|
- Online-Handbuch - Herausgeber: Martin R. Textor |
||
|
Rezension Iris Füssenich, Carolin Geisel: Literacy im Kindergarten. Vom Sprechen zur Schrift. Mit Bilderbuch "Toni feiert Geburtstag". München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag 2008, 71 Seiten, EUR 24,90 - direkt bestellen durch anklicken
Das im DIN A4-Format erschienene Heft und das dazu gehörende Bilderbuch "Toni feiert Geburtstag" befassen sich mit dem Spracherwerb und der Auseinandersetzung mit der Schriftlichkeit von deutschen und mehrsprachigen Kleinkindern. Dabei gehen Iris Füssenich, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, und Carolin Geisel, Sonderschullehrerin an einer Schule für Sprachbehinderte in Dettingen, von dem interaktionistischen Ansatz von Jerome Bruner aus. Danach ist der (Schrift-) Spracherwerb ein aktiver Konstruktionsprozess von Kindern, eingebettet in den Austausch mit Erwachsenen und anderen Kindern. Er kann von Erzieher/innen unterstützt werden, wenn diese die Fähigkeiten und Schwierigkeiten von Kleinkindern früh erkennen und sich in ihrem Sprachverhalten an diese anpassen. Im ersten Kapitel geht es um den Spracherwerb bei Kindern mit Migrationshintergrund. Mit Hilfe einer Kopiervorlage können Informationen über jedes einzelne Kind gesammelt werden. So werden individuelle Unterschiede deutlich, was am Beispiel von vier Kindern deutlich gemacht wird. Aber nicht nur viele mehrsprachig aufwachsende Kinder haben einen Sprachförderbedarf, sondern auch manche einsprachige. Die Autorinnen beschreiben, wie Kinder die Sprache in ihren Familien erlernen, wie wichtig dabei das gemeinsame Handeln in Alltagssituationen ist, dass es beim Spracherwerb vor allem auf das Erlernen der Bedeutungen von Begriffen ankommt und wie die Sprachentwicklung in der frühen Kindheit verläuft. Im zweiten Kapitel wird dann der Erwerb von Bedeutungen fokussiert - insbesondere die Schwierigkeiten, die dabei auftreten können. Hier können Erzieher/innen als Fachfrauen, sprachliches Vorbild, Beobachter, Partner der Eltern und Kommunikationspartner der Kinder aktiv werden, wobei sie die Sprachförderung als "inszenierten Spracherwerb" verstehen sollten: Handlungskontexte seien so zu strukturieren, dass Kinder ihren Fähigkeiten entsprechend Sprache aufnehmen und erweitern. Sprachförderung sollte also nicht als Vor- und Nachsprechübung oder in Schnellkursen stattfinden, "sondern in für Kinder bedeutsamen Handlungszusammenhängen, die im Sinne von Alltags- oder Spielformaten strukturiert sind" (S. 24). Dabei sei z.B. Folgendes zu berücksichtigen: "Spielhandlungen werden so strukturiert, dass Kinder lernen, auf (sprachliche) Handlungen zu achten, sie zu verstehen und zu übernehmen. Haben Kinder diese Fähigkeit erworben, werden sie 'wie von selbst' Korrekturen aufgreifen und Selbstkorrekturen äußern" (S. 24). Bei den Alltags- und Spielhandlungen sollte möglichst ein bestimmtes semantisches Feld (Thematik) im Vordergrund stehen, sodass sich das jeweilige Kind die entsprechenden Begriffe, deren Bedeutungen und die dazu gehörenden Kategorien aneignen kann. Das kann z.B. mit Hilfe des Spiels "Rategarten" geschehen (Durchführungsanleitung, Spielplan und -karten befinden sich im Anhang). Im dritten Kapitel befassen sich Iris Füssenich und Carolin Geisel mit Literacy: Zunächst definieren sie den Begriff, listen dazu gehörende Fähigkeiten auf und verweisen auf deren Bedeutung anhand der Bildungspläne der Länder. Dann werden der Schriftspracherwerb und die dabei zu durchlaufenden Stufen skizziert. Anschließend geht es darum, wie in Kindertageseinrichtungen Literacy gefördert werden kann: durch eine Lese- und eine Schreibecke (für Rollenspiele), durch die Ausstattung mit ganz unterschiedlichen Arten von Büchern, durch für die Kinder sichtbare Schrift (Namen an Garderobenhaken, Plakate usw.), durch direkte Anleitung, durch Lieder, durch Spiele (z.B. "Gezinktes Memory") und durch das Vorlesen bzw. Betrachten von Bilderbüchern. Danach wird erklärt, wie das beigefügte Bilderbuch "Toni feiert Geburtstag" eingesetzt werden sollte. Ein als Kopiervorlage angefügter Protokollbogen ermöglicht das Niederschreiben der dabei gemachten, auf ein bestimmtes Kind bezogenen Beobachtungen. Aber auch das Schreiben bzw. Diktieren eines Wunschzettels fördert Literacy. Neben den bereits erwähnten Kopiervorlagen befinden sich im Anhang des Buches noch eine Gruppenübersicht, zwei Beobachtungsbögen, Durchführungsanleitungen für den Einsatz von Bilderbuch bzw. Wunschzettel sowie dazu gehörende Protokollbögen und Gruppenübersichten. Das zehnseitige, mit Farbkreiden gemalte Bilderbuch ist mit Texten in Großbuchstaben versehen und führt zum Verfassen eines eigenen Wunschzettels hin. Das Buch von Iris Füssenich und Carolin Geisel besticht durch seine vielen Fallbeispiele und Transkripte von Interaktionen. Mir gefällt sehr gut, dass nicht schon wieder ein Sprachförderprogramm mit Einheiten und genau vorgegebenen Aktivitäten vorgestellt wird, sondern dass die Sprachförderung vor allem im Kita-Alltag erfolgen soll. Das verlangt Erzieher/innen natürlich mehr ab... Zu kritisieren ist eigentlich nur der Titel des Buches, der andere Erwartungen weckt. So steht eindeutig die Sprachförderung im Mittelpunkt des Buches - und nicht die Literacy-Erziehung. Außerdem hätte deutlich gemacht werden müssen, wie intensiv auf die besondere Situation mehrsprachig aufwachsender Kinder eingegangen wird. Martin R. Textor |