Aus: KinderTageseinrichtungen aktuell, KiTa BY 2006, 18, S. 207-210.

Begabte Kinder in Tageseinrichtungen: Situation, Probleme, Identifizierung

Martin R. Textor

 

Verschiedene Kinder brauchen unterschiedliche Kindergarten(förder)konzepte

In den letzten zwei, drei Jahrzehnten haben wir uns besonders intensiv mit der Erziehung von ca. 20 bis 30% der Kinder in Kindertageseinrichtungen befasst - den "Kindern mit besonderen Bedürfnissen". Unter diesen Sammelbegriff fallen erstens die sog. "Problemkinder", die unter Verhaltensauffälligkeiten bzw. psychischen Problemen leiden. Diese Kinder machen uns oft große Schwierigkeiten; ihre Erziehung kostet uns viel Zeit und Energie; zumeist müssen wir häufig Gespräche mit ihren Eltern führen.

Zweitens gehören zu den "Kindern mit besonderen Bedürfnissen" behinderte bzw. chronisch kranke. Vor einigen Jahrzehnten wurden diese Kinder noch überwiegend in Sondereinrichtungen betreut. Dann wurde in aufwändigen Modellversuchen untersucht, inwieweit sich behinderte Kinder in Integrativen Kindertagesstätten angemessen fördern lassen - während parallel dazu immer mehr Erzieher/innen von sich aus solche Kinder in ihren Regeleinrichtungen aufnahmen. Behinderte Kinder haben einen erhöhten Betreuungsbedarf, und so kann in wohl allen Bundesländern die Gruppengröße gesenkt werden, um der zusätzlichen Belastung der Erzieher/innen Rechnung zu tragen. In Bayern findet derzeit aufgrund der Einführung der kindbezogenen Förderung sogar ein regelrechter Run auf Kinder mit (drohender) Behinderung statt, da für sie der 4,5fache Basiswert berechnet wird: Während im Kindergartenjahr 2005/2006 für ein "Regelkind" bei achtstündiger Betreuung 1.537,42 EUR an staatlicher Förderung gezahlt werden, sind dies bei einem behinderten Kind 6.918,39 EUR (http://www.stmas.bayern.de/kinderbetreuung/baykibig/basiswert.htm, 01.08.2006).

Drittens gehören zu den "Kindern mit besonderen Bedürfnissen" sprachauffällige Kinder, insbesondere Migrantenkinder mit unzureichenden Sprachkenntnissen. Für sie werden seit einigen wenigen Jahren aufwändige Förderprogramme durchgeführt, die den Erzieher/innen viel Zeit und Energie kosten. Deshalb wird z.B. in Bayern der 1,3fache Basiswert für Kinder mit nichtdeutschsprachiger Herkunft berechnet.

Während wir uns auf die Kinder mit besonderen Bedürfnissen konzentrierten, haben wir 15 bis 20% unserer Kinder etwas vernachlässigt, die im Grunde auch einer intensiven Förderung bedürfen: die überdurchschnittlich begabten. Wie bei den Kindern mit besonderen Bedürfnissen ist dies ebenfalls eine heterogen zusammengesetzte Gruppe: Zum einen sind damit Kinder mit einer überdurchschnittlich hohen Intelligenz von eher allgemeiner Natur gemeint. Zum anderen gehören dazu Kinder mit einer musikalischen, einer sportlichen, einer künstlerischen oder einer eher einseitigen intellektuellen Begabung, also z.B. für Mathematik oder für Naturwissenschaften.

