"Erkennen, fühlen, benennen..." Grundlagen der emotionalen Entwicklung im frühen Kindesalter

Verena Frech

 

Die Welt eines Kindes ist farbenfroh und abwechslungsreich, voller spannender Erfahrungen und prägender Erlebnisse. Die täglich neuen Eindrücke bringen ein breites Spektrum an Emotionen mit sich, dem das Kind meist unvorbereitet gegenüber steht. In diesen Momenten stellen wir oft mit Erstaunen fest, mit welch großer Intensität ein Kind Emotionen erlebt, und wie schwierig es für uns ist, uns in dieses kleine Wesen hineinzufühlen. Das ist keineswegs einfach, doch es lohnt allemal, sich dieser Herausforderung zu stellen, herauszufinden, wie die emotionale Entwicklung im frühen Kindesalter verläuft, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten unsere Schützlinge erlernen sollen und wie wir sie dabei unterstützen können. Mit diesem Wissen können wir den Kindern helfen, sich ihrer Emotionen bewusst zu werden und mit ihnen umzugehen, um somit den Grundstein für gesunde emotionale Beziehungen zu legen.

Was sind Emotionen?

Jeder glaubt zu wissen, was eine Emotion ist. Versucht man aber, den Begriff zu beschreiben, fehlen die richtigen Worte. Obwohl Emotionen gefühlt werden, sind sie mehr als Gefühle. Emotionen setzen sich aus dem tatsächlich Gefühlten, dem Anlass des Gefühls, der Bewertung des Erlebten, der körperlichen Reaktion und dem Emotionsausdruck zusammen.

Eine Emotion ist also ein "(...) komplexes Muster von Veränderungen, das physische Erregung, Gefühle, kognitive Prozesse und Verhaltensweisen einschließt, die in Reaktion auf eine Situation auftreten, welche ein Individuum als persönlich bedeutsam wahrgenommen hat" (Zimbardo 1995, S. 442).

Eine Emotion ist beispielsweise die Freude. Wenn wir Freude empfinden, fühlen wir uns gut (Gefühl), beispielsweise weil wir ein Geschenk bekommen haben (Anlass), das uns gefällt (Bewertung des Erlebten). Dies zeigt sich dann z.B. in einem Kribbeln (körperliche Reaktion) und strahlenden Lächeln (Emotionsausdruck) (vgl. Friedlmeier/ Holodynski 1999). Von der Emotion abzugrenzen ist auch die Stimmung. Eine Stimmung ist ein länger andauernder Zustand, der nicht auf ein bestimmtes Ereignis folgen muss, sondern aus einem Gefühl oder Gedanken heraus entsteht (vgl. Wertfein 2006, S. 18).

Die Bedeutung der Emotionen ist nicht zu unterschätzen. Emotionen wirken sich auf unser Leben aus, indem sie unser Handeln motivieren, unseren Gefühlsausdruck steuern, die Interaktionen regulieren und unser Denken beeinflussen. Aus diesem Grund ist es wichtig, die emotionale Entwicklung eines Kindes von Geburt an zu verfolgen und das Kind bei seinen Entwicklungsschritten zu unterstützen. Zudem darf man nicht vergessen, dass die emotionale Entwicklung eng mit der kognitiven, sozialen und sprachlichen Entwicklung eines Kindes zusammenhängt und daher ihr Einfluss auf diese nicht unterschätzt werden darf (vgl. kindergarten heute 2004, S. 31 ff.).

Meilensteine der emotionalen Entwicklung

Der Weg, den das Kind im Laufe seiner emotionalen Entwicklung beschreitet, beginnt schon vor der Geburt. Im Mutterleib lernt ein Kind (im besten Falle), was es bedeutet, sich geborgen und sicher zu fühlen. Dieses Gefühl entsteht aus dem Verhalten und den Emotionen der Mutter, welche sich u.a. in deren Herzschlag und Durchblutung widerspiegeln. Darüber hinaus vermitteln die Geräusche, die an das Ohr des Ungeborenen dringen, einen Eindruck von den Geschehnissen im Leben seiner Mutter. Diese Eindrücke schaffen die Basis für die emotionalen Beziehungen des Kindes zu seiner Mutter und anderen Bezugspersonen. Die sozialen Bindungen wiederum wirken sich auf das Denken, Fühlen und Handeln aus, womit sich ein immer wiederkehrender Kreislauf schließt. Daraus geht hervor, wie wichtig positive Erfahrungen und Emotionen schon lange vor der Geburt sind, denn sie beeinflussen die gesamte Entwicklung des Kindes.

Von genauso großer Bedeutung wie die Einstellung der Mutter zu ihrem ungeborenen Kind, ist ihr Umgang mit ihm nach der Geburt. Mit dem Geburtsvorgang ist auch Angst verbunden, welche nur durch viel Zuwendung und Aufmerksamkeit reguliert werden kann. Erst dadurch findet das Neugeborene zu seinem emotionalen Gleichgewicht zurück.

Zudem ist Geborgenheit der Schlüssel zu einer optimalen Förderung des kindlichen Lernens. Das Gehirn braucht Herausforderungen, um sich zu entwickeln. Erlebnisse können aber nur als Herausforderungen - und nicht als Bedrohungen - gesehen werden, wenn sich das Kind in einem sicheren Netz aus sozialen und emotionalen Beziehungen befindet. Dieses Netz bietet ihm Halt und Schutz. Sich sicher zu fühlen heißt auch, Selbstbewusstsein aufzubauen und zu lernen, auf sich selbst zu vertrauen. Dies dem Kind auf seinen Weg mitzugeben erfordert Behutsamkeit und Glaube an das Kind. Leider mangelt es manchen Eltern sowohl daran als auch an Einfühlungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein, sodass sie keine sicheren Bindungen zu ihren Kindern aufbauen können. Diesen fehlen dann die Vorbilder, die ihnen helfen sollten, das eigene Handeln zu reflektieren, Fehler zu erkennen und aus ihnen zu lernen (vgl. Gebauer/ Hüther 2003).

