Eingewöhnung am Beispiel der Kinderkrippe mamamia

Edith Burat-Hiemer

 

Ein wichtiger Teil in unserer Konzeption ist die Eingewöhnung. Sie soll den Kindern einen sanften Einstieg in die Kinderkrippe ermöglichen und damit den Trennungsschmerz der Kinder auffangen. Die Kinder werden durch eine sanfte Eingewöhnung psychisch stabilisiert und können die tägliche Trennung von der Mutter akzeptieren und so den Tag in der Kinderkrippe positiv erleben.

Für die Eingewöhnung von Kindern in die Kinderkrippe mamamia nehmen wir uns bewusst viel Zeit. Die Kinder kommen im Alter zwischen acht Wochen und eineinhalb Jahren in die Kinderkrippe. Die theoretische Grundlage der Eingewöhnung ist das Eingewöhnungsmodell von B. Andres und H-J. Laewen (2000) vom INFANS Institut für angewandte Sozialforschung Potsdam.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Eingewöhnung bei uns in drei Phasen verläuft. Je nach Bindungsverhalten und Entwicklungsstand der Kinder können diese Phasen bei jedem Kind unterschiedlich lang sein. Die gesamte Eingewöhnung kann daher den Zeitraum von zwei bis zu sechs Wochen in Anspruch nehmen. Unabhängig von unserem Einfluss auf das Kind, ist eine positive Lebenseinstellung und Haltung der jeweiligen Mutter ebenfalls als ein relevantes Kriterium für eine gelungene Eingewöhnung anzusehen.

Die Bezugspädagogin als grundsätzliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Eingewöhnung

Während der ganzen Eingewöhnungszeit werden Mutter und Kind kontinuierlich von einer Pädagogin begleitet. Die Pädagogin stellt einen engen Bezug zu Mutter und Kind her. Jede Phase der Eingewöhnung wird mit der Mutter besprochen, und alle Aktionen des Kindes werden erklärt und erläutert. Die Mutter kann eigene Erfahrungen mit ihrem Kind erzählen und besprechen. Die Pädagogin lernt dadurch das Kind besser kennen, und die Mutter erhält zusätzliche pädagogische Informationen.

Daraus entsteht eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Mutter und Pädagogin, die während der gesamten Krippenbetreuungszeit Bestand hat. Aus diesem Grund bezeichnet sich die Pädagogin als "Bezugspädagogin" des Kindes. Die anderen Pädagoginnen der Einrichtung übernehmen erst allmählich die Betreuung des neuen Kindes. Grundlage dafür ist aber immer erst die stabile Beziehung zwischen Kind und Bezugspädagogin.

Die Beziehung zur Bezugspädagogin erweist sich auch noch nach mehr als einem Jahr als zuverlässig, da sich die Kinder in Schreck- und Schmerzsituationen in erster Linie an die Bezugspädagogin wenden.

Die Bezugspädagogin ist für die Beobachtung des Kindes verantwortlich, sie dokumentiert dessen Entwicklungsverlauf, sie führt die Entwicklungsgespräche, und sie bleibt auch während der gesamten Betreuungszeit erste Ansprechpartnerin für die Mutter.

Der Zeitraum der Eingewöhnung

Die Dauer der Eingewöhnung ist vom Alter der Kinder abhängig. Am einfachsten gewöhnen sich Kinder im Alter von acht Wochen bis zum vierten Monat ein. Das hat bindungstheoretische Hintergründe. Erst im Alter zwischen dem vierten und achten Monat entwickeln die Kinder ein biologisch vorgegebenes Bindungsverhalten. Entscheidend dafür ist die feinfühlige Kommunikation zwischen der Bezugsperson (in der Regel ist das die Mutter) und dem Kind. Die Bezugsperson muss die Signale des Kindes aufnehmen, richtig interpretieren und danach handeln. Daraus entsteht das sogenannte Urvertrauen. Kleinstkinder sind durchaus in der Lage, zu mehreren Personen eine Bindung aufzubauen, die jedoch unterschiedliche Grade an Nähe beinhalten können (Bowlby/ Ainsworth 2003).

Um den achten Monat entwickelt sich beim Kind die sogenannte Objektpermanenz. Das Kind weiß um die Existenz von Personen oder Gegenständen, auch wenn sich diese kurzfristig dem Blick des Kindes entziehen. Es erkennt vertraute Personen und Gegenstände wieder und ist in dieser Phase besonders auf die primäre Bezugsperson orientiert. Volkstümlich wird diese Zeit als "Fremdelphase" bezeichnet. In dieser Phase dauert die Eingewöhnung meistens etwas länger und muss besonders feinfühlig von Mutter und Pädagogin vorgenommen werden.

Im Alter von eineinhalb Jahren wird die Eingewöhnung wieder etwas leichter, da das Kind sich in diesem Alter verstärkt der Umwelt zuwendet und Interesse an seiner Umgebung zeigt.

Ablauf der Eingewöhnungsphasen

Die erste Phase nennen wir Beobachtungsphase: Die Bezugspädagogin erlebt die Mutter in der Interaktion mit ihrem Kind. Sie beobachtet Mutter und Kind und begleitet diese Phase durch intensive Gespräche. In dieser Phase bleibt die Mutter mit ihrem Kind höchstens ein bis zwei Stunden in der Einrichtung. Das Kind soll sich langsam an die kleinen und großen Menschen, Geräusche, Gerüche und Räumlichkeiten gewöhnen.

