Kindergartenpädagogik
- Online-Handbuch -

Herausgeber: Martin R. Textor

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Rezension

Holger Brandes: Selbstbildung in Kindergruppen. Die Konstruktion sozialer Beziehungen. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag 2008, 196 Seiten, EUR 24,90 - direkt bestellen durch anklicken

 

In diesem relativ anspruchsvoll geschriebenen Buch beschreibt Professor Holger Brandes, Direktor des Instituts für Frühkindliche Bildung an der Hochschule für Soziale Arbeit Dresden, wie Kleinkinder in Gruppen und durch Gruppen lernen. "Damit ist nicht in Abrede gestellt, dass Kinder natürlich auch lernen, wenn sie alleine in ein Spiel vertieft sind oder mit Gegenständen hantieren und selbstverständlich auch im Umgang mit Erwachsenen. Die Kindergruppe hat dem gegenüber aber noch einen anderen Stellenwert, weil Kinder sich hier untereinander und quasi 'auf gleicher Augenhöhe' in ihrer eigenen Welt treffen, miteinander auf ihre Art und Weise kommunizieren, fantasieren und Spaß daran haben, sich ihre Kompetenzen zu bestätigen und ungezwungen voneinander zu lernen" (S. 7). Dennoch werde die Kindergruppe weder in der Entwicklungspsychologie noch in der Frühpädagogik angemessen berücksichtigt und wissenschaftlich erforscht. Vielmehr würde die Fachdiskussion zentriert auf das einzelne Kind geführt, obwohl Erzieher/innen "fast durchgehend mit Kindergruppen konfrontiert sind und sie ihre eigene Tätigkeit folglich auch als 'Gruppenarbeit' definieren" (S. 8). Allerdings will sich Holger Brandes nicht mit der Gesamtgruppe befassen, sondern mit den Kleingruppen, die in Kindertageseinrichtungen während des Tages immer wieder von selbst entstehen. Hier werde die Gesamtentwicklung von Kindern gefördert, fänden die meisten Lernprozesse statt, würden sich die Kinder selbst in ko-konstruktiven Prozessen bilden.

Im seinem Buches skizziert Holger Brandes zunächst entwicklungspsychologische Erkenntnisse darüber, ab welchem Alter Kleinkinder mit der Gruppenbildung beginnen und welche Bedeutung dies für Lernprozesse hat. Dabei unterscheidet er die Bezugsgruppen von selbst gebildeten Kleingruppen. Dann geht er auf den Sozialkonstruktivismus - insbesondere auf die Theorie von James Youniss - und auf die von S.H. Foulkes begründete Gruppenanalyse ein. Anschließend befasst sich Holger Brandes mit dem kindlichen Spiel in Kleingruppen - insbesondere dem szenischen Spiel - und den dabei gesammelten Lernerfahrungen. Danach thematisiert er die Bedeutung von Geschlecht und ethnisch-kultureller Herkunft für die Gruppenbildung.

Holger Brandes kommt zu dem Ergebnis, dass der Fokus auf das einzelne Kind und seine "Selbstbildung" - selbst wenn diese in einem sozialen Kontext gesehen wird - erweitert werden müsse: Gruppen seien weit mehr als die Umwelt der individuellen Entwicklung. "Gruppen sind mit dem ersten Zusammentreffen von Individuen nicht einfach existent, sondern müssen im Sinne der Konstruktion eines gemeinsamen Zusammenhangs von den Beteiligten durch Kommunikation erst gebildet werden. Die Einzelnen sind dabei die Konstrukteure der Gruppe, und gleichzeitig sind sie in ihrer individuellen Aktivität von der Eigendynamik beeinflusst, die die Gruppe gegenüber den Einzelnen gewinnt. Die Gruppenmitglieder schaffen also als Akteure selbst den kollektiven Kontext, dem sie in ihrer individuellen Entwicklung ausgesetzt sind; diesbezüglich sind sie zugleich Subjekt und Objekt eines sozialen Prozesses. Dabei haben wir es nicht nur mit einer Wechselwirkung zwischen individuellen und sozialen Prozessen zu tun, sondern mit einem komplexen Phänomen der Gleichzeitigkeit und der Verwobenheit von Sozialem und Individuellem. Aus dieser Perspektive auf die Gruppe als Sozialsystem macht es meines Erachtens deshalb durchaus Sinn, nicht nur von der Selbstbildung in und durch Gruppen zu sprechen, sondern auch von der Selbstbildung von Gruppen" (S. 123 f.). Und dabei geht es selbstverständlich weder um eine Erzieherin-dominierte Gruppe noch um eine Gruppe, in der ein Lernprogramm abgearbeitet wird, sondern um eine durch symmetrische Beziehungen unter Kindern charakterisierte und von diesen selbst gesteuerte Kleingruppe, in der interpersonelles, spielerisches Lernen stattfindet.

Trotzdem behält die Erzieherin viele Funktionen: Sie muss den Selbstbildungsprozess von Kindergruppen unterstützen ("Integration von Heterogenität"), einen institutionellen Rahmen schaffen, Regeln für die Interaktion innerhalb der Gruppe mitgestalten, beim Lösen von Konflikten helfen - also sich "in den Dienst der Selbstorganisation und -regulierung der Gruppe" (S. 165) stellen und die "Lernbegleitung der Gruppe" übernehmen. Sie soll den Kindern "möglichst große Spielräume zu gemeinsamer Eigenaktivität und Selbstbestimmung ihrer Gruppenzusammenhänge" (S. 180) einräumen. Zugleich muss sie die Bezugsgruppe "als Rahmen und Modell für Kleingruppen" gestalten.

Das Buch von Holger Brandes bringt somit die seit langem überfällige Ergänzung des einseitigen Fokus auf das einzelne Kind und seine Selbstbildung: Auch die Kleingruppe ist von großer Bedeutung für das Lernen und die Gesamtentwicklung des Kleinkindes. Mit dieser Erkenntnis hat der Autor die aktuelle frühpädagogische Diskussion in einem hohen Maße bereichert.

Martin R. Textor