Das emotionale Lernen beginnt schon vor der Geburt und setzt sich in der gesamten Kindheit (und darüber hinaus) fort. Die größten Schritte macht das Kind dabei in den ersten sechs Lebensjahren. Das in dieser Zeit erworbene Wissen über Emotionen kann man drei Bereichen zuordnen. Der erste Bereich ist der Emotionsausdruck, zu welchem das Emotionsverständnis (bzw. -Wissen) und dann der Bereich der Emotionsregulation hinzukommen. Dabei ist dies nicht als Folge von Entwicklungsschritten zu sehen, die unabhängig voneinander gemacht werden. Die drei Fertigkeitsbereiche bedingen einander; sie sind verknüpft und laufen größtenteils parallel ab.

Im Folgenden möchte ich nun den Weg der emotionalen Entwicklung im Kindesalter aufzeigen und dabei die Meilensteine Emotionsausdruck, Emotionsverständnis und Emotionsregulation passieren. Ein bedeutsamer Teil der emotionalen Entwicklung ist darüber hinaus die Empathiefähigkeit, also die Fähigkeit, eine emotionale Situation wahrzunehmen und Gefühle stellvertretend mit der betroffenen Person mitzuerleben. Der Verlauf der emotionalen Entwicklung ist dem Alter des Kindes entsprechend gegliedert. Dabei ist zu beachten, dass diese Altersangaben variieren können.

Im ersten Lebensjahr

Wenn uns ein Neugeborenes anlächelt, freuen wir uns und glauben zu erkennen, dass es sich ebenfalls freut. Doch Kinder können Emotionen nicht von Geburt an ausdrücken. Wie alle Fähigkeiten muss auch der Emotionsausdruck erst erlernt werden. Emotionsausdruck bezeichnet die Fähigkeit, eigene Emotionen mimisch (nonverbal) und sprachlich (verbal) darzustellen. Diese Fähigkeit muss sich langsam entwickeln und hängt stark von der Gesamtentwicklung des Kindes und dessen Umfeld ab. Ein Säugling kann zwar von Anfang an zwischen Lust und Unlust sowie Ruhe und Erregung unterscheiden, braucht aber Vorbilder, um zu lernen, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Etwa ab dem dritten Lebensmonat entwickeln sich aus der Fähigkeit, Stress und Zufriedenheit zu empfinden, die so genannten primären Emotionen oder Basisemotionen (vgl. Wertfein 2006, S. 18 ff.; Petermann/ Wiedebusch 2008). Sie sind grundlegend und können von Säuglingen auf der ganzen Welt ausgedrückt werden. Ihre Gesichter zeigen Freude, Interesse, Überraschung, Ärger, Traurigkeit und Angst. Dabei sind sie nicht nur in der Lage, diese nachzuahmen. Studien belegen, dass Kinder sie auch nachempfinden können (vgl. Dornes 2001).

Eng verknüpft mit dem Emotionsausdruck ist auch das Emotionsverständnis. Schon ab der sechsten Lebenswoche sind Säuglinge fähig, ihr Gegenüber anzulächeln und am Klang einer vertrauten Stimme zu erkennen, ob deren Besitzer positiv oder negativ gestimmt ist. Schon früh wissen sie, wie man seinem Unmut durch Laute (verbaler Emotionsausdruck) Luft machen kann. Ab dem 3.- 4. Lebensmonat lernt das Kind, Freude durch Lachen (z.B. beim Kitzeln oder Spielen) und Angst durch Weinen auszudrücken. Hinzu kommen - ca. ab dem 7. Monat - die Fertigkeiten, durch ein selektives Lächeln Kontakt zu vertrauten Personen herzustellen und Angst durch Fremdeln zu zeigen (vgl. www.paed.uni-muenchen.de).

In den ersten Lebensmonaten eines Kindes wird man feststellen, dass dieses schon die ersten Strategien zur Emotionsregulation entwickelt hat. Emotionsregulation bedeutet, zu lernen, mit den eigenen und den Emotionen anderer angemessen umzugehen. Es heißt auch, sich Wissen darüber anzueignen, wie Emotionen hervorgerufen und aufrechterhalten werden können. Darüber hinaus versteht man unter Emotionsregulation die Kontrolle über die Intensität und die Dauer der Emotionen, also der Gefühle und der damit verbundenen körperlichen Reaktion. Hier unterscheidet man die interne Emotionsregulation von der interaktiven Emotionsregulation. Intern bedeutet, dass die Kinder ihren emotionalen Konflikt "mit sich selbst ausmachen". Dazu gehört es, sich selbst abzulenken, indem beispielsweise (bis zum zweiten Lebensjahr) am Daumen gelutscht oder das Kuscheltier gedrückt wird. Eine interaktive Emotionsregulation findet hingegen statt, wenn es der Unterstützung einer Bezugsperson bedarf, um sich zu beruhigen. Diese Form wird meist in größeren Stresssituationen genutzt.

Das stetig wachsende Emotionsverständnis und -wissen werden auch durch die nach und nach einsetzende Empathiefähigkeit deutlich. Im ersten Lebensjahr können Kinder zwar noch nicht zwischen eigenen und fremden Gefühlen unterscheiden, es ist aber zu beobachten, dass die Kinder von Gefühlen anderer "angesteckt" werden, also eine so genannte globale Empathie empfinden können (vgl. Wertfein 2007). Zu lernen, Empathie zu empfinden, ist ein Prozess, der hauptsächlich auf kognitiven Faktoren beruht und mit der sozialen Entwicklung einhergeht. Da der Säugling sich noch in einer frühen Phase des Erwerbs von Emotionswissen befindet, reicht dieses nicht aus, um den Emotionsausdruck eines anderen Menschen mit den Umständen in Beziehung zu setzen und daraus dessen Emotion abzuleiten. So ist es durchaus möglich, dass ein Kind am Ende des ersten Lebensjahres weint, wenn es das weinende Geschwisterkind sieht, es empfindet dabei aber keine Trauer oder Furcht. Es hat noch nicht gelernt, sich in das andere Kind hineinzuversetzen (vgl. Petermann/ Wiedebusch 2008).

