleme, ökologische Systeme, das sind nur einige der Begriffe, die in den letzten Jahren immer mehr Beachtung finden.

Da ist es kein Wunder, dass wir auch in den Tageseinrichtungen für Kinder mit diesen Themen konfrontiert werden, zumal, wenn wir situationsorientiert arbeiten, d. h. von den Lebensbedingungen der Kinder ausgehen wollen.

Kranke Kinder

Wir werden auch gezwungen, uns mit diesem Themenbereich auseinander zu setzen. Immer mehr Kinder leiden an Asthma und Allergien. Krankheitsbilder, die noch vor Jahren eine Seltenheit waren, tauchen in den Kindertageseinrichtungen auf. Sie sind zum großen Teil auf die zunehmende Umweltverschmutzung zurückzuführen.

Warum trifft es aber zuerst unsere Kinder? Der kindliche Organismus reagiert noch sehr sensibel auf Schadstoffe. Kinder atmen häufiger und nehmen deshalb mit der Atemluft mehr Schadstoffe als Erwachsene auf. Das rasche Wachstum von Kindern trägt dazu bei, dass Schadstoffe durch die Nahrungsaufnahme in den Körper "eingebaut" werden.

Psychische Probleme

Dazu kommen psychosomatische Krankheiten. Kinder erfahren von Umweltzerstörung und Treibhauseffekt. Sie bekommen mit, dass in ihrer Gemeinde gegen Atomkraftwerke oder Abwasser aus Fabrikanlagen demonstriert wird. Wir Erwachsenen beschäftigen uns mit diesen Problemen und bemerken nicht, wie die Kinder durch ungenügende oder Informationen am Rande verunsichert werden. Sie bekommen Angst vor einer Zukunft, die sie nicht einschätzen können und gegen die sie nichts tun können.

Aufklärung

So ist es notwendig, sie frühzeitig in unsere Überlegungen einzubeziehen, wie wir selbst gegen die weitere Verschmutzung der Umwelt vorgehen können und was vor Ort dafür getan werden kann. Ja, selbst die Mülltrennung in den Tageseinrichtungen kann so einen ersten Beitrag liefern, dass Kinder sich nicht "hilflos ausgeliefert" sehen.

Kinder wissen, dass es um die Umwelt schlecht bestellt ist. Sie sehen im Fernsehen Berichte über die Zerstörung des Regenwaldes und den Treibhauseffekt. In eigens produzierten Kindernachrichten können sie sich selbst ein Bild machen, welche Bedrohungen auf die Welt zukommen.

Dass diese Bedrohungen nicht zu undifferenzierten Ängsten führen, die sich in psychosomatischen Krankheiten auswirken können, dafür müssen wir eine ökologische Pädagogik einsetzen.

Ökologische Arbeitsweise

Was bedeutet es aber konkret, ökologisch pädagogisch zu arbeiten? Ist dies nicht wieder nur ein neues Konzept, das mit Waldkindergärten und Erlebnispädagogik einhergeht? Ich denke, dass sich dies auch in solchen Ansätzen mit niederschlagen kann. Ökologische Pädagogik ist jedoch viel umfassender. Sie muß alle Bereiche unseres Kindergartenalltags umfassen, wie ich das schon am Beispiel der Mülltrennung angeführt habe.

Gesetzliche Vorschriften

Im Kinder- und Jugendhilfegesetz § 1, Abs. 3, Nr. 4 heißt es: "Jugendhilfe soll dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familie, sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen."

An dieser, vom Gesetz vorgegebenen Formulierung können wir die ökologische Pädagogik in unseren Tageseinrichtungen ausrichten und begründen.

Positive Lebensbedingungen erhalten und schaffen

In der Praxis könnte dies bedeuten, dass wir uns gegen Verschlechterung unserer Arbeitsbedingungen und der Umweltbedingungen im Kindergarten wehren, dass wir dafür kämpfen, die Grünflächen unserer Gemeinde zu erhalten, Spielplätze anzumahnen, die nicht nur mit Schaukeln und Kinderrutsche und ein paar Bänken für die Erwachsenen versehen sind, sondern, die zum Naturerleben anregen, eigene Erfahrungsräume bieten und Neugierverhalten, sowie Experimentierfreudigkeit fördern.

Wird uns bei dieser Formulierung nicht erschreckend bewußt, was in unseren Tageseinrichtungen getan werden müßte, um solch hohe Ziele zu verwirklichen? Wie sieht es in unseren Spielräumen und Gartenanlagen aus? Geht es dort nicht auch sehr phantasielos zu und bilden nicht Schaukel und Sandkasten die einzigen Erfahrungsmöglichkeiten für unsere Kinder? Selbst das vorhandene Spielhaus kann nicht optimal genützt werden, weil es nach unfallrechtlichen Gesichtspunkten gebaut fest an seinem Platz verankert und nicht veränderbar ist.

Welche Pflanzen wachsen in den Gärten des Kindergartens? Sind die Kinder mit giftigen Sträuchern vertraut, wissen sie über die Kleinlebewesen Bescheid, die sich in den Wiesen tummeln, gibt es einen Gartenteich, in dem Libellen und Frösche beobachtet werden können? Welche Möglichkeiten haben die Kinder, um Wasserproben unter dem Mikroskop zu beobachten oder sich mit den nistenden Vögeln zu beschäftigen?