Die weitaus meisten Wissenschaftler/innen gehen heute nicht mehr von einer "allgemeinen" Begabung oder einem einzigen, umfassenden Intelligenzfaktor aus. Sie haben erkannt, dass das Phänomen "Intelligenz" hoch komplex ist und in vielerlei Ausprägungen auftritt. So haben sich wissenschaftliche Modelle durchgesetzt, die zwischen verschiedenen Arten der Intelligenz differenzieren. Beispielsweise unterscheidet Howard Gardner (2001) sieben ganz unterschiedliche Formen: die verbale, die mathematisch-logische, die räumliche, die körperlich-kinästhetische, die musikalische, die interpersonale und die intrapsychische Intelligenz. Die überdurchschnittliche Begabung eines Kindes kann sich also auch nur auf eine dieser Formen der Intelligenz beziehen. Gardner trennt hier nicht eindeutig zwischen "Intelligenz" und "Begabung" - was durchaus Sinn macht: So ist eine musikalische oder eine künstlerische Leistung zumeist auch eine kognitive.

Leider übersehen die meisten Menschen, dass überdurchschnittliche Intelligenz bzw. Begabung nicht mit hohen Leistungen in Schule und Beruf gleichzusetzen ist. Eine hohe intellektuelle, musikalische, künstlerische oder motorische Begabung kann durchaus verkümmern. Bis zu einem Fünftel der (hoch) begabten Menschen werden zu "Underachievern", das heißt zu Personen mit unterdurchschnittlichen Leistungen in Schule und Beruf. Rechnen wir jetzt noch diejenigen hinzu, die eher durchschnittliche Leistungen erbringen oder sich für andere (berufliche) Tätigkeiten entschieden haben, als für die sie besonders begabt sind, dann wird deutlich, welch' großes Potenzial hier der Gesellschaft, der Kultur, der Wissenschaft, dem Sport und der Wirtschaft verloren geht!

(Hoch-) Begabung setzt sich also nicht von alleine durch! Und selbst wenn es uns egal sein mag, ob die Wirtschaft weitere (hoch) begabte Menschen "verschleißen" kann oder nicht, sollten wir zumindest an deren psychisches Wohl denken. So sind viele Hochbegabte - insbesondere Underachiever - nicht gerade glückliche Menschen...

Schon im Kleinkindalter haben es (Hoch-) Begabte schwer!

In vielen Fällen erkennen Eltern und Erzieher/innen die besondere Begabung eines Kindes nicht - letztere oft aus dem Grund, dass sie sich in der Aus- und Fortbildung keine Kenntnisse über Hochbegabung aneignen konnten, deshalb nicht auf deren Anzeichen achten oder - wenn sie diese wahrnehmen - nicht wissen, welche Konsequenzen aus der Beobachtung zu ziehen sind. Und dann sind da ja noch die Kinder mit besonderen Bedürfnissen, die uns sowieso schon im Übermaße beanspruchen...

So müssen die (nicht identifizierten) Hochbegabten an dem ganz normalen Kita-Programm teilnehmen. Manche sind unzufrieden, weil sie den Drang verspüren, ihr besonderes (musikalisches, künstlerisches, sportliches...) Talent zum Ausdruck zu bringen, dies aber mangels Gelegenheit nicht können. Andere langweilen sich, weil sie in ihrer kognitiven Entwicklung weiter als Gleichaltrige sind und bei vielen Aktivitäten diese nicht mehr als adäquate (Spiel-, Gesprächs-) Partner erleben. Das ist noch relativ unproblematisch, so lange sie "die Kleinen" in der Gruppe sind und in solchen Situationen auf "die Großen" zurückgreifen können. Sind diese aber eingeschult worden, dann sind höchstens noch die Erzieher/innen als "reizvolle" Spiel- und Gesprächspartner da. Aber die haben nur selten Zeit! Und deren Bildungsangebote sind so uninteressant geworden...

Die (hoch) begabten Fünfjährigen wissen und können nun schon alles, was die Erzieher/innen "dem Durchschnitt" noch vermitteln müssen, und würden jetzt viel lieber auf die Schule gehen. Sie möchten Lesen, Schreiben und Rechnen lernen - und wenn dies in der Kindertagesstätte nicht möglich ist, bringen sie sich diese Kulturtechniken eben selbst bei! Ein überraschend hoher Prozentsatz dieser Kinder kann dann bei der Einschulung schon lesen, schreiben und rechnen - und in den meisten Fällen haben laut einer von Aiga Stapf (2003) vorgestellten Studie die Fachkräfte dies noch nicht einmal bemerkt...