  • Die Mutter sitzt auf dem Boden und steht mit dem Kind in Kontakt.
  • Die Mutter ermuntert das Kind zu Erkundungen im näheren Umfeld.
  • Die Mutter hält Blickkontakt und bietet sich als "Fels in der Brandung" an.
  • Die Mutter wickelt und füttert das Kind. Die Bezugspädagogin ist dabei und geht der Mutter zur Hand.
  • Die Bezugspädagogin befindet sich in räumlicher Nähe zur Mutter und begleitet das Geschehen durch pädagogische Erläuterungen ("Gleich wird sich Ihre Tochter umdrehen und Ihren Blick suchen" o.ä.).
  • Die Bezugspädagogin stellt der Mutter Fragen, zum Beispiel zum bisherigen Spielverhalten des Kindes oder ähnliche Fragen. Sie baut langsam eine Beziehung zu Mutter und Kind auf.
  • Die Bezugspädagogin reagiert auf beginnende Interaktionen des Kindes zu Beginn zurückhaltend, um das Kind (und die Mutter) nicht zu überfordern.
  • Das Kind nimmt wiederholt von sich aus Kontakt zur Bezugspädagogin auf.

Wenn das Kind sich der Bezugspädagogin zuwendet, beginnt die zweite Phase.

Die zweite Phase ist die Mitmachphase: Hier bietet sich die Pädagogin an, um kleine Aufgaben und Aktionen am Kind mit zu übernehmen. Im Beisein der Mutter erlebt das Kind den Tagesablauf.

  • Zu Beginn dieser Phase wird das Kind nicht mehr nur von der Mutter gewickelt und gefüttert.
  • Die Bezugspädagogin übernimmt zunehmend das Füttern und Wickeln.
  • Das Kind bekommt einen festen Schlafplatz und gewöhnt sich an die Ruhephase.
  • Die Bezugspädagogin übernimmt die Initiative und spielt mit dem Kind. Das Kind hat positive Erlebnisse mit der Bezugspädagogin.
  • Vor der ersten Trennung von Mutter und Kind muss die Bezugspädagogin mehrere Male in verschiedene Interaktionen eingebunden sein.
  • Am Ende dieser Phase erfolgt dann die erste Trennung zwischen Mutter und Kind.
  • Die Mutter verlässt nach einer deutlichen Verabschiedung für kurze Zeit den Raum. In dieser Situation wird das Bindungsverhalten des Kindes aktiviert. Je nach dem wie sicher das Kind gebunden ist, wird es weinen und nach der Mutter verlangen.
  • Die Bezugspädagogin versucht das Kind zu trösten. Gelingt das Trösten nicht, holt die Bezugspädagogin die Mutter nach wenigen Minuten wieder zurück.
  • Die Bezugspädagogin achtet auf eine deutliche Begrüßung zwischen Mutter und Kind.
  • Nach der ersten Trennung verlässt die Mutter den Raum nicht mehr. Das Kind erlebt die zuverlässige Wiederkehr der Mutter, dadurch gewinnt es Sicherheit.
  • Die Trennung zwischen Mutter und Kind wird am nächsten Tag wiederholt.

In der letzten Phase erfolgt der Rollentausch: Die Mutter übernimmt die Rolle der Beobachterin.

  • Die Bezugspädagogin versorgt und betreut das Kind während dieser letzten Phase, obwohl sich die Mutter im Raum befindet.
  • Die Mutter kann die Interaktion zwischen Bezugspädagogin und Kind beobachten und Fragen dazu stellen.
  • Durch das Miterleben kann in der Mutter das Gefühl der Sicherheit wachsen: "Mein Kind wird gut betreut. Wenn mein Kind einmal weint und mich braucht, werde ich geholt."
  • Die Trennung zwischen Mutter und Kind erfolgt regelmäßig und wird zeitlich von Tag zu Tag verlängert. So lernt das Kind, "Mama kommt wieder, bleibt dann bei mir und nimmt mich mit, wenn sie die Einrichtung verlässt".

Die Mütter von mamamia

Die Mütter der Einrichtung Kinderkrippe mamamia sind überwiegend minderjährig. Während die Kinder in der Kinderkrippe betreut werden, gehen die Mütter zur Schule. Unter dem Slogan "Meine Mama geht zur Schule und ich darf mit!" wird die Kinderkrippe mamamia als Kooperationsprojekt der Staatlichen Schule Gesundheitspflege und der Fachschule für Sozialpädagogik - Fröbelseminar in Hamburg betrieben. Dieses Projekt dient der Wiedereingliederung der Mütter in den Bildungsprozess. Die Kinderkrippe mamamia ist Praxisausbildungsstätte der Fachschule für Sozialpädagogik.

Anmerkung

Weitere Informationen erhalten Sie über die Homepage der FSP1, siehe Link zur Praxisausbildungsstätte mamamia, und über E-Mail: info@mamamia.hh.shuttle.de

Literatur

Beate Andres/ Hans-Joachim Laewen: Ohne Eltern geht es nicht: die Eingewöhnung von Kindern in Krippen und Tagespflegestellen. Neuwied/ Berlin: Luchterhand, 3. Aufl. 2000

John Bowlby/ Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie. In: Klaus E. Grossmann/ Karin Grossmann (Hrsg.): Bindung und menschliche Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta 2003

Gerhard J. Suess/ Walter-Karl P. Pfeifer (Hrsg.): Frühe Hilfen. Anwendung von Bindungs- und Kleinkindforschung in Erziehung, Beratung, Therapie und Vorbeugung. Gießen: Psychosozial-Verlag 1999