Im zweiten Lebensjahr

Mit fortschreitender Entwicklung der Sprache wird auch der Emotionsausdruck facettenreicher. Die Möglichkeiten des Kleinkindes, seine Emotionen auszudrücken, beschränken sich nun nicht mehr auf seine Mimik, Gestik und einfache Laute. In den zunehmenden Wortschatz werden nun auch Wörter aufgenommen, die entweder den äußeren Ausdruck der Emotion ("Weint.", "Lacht.") oder die eigentliche Emotion beschreiben ("Traurig."). Ersteres erfordert ein geringeres Wissen über den Emotionsausdruck und die dahinter stehende Emotion, wird also früher auftreten. Trotzdem möchte das Kind damit mehr sagen, als es auszudrücken vermag. Es ist sich bewusst, dass "weinen" ein Ausdruck einer negativen Emotion und "lachen" positiv zu bewerten ist. Dementsprechend wird seine Reaktion ausfallen - das Kind hat gelernt, Gesichtsausdrücken Emotionen (zumindest negativ und positiv) zuzuordnen und Emotionsvokabular gezielt einzusetzen.

Anhand dieser äußeren Anzeichen wird deutlich, dass auch das Emotionsverständnis erweitert und die emotionale Entwicklung voran geschritten ist. Zweijährige lernen meist schon, dass Emotionen interne Zustände sind, die von der Person und nicht von der Situation abhängig sind. Die Ziele und Wünsche eines Menschen bestimmen dessen Gefühle und nicht die äußeren Umstände oder der Gesichtsausdruck. Auch das Wissen über mögliche Ursachen von Emotionen, über widersprüchliche Emotionen (multiple Emotionen) und Methoden der Emotionsregulation nimmt langsam zu. Letztere können Selbstberuhigungsstrategien sein (u.a. schaukeln, nuckeln), sind aber meist noch interaktiver Art, bedürfen also einer Bezugsperson, die z.B. Trost spendet. Des weiteren lernen die Kleinkinder nun auch soziale Regeln kennen, die besagen, in welcher Form Emotionen ausgedrückt werden können.

Eng verknüpft mit dem Vermögen, Emotionen bei anderen Menschen zu erkennen und mögliche Ursachen für diese zu assoziieren, findet ein Schritt in der Entwicklung der Empathiefähigkeit statt. Das Kind befindet sich nun in der Phase der egozentrischen Empathie (vgl. Wertfein 2007). Dies bedeutet, dass es erstmals emotional auf den Gefühlsausdruck anderer reagiert und beginnt, sich in diese hineinzuversetzen. Obwohl es dabei eigene Gefühle und die ihrer Mitmenschen oft vermischt, setzt dieses Können eine hohe kognitive Leistung voraus. Die Weiterentwicklung zeigt sich auch im beginnenden Erlernen der so genannten sekundären Emotionen. Diese sind selbstbezogene und soziale Emotionen, beispielsweise Stolz, Scham, Schuld und Neid. Sie können erst entstehen, wenn das Kind ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein sowie ein inneres Wertesystem entwickelt und gelernt hat, sich mit anderen zu vergleichen. Sie sind schwieriger zu kategorisieren, da sie stärker von der Kultur abhängen und somit in unterschiedlichen Ausprägungen vorzufinden sind.

Die sekundären Emotionen sind sehr komplex, weshalb das Kind viele Jahre (etwa bis zum Schuleintritt) brauchen wird, um deren genaue Bedeutung zu erfassen.

Im dritten Lebensjahr

Mit circa drei Jahren haben Kinder gelernt, zwischen emotionalem Erleben und dem emotionalen Ausdruck zu unterscheiden. Sie wissen nun, dass die Mimik nicht zwangsläufig das wahre Empfinden widerspiegeln muss, und nutzen dieses Wissen, um zum Beispiel ihren Gesichtsausdruck gezielt zu manipulieren. Dadurch können sie Gefühle vortäuschen oder verstecken. Bei anderen Menschen achten sie allerdings nur auf die Mundpartie und können dadurch lediglich positive von negativen Emotionen unterscheiden. Erst im Grundschulalter berücksichtigen Kinder auch die Augen und können so einzelne Emotionen differenzieren (vgl. Wertfein 2006, S. 46). Zudem bestätigen Forschungsergebnisse, dass Kindern (etwa ab dem Kindergartenalter) durchaus bewusst ist, dass Emotionen nicht nur die Ergebnisse äußerer Umstände, sondern auch innerer Vorgänge sind (vgl. Friedlmeier/ Holodynski 1999). Sie glauben nun nicht länger, dass Emotionen die unvermeidlichen Folgen bestimmter Ereignisse sind, sondern ziehen mehrere Aspekte der Entstehung von Emotionen in Betracht. So sind Emotionen subjektive Empfindungen, die von Mensch zu Mensch verschieden sind. Außerdem können vermeintlich gleiche Emotionen durch völlig unterschiedliche Ereignisse ausgelöst werden (vgl. Wertfein 2006, S. 54 ff.). Deutlich wird das an folgendem Beispiel: Etwa bis zum zweiten Geburtstag bedeuten Tränen für ein Kind, dass jemand traurig ist. Doch im Laufe seiner Entwicklung lernt es, dass auch erfreuliche Ereignisse (z.B. eine Hochzeit) zu Tränen rühren können. Dies hängt vom Menschen ab, dessen Gedanken, Erfahrungen und Persönlichkeit bestimmen, wann er welche Emotionen erlebt.

Das größere Verständnis für Auslöser und Ursachen von Emotionen, die Erkenntnis, dass diese von Mensch zu Mensch verschieden sind, und die Fähigkeit, Zusammenhänge zwischen diesen Aspekten herzustellen, zeigt die Entwicklung des Emotionsverständnisses. Dieses steht in wechselseitiger Abhängigkeit zur Sprachentwicklung und dem Bindungsverhalten. Ein größeres Wissen über Emotionen trägt dazu bei, den Wortschatz zu vergrößern, und unterschützt das Kind bei seinen Sprachversuchen. Umgekehrt hilft ein gutes Sprachvermögen, über Gefühle zu sprechen und sich mitzuteilen. Wenn Eltern und Erzieher/innen dem Kind in dieser sensiblen Phase zur Seite stehen, stärkt dies die Beziehung zwischen ihnen und dem Kind und trägt entscheidend zu einem besseren (beiderseitigen) Emotionsverständnis bei (vgl. Petermann/ Wiedebusch 2004).