Hoch begabte Kinder, die konstant unterfordert sind und sich in der Kindertagesstätte langweilen, entwickeln leicht Verhaltensauffälligkeiten: Die Buben werden eher aggressiv und stören, die Mädchen ziehen sich eher zurück, passen sich an und/oder entwickeln psychosomatische Beschwerden. Oft versuchen sie daheim, den Kindergartenbesuch zu verweigern - insbesondere wenn ein Erwachsener zu Hause ist und als Spiel- bzw. Gesprächspartner zur Verfügung steht.

Wird die Hochbegabung nicht erkannt, ist auch die Gefahr sehr groß, dass Verhaltensweisen der Kinder falsch interpretiert werden:

  • Hoch begabte Kinder, die ihre Erzieherin mit Fragen löchern, gelten schnell als "Quälgeister".
  • Hoch begabte Kinder, die aufgrund ihrer großen Kreativität immer wieder ganz originelle und unkonventionelle Ideen und Vorschläge haben, bringen oft das "Programm" der Erwachsenen durcheinander und werden deshalb als unbequem und schwierig eingestuft.
  • Hoch begabte Kinder, die andere Kinder oft "vor den Kopf stoßen", weil sie bei "diesem Babykram" nicht mehr mitspielen wollen oder weil sie alles besser wissen, gelten schnell als arrogant und werden dann von den anderen "geschnitten".
  • Hoch begabte Kinder, die sich im Spiel mit anderen Kindern mangels adäquater Anforderungen langweilen, haben oft das Gefühl, dass sie in keine Gruppe richtig hineinpassen, ziehen sich zurück und fühlen sich einsam.
  • Hoch begabte Kinder, die immer wieder als erste auf die Fragen der Erzieher/innen antworten, gelten schnell als vorlaut und neunmalklug.
  • Hoch begabte Kinder, die außergewöhnliche Interessen haben und sich auf irgendwelchen Gebieten schon ein "Spezialwissen" angeeignet haben, werden von anderen Menschen oft belächelt, geneckt oder gar verspottet.
  • Hoch begabte Kinder, die immer wieder das Gespräch mit Erwachsenen suchen, gelten schnell als sozial unreif.
  • Hoch begabte Kinder, die aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten viel schneller als andere die Gefahren erkennen, die z.B. mit Klettern verbunden sind und sich deshalb nicht so weit empor wagen, werden leicht als ängstlich und ungeschickt beurteilt.
  • Hoch begabte Kinder, die bereits vor Beginn einer Tätigkeit - z.B. dem Malen eines bestimmten Bildes - erkannt haben, dass sie mangels motorischer Kompetenz niemals das umsetzen können, was sie sich geistig vorstellen, und deshalb die Tätigkeit verweigern, gelten schnell als unmotiviert und desinteressiert, als feinmotorisch unterentwickelt oder als sich verweigernde "Trotzköpfe".
  • Hoch begabte Kinder, die bereits die Konfliktspirale durchschaut haben und sich deshalb zurückziehen, bevor es zur körperlichen Auseinandersetzung kommt, werden bald als wenig durchsetzungsfähig charakterisiert.

Aufgrund dieser Reaktionen von Eltern, Erzieher/innen und anderen Kindern ist es nicht verwunderlich, dass manche Hochbegabte ihre besonderen Talente kritisch sehen, vor anderen verheimlichen und sich anpassen. Dann besteht die große Gefahr, dass ihre Begabungen verkümmern...

