Aus: "Unsere Kinder" 2008, Heft 5, S. 8-11

Von der Vision zu Qualitätsstandards. Klarheit, Struktur und Platz für eine kindorientierte Pädagogik

Lisa Kneidinger

 

Ein Leitbild erarbeiten, eine pädagogische Konzeption entwickeln, ein passendes Verfahren zur Qualitätsfeststellung auswählen, möglicherweise zusätzlich Qualitätsstandards formulieren und als krönenden Abschluss ein Qualitätshandbuch verfassen - viele verschiedene Aufgaben rund um das Thema "Qualität" beschäftigen heute Mitarbeiter/innen in pädagogischen Einrichtungen.

Der Begriff "Qualität" hat also erfreulicherweise Eingang in den pädagogischen Wortschatz gefunden. Nicht dass Qualität früher keine Rolle gespielt hätte, allerdings stand sie nicht dermaßen im Vordergrund. Sie wurde gelebt! Es ging primär darum, Kindern im Kindergarten und Hort einen lebenswerten und entwicklungsfördernden Platz zu bieten. Dieser (oftmals wenig bewusste) Umgang mit Qualitätsentwicklung hat sich nun grundlegend verändert: Der Begriff Qualität ist in aller Munde und wird im pädagogischen Bereich beinahe schon inflationär verwendet. Davon zeugen beispielsweise zahlreiche Neuerscheinungen in der Fachliteratur. Man braucht mittlerweile schon einen guten Überblick und fundiertes Fachwissen, um die "Spreu vom Weizen" trennen zu können, sprich praxistaugliche Publikationen von weniger brauchbaren zu unterscheiden. Es ist nicht mehr zu übersehen: Pädagogische Qualität ist mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum ein gut beforschtes Thema geworden.

Die zahlreichen Forschungsergebnisse haben folgenreiche Auswirkungen: Der Anspruch, die Qualität in der eigenen Einrichtungen zu verbessern bzw. hoch zu halten, ist zum ständigen Begleiter in der Pädagogik geworden. Dieser Anspruch richtet sich zwar vordergründig an die Träger (-organisationen), letztlich sind es aber die Teams, die Qualität entwickeln.

Und damit stehen viele Kindergartenteams (bzw. Trägerorganisationen) nun vor einem neuen Problem: Wie kommen wir zu einem Qualitätskonzept, das klar überprüfbare Kriterien enthält und gleichzeitig auf unserer gelebten und bisher verschriftlichten Arbeit aufbaut?

Hier kommt nun die Leiterin ins Spiel - sie wird zur Qualitätsmanagerin. Viele Kollegen/innen befremdet nicht nur der Begriff im Zusammenhang mit der Leitung eines Kindergartens, sie befürchten, dass sie den damit verbundenen Auftrag selbstverständlich neben ihren zahlreichen anderen Führungsaufgaben erfüllen sollen.

Doch ist mit Qualitätsmanagement tatsächlich eine zusätzliche Aufgabe verbunden? Oder geht es um eine veränderte Zugangsweise zum Thema Qualität? In vielen Einrichtungen wird bereits jetzt die pädagogische und organisatorische Arbeit bewusst gestaltet, reflektiert und dokumentiert. Was aber vielerorts fehlt, ist das Verbinden einzelner Qualitätselemente. So liegen zwar häufig Leitbild und Konzeption auf, das Team hat sich intensiv mit Vision und Werthaltungen beschäftigt und steht dem Qualitätsgedanken grundsätzlich positiv gegenüber. Aber die einzelnen Teile stehen häufig nur nebeneinander, sie wurden oftmals auf Anregung oder Druck von Außen entwickelt und selten in Bezug auf die gelebte Praxis überprüft oder aktualisiert. Wenn in einem Kindergarten zum Beispiel weder das Leitbild noch die pädagogische Konzeption mit der Vision des Teams in Verbindung gebracht werden können, wird es auch schwer fallen, darauf aufbauend Qualitätsverfahren, wie z.B. Einschätzskalen, in sinnvoller Weise einzusetzen oder in weiterer Folge Qualitätsstandards zu formulieren und ein Qualitätshandbuch zu verfassen.

Qualität und Qualitätsmanagement hängen zusammen

Unter Qualität in der Kinderbetreuung kann man jene Merkmale zusammenfassen, die für bestimmte Erziehungs- und Betreuungswelten charakteristisch sind und Zusammenhänge mit der Entwicklung von Kindern aufweisen (vgl. Rossbach 1993). Folglich geht es im Qualitätsmanagement um das Feststellen und Entwickeln dieser qualitätsbestimmenden Merkmale.

Diese eher allgemeinen Formulierungen zu Qualität und Qualitätsmanagement müssen für die praktische Arbeit im Kindergarten nun konkretisiert werden, denn sie enthalten noch keinerlei Aussagen über die Merkmale an sich. Was genau macht Qualität im pädagogischen Bereich aus? Woran kann man Qualität in der einzelnen Einrichtung erkennen? Für welche Bereiche müssen Ziele formuliert werden? Welche Prozesse gilt es zu überprüfen?

Antworten auf diese Fragen führen zu jenen Inhalten, mit denen sich Pädagogen/innen zum Thema Qualitätsmanagement beschäftigen müssen.

Grundlage für eine erste Auseinandersetzung mit dem Thema sind die drei Qualitätsbereiche Struktur-, Prozess- und Orientierungsqualität. Daraus leitet sich ab, dass Qualität immer in der Struktur eines Hauses, in den Prozessen, die dort ablaufen, den Werthaltungen und Einstellungen der Mitarbeiter/innen und den gelebten Beziehungen sichtbar wird.

Darüber hinaus sind Qualitätsdimensionen, die aus den Ergebnissen zahlreicher Forschungsprojekte abgeleitet und in Kriterienkatalogen publiziert wurden, eine gute Ausgangsbasis für jene Teams, die sich auf den "Qualitätsweg" machen. Kriterienkataloge beschreiben die als beste Fachpraxis definierten Qualitätsmerkmale.

Schritt für Schritt vorgehen

Am Beginn der Beschäftigung mit der Qualität einer Einrichtung steht das Bekenntnis aller Teammitglieder, an der bestehenden Qualität des Hauses zu arbeiten, sich für die weitere Qualitätsentwicklung zu interessieren und daran mit Engagement teil zu nehmen. Dieses Bekenntnis muss immer wieder eingeholt werden, weil der Arbeitsaufwand, Qualität zu entwickeln und zu sichern, oft unterschätzt wird.

Motivation zur Qualitätsarbeit ist eine gute Basis für die Entwicklung einer gemeinsamen Vision im Team (dem nächsten Schritt): Anhand von Fragen wie "In welche Richtung wird sich der Kindergarten oder Hort in fünf bis zehn Jahren entwickelt haben? Welchen gesellschaftlichen Beitrag wird die Einrichtung leisten? Wofür wird sie stehen?" (vgl. Bongard/ Schwarzkopf 2000) wird eine gemeinsame Vision als "Leitstern" gezeichnet. Die Visionsarbeit bietet darüber hinaus eine Möglichkeit, jenen Werthaltungen auf die Spur zu kommen, die der Arbeit der Mitarbeiter/innen zugrunde liegen.

Parallel dazu kann durch eine Stärken- und Schwächen-Analyse Überblick über das Verbesserungspotential gewonnen werden. Die Ergebnisse dieser Analyse sind für die nächsten Schritte - die Arbeit an Leitbild und Konzeption - hilfreich:

Das Leitbild bringt das Selbstverständnis des Kindergartens oder Hortes auf den Punkt und zeigt Grundsätze, Werthaltungen und gemeinsame Ziele auf. Ein Leitbild kann auch als Antwort auf Fragen nach dem Auftragsverständnis des Teams gelesen werden.

Obwohl im Leitbild bereits viele wesentliche Aspekte angesprochen werden und Teams mit der Entwicklung eines Leitbilds Grundlagenarbeit geleistet haben, ist dieser Qualitätsteil für eine umfassende Beschreibung der konkreten Pädagogik der Einrichtung nicht geeignet. Viele Aussagen mussten in den Leitbildsätzen verkürzt dargestellt werden, manches wurde gar nicht angesprochen.

Nun ist der Zeitpunkt für die Erarbeitung einer pädagogischen Konzeption gekommen. Diese fällt leicht, wenn bereits im Leitbild darauf geachtet wurde, dass alle wichtigen Punkte zur Sprache kommen, wie beispielsweise "Unser Auftrag", "Unser Bild vom Kind", "Unser Selbstverständnis als Erzieher/innen", "Unser pädagogischer Ansatz", "Unser Umgang mit Bildungs- und Erziehungspartnern", "Zusammenarbeit im Team und mit dem Träger", "Öffentlichkeitsarbeit" und "Verantwortung der Leitung". Diese Leitsätze können die Basis für die Formulierung der einzelnen Abschnitte in der Konzeption werden.

Somit ist ein roter Faden von der Stärken-Schwächen-Analyse, über Vision und Leitbild bis zur Konzeption erkennbar.

Dokumentieren, messen, prüfen...

Die im Leitbild und in der pädagogischen Konzeption versprochene Qualität muss in einem weiteren Schritt durch die Entwicklung von passenden Qualitätsstandards messbar gemacht werden. Pädagogische Qualitätsstandards sind Kriterien, die bestimmte, gemeinsam ausgewählte Prozesse im Kindergarten definieren, bezüglich ihres Verlaufs und der damit verbundenen Anforderungen beschreiben und die gewünschte Ausprägung (= Ergebnis) festhalten. In den Standards werden beispielsweise die pädagogischen Prozesse, die in der Konzeption wortreich ausgeführt wurden, präzisiert und somit besser steuerbar und überprüfbar, sprich verbindlicher, gemacht. Die Vorteile der Qualitätsstandards betreffen nicht nur die höhere Verbindlichkeit, sie unterstützen zudem die Selbstkontrolle und Selbsteinschätzung der Mitarbeiter/innen und stärken ihre Handlungssicherheit - für viele junge oder neue Kollegen/innen ein wesentlicher Aspekt der Berufszufriedenheit! Sie wissen, was in diesem Kindergarten von ihnen erwartet wird.

Qualitätsstandards sind also nicht primär als Instrument der Reglementierung zu verstehen, sie wirken vielmehr unterstützend und klärend. Bereits entwickelte Qualitätsteile können nun zu einem Qualitätshandbuch zusammengefasst und (gegebenenfalls mit weiteren Kapiteln) ergänzt werden. Ein Qualitätshandbuch ist immer auch ein Dokumentationssystem, in dem z.B. Besprechungs- und Gesprächsprotokolle, Projektdokumentationen etc. abgelegt werden oder die Aufgabenorganisation in der Einrichtung detailliert beschrieben wird.

Ein Qualitätshandbuch ist eigentlich nie fertig; es wächst in dem Maß, in dem sich das Team mit bestimmten Teilaspekten beschäftigt und die Ergebnisse verschriftlicht.

Ein Weg, der sich lohnt

Zugegeben, Qualitätsentwicklung ist ein langwieriger Prozess mit vielen Schritten, kleineren und größeren Zwischenergebnissen. Sie alle bringen mehr Klarheit und Struktur und schaffen Platz für eine kindorientierte Pädagogik - auch wenn vielleicht im ersten Moment ein gegenteiliger Eindruck entsteht. Überspitzt formuliert könnte eine Kollegin fragen, wo denn ihre Zeit mit den Kindern bleibt, wenn sie ständig mit anderen diskutiert, formuliert und standardisiert. Diese Bedenken sind verständlich. Sie sollten aber nicht dazu führen, dass Teams den Weg der konsequenten Qualitätsentwicklung verlassen oder erst gar nicht beschreiten.

Zu den Bedenken, die Arbeit mit den Kindern aus den Augen zu verlieren, kommen oftmals noch Unsicherheiten: Was passiert, wenn sich die Zusammensetzung des Teams verändert? Können neue Mitarbeiter/innen einfach quer einsteigen und dort mittun, wo das restliche Team gerade steht? Ist der dargestellte Aufbau zwingend? Was ist, wenn es im Kindergarten bereits eine Konzeption gibt und danach erst das Leitbild entwickelt wird? Oder kann man auch mit Qualitätsstandards beginnen und sich quasi von unten nach oben arbeiten?

Ich denke, dass die Frage der Reihenfolge sekundär ist. Der dargestellte Aufbau hat sich bewährt und trägt auch eine Logik in sich (vom Allgemeinen zum Konkreten), doch wesentlich wichtiger als die Reihenfolge ist das Bekenntnis aller zur Qualitätsentwicklung im Dialog. Und das Bewusstsein der einzelnen Mitarbeiterin - "Wir sind für die Qualität hier im Kindergarten hauptverantwortlich!" - verändert die Perspektive. Damit ist Qualitätsentwicklung nicht mehr eine zusätzliche Belastung, sondern ein selbstverständlicher Teil der täglichen Arbeit.

Das ursprüngliche Ziel der Kindergartenpädagogik, Kindern einen lebenswerten und entwicklungsfördernden Platz zu bieten, gilt natürlich immer noch. Es wird allerdings nun in dem Bewusstsein realisiert, dass dazu eine Vielzahl an Einflussgrößen mitbedacht und mitgestaltet werden können. Und diese Möglichkeit zur Mitgestaltung sollten wir im Sinne unserer Kinder auf alle Fälle nutzen.

Verwendete Literatur

Bongard, B./Schwarzkopf, F.: Viele Ideen - ein Profil. Methoden der Leitbildentwicklung und Zielbestimmung für engagierte Teams. München: Don Bosco 2000

Roßbach, H.G.: Analyse von Messinstrumenten zur Erfassung von Qualitätsmerkmalen frühkindlicher Betreuungs- und Erziehungsumwelten. Münster: Institut für sozialwissenschaftliche Forschung 1993

Weiterführende Literatur

Erath, P./Almberger, C.: Das KitaManagementKonzept. Kindertagesstätten auf dem Weg zur optimalen Qualität. Freiburg: Herder 2000

Erath, P./Schmitz, E./Schwarzkopf, F.: Von der Konzeption zum Qualitätshandbuch. Weiterentwicklung und Qualitätssicherung in der Kita. München: Don Bosco Verlag 2002

Klug, W.: Erfolgreiches Kita-Management. Unternehmens-Handbuch für Leiterinnen und Träger von Kindertagesstätten. Basel: Ernst Reinhardt Verlag 2001

Möller, J.-C./Schlenther-Möller, E.: Kita-Leitung. Leitfaden für Qualifizierung und Praxis. Berlin: Cornelsen Scriptor 2007

Autorin

Mag.a Lisa Kneidinger ist Kindergarten- und Hortpädagogin, Psychologin, Supervisorin und Coach in Wien. Homepage: http://www.lisakneidinger.at