Die Fertigkeitsbereiche der Emotionsregulation und der Empathiefähigkeit werden im dritten Lebensjahr erweitert und vertieft, deutliche Entwicklungssprünge werden - verglichen mit den vergangenen Monaten - hingegen nur selten sichtbar. Trotzdem findet je nach Temperament des Kindes und dem Maß der Unterstützung durch dessen Umfeld eine Weiterentwicklung statt, die ihm hilft, eine hohe emotionale Kompetenz zu erlangen. Zusammenfassend ist zu sagen, dass ein Kind mit ca. drei Jahren gelernt hat, die Perspektive eines anderen (zumindest teilweise) zu übernehmen, und dadurch z.B. Mitleid empfinden kann. Es wird zwar noch stark von den eigenen Emotionen geprägt, versucht diese aber schon auf andere zu übertragen, um dessen mögliche Gefühle daraus abzuleiten.

Im vierten und fünften Lebensjahr

Das Kindergartenkind erlebt eine aufregende Zeit, die von vielen Veränderungen geprägt ist und immer wieder etwas Neues bereit hält. Die daraus entstehenden Emotionen sind sehr vielfältig und fordern sowohl das Kind als auch dessen Erzieher/innen in besonderem Maße. Obwohl es nun dazu in der Lage ist, seine Gefühle mitzuteilen, sei es durch Mimik, Gestik oder Worte, ist die emotionale Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Emotionen verwirren, sie sind nicht immer eindeutig, und oftmals weiß das Kind nicht, wie es mit ihnen umgehen soll - dieses Problem kennen auch Erwachsene nur allzu gut. Trotzdem oder gerade deshalb ist es wichtig, Kindern Mut zuzusprechen, ihnen mit Geduld und Behutsamkeit zur Seite zu stehen. Das schafft Vertrauen - die Basis für ein harmonisches Verhältnis zwischen Ihnen und dem Kind.

Eine positive Beziehung zum Kind trägt entscheidend dazu bei, dass dieses seine Bezugspersonen als Vorbilder sieht. Deren Reaktionen sind sein Bezugsrahmen, innerhalb dessen es ausprobieren und Fehler machen kann. Durch soziale Beziehungen entwickelt sich auch die Fähigkeit weiter, die Perspektive eines anderen Menschen zu übernehmen und somit dessen Emotionsausdruck (und die auslösenden Emotionen) zu verstehen.

Dies soll verdeutlichen, wie eng die emotionale und die soziale Entwicklung zusammenhängen. Sie gehen Hand in Hand; wenn man einem Bereich zu wenig Bedeutung beimisst, wird sich das auf die gesamte kindliche Entwicklung auswirken.

Dem Verständnis für den Emotionsausdruck anderer Menschen gleich, wird auch das Emotionsvokabular deutlich umfangreicher. Vier- bis Fünfjährige kennen schon viele Begriffe, um Emotionen differenziert zu beschreiben. Das trägt dazu bei, sich selbst und andere besser zu verstehen, da sie sich mit Hilfe der neu erlernten Wörter besser mit Gefühlen auseinander setzen können.

Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg der emotionalen Entwicklung im frühen Kindesalter ist das Emotionsverständnis. Mit zunehmendem Alter nehmen die Äußerungen des Kindes seltener Bezug auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Sicherlich bedarf es noch oft an Aufmerksamkeit und Trost (dies wird sich abschwächen, aber niemals völlig abklingen), doch immer häufiger stehen die Emotionen der Mitmenschen im Zentrum der kindlichen Betrachtungen. Das erhöhte Emotionsverständnis ist also dadurch gekennzeichnet, dass Kinder versuchen, die Ursachen und Konsequenzen eigener und fremder Emotionen einzuschätzen und diese zu verändern. Weiterhin vertieft sich ihr Wissen darüber, dass auch vergangene Ereignisse, Gedanken und Erinnerungen emotionale Zustände hervorrufen und Emotionen widersprüchlich sein können. Diese multiplen oder vielfältigen Emotionen könnten beispielsweise Freude und Angst sein - Emotionen, die man häufig zeitgleich spürt, wenn eine neue Erfahrung bevorsteht (vgl. Petermann/ Wiedebusch 2004).

Die Weiterentwicklung der emotionalen und sozialen Fähigkeiten wird auch im Hinblick auf die sekundären Emotionen deutlich. Im vierten Lebensjahr beginnt sich die Vorstellung davon zu wandeln, was Stolz bedeutet. Das Kind hat zwar schon gelernt, dass Stolz eine positive Emotion ist, es setzt sie aber noch mit Freude, Glück oder Begeisterung gleich. Erst in den kommenden Monaten und Jahren wird es lernen, dass Stolz mit Leistungen und Lob zusammenhängt, also eine stark von der Umwelt abhängige Emotion ist (vgl. Wertfein 2007). Ähnlich verhält es sich mit Schuld, Scham und Neid. In ihren Grundzügen sind diese Emotionen bekannt, doch das Feld der möglichen Ursachen und Folgen wird stetig größer, je mehr die Kinder die sozialen Strukturen der Gesellschaft, in der sie leben, verstehen.

Mit der Emotionsregulation im frühen Kindergartenalter verhält es sich annähernd wie mit dem Emotionsausdruck und dem Emotionsverständnis. In den Wissensschatz der Kinder werden nach und nach mehr Faktoren der Emotionsregulation aufgenommen. Dazu gehören Selbstberuhigungsstrategien sowie kognitive Strategien. Unter Ersteren versteht man z.B. Rituale wie "tief durchatmen" oder "Selbstgespräche", welche die Kinder anwenden, um zu einem inneren Gleichgewicht zurück zu finden. Dies tun sie zwar meist unbewusst, doch der Ursprung dieser Verhaltensweisen liegt im Umgang der Bezugspersonen mit ihren Emotionen. Durch deren Beispiel lernen die Kinder auch, Situationen gedanklich umzudeuten, sich abzulenken oder ihre Emotionen zu regulieren, indem sie darüber sprechen (vgl. Petermann/ Wiedebusch 2004).

Die Empathiefähigkeit bzw. deren Entwicklung wurde schon beim Emotionsverständnis angesprochen. Das Wissen um die Emotionen anderer Menschen sowie das Erlangen der Fähigkeit, zwischen deren Gefühlen und den eigenen zu differenzieren, sind bedeutende Schritte. Das Kind kann sich nun besser in eine andere Person hineinversetzen und sein Verhalten entsprechend seiner Erkenntnis anpassen. Damit ist die Stufe der emotionalen Empathie erreicht (vgl. Wertfein 2007).