Aber auch Kinder, bei denen schon frühzeitig eine hohe Begabung entdeckt wurde, haben es nicht leicht: Die Erwartungen und Anforderungen steigen - manchmal wird von ihren Eltern sogar ein richtiges Trainingsprogramm für sie entwickelt! Die Kinder werden je nach Begabung in Sportvereinen, Musikschulen, Ballettkursen usw. angemeldet, lernen ein Instrument, bekommen Sprachunterricht oder müssen mit den Eltern Lernspiele am Computer machen. Hinzu kommt, dass hohe Erwartungen oft auf Entwicklungsbereiche verallgemeinert werden, in denen keine besondere Begabung vorliegt. So wird beispielsweise von intelligenten Kindern oft auch eine große soziale und emotionale Reife erwartet, die - auch aufgrund der für hoch begabte Kinder typischen asynchronen Entwicklung - gar nicht da sein kann.

Schließlich muss noch auf die besondere Gruppe von Hochbegabten mit Teilleistungsschwächen (wie z.B. Legasthenie) und Behinderungen hingewiesen werden. Sie erbringen aufgrund dieser Beeinträchtigungen in bestimmten Bereichen nur unterdurchschnittliche Leistungen. Da die Behinderung bzw. Teilleistungsschwäche im Vordergrund steht, werden ihre besonderen Talente leicht übersehen. Eine ähnliche Situation trifft auch auf Migrantenkinder zu, bei denen z.B. eine intellektuelle Begabung aufgrund der schlechten Sprachkenntnisse nicht auffällt. Aber auch besondere Talente von Kindern aus unteren sozialen Schichten und - generell - von Mädchen bleiben oft unbemerkt, weil Erwachsene sie bei diesen Kindern aufgrund von Vorurteilen und Geschlechtsrollenstereotypen nicht vermuten.

Aufgrund dieser möglichen Fehlentwicklungen und Fehleinschätzungen sollten Erzieher/innen sich bemühen, hoch begabte Kinder so früh wie möglich zu identifizieren und angemessen zu fördern. Sie benötigen ihre volle Aufmerksamkeit und Unterstützung. Die Fachkräfte sollten sicherstellen, dass die Kinder in ihrer Gruppe integriert sind, dass an sie in ihrem Begabungsbereich zumindest zeitweise höhere Anforderungen gestellt werden und dass alle Entwicklungsbereiche bei ihrer Erziehung und Bildung gleichermaßen berücksichtigt werden - nicht nur die jeweiligen besonderen Talente.

Hochbegabte frühzeitig identifizieren!

Im Kleinkindalter sind besondere Begabungen nur schwer zu ermitteln, da die Entwicklung noch sehr ungleichmäßig verläuft und ein (scheinbarer) Entwicklungsvorsprung nach kurzer Zeit schon wieder verschwunden sein kann. Hinzu kommt, dass sich manche Talente erst später manifestieren - nicht nur bei Spätentwicklern - und dass oft schwer abzuschätzen ist, was Begabung und was besonders intensive Förderung seitens der Eltern ist. So lernen häufig auch durchschnittlich begabte Fünfjährige zu lesen, zu schreiben und zu rechnen, weil ihre Eltern diese Kompetenzen "schulen". Außerdem gehören zu den "(Hoch-) Begabten" - wie bereits erwähnt - ganz unterschiedliche Teilgruppen.

Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen können allerdings durch systematische Beobachtung und Dokumentation Anzeichen von Hochbegabung feststellen, vor allem bei älteren Kindern. Relativ verlässliche Charakteristika hoch begabter Kleinkinder sind beispielsweise:

  • Es zeigen sich erste Anzeichen für eine besondere Lern- und Leistungsfähigkeit in einem bestimmten Entwicklungs- bzw. Bildungsbereich (z.B. musikalische oder ästhetische Bildung, Sport, Technik, mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung).
  • Das Kind hat besonders ausgeprägte Interessen bzw. eine große Vorliebe für eine bestimmte Art von Aktivitäten. Es kann in gewissen Tätigkeiten völlig aufgehen und große Ausdauer zeigen.
  • Das Kind hat ein besonders starkes Einfühlungsvermögen, zeigt Führungsfähigkeiten, wird als Streitschlichter geholt (starker Gerechtigkeitssinn) und löst interpersonale Konflikte (zwischen anderen). Es interessiert sich für soziale und gesellschaftliche Probleme.
  • Das Kind fällt durch große Kreativität und Originalität auf (im Gespräch, in seinen "Produkten" usw.).
  • Es zeichnet sich durch Lernbegierde, Neugier, ein hohes Aktivitätsniveau, Drang nach Selbstbestimmung/ -steuerung, Perfektionismus und kritisches Denken aus. Es stellt viele Fragen und verarbeitet neue Informationen schnell.
  • Das Kind hat von sich aus (insbesondere ohne fremde Hilfe) das Lesen, Schreiben und/oder Rechnen gelernt.
  • Es hat einen viel größeren Wortschatz als andere Kinder, setzt häufig ungewöhnliche bzw. komplexe Begriffe ein und spricht oft in langen Sätzen. Es kann länger und ausdrucksvoller "am Stück" erzählen als Gleichaltrige.
  • Das Kind hat eine gute Beobachtungsgabe. Es erkennt schnell Ursache-Wirkung-Beziehungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten.
  • Das Kind besitzt eine hohe Konzentrations- und eine gute Merkfähigkeit. Beispielsweise lernt es sehr schnell Lieder, Gedichte und Reime auswendig.
  • Das Kind hat besonders ausgeprägte Interessen an bestimmten ("Erwachsenen-") Themen und verfügt über ein "Spezialwissen" in irgendeinem Bereich.
  • Es wählt vor allem Gleichbefähigte - oder ältere Kinder - als Spiel- bzw. Gesprächspartner aus. Stehen keine geeigneten Spielkameraden für bestimmte anspruchsvolle Aktivitäten zur Verfügung, werden sie alleine durchgeführt.
  • Erzieher/innen sollten also vor allem auf Eigenschaften und Reaktionen achten, über die sie sich selbst bei einem älteren Kind noch wundern würden. Verhaltensauffälligkeiten oder psychische Probleme sind hingegen keine Indizien, da laut Rotigel (2003, S. 210) Untersuchungen gezeigt haben, dass begabte Kinder "im Allgemeinen genauso gut angepasst und emotional reif sind" wie andere Kinder.

Je nach Art der Begabung treffen natürlich nur einige der gerade aufgelisteten Charakteristika auf das jeweilige (hoch) begabte Kind zu. Eine eindeutige Identifikation ist in der frühen Kindheit noch nicht möglich. Aufgrund der großen Schwierigkeit, eine Hochbegabung festzustellen, sollten Erzieher/innen deshalb mit dieser Bezeichnung sehr vorsichtig umgehen. So sollten sie davon nur sprechen, wenn sie das jeweilige Kind über einen langen Zeitraum hinweg genau beobachtet haben. Es gilt, die Gefahr zu vermeiden, dass Kleinkinder vorschnell als "hoch begabt" eingestuft werden, obwohl sie dies gar nicht sind. Das könnte für ihre weitere Entwicklung negative Folgen haben (z.B. für ihr Selbstbild und Selbstvertrauen, wenn sie den nun stark gestiegenen Erwartungen und Anforderungen der Erwachsenen nicht mehr entsprechen können).

Zur Beurteilung, ob ein Kind besonders begabt bzw. überdurchschnittlich intelligent ist, können auch Checklisten eingesetzt werden. Beispielsweise haben Hans-Joachim Laewen und Beate Andres (2002) auf der Grundlage der zuvor erwähnten Theorie von Howard Gardner Listen erstellt, mit deren Hilfe die Ausprägung einer jeden der "sieben Intelligenzen" ermittelt werden kann. Zudem wird das Interesse des jeweiligen Kindes an jedem der sieben Bereiche hinsichtlich seiner Intensität beurteilt. Die Beobachtungen werden in einer Tabelle zusammengeführt; das Ergebnis ist dann ein individuelles "Intelligenzprofil". Es kann sowohl als Grundlage für ein Elterngespräch als auch zur Planung individualisierter Bildungsmaßnahmen verwendet werden.