Wasser- Luft- und Bodenproben zu entnehmen, zu entdecken, dass es unterschiedliche Verschmutzungsgrade gibt, dagegen protestieren zu können, dass gerade im Umfeld der Einrichtung eine hohe Schadstoffkonzentration vorherrscht, dazu können wir beitragen, indem wir gemeinsam mit den Kindern und den Umweltverbänden (der BUND ist uns sicherlich ein guter Ansprechpartner) solche Dinge erforschen.

Wir können auch aufmerksam durch unsere Gemeinden gehen und mit den Kindern zusammen beobachten, wo Abfälle herumliegen, welche Bereiche besonders verschmutzt sind, wie es auf den Spielplätzen und an den Bachrändern aussieht.

Kinder, die gefragt und beteiligt werden, haben oft sehr originelle, praktikable Lösungsmöglichkeiten. Sie fühlen sich ernst genommen, sind aktiv für ihre eigene Zukunft tätig und beginnen plötzlich von selbst darauf zu achten, dass Wasser gespart und nicht verschmutzt, Lichter abgeschaltet werden, wenn es hell genug ist, Müll sorgsam getrennt wird.

An der Wegwerfmentalität, die wir unseren Kindern gerne nachsagen sind wir zum großen Teil selbst schuld, weil wir den Kindern keine Mitverantwortung zutrauen und zumuten.

Es wird aber auch unter Umständen anstrengend, wenn wir Kinder beteiligen. Sie messen unsere Worte dann an unseren Taten und Kinder sind strenge Richter!

Plötzlich gehen sie gerne zu Fuß in den Kindergarten, anstatt mit dem Auto gefahren zu werden, sie erinnern die Erwachsenen daran, nichts wegzuwerfen, was man noch verwenden kann, sie bleiben oft stehen und wenden sich kleinen Dingen am Weg zu, und sei es nur einem Gräslein, das sich durch den Asphalt gekämpft hat.

Eine Fahrt mit der Bahn ins nächste Dorf und dem anschließenden Waldspaziergang mit Würstchengrillen ist für sie plötzlich interessanter als die stundenlange Autofahrt zu einem Vergnügungspark. Wir müssen Kindern nicht alles bieten, was es gibt, aber wir müssen ihnen ermöglichen, sich selbst mit ihrer Zukunft auseinander zu setzen.

Eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen

Das Recht der Kinder und ihrer Familien ist das Recht unserer Kinder auf ihre Zukunft. Umweltfreundlichkeit hat viel mit Kinderfreundlichkeit zu tun. Es sind Strukturen zu schaffen und zu erhalten, die eine wirksame Umsetzung der Interessen der zukünftigen Generation garantieren. Wir vererben eine Welt, in der sie als Erwachsene leben werden. Und unsere Kinder sollen nicht auf verseuchten Böden und Müllhalden leben, die wir verursacht haben. Es ist wichtiger, ihnen einen lebenswerten Raum und gute Ackerböden zu vererben als ein Einfamilienhaus. Und sie sind es, die dafür sorgen müssen, dass alles getan wird, um den verantwortungsvollen Umgang mit den nicht erneuerbaren Energien weiterzutragen, neue Wege zu finden und die Umwelt wieder lebenswert zu gestalten.

Es gilt, den Kindern Mut zu machen, ihnen ihre Wünsche und eine hoffnungsvolle Lebensperspektive nicht zu nehmen, ihnen Visionen zu ermöglichen und ihre kreativen Fähigkeiten dabei zu nützen.

Neue Formen der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sind gefragt. Wenn sie die Möglichkeiten der Mitwirkung (Partizipation) bekommen, so erleben sie Freude an kleinen Erfolgen und erfahren, dass sie gegen Zukunftsangst und Umweltzerstörung tätig sein können.

In den Tageseinrichtungen müssen wir eng mit den Eltern zusammenarbeiten, da sich alles, was wir in dieser Hinsicht im Kindergarten anfangen im Elternhaus fortsetzen sollte. Gemeinsam mit den Eltern den Kindern neue Perspektiven zu geben, das ist eine lohnenswerte Sache.

Dabei helfen uns Experten und Bilderbücher. Auch unsere Kreativität ist gefragt und unser Engagement für unsere Umwelt wird hinterfragt.

Wir gestalten für unsere Kinder und beziehen sie viel zu wenig ein. Und gerade dies macht Kinder krank und hoffnungslos. Sie fühlen sich hilflos ausgeliefert.

Eine ökologische Pädagogik ist ein erster Ansatz, dies auch in Hinblick auf die Umwelt zu verändern. Und wir wollen doch alle, dass unsere Kinder gesund und freudig ihrer Zukunft entgegensehen!

Es gibt eine Reihe Literatur, die uns bei der Umsetzung der Ökologischen Pädagogik helfen kann. Wir können sie bei Umweltverbänden erfragen oder in Bibliotheken finden. Eine Anregung soll hier stellvertretend weitergegeben werden:

Aufstand für eine lebenswerte Zukunft, 170 Seiten, enthält die ausführliche Bestandsaufnahme zum Thema "Ökologische Kinderrechte" mit Ermutigungen zum Handeln, sowie eine ausführliche Literaturliste und Kontaktadressen für weitere Informationen. Das Buch ist für 24,80 DM zuzüglich Versandkosten erhältlich bei MobilSpiel e. V., Ökoprojekt, Welserstraße 15, 81373 München, Tel. 089/76696025