Rezension

Herbert Renz-Polster: Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen. Weinheim, Basel: Beltz 2014, 271 Seiten, EUR 17,95 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Vor mir liegt das aktuelle Buch von Herbert Renz-Polster. Ich habe es verschlungen - nicht, weil alles neu für mich wäre, nein, ich fühlte mich total bestätigt, glücklich und zufrieden darüber, dass der Autor solch eine direkte, treffende, deutliche, aufrüttelnde, ermutigende Sprache gefunden hat, als er den Blick auf das Kind und die Bedeutung der Erziehung richtete. Wenn man wie ich viele Bildungswellen durchlebt und durchlitten hat und erlebt, wie gesellschaftliche Kräfte immer stärker einen zweckgebundenen Druck auf die Pädagogik ausüben, dann tut die Lektüre des vorliegenden Buches einfach gut. Hoffentlich lesen es auch all diejenigen, die das "Verschwinden der Kindheit" beeinflussen.

Renz-Polster setzt an so manchem Gedanken von Ellen Key an. Sie hat vor über 100 Jahren versucht, das Jahrhundert des Kindes "einzuläuten". Ellen Key bezeichnet die Seele des Kindes als "weich wie Wachs", die aber von Erwachsenen wie "Ochsenleder" behandelt würde. Oder sie spricht davon, dass man die Kinder tagtäglich "die Kamele der Erwachsenen schlucken" ließe. 100 Jahre sind seither vergangen, und wieder ist ein Buch wie das von Renz-Polster notwendig, um all die gesellschaftlichen Forderungen erneut infrage zu stellen und die Eltern wachzurütteln, dass sie ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen. So schreibt der Autor in seinem Vorwort: "Was uns die beste Erziehung für unsere Kinder erscheint, hat nur wenig mit dem zu tun, wie sie sind. Es hat vielmehr mit dem zu tun, für was sie einmal gebraucht werden" (S. 9).

Die Macht der Globalisierung, durch die Bildung vor allem im Dienste der Standortsicherung gesehen wird, beeinflusst das pädagogische Denken und Handeln und trübt den Blick für das, was Kinder wirklich brauchen. Der Autor führt uns kritisch durch den Dschungel neuer Entwicklungen und lässt uns wachsam werden, was den Einfluss der Wirtschaft betrifft. Wo bleiben da die Stimmen der Eltern? "Es dürfte nach meiner Ansicht nicht wenige Eltern dieser Republik geben, die vielleicht gar nicht wollen, dass ihre Kinder in der Kita an einem Programm zur Nachwuchssicherung in den Natur- und Ingenieurwissenschaften teilnehmen" (S. 60).

Bildungsorte werden so zu Institutionen, in denen Kinder auf ihren Bildungswegen von Profis unterstützt und schon in ihrer künftigen Rolle als Fachkräfte gesehen werden. Die Kita bezeichnet Renz-Polster als heiligen Gral eines ganzen Wirtschaftsmodells. Jede Zeile dieses Buches möchte ich am liebsten mit den sogenannten Entscheidungsträgern öffentlich diskutieren!

Haben Sie sich als Leser/in dieser Rezension schon entschieden, das Buch von Renz-Polster zu lesen? Sie müssen es lesen, denn es braucht engagierte Kämpfer für eine kindgemäße Kindheitsgestaltung! Wer nur Förderprojekte forciert, der bewegt sich in Richtung eines "riskanten Spekulationsgeschäftes" (S. 74). Menschen, die den tagtäglichen Umgang mit Kindern pflegen, werden nicht länger als Experten gehört. Kognitive Leistungsförderung wird ausschließlich von älteren Herren gefordert, die Industrieverbände, Unternehmen, Wirtschaftswissenschaften und Arbeitgeberorganisationen repräsentieren.

Nach dem Grundgesetz sind "Pflege und Erziehung der Kinder das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht". Der Autor legt den Finger in die Wunde, wenn er sagt, dass Eltern das Ruder zu leicht an den "Zeitgeist, an die Macht des Faktischen, an die Erwartungen all der anderen" abgeben (S. 93).

Und dann der Einfluss der Wissenschaften! "Jeder Zeit ihre wissenschaftliche Theorie... Und jedem Milieu, ja, jedem Menschen seine Lieblingstheorie. Heißt das, dass die Wissenschaft uns zum Narren hält und deshalb für unseren menschlichen Fortschritt nichts taugt?" (S. 101). Renz-Polster blickt kritisch auf die Wissenschaft. Dient sie dem Kind oder den Eltern? Sind Studien "wahre Todschläger voll mit Zahlen, Statistiken, Signifikanzniveaus, Konfidenzintervallen und odds ratios, von Tabellen und Grafiken ganz zu schweigen, Ehrfurcht pur!" (S. 103).

Ich will Ihnen nicht das ganze Buch wiedergeben, Sie müssen es selbst lesen - auch alle nicht geschriebenen Zeilen zwischen den Zeilen. Sie werden als Leser/in einen großen Bedarf an Diskussionspartnern entwickeln, und das ist gut so! Nur so kommt Bewegung in die Sache, werden vielleicht kleinste Veränderungen angestoßen.

Das Buch endet mit der Fragestellung: Was wollen wir eigentlich? Um den Widerstreit der Interessen für das Kind fruchtbar zu machen, brauchen wir Eltern, die ihr Recht auf Erziehung wahrnehmen, die als Anwälte ihrer Kinder auftreten! Fünf Schritte spricht Renz-Polster an und sieht sie als Leitmotive seines Buches:

  • Nicht schaden! Vergessen wir nicht, dass es bei so manchem pädagogischen Angebot für die Kinder wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren gibt. "Kurz, der Fluchtpunkt unserer erzieherischen Perspektive sollte auf dem dahinterstehenden Geist liegen, den Beziehungsmustern also, die den Umgang mit unseren Kindern prägen. Forderungen an die Kinder gehen in Ordnung - solange sie die grundsätzliche Qualität der Beziehungen nicht infrage stellen" (S. 227).
  • Was ist Erfolg? "Natürlich stimmt, dass unsere Kinder einmal einem knallharten Wettbewerb ausgesetzt sein werden, der ihnen alles abverlangt. Aber was folgt daraus? Dass wir ihnen ihre Kindheit nehmen müssen? Oder die Kindheit als ein peinliches Vorstadium des Lebens behandeln sollen, das es möglichst schnell zu durchlaufen gilt? Dass wir ihnen diesen gnadenlosen Wettbewerb als erstrebenswertes Leben verkaufen, als ihr Leben?" (S. 228).
  • Bildungsfragen sind Gesellschaftsfragen! Dass der gesellschaftliche Zugriff auf Kitas so gelingen kann, steht für eine Krise in der Politik. Eltern werden als Arbeitskräfte gebraucht, damit die Wirtschaft blühen und gedeihen kann. Und die Sicherstellung der Qualität von Kitas ist zu teuer...
  • Wer macht die Ansagen? Renz-Polster muss sich in diesem Kapitel keineswegs für seine kritischen Ausführungen entschuldigen. Im nächsten Buch sollte er sie noch deutlicher formulieren! Nur so können Eltern und Erzieher/innen wach gerüttelt werden: "Diejenigen, die den Kindern nahestehen, müssen ihr Gewicht einbringen, ihre Argumente, Ideen und Überzeugungen... Wohin soll der Weg gehen? Welche Unterstützung brauchen die Kinder? Welche Bildung?" (S. 231). Hier ist kämpfen angesagt, im Interesse unserer Kinder und der Zukunft!
  • Der Blick auf das Fundament. Das ist die Persönlichkeit des Kindes: "Jedes Haus, das ein Kind sich baut, wird anders aussehen, es wird eine andere Fassade haben, andere Erkerchen und gewiss völlig andere Innenräume (von geheimen Winkelchen ganz zu schweigen)" (S. 232). Die Eltern waren und sind das wichtigste Fundament für gelingende Kindheit. Besinnen wir uns, dass wir auch Kinder waren!

Danke Herbert Renz-Polster für dieses Buch! Wenn es nur mehr Menschen lesen würden! Jeder Leser, der auch nur punktuell mit Kindern zu tun hat, wird ins Nachdenken kommen, wird vielleicht für Kinder aktiv werden. Hoffentlich wird das Buch auch Pflichtlektüre in der Ausbildung von Pädagog/innen - Nachdenken statt alte Theorien auswendig lernen, diskutieren in Gruppen statt Multiple-choice-Bögen ausfüllen, den Blick verändern und Beziehungen neu gewichten! Legen Sie einen Schatz in den Beziehungsrucksack eines Kindes!

Ingeborg Becker-Textor