Sind die Fachkräfte der Meinung, dass ein Kind besonders begabt ist, sollten sie ihre Beobachtungen den Eltern mitteilen, damit diese - falls noch nicht erfolgt - sich von einschlägig qualifizierten Psycholog/innen oder Ärzt/innen, Erziehungsberatungsstellen, Schulpsychologischen Diensten usw. beraten und ihr Kind untersuchen lassen können. Nur ein spezialisierter Fachdienst kann letztlich eine Hochbegabung diagnostizieren. Aber auch Intelligenz- und Entwicklungstests liefern in der frühen Kindheit noch keine verlässlichen Ergebnisse, insbesondere wenn sich das jeweilige Kind z.B. in der Testsituation unkonzentriert, lustlos oder desinteressiert zeigt, den Testleiter nicht mag oder aufgrund von Trennungsängsten so schnell wie möglich zu seinen Eltern zurückkehren möchte. Außerdem entwickeln sich Kleinkinder in unterschiedlichen Bereichen verschieden schnell, sodass sich z.B. eine vermeintliche intellektuelle Begabung einige Monate später nur als ein Entwicklungsvorsprung "entpuppt", den altersgleiche Kinder inzwischen aufgeholt haben. Deshalb ist eine mehrfache Testung über einen längeren Zeitraum hinweg empfehlenswert. Auch sollten die Tests nur ein Teil der Begabungsdiagnostik sein - neben relevanten Wahrnehmungen der Eltern, systematischen und dokumentierten Beobachtungen der Erzieher/innen sowie Beobachtungen der Psycholog/innen bei der Vorstellung des Kindes und in der Testsituation.

Insbesondere im ländlich-kleinstädtischen Raum ist es sehr schwer, einen auf Hochbegabung spezialisierten Fachdienst zu finden, sodass oft lange Wege (und hohe Kosten) in Kauf genommen werden müssen. Ausländische Eltern oder Familien aus unteren sozialen Schichten benötigen hier eine besonders intensive Beratung und Unterstützung seitens der Kindertageseinrichtung, damit sie ihre Kinder dort vorstellen (hohe Schwellenängste).

Wichtig ist, dass auf die Diagnose einer Hochbegabung ein Beratungsgespräch der Psycholog/innen mit den Eltern folgt. So benötigen diese Informationen, wie sie ihr Kind am besten fordern und fördern können, welche besonderen Angebote von (Musik-) Schulen, (Sport-) Vereinen, Hochbegabtenverbänden usw. genutzt werden können und welche Gefahren zu vermeiden sind. Beispielsweise sollten hoch begabte Kinder nicht überfordert werden. Sie dürfen auch als "Wunderkinder" herausgestellt werden, weil sie sonst später hochmütig und arrogant werden könnten.

Schlusswort

Werden (hoch) begabte bzw. überdurchschnittlich intelligente Kinder nicht frühzeitig identifiziert, verläuft ihre intrapsychische und interpersonale Entwicklung - wie wir gesehen haben - oft problematisch, werden sie häufig zu Underachievern. Deshalb sollten wir bei unserer alltäglichen pädagogischen Arbeit auch auf diese Kinder mit ihren ganz besonderen Bedürfnissen achten. Wie wir ihnen helfen können, ihr Potenzial zu realisieren, wird in einem anderen Artikel beschrieben.

Literatur

Gardner, H.: Abschied vom IQ. Die Rahmen-Theorie der vielfachen Intelligenzen. Stuttgart: Klett-Cotta, 3. Aufl. 2001

Laewen, H.-J./Andres, B. (Hrsg.): Forscher, Künstler, Konstrukteure. Werkstattbuch zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen. Neuwied, Berlin: Luchterhand 2002

Rotigel, J. V.: Understanding the young gifted child: Guidelines for parents, families and educators. Early Childhood Education Journal 2003, 30 (4), S. 209-214

Stapf, A.: Hochbegabte Kinder. Persönlichkeit, Entwicklung, Förderung. München: Beck 2003