Aus: Martin R. Textor (Hrsg.): Elternarbeit mit neuen Akzenten. Reflexion und Praxis. Freiburg, Basel, Wien: Herder 1994, S. 73-78

Einbindung von Eltern in den Kindergartenalltag

Ingeborg Becker-Textor

 

Die Einbindung von Eltern in den Kindergartenalltag wird von vielen Erziehern noch immer sehr kritisch gesehen. Endlich wurde ein einigermaßen befriedigender Personalschlüssel in den Kindertagesstätten erreicht, endlich dürfen nur sozialpädagogisch ausgebildete Mitarbeiter in Kindergärten arbeiten - und nun sollen Eltern eingebunden werden. Hier wirkt auch noch die sogenannte "Mütterdiskussion" nach, der Versuch, durch den Einsatz von Hausfrauen und Müttern dem Erziehernotstand Herr zu werden.

Die Einbindung von Eltern (oder auch anderen Erwachsenen) in den Kindergartenalltag bedeutet unseres Erachtens aber positive Ergänzung und Erweiterung der Gestaltungsspielräume. Das Know-how von Vätern, Müttern, Opas, Omas oder auch von anderen Erwachsenen wird für den Kindergarten nutzbar gemacht. So ist es für viele Kindergärten selbstverständlich, z.B. eine Märchenerzählerin oder einen Puppenspieler in die Gruppe einzuladen. Warum bestehen dann eigentlich Ängste, Väter oder Mütter nach besonderen Fähigkeiten, beruflichen Qualifikationen oder künstlerischen Neigungen zu fragen und gegebenenfalls sie dann zu bitten, diese in die Gestaltung des Tagesablaufs einzubringen? Wäre die Einbindung von Eltern nicht näherliegender als die Einladung fremder Personen? Handelt es sich hier nicht ebenfalls um eine Form der Elternarbeit?

Die Einbindung in den Kindergartenalltag könnte auch für Väter und Mütter eine Chance sein, ihre handwerklichen Fertigkeiten einzubringen. Viele wollen und können sich nämlich an Gesprächsrunden oder Diskussionsabenden nicht beteiligen, weil ihnen z.B. der Mut fehlt, sich zu äußern, weil sie Minderwertigkeitsgefühle haben oder glauben, ihr Wortschatz sei zu gering und entspräche nicht dem Niveau der anderen Eltern.

Eine gelungene Einbindung von Eltern läßt sich am besten anhand von Praxisbeispielen darstellen, die sich alle aus konkreten Situationen ergeben haben (und nicht einmalig blieben). Sie brachten für die Erzieher - nach anfänglicher Unsicherheit oder Aufregung - eine ganz wesentliche Entlastung mit. Doch nun zu den Beispielen:

Peter kann auf den Händen laufen

Im Kindergarten wurde ein Zirkusfest geplant. Es sollte aber keine eingedrillten Kindervorführungen geben. So wurde mit der Gruppe zunächst überlegt, was sich alles bei einer Zirkusvorstellung ereignet. Da berichtete Hans ganz aufgeregt, daß sein Vater auf den Händen laufen könne: "Wenn er mich heute Abend abholt, dann sag' ich's ihm. Er kann's Euch dann zeigen. Es stimmt. Wirklich!"

Am Abend stürzte Hans auf den Vater zu und redete aufgeregt auf ihn ein. Im Nu war dieser von weiteren Kindern umringt, die wissen wollten, ob er wirklich auf den Händen gehen könne. Einige Kinder fragten ihn, ob er nicht vielleicht sogar wirklich beim Zirkus wäre, denn nur dort würden solche Akrobaten auftreten. Der Vater von Hans hatte keine andere Wahl: Er mußte auf den Händen laufen. Die Kinder standen sprachlos dabei. Als ihm sein Kleingeld und das Schlüsselbund aus der Hosentasche purzelten, mußten alle lachen. "So, jetzt ist es genug", meinte der Vater. Die Kinder beschlossen jedoch sofort, daß er im Kindergartenzirkus auftreten müsse. Nach einigem Zögern sagte er dies dann auch zu.

Bis zum nächsten Tag wollten die Kinder ihre Eltern fragen, wer ebenfalls Kunststücke vorführen könnte. So wurden noch ein Clown gefunden, ein Jongleur, eine Kunstturnerin, ein Elternpaar mit Rhönraderfahrung, eine Zauberin und eine kleine Ballettgruppe (die drei älteren Schwestern eines Kindes). Damit war die Zirkustruppe komplett. Die Kinder berichteten, daß ihre Eltern täglich üben würden. Schließlich meldeten sich noch einige Schulkinder (Geschwister) und boten eine Seilspringnummer an.

Dann rückte der "Zirkusnachmittag" näher. Am Freitag halfen die Kinder beim Umräumen des Pfarrsaales, hängten ihre Dekorationen auf, malten Eintrittskarten, richteten kleine Popcorntüten für die Pause her und bastelten mehrere Bauchläden aus großen Schachteln für den Verkauf von kleinen Snacks. Die Aufführung am Samstagnachmittag war ein riesiger Erfolg - und für die Erzieher beinahe entspannend. Keine Familie fehlte; Eltern und Kinder hatten ihren Spaß. Die Erzieher überlegten, warum sie nicht schon früher die Eltern eingebunden haben. Da mußten erst die Kinder auf die Idee kommen...

Übrigens wurde die Elternvorstellung noch am Seniorentag und beim Gemeindefest wiederholt. Auch brachte die kleine "Eintrittsgebühr" dem Kindergarten viel mehr Gewinn als manch arbeitsintensiver Basar.

Vom Schaf zur Wolle

Im Kindergarten gehört die Behandlung naturkundlicher Themen zum Alltag. Warum muß aber alles nur mit Hilfe von Bildern oder Geschichten vermittelt werden, wenn es unter den Eltern "Fachleute" gibt?

In unserem Kindergarten war es die Mutter einer Erzieherin, die in die Einrichtung geholt wurde und ihr Spinnrad vorführte. Aber nicht nur das. Sie konnte - da auf einem Bauernhof aufgewachsen - ganz ausführlich über die Aufzucht von Schafen, die kleinen Lämmchen und die Schafschur berichten. Die Kinder hörten begeistert zu und stellten ihr unzählige Fragen, die sie geduldig beantwortete.

An drei Tagen kam sie in den Kindergarten. Sie erklärte den Kindern genau den Vorgang des Spinnens von Wolle. Jedes Kind wollte natürlich ein Stückchen der hierbei entstandenen Wollfäden haben, und einen eigenen Spinnversuch machten sie natürlich auch. Als das Thema "Vom Schaf zur Wolle" abgeschlossen war, fragten sie neugierig: "Und was kann Deine Mutter noch? Sie soll ruhig wiederkommen."

Apfelstrudel

Im Garten des Kindergartens wuchs ein Frühapfelbaum. Er trug immer reichlich; nur mußten die Äpfel, wenn sie reif waren, schnell verbraucht werden. Ganz verschiedene Dinge wurden aus ihnen zubereitet: Apfelmus, Marmelade, Apfelsaft (ganz altmodisch, durch ein Stoffsäckchen gedrückt), Bratäpfel, Apfelstrudel usw.

Die Erzieherin hatte gefrorenen Blätterteig gekauft, die Kinder große Schüsseln voller Apfelstückchen vorbereitet. Der Blätterteig wurde aus- und die Äpfel eingerollt. Es gab viele Löcher im Teig. Ein kleines Mädchen - das Kind einer neu zugezogenen Aussiedlerfamilie - sagte plötzlich: "Meine Mama macht den Teig selbst. Er ist dann größer wie der Tisch und ohne Löcher; die Äpfel fallen dann nicht 'raus!"

Einige Tage später backten wir wieder Apfelstrudel. Annemaries Mutter war dafür in den Kindergarten gekommen. Sie zog den Strudelteil wie eine riesige Tischdecke aus. Die Kinder waren sprachlos! Solange Annemarie den Kindergarten besuchte, gab es noch oft Strudel...

An einem Elternabend fragte eine Mutter Frau K., ob sie nicht 'mal einen Strudelbackkurs anbieten könnte. Warum nicht? Es wurde ein spannender "Elternabend". Viele Väter - diejenigen, die nicht selbst am Backkurs teilnahmen - holten ihre Frauen im Kindergarten ab. Hofften sie vielleicht auf ein Stück Apfelstrudel?

Auch dies ist eine Form der Elternarbeit und Elterneinbindung in den Kindergartenalltag, zugegebenermaßen eine etwas ungewohnte und unkonventionelle Form. Aber wer schreibt denn vor, wie sich Elternarbeit vollziehen muß? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt...

Die Zahl der Möglichkeiten ist unendlich, wenn Erzieher erst einmal den Mut zu solchen Aktionen gefaßt und Phantasie bei der Themenauswahl entwickelt haben. Dann wird der Kindergartenalltag auch nicht langweilig; der "Stoff" geht nie aus! Wie die Beispiele zeigen, müssen es nicht nur Väter und Mütter sein, die in die Alltags- und Themengestaltung eingebunden werden können. Auch die Oma oder der Opa, die so wunderbar Geschichten erzählen können, sind gefragt. Vielleicht kann eine Großmutter ein Photoalbum mit eigenen Kindheitsphotos mitbringen und erzählen, wie alles war, als sie ein Kind war. Ein solcher Bericht ist für Kinder und Erzieher eine spannende Sache und gleichzeitig eine wichtige Begegnung mit der Vergangenheit - oder gar eine Hinführung zum Geschichtsverständnis.

Die Einbindung von Eltern kann natürlich auch bei Aktivitäten außerhalb des Kindergartengebäudes erfolgen. Da gibt es eine Mutter, die jedes kleine Pflänzchen kennt und oft Geschichten und Legenden dazu weiß. Warum kann sie die Kindergruppe nicht auf einem Naturspaziergang begleiten? Aber auch Besuche am Arbeitsplatz von Vätern und Müttern bieten sich an. "So war es erst ein kurzer Besuch in der Gärtnerei von Karls Eltern. Dann kauften wir dort Pflanzen, und schließlich verbrachten wir dort einen Nachmittag zum Adventskranzbinden", berichtete eine Erzieherin.

Schlußbemerkung

Wenn Eltern im Kindergarten nicht "draußen" bleiben müssen, sondern eine Beteiligung an Aktivitäten möglich ist, dann wird es abwechslungsreicher und spannender. Die Elternarbeit wird erweitert und vertieft. Auch erleben Eltern ihre Kinder in ganz anderen Alltagssituationen (mit anderen Verhaltensweisen) als daheim. Karls Mutter meinte: "Vorher hat sich Karl scheinbar kaum für die Arbeit in unserer Gärtnerei interessiert. Doch jetzt bin ich überrascht, was er alles weiß und noch wissen möchte."