Im sechsten und siebten Lebensjahr

Vorschulkinder haben einen Großteil des Weges zur emotionalen Kompetenz gemeistert. Ihre emotionale Entwicklung ist schon weit vorangeschritten, sodass der Unterschied zu einem Kind, das gerade in den Kindergarten gekommen ist, enorm scheint. Der Unterschied - und damit auch die emotionale Kompetenz - ist umso größer, je intensiver die Förderung des Kindes war und ist. Die genaue Bedeutung der emotionalen Kompetenz, deren Entstehung und Auswirkungen, wird im Abschnitt "Emotionale Kompetenz" eingehend erläutert.

Der Emotionsausdruck eines sechsjährigen Kindes ist sehr facettenreich und hat nahezu die Komplexität des Ausdrucks eines Jugendlichen erreicht. Obgleich die Fähigkeit, Emotionen mimisch oder verbal auszudrücken, nun sehr weit entwickelt ist, beginnt eine weiterführende Phase. Da Vorschulkinder schon ein großes Repertoire an Regeln des gesellschaftlichen Lebens besitzen, ändert sich ihr Emotionsausdruck. Mehr als in den Jahren zuvor kontrollieren sie ihn, passen ihren Emotionsausdruck den Gegebenheiten an. Die Kinder setzen ihren Emotionsausdruck strategisch ein, d.h. sie täuschen Emotionen vor, die sie nicht fühlen, oder verbergen Emotionen, die unangebracht wären. Insbesondere als negativ empfundene Emotionen wie Ärger, Wut und Trauer werden häufig in abgeschwächter Form gezeigt. Worin sehen Kinder die Gründe für das Vortäuschen oder Verbergen von Emotionen? Schulkinder begründen dies zunächst mit dem Schutz vor Verletzung oder Bloßstellung. Sie führen aber auch an, dass sie unangenehme Konsequenzen vermeiden und andere nicht verletzen wollen (vgl. Salisch 2000; Wertfein 2006).

Auch im Hinblick auf die sekundären Emotionen findet eine Veränderung statt. Etwa ab dem sechsten Lebensjahr beginnt die Verknüpfung von der Emotion "Stolz" mit Lob und Anerkennung, also der Reaktion eines anderen auf die eigenen Leistungen. Die Reaktionen der Mitmenschen als Auslöser für kindliche Emotionen treten zunehmend in das Bewusstsein der Kinder. Sie speichern mehr Situationen ab, die z.B. Neid oder Eifersucht hervorrufen, und erweitern somit ihr emotionales Wissen. Dieses wird im Grundschulalter weiterhin wachsen, da die Kinder dann neue Maßstäbe für ihr Handeln ansetzen werden. Sie lernen, ihr Verhalten selbstständig einzuschätzen, und erlangen dadurch eine gewisse Unabhängigkeit von den Urteilen ihrer Mitmenschen.

Das tiefere bzw. veränderte Emotionsverständnis spiegelt sich einerseits im vielfältigeren Umgang eines (Vor-) Schulkindes mit seinen Emotionen und deren Ursachen und Auswirkungen, andererseits aber auch in seinem großen Wissen über die Möglichkeiten der Emotionsregulation.

In diesem Alter macht das Kind seinen letzten Sprung in der Entwicklung der Empathiefähigkeit. Es lernt, die Emotionen anderer Menschen in Bezug zu deren und seinem Leben zu setzen. So berücksichtigt es unterschiedliche Persönlichkeiten, Erfahrungen und Kontexte, um sich ein umfassendes Bild von möglichen Ursachen gezeigter Emotionen zu machen oder zu erwartende Emotionen abzuleiten.

Emotionale Kompetenz

Das Ziel der emotionalen Entwicklung ist die emotionale Kompetenz. Für Kinder bedeutet das Erlernen der emotionsbezogenen Fertigkeiten (Emotionsausdruck, Emotionsverständnis, Emotionsregulation) und der Empathiefähigkeit die Bewältigung einer sehr wichtigen Entwicklungsaufgabe. Sie werden emotional kompetent. Was bedeutet emotionale Kompetenz und welche Unterstützung benötigt ein Kind, um einen hohen Grad an Kompetenz zu erlangen?

"Gemeint ist mit dem Begriff, dass Personen ein Potenzial aufweisen, mit den eigenen Emotionen und den Emotionen anderer angemessen umzugehen" (vgl. Janke 2005, S. 190). Die Bereiche, die dieses Potenzial umfasst, wurden in ihrem zeitlichen Ablauf bereits dargestellt, sollen aber im Folgenden nochmals unter dem Aspekt der emotionalen Kompetenz betrachtet werden.

Es handelt sich um die Bereiche Emotionen mimisch ausdrücken, Emotionen bei anderen erkennen, Emotionen sprachlich ausdrücken, Emotionen verstehen und Emotionen selbst regulieren. Sie bauen aufeinander auf und sind miteinander verbunden; sie sind die Bausteine der emotionalen Kompetenz. Im Laufe seiner Entwicklung erlernt ein Kind die oben genannten Fähigkeiten (Bausteine), welche die Voraussetzungen für eine hohe emotionale Kompetenz sind. Bevor darauf eingegangen wird, welchen Beitrag Eltern und Erzieher/innen zum Erreichen dieses Ziels leisten können, werden die Fertigkeitsbereiche vorgestellt (vgl. Liebertz 2005).

Das Feld Emotionsausdruck wird zu einem Drittel von der Fähigkeit abgedeckt, Emotionen mimisch (nonverbal) ausdrücken zu können. Schon in den ersten Lebensmonaten sieht man in den Gesichtern der Säuglinge ein Lächeln, Stirnrunzeln oder auch Weinen. Anfangs stecken dahinter noch die Versuche, die Gesichtsmuskulatur zu erproben und körperliche Bedürfnisse (Hunger, Durst, Müdigkeit) zu zeigen. Doch etwa ab dem dritten Monat beginnt das Kind bewusst, durch Mimik und Gestik seine Emotionen auszudrücken. Dazu muss es eine Sensibilität für die eigenen Gefühle und Gefühlsschwankungen entwickeln, die mit der Entstehung der Selbstwahrnehmung einhergeht.

Hinzu kommt das Kennenlernen der eigenen emotionalen Stärken und Schwächen im Laufe der emotionalen Entwicklung (welches im Säuglingsalter seinen Anfang nimmt). Das Kennenlernen durchläuft drei Phasen. Diese finden sowohl parallel als auch nacheinander statt, beeinflussen sich gegenseitig und bedingen einander. In der ersten Phase - ca. ab dem zweiten Monat - beginnen Säuglinge, die Kommunikation zwischen Menschen zu verstehen und selbst zu kommunizieren. Damit ist der Grundstein für die Erkenntnis gelegt, dass jeder Mensch eigene Gedanken und Wahrnehmungen hat, die sein Handeln motivieren. Ab dem dritten bzw. vierten Lebensmonat lernen die meisten Kinder, sich ihrer eigenen Handlungen bewusst zu sein; diese Phase ist ebenso wichtig für eine gelingende Emotionsregulation und eine ausgeprägte Empathiefähigkeit. Entscheidend für Letztere ist auch die dritte Phase, das Unterscheiden zwischen Ich und Nicht-Ich. Etwa ab dem 15. Monat (in einigen Fällen auch bis zu neun Monaten später) lernen Kinder, dass sie sich von anderen Menschen unterscheiden; sie erkennen sich selbst als Individuum (vgl. Liebertz 2005). Dies wird ein einem Test deutlich, bei dem einem Kleinkind ein roter Punkt auf die Stirn gemalt wird. Anschließend soll sich das Kind in einem Spiegel betrachten. Fasst es sich an die Stirn, sobald es den Punkt entdeckt hat, zeigt sich, dass das Kind sich selbst als Person im Spiegel erkannt hat. Diese Erkenntnis ist die Basis für die Fähigkeit, sich losgelöst von seiner Person in andere Menschen hineinversetzen zu können.

Der zweite Baustein umfasst das Erkennen der Emotionen bei anderen. Etwa ab dem Kindergartenalter denken Kinder zunehmend über die emotionalen Reaktionen der anderen Kinder nach. Warum weint Anna? Weshalb freut sich Tim nicht, wenn ich ihm erzähle, dass ich jetzt einen neuen besten Freund habe?

Es zeugt von einem hohen Verständnis für Emotionen und den Emotionsausdruck, wenn ein Kind nicht nur Hinweise auf Emotionen bei anderen erkennen, sondern auch Situationen richtig deuten kann. Dieser Baustein schließt auch die Fähigkeit mit ein, zu verstehen, dass die gezeigten Emotionen nicht mit den erlebten übereinstimmen müssen; sie können verändert oder vorgetäuscht sein.

Das letzte Drittel des Fertigkeitsbereiches Emotionsausdruck wird vom Baustein Emotionen sprachlich ausdrücken abgedeckt. Mit der Entwicklung der Sprechfähigkeit und des Sprachverständnisses verbessert sich auch das kindliche Vermögen, seine Emotionen (und später die seiner Mitmenschen) verbal mitzuteilen. Ein Kleinkind wird dies noch mit Ein- oder Zweiwortsätzen ("Lacht!", "Lena Angst!") tun, wohingegen ein vier- bis fünfjähriges Kind schon differenzierter ausdrücken kann, wie es fühlt ("Ich bin stolz, weil ich groß bin!"). Dabei lernen Kinder nicht nur mehr Begriffe für Emotionen kennen, sie können auch nach und nach mehr Zusammenhänge herstellen. Deutlich wird das an oben genanntem Beispiel. Die (sekundäre) Emotion Stolz wird von einem Kindergartenkind noch mit Freude gleichgesetzt - es hat noch nicht gelernt, was die Auslöser für Stolz sind. Ein Schulkind hingegen, würde beispielsweise mit folgendem Satz zeigen, dass es durchaus zwischen Freude und Stolz unterscheiden kann: "Ich bin stolz, weil Mama gesagt hat, dass ich schön schreibe!" Je mehr Wörter ein Kind kennt, desto mehr Ursachen, Auslöser und Auswirkungen muss es lernen. Das Emotionswissen nimmt zu, und die emotionale Kompetenz steigt.

Der vierte Baustein der emotionalen Kompetenz ist das Verstehen von Emotionen. Mit ungefähr vier Jahren beginnen Kinder in erhöhtem Maße, das Emotionswissen zu erwerben, welches grundlegend für eine hohe Empathiefähigkeit ist. Im Laufe der Entwicklung werden sie lernen, das Denken und Fühlen eines Mitmenschen nicht nur zu verstehen, sondern auch, bis zu einem gewissen Grad, vorherzusehen. So kann ein Schulkind meist schon einschätzen, wie ein Freund reagiert, wenn es offen zeigen würde, dass ihm das Geschenk des Freundes nicht gefällt. Es weiß, dass es manchmal besser ist, seine Reaktion an die Erwartungen seines Gegenübers anzupassen, um diesen nicht zu enttäuschen oder zu kränken. Die Devise lautet demnach oft: Mach eine gute Miene zum bösen Spiel!

Zum Aufbau einer hohen emotionalen Kompetenz gehört auch das Wissen, dass soziale Beziehungen von Kommunikation enorm geprägt werden. Da Kommunikation nie völlig frei ist von Emotionen, sind diese auch stets Teil von Beziehungen. Wer dazu fähig ist, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen und mit dessen Emotionen sowie den eigenen angemessen umzugehen, wird weniger Probleme mit dem Knüpfen und Aufrechterhalten von Kontakten haben. Darüber hinaus ermöglicht ein hohes Emotionswissen einen bestimmten Einfluss auf die Reaktionen anderer Menschen, wodurch Beziehungen gefestigt aber auch gefährdet werden können.

Entsprechend der Meilensteine der emotionalen Entwicklung ist der letzte Baustein zur emotionalen Kompetenz das Regulieren von Emotionen. Es gehört zu den Beruhigungsstrategien eines Säuglings, am Schnuller oder Daumen zu nuckeln, wohingegen ältere Kinder oftmals Selbstgespräche führen, um ihre Gefühle zu ordnen. Strategien zur Emotionsregulation sind von großer Bedeutung für das eigene Wohlbefinden und den Umgang mit anderen Menschen. Wer seine Emotionen nicht steuern kann, sich also "nicht im Griff hat", wird auf Unverständnis oder sogar Ablehnung stoßen und sich damit das Leben erschweren. Das Hauptziel der Emotionsregulation ist ein inneres Gleichgewicht, welches eine Ausgewogenheit und Stabilität der Emotionen herstellt, die sich im Leben jedes Menschen widerspiegeln sollten.

Bedeutung der emotionalen Kompetenz

Was passiert, wenn ein Kind nicht in der Lage ist, sein emotionales Gleichgewicht zu finden? Oder allgemeiner gefragt: Wozu brauchen Kinder (bzw. Menschen) eine hohe emotionale Kompetenz und was geschieht, wenn sie ihnen fehlt?

Zuallererst ist festzuhalten: Emotionale Kompetenz stärkt die Persönlichkeit! Kinder, die gelernt haben, mit schwierigen Situationen und den daraus entstehenden Emotionen umzugehen, fühlen sich gestärkt. Dies zeigt nämlich, dass sie Lösungsstrategien nicht nur erworben haben, sondern sie auch anwenden können. Außerdem kennen Kinder mit einer hohen emotionalen Kompetenz Möglichkeiten, negative Emotionen auszugleichen, und sind im Umgang mit anderen einfühlsamer. Durch diese Eigenschaften fällt es ihnen leichter, Freundschaften einzugehen und zu pflegen, was ihr Wohlbefinden beeinflusst. Des Weiteren haben emotional kompetente Kinder ein größeres Selbstbewusstsein, was sich wiederum positiv auf ihre Beziehungen auswirkt.

Es ist schon mehrfach angeklungen: Emotionale Kompetenz fördert die soziale Entwicklung. Da die emotionale und die soziale Entwicklung eng miteinander verbunden sind, zeigt sich emotionale Kompetenz vor allem in der Kommunikation mit und der Bindung zu anderen Menschen. Viele emotionale Fertigkeiten sind die Voraussetzungen für ein gesundes Sozialverhalten. Dazu zählen Einfühlungsvermögen, Anpassungsfähigkeit und Emotionsverständnis, aber auch die Fähigkeit, Emotionen vorzutäuschen oder zu verstecken. Wenn diese Fertigkeiten bei einem Kind ausgeprägt sind, kann es einerseits einfacher Kontakte knüpfen, verlässlichere Beziehungen aufbauen und diese länger aufrechterhalten. Andererseits zeigten Studien, dass es zudem beliebter und akzeptierter bei bzw. von Gleichaltrigen ist. Begründet werden diese Ergebnisse mit der Selbstsicht und dem Verhalten des Kindes. Wenn ein Kind mit seinen Gefühlen umzugehen weiß, nicht aggressiv, jähzornig oder weinerlich ist, stehen ihm andere Kinder offener gegenüber. Ein Kind hingegen, das sich häufig zurückzieht, weil es nicht gelernt hat, seine Ängste zu minimieren oder die Emotionen anderer Menschen zu verstehen, wird sich einsam und unverstanden fühlen.

Die angesprochenen Vorteile einer hohen emotionalen Kompetenz unterstützen zudem den schulischen Erfolg. Eine wichtige Phase für den Erwerb der emotionalen Kompetenz ist die Zeit im Kindergarten. In dieser wird nicht nur die Persönlichkeit der Kinder gefördert, sie werden auch auf die Schule vorbereitet. Dort können sie dann durch kooperatives Arbeiten, Einfühlungsvermögen und eine angemessene Emotionsregulation ein angenehmes Lernklima für sich und ihre Mitschüler schaffen. Auch Kinder, deren emotionale Kompetenz noch recht gering ist, können mit Unterstützung zu einem inneren Gleichgewicht gelangen. Dadurch wird erreicht, dass "Außenseiter" sich seltener zurückziehen, "Störenfriede" ihre Emotionen besser regulieren können und "Pausenclowns" lernen aufmerksamer zu sein.

Eine hohe emotionale Kompetenz unterstützt also, sie stärkt und fördert, sie minimiert aber auch: Sie hilft Risiken zu minimieren. Es ist belegt, dass selbstbewusste und ausgeglichene Kinder (bzw. Menschen) seltener verhaltensauffällig und weniger anfällig für Suchtkrankheiten sind. Das liegt vor allem daran, dass sie gelernt haben, Emotionen zu verstehen, und Kompensationsmöglichkeiten kennen, die verhindern, dass versucht wird, negativen Emotionen mit z.B. Drogen oder Gewalt entgegen zu wirken (vgl. Petermann/ Wiedebusch 2008).

Wie unterstütze und fördere ich ein Kind in seiner emotionalen Entwicklung?

Emotionale Beziehungen zwischen Kindern und Eltern bzw. Erzieher/innen sind die Basis für die gesamte Entwicklung des Kindes. Im Folgenden soll näher auf die Erzieher-Kind-Beziehung eingegangen werden.

Sicherlich haben Sie durch Ihre Erfahrungen einen großen Wissensschatz über den Umgang mit Kindern. Trotzdem ist es hilfreich, sich eigene Verhaltensmuster immer wieder vor Augen zu führen und offen für neue Strategien zu sein, um die Beziehung zu den Kindern harmonisch zu gestalten.

Vorab möchte ich Forschungsergebnisse zum Thema Emotionsausdruck bei Kindergartenkindern darstellen. Sie zeigen, wie unterschiedlich Mädchen und Jungen ihre Emotionen mitteilen und welche Unterstützungsformen je nach Geschlecht sinnvoller sind. Es wurde deutlich, dass Jungen kleinlicher und häufiger ärgerlich sind als Mädchen und diesen Emotionen oft durch Schreien Ausdruck verleihen. Mädchen hingegen drücken Trauer stärker aus und suchen häufiger die Zuneigung der Erzieher/innen. Im Gegensatz zu den meisten Jungen zeigen Mädchen verstärkt positive Emotionen und lächeln doppelt so häufig.

Obwohl diese Ergebnisse nur ein Bild des durchschnittlichen Verhaltens der Kinder zeigen, kann man daraus Verhaltensstrategien für Erzieher/innen ableiten. Jungen benötigen im größeren Ausmaß konstruktive Vorschläge, wie sie ihre Emotionen zeigen können, wohingegen Mädchen besonders viel körperliche Fürsorge und mehr Ablenkung hilft. Das bedeutet nicht, dass Jungen keine körperliche Zuwendung und Mädchen keine Vorschläge brauchen. Lediglich die Häufigkeit der jeweiligen Strategien ist unterschiedlich (vgl. Ahn/ Stifter 2006, S. 260 f.).

Schon bei jüngeren Kindern wird deutlich, dass sie positive Emotionen häufiger zeigen, wenn sie viel Aufmerksamkeit und körperliche Zuwendung erfahren. Zudem ist es wichtig, positive Emotionen des Kindes zu reflektieren und ihm den Raum zu geben, um zu lernen, mit seinen Emotionen umzugehen. Diese Herausforderung ist die beste Förderung für die emotionale Entwicklung.

Grundsätzlich ist im Umgang mit den kindlichen Emotionen zu beachten, dass die verbal und nonverbal gezeigten Gefühle niemals heruntergespielt oder ignoriert werden dürfen. Es ist entscheidend, dass zuerst die Ursache(n) der Emotion herausgefunden wird (werden). Versucht man, nur das Kind zu beruhigen oder aufzuheitern, wird es sich nicht ernst genommen fühlen und sich immer mehr zurückziehen. Vor allem für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr gilt, dass sie nicht nur getröstet werden sollten. Dann nämlich werden sie daran gehindert, sich mit ihren Emotionen auseinander zu setzen und Lösungsstrategien zu entwickeln. Eine ähnliche Wirkung zeigt sich, wenn Erzieher/innen gestresst oder genervt auf den Emotionsausdruck des Kindes reagieren. Dies unterdrückt diesen und verschlimmert die Gefühlslage. Hilfreich ist es hingegen, sich dem Kind anzunehmen und problemfokussiert zu reagieren. Dadurch wird die Selbstwahrnehmung des Kindes geschult, wodurch es lernt, die eigenen Empfindungen und Gefühle zu erkennen und mit ihnen umzugehen (vgl. Wertfein 2006).

Da insbesondere die Angst eines Kindes für den Erwachsenen oftmals unverständlich erscheint, sollte man folgende Hilfestellung beherzigen: Angst ist niemals unbegründet, auch wenn die Ursache verborgen bleibt. Gehen Sie auf die Angst des Kindes ein, fragen Sie behutsam nach, wovor es Angst hat und ob es einen Weg kennt, die Angst zu vertreiben. Wichtig ist, dass man nicht mit einem halbherzigen Ratschlag ("Hab keine Angst!", "Es passiert dir doch überhaupt nichts!") über die Situation hinwegsieht. Zeigen Sie dem Kind, dass nichts passieren kann, erklären und zeigen Sie ihm, woher z.B. ungewohnte Geräusche kommen. Durch eine ruhige, aufmunternde Stimme erfährt das Kind zudem Trost, fühlt sich beschützt und verstanden und wird schnell an Selbstsicherheit gewinnen (vgl. www.kinder.de).

Des Weiteren ist es wichtig, die Fremdwahrnehmung zu schulen. Im Laufe eines Kindergartentages bieten sich viele Gelegenheiten, zu denen die Erzieher/innen die Kinder ermuntern können, die Perspektive eines anderen zu übernehmen, bevor sie eine Entscheidung treffen. Dazu gehören sowohl Spiel-, als auch Bastel- und Lesephasen. Stets können Missverständnisse Situationen aus dem Ruder laufen lassen. Hier gilt es, die Kinder dazu anzuregen, darüber nachzudenken, warum das andere Kind so gehandelt hat und in welcher Weise man das Problem friedlich klären könnte. Dabei sollten die Kinder (vor allem jüngere) angeleitet, aber nicht bevormundet werden. Entscheidungen, die sie selbst gefällt haben, werden die Kinder sicherlich gewissenhafter befolgen, als die Entscheidungen eines Erwachsenen. Alles in allem ist es ratsam, eine positive emotionale Grundhaltung zu fördern und den Kindern zu helfen, mit ihren eigenen Gefühlen und denen ihrer Mitmenschen angemessen umzugehen.

Anmerkung

Der Beitrag basiert auf einem Workshop, der von der Autorin zusammen mit Franziska Schmalfuß am 16. Mai 2008 anlässlich des vierten Studientages für Erzieher/innen zum Thema "Sozial-emotionale Entwicklung im frühen Kindesalter" unter der Leitung von Dr. Susanna Roux an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau durchgeführt wurde.

Literatur

Ahn, H.J./Stifter, C. (2006): Child care teachers' response to children's emotional expression. Early Education and Development, 17, 2, S. 253-270.

Dornes, M. (2001): Die emotionale Welt des Kindes. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag.

Gebauer, K./Hüther, G. (Hrsg.) (2003): Kinder brauchen Wurzeln: neue Perspektiven für eine gelingende Entwicklung. Düsseldorf u.a.: Walter.

Liebertz, C. (2005): Das Schatzbuch der Herzensbildung. München: Don Bosco.

Petermann, F./Wiedebusch, S. (2004): Emotionale Kompetenz bei Kindern. kindergarten heute, 5, S. 31-34.

Petermann, F./Wiedebusch, S. (2008): Emotionale Kompetenz bei Kindern (2. überarb. und erw. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

Salisch, M. (2000): Wenn Kinder sich ärgern: Emotionsregulierung in der Entwicklung. Göttingen: Hogrefe.

Salisch, M. (Hrsg.) (2002): Emotionale Kompetenz entwickeln. Grundlagen in Kindheit und Jugend (S. 111-133). Stuttgart: Kohlhammer.

Wertfein, M. (2006): Emotionale Entwicklung im Vor- und Grundschulalter im Spiegel der Eltern-Kind-Interaktion. eDissertation an der LMU München. Verfügbar unter: http://edoc.ub.uni-muenchen.de.

Wertfein, M. (2007): Emotionale Entwicklung von Anfang an (Teil 1-3). www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Kindheitsforschung/s_2338.html (10.03.2008).

Emotionale Entwicklung. www.kinder.de/Emotionale_Entwicklung.1323.0.html (10.03.2008).

Emotionale Kompetenz bei Kindern. emile.uni-graz.at/pub/02W/2004-01-0051.ppt (15.03.2008).

Emotionale Entwicklung. Präsentation der Universität München. http://www.paed.uni-muenchen.de/~epp/studium-neu/epss07/VorlesungSS_5.ppt (09.03.2008).

Autorin

Verena Frech
Wilhelm-Busch-Straße 4
67454 